Bewegtes Engagement: Elternpartizipation in der Schule

von Heike Weinbach

Die Definition davon, wer als „erziehungsberechtigt“ gilt, zeigt sich im Jahr 2009 als ein plurales Feld, dennoch wird in der Wahrnehmung und den kulturellen Konstruktionen (z.B. in den Medien) der Gesellschaft häufig noch ein Bild konstruiert, das auch schon vor einer Pluralisierung der Lebensformen seit den 1970er Jahren nicht zutreffend war: Eltern, das bedeute: erstens Mutter, zweitens Mutter und Vater, drittens beide in jüngerem Lebensalter. Der Realität, nämlich einer Pluralisierung und Vervielfältigung von Lebensformen tragen mittlerweile Gesetze ebenso Rechnung wie wissenschaftliche Studien, Beratungsangebote etc. Die Vielfalt der Lebensbedingungen heißt für Menschen, die mit Eltern zusammen arbeiten, dass ihr Wissen zwangsläufig nur begrenzt sein kann, mit Stereotypen, Bildern und Verallgemeinerungen durchmischt sein kann, wo Offenheit, Erkundung, Dialog, Beobachtung andere Kooperationen ermöglichen. Wie die Lebenslagen von Eltern sind, kann ich nur erfahren, in dem ich mit den Eltern und den Kindern in einen offenen Dialog trete und herausfinde, welche Lebensformen in den jeweiligen Familien der Kinder gelebt werden. Diese gilt es unabhängig von der eigenen Lebensform wert zu schätzen und zu respektieren, die Eltern und Kinder vor Ausgrenzung und Ausschluss zu schützen. Eltern sind nicht nur unterschiedlich bezüglich ihrer Herkunftsbeschreibungen und -zuschreibungen (Migrationshintergrund, deutsche Staatsbürger_innenschaft, Flüchtlinge u.a.), sondern sie sind Individuen mit einer Vielzahl von Identitäten und Selbstverständnissen: Eltern sind lesbisch, schwul, bisexuell; transsexuell, transgender … haben unterschiedliche psychische und physische Verfasstheiten … sind alleinerziehend, leben in einer Großfamilie, leben in pluralen Beziehungen (2 oder mehr Mütter oder Väter) … Eltern leben unter Armutsbedingungen, haben sehr viel Geld … sind religiös, spirituell, sind Materialisten/AtheistInnen … haben unterschiedliche Bildungserfahrungen, haben unterschiedliche politische Meinungen, gehören unterschiedlichen Altersgruppen an. Aber dies sind nur allgemeine Beschreibungen der Vielheit von Eltern, jeder einzelne Punkt lässt sich weiter ausdifferenzieren. Die Selbstkonzepte der Eltern sowie ihre Selbstverständnisse als Eltern, die Vielheit ihrer Erfahrungen und Kompetenzen ergeben ein komplexes plurales Bild, das sich mit Kategorien nur partiell erfassen und beschreiben lässt. Eltern haben unterschiedliche Selbstkonzepte von Elternschaft, unterschiedliche Vorstellungen von ihrer Rolle. Diese Vorstellungen sind vor der Geburt der Kinder andere als danach und ändern sich im Laufe des Lebens durch Erfahrungs- und Bildungsprozesse. Der Elternbegriff ist juristisch im Grundgesetz, im Bürgerlichen Gesetzbuch und im Kinder- und Jugendhilfrecht definiert. Eltern kommt dabei nach dem Grundgesetz eine hohe Macht zu, sie haben das oberste Entscheidungsrecht, wenn es um die Kinder geht. Politisch ist Elternschaft ein umkämpftes Feld, wenn es um Sozialleistungen oder um Themen wie Gewalt in der Familie geht, aber auch um die Anerkennung von Elternschaft (vgl. Diskussion um Lebenspartnerschaftsgesetz).

Der Begriff „Aktivierung“ spielt in den Diskussion um Elternarbeit faktisch heute keine Rolle mehr. Auch der Begriff „Elternpartizipation“ wird kritisch diskutiert und gefragt, ob es nicht sinnvoller wäre von Elternkooperation oder Elterndialog zu sprechen. Die Vorstellung von Partizipation ist historischen Veränderungen unterworfen, die jeweiligen Gesetze und Formen unterliegen wissenschaftlichen und gesellschaftlichen Diskussions- und Mitbestimmungsprozessen. Es gehört zum demokratischen Prinzip dazu, dass die Herstellung von Partizipation den Partizipationsgedanken in der Gesellschaft voraussetzt. Partizipation als Prinzip von Demokratie: lebt von Vielfalt und der Möglichkeit der unterschiedlichen Meinungen und ihrer Diskussionsmöglichkeit. Wo Menschen dies genommen wird, beginnt nicht nur Gewalt, sondern stellt sich Demokratie selbst in Frage und gefährdet sich. Hier sei auf eine Definition der amerikanischen politischen Philosophien Iris Marion Young verwiesen. Nach Young bedeutet Partizipation: gleich berechtigte Teilhabe (strukturell) aller Menschen an den Ressourcen (Ökonomie, Bildung, Recht etc.) der Gesellschaft sowie Anerkennung und Wertschätzung (unter Beachtung und Anerkennung der Vielheit-Diversity) des Individuums. Für eine auf Inklusion ausgerichtete Elternpartizipation in der Schule stellt sich die Herausforderung auch jene Eltern zu erreichen und anzuerkennen, die nicht aktiv partizipieren möchten oder können; Eltern zu erreichen, anzuerkennen und zu unterstützen, die illegalisiert sind, einen ungesicherten Aufenthaltsstatus haben; Eltern zu erreichen, anzuerkennen und zu unterstützen, die inhaftiert sind, sich in Abschiebehaft befinden; Eltern zu erreichen, anzuerkennen und zu unterstützen, die in Frauenhäusern, Krankenhäusen, der Psychiatrie oder anderen Institutionen sind. Für Schulen steht die Herausforderung Diversitykonzepte zu entwickeln, die niemandem aus dem Blick lassen und Möglichkeiten für alle herstellen. Diese Anerkennung der Eltern durch die Schule hilft und unterstützt wiederum die Kinder und deren Anerkennung. Diversitykonzepte in der Schule ermöglichen die Herstellung neuer, gemeinsamer oder anderer Interessen durch die Sichtbarmachung unterschiedlicher Erfahrungen unter Eltern und zwischen Eltern und Schule. Auf diese Weise kann die Herstellung einer „pluralistischen Demokratie“ gelingen.

Schule und Schulpflicht für die Kinder sowie die Beteiligung der Eltern ist über Gesetze staatlich geregelt. Auch Schulen, die alternative Konzepte realisieren möchten, freie Schulen, demokratische Schulen, religionsbasierte Schulen u.a. unterliegen der staatlichen Kontrolle und demokratischen Verpflichtungen, auch wenn diese manchmal gerade der Grund für die Gründung einer nicht staatlichen Schule sind. Schule ist ein politisch umstrittenes Feld. Kaum eine Diskussion zeigt das besser als die jahrzehntealten Debatten um die Ganztagsschule. Unbeeindruckt von den Erfahrungen aus anderen Ländern galt die Ganztagsschule lange Zeit bei vielen Vertreter_innen offizieller Politik als „sozialistische Kollektivschule“, die die Kinder der Familie, also den Eltern entfremdet. Erst durch die PISA-Studien und die weiteren Untersuchungen und Debatten wurde eine neue Sichtweise so mehrheitsfähig, dass die Entwicklung der Ganztagsschule nun eine gesellschaftliche Gemeinschaftsaufgabe geworden ist. In diesem Kontext gewinnt auch das Nachdenken über Elternpartizipation eine neue Dimension. Denn wenn Kinder sehr viel mehr Zeit in der Schule verbringt, dann macht es auch sehr viel mehr schulische Erfahrungen. Damit diese Erfahrungswelt des Kindes im Kontakt zu den Eltern Raum und Anerkennung findet, wird Elternpartizipation als ein Baustein eines solchen Kontaktes gesehen. Schule selbst organisiert sich als Ganztagsinstitution selbst um und kann mehr Raum und Zeit für Elternpartizipation und neue Kooperationen eröffnen.

Elternpartizipation kann in der Schule stattfinden, aber es ist auch denkbar, dass sie partiell zu Hause oder an ganz anderen Orten praktiziert wird und der Bezug und die Kooperation mit der Schule auf diese Weise hergestellt wird. Oft wird bezogen auf die Zeitdimension von niedrig schwelligen oder hoch schwelligen Angeboten gesprochen. Was für die einzelnen Eltern tatsächlich niedrig schwellig oder hoch schwellig bedeutet, kann sehr unterschiedlich sein. Eine Unterscheidung kann auch mit den Begriffen „offen“, „formell“ und „formal“ vorgenommen werden, wobei die Übergänge fließend sein können. Elternarbeit kann sich auf eine Schulklasse beziehen. Es werden aber auch Modelle realisiert, in denen Eltern von SchülerInnen unterschiedlicher Schulklassen oder Schulen/Schultypen zusammen kommen. Manchmal bleiben Eltern dabei mehr unter sich, in anderen Formen agieren sie mit Professionellen aus Schule, Sozialer Arbeit, ausgebildeten Eltern oder mit Kindern gemeinsam. Das Spektrum der Methoden in der Elternpartizipationsprojekten ist breit gefächert. Es handelt sich vorrangig um Methoden aus der Gemeinwesenarbeit, Pädagogik, Psychologie, Erwachsenenbildung. Da Elternarbeit immer einen Bezug zu Kindern herstellt, beziehen sich die meisten Themen in irgendeiner Form auf das pädagogische Feld. Partizipationsprojekte von und mit Eltern sind zum Beispiel: Elterncafés; Elternräume/-treffpunkte innerhalb oder außerhalb der Schule; Eltern beraten Eltern; Eltern bilden SchülerInnen; Mehrsprachige Elternabende; Elternsprachlernprogramme; Elternbeiräte; Elternbesuche im Unterricht; Aushandlungsrunden (mit Eltern, Schüler_innen, Lehrer_innen über Zusammenarbeit); ElternbegleiterInnen, Elternlotsen, Integrationslotsen, Stadtteilmütter als MittlerInnen bezüglich Sprache, Kultur, Themen; MultiplikatorInnen von MigrantInnenselbstorganisationen oder anderen Selbstorganisationen (Behinderte Menschen z.B.) als MittlerInnen; Elternvereine, z.B. Arabische Elternunion, Spanischer Elternverein; Elternforschungsgruppen (Eltern forschen selbst zu Bildungsfragen und engagieren sich mit den Ergebnissen im öffentlichen Raum); ElternbotschafterInnen (Eltern bilden Eltern und Professionelle zum Thema Elternpartizipation fort); Elterntalk (Eltern als GastgeberInnen zu spezifischen Themen); Dialogische Elterngruppen zu unterschiedlichen Themen). Demokratie bedeutet: Alternativen zu leben. Deswegen ist es wünschenswert eine Vielzahl von Partizipationsmodellen gleich berechtigt zu unterstützen, damit sie nebeneinander bestehen können und dürfen und auch zu neuen Formen anregen. Eine gleich berechtigte Vielfalt von Partizipationsmodellen und ein dialogischer Austausch darüber ermöglicht eine demokratische Entwicklung des Gemeinwesens. Partizipation würde bedeuten, Teilhabe (strukturell) und Wertschätzung (Beachtung und Anerkennung der Vielheit und Verschiedenheit) anstelle von Ausgrenzung, Herabsetzung und Zuschreibung zu praktizieren.

Dieser Text ist eine Zusammenfassung einer ausführlichen Darstellung der Ergebnisse einer Recherche im Auftrag der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung. Der vollständige Text ist zu erhalten über: www.dkjs.de

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1 Antwort auf „Bewegtes Engagement: Elternpartizipation in der Schule“


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