Editorial Dishwasher No 1

Liebe LeserInnen

Ihr haltet die erste Ausgabe des Dishwashers in Euren Händen. Es ist das erste Magazin für studierende Arbeiterkinder überhaupt. Herausgegeben wird es vom „Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende“ im AStA der Uni Münster.

Zum Projekt The Dishwasher

Geplant war dieses Magazin schon lange. Aber gut Ding will Weile haben. Es dauerte auch, überhaupt ein Referat für studierende Arbeiterkinder einzurichten. Bisher wird das Magazin getragen vom Etat unseres Referates. Es wäre aber auch für die Zukunft möglich, dass „The Dishwasher“ ein Projekt wird mit einer Resonanz über die Uni Münster hinaus und eine unabhängige Redaktion und Finanzierung erhält. Dies wäre wünschenswert, klappt aber nur, wenn sich tatsächlich bundesweit (und/oder in Österreich und der Schweiz) studierende Arbeiterkinder an dem Projekt beteiligen.

Auch mit dem Namen haben wir es uns nicht leicht gemacht. The Dishwasher – der Tellerwäscher / die Tellerwäscherin – spielt auf den bekannten Mythos an, dass in einer freien Gesellschaft jeder und jede vom Tellerwäscher / von der Tellerwäscherin zum Millionär bzw. zur Millionärin aufsteigen könne. Dem ist natürlich nicht so. Pierre Bourdieu macht hierfür die sogenannten feinen Unterschiede verantwortlich. Manchmal liegt aber auch ein grobes Unterschiedlichmachen der feinen Leute vor, wie wir es beim Schulkampf in Hamburg sehen können. The Dishwasher spielt aber auch auf die aktuelle Realität an. „Er wäscht wirklich Teller – er tut nicht so.“ singen Die Sterne in ihrem Stück „Universal Tellerwäscher“. Studierende Arbeiterkinder müssen nicht nur häufiger neben ihrem Studium jobben, sondern wenn sie jobben, dann jobben sie nicht für einen Extra-Urlaub, sondern für die Miete und sie jobben nicht in einem hoch anerkannten Bereich, welcher kompatibel zu ihrem Studium ist und sie dort weiter bringt, sondern sie lassen sich in sogenannten „unqualifizierten Jobs“ ausbeuten und putzen, kellnern, telefonieren…

The Dishwasher:
Zeitung und Blog

The Dishwasher ist nicht nur dieses Magazin, welches ihr in den Händen haltet, sondern auch ein Blog. Unter http://dishwasher.blogsport.de findet ihr die Artikel dieser Ausgabe, aber auch eine Kommentarfunktion, die hoffentlich rege genutzt wird, und weitere Hinweise und Termine zur Bildungsbenachteiligung.
Also auch beim Blog gilt, dass wir eine Mitarbeit begrüßen. Wir sind auf eure Anregungen und Kritik gespannt.

Zum aktuellen Magazin

Der Schwerpunkt dieser Ausgabe ist das Thema „Eltern“. Ihr findet unter diesem Label einen Beitrag zum Schulkampf in Hamburg. Zeigt sich in Hamburg, wer tatsächlich für die Bildungsbenachteiligung von Arbeiterkindern verantworltich ist? Vor zwei Jahren wurde das sogenannte Elterngeld eingeführt. Handelt es sich hierbei um eine sozialeugenische Maßnahme, die dafür sorgen soll, dass mehr Akademikerkinder und weniger „Unterschichten“kinder geboren werden sollen. Gibt es überhaupt zu wenig Akademikerkinder? Zur ersten Frage findet ihr einen Artikel, zur zweiten könnt ihr ein Interview mit Prof. Hufnagel-Person lesen. Hufnagel-Person fand heraus, dass Akademiker und inzwischen auch Akademikerinnen überdurchschnittlich viele Kinder bekommen. Heike Weinbach (Berlin) ist engagiert in einem spannenden Elternprojekt, wo Eltern aus der sogenannten „Unterschicht“ forschen, und stellt Elternpartizipation als Projekt vor. Und ihr findet zum Schwerpunkt einen kurzen Artikel zum marx’schen Verständnis der Reproduktion der sozialen Schichten.

Im allgemeinen Teil werden von Olaf Götze und mir aktuelle Forschungsergebnisse zur Bildungsbenachteiligung vorgestellt und ihr findet grundsätzliche Überlegungen von Tobias Fabinger.

Viel Spaß beim Lesen
Andreas Kemper

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9 Antworten auf „Editorial Dishwasher No 1“


  1. 1 Spin 17. Januar 2010 um 16:24 Uhr

    Hey Dishwashers,

    ich habe offenbar die Ehre, einen ersten Kommentar zu hinterlassen. Er sei eine Ermutigung:
    Ich finde toll, dass Ihr Euch des Themas Klassismus annehmt. Einerseits wird es als „die soziale Frage“ zwar kontinuierlich von Großgruppen (Gewerkschaften, Sozialverbände, Linkspartei, gelegentlich Kirchen) irgendwie mitbehandelt, und die Gerechtigkeitsfrage wird in Zeiten der Krise ja auch wieder etwas diskutierbarer. Dennoch findet seit Jahrzehnten hierzulande der Klassenkampf nur als einer von oben statt: von den Westerwelles, Henkels und Sabine Christiansens aller Talkshows gab es seit den späten Achtzigern ein Trommelfeuer des Standortwahns, der Elite-Ideologie, der geistig-moralischen Durchsetzung sozialer Ungleichheit. Da wundert die massive Zustimmung der Bevölkerung zu den Thesen Sarrazins (80% der „Welt“-Leser_innen stimmten ihm in den ersten beiden Tagen der Berichterstattung zu) überhaupt nicht mehr. Ohnehin scheint die Verbreitung sozialer Ungleichheits-Ideologien in den abstiegsbedrohten Schichten ernüchternd hoch zu sein — in Form von Rassismus oder eben klassenrassistischen, wohlstandschauvinistischen Einstellungen. So wird die Krise ein Fest für die Rechten aller Schattierungen.

    Ich fände toll, wenn rund um Gewerkschaften, soziale Bewegungen, engagierte ASten, Attac, Stiftungen wie Böckler und Luxemburg, aber durchaus auch mit Links zur Linkspartei (sowie die wenigen verbliebenen Grünen und Sozis, die sich damit beschäftigen wollen) wieder entschiedenere Bewegung um Fragen der sozialen Benachteiligung, der individuellen und gesellschaftlichen Folgen sozialer Ungleichheit entstehen würde, die sich mit Fragen der Klasse beschäftigt. Letztendlich geht es darum, wieder ein kollektiver, diskursmächtiger Akteur zu werden, der die hegemonialen Hierarchien in Frage stellen kann. Dazu sind nicht-sektiererische Theorie-Bildung und Debatten ebenso wichtig wie Erfahrungsberichte und Strategieentwicklung.
    Euer Projekt kann für eine solche Perspektive ein wichtiger Beitrag sein, darum wünsche ich Euch viel Erfolg!

    Spin – somewhere in Northern Germany

  2. 2 Administrator 18. Januar 2010 um 18:21 Uhr

    Hi Spin!

    Danke für den ermutigenden Beitrag.

    Dazu sind nicht-sektiererische Theorie-Bildung und Debatten ebenso wichtig wie Erfahrungsberichte und Strategieentwicklung.

    Exakt.

  3. 3 marcusvdk 19. Januar 2010 um 10:54 Uhr

    liebes dishwasher team,

    gratulation zur ersten ausgabe und hoffentlich viel ausdauer und energie für weitere! die zeit ist mehr als reif für euren ansatz. leider haben gerade die, die ihr ansprechen wollt, oft keinen schimmer von klassenbewusstsein. ich weiss wovon ich spreche, habe wortwörtlich jahrzehnte gebraucht zu verstehen, aus welcher (unter)schicht ich selbst komme, und wie sehr das mein leben bestimmt hat. das hatte nichts mit scham zu tun. ich konnte mit solchen kategorien einfach nichts anfangen.
    projekte wie eures haben die angenehme wirkung auf menschen wie mich ein klein wenig aufrechter und optimistischer durchs leben und durchs studium zu gehen.

    weiter so!

    marcus

  4. 4 Vater Maurer 19. Januar 2010 um 11:35 Uhr

    Liebe Damen und Herren der Redaktion des Magazins „Tellerwäscher“ oder „Studentenhilfsarbeiter“,

    ich finde es großartig, dass Sie sich endlich organisieren, dass es Ihnen hoffentlich mit Hilfe dieses Magazins gelingt, ein Netzwerk zu schaffen, dass diesen Bildungsbereich der durch die finazielle Situation der Eltern benachteiligten StudentInnen ins Blickfeld rückt. Während meiner Studienzeit von 1966 – 1970 haben wir uns mit der Chancengleichheit, mit dem Bildungsgesamtplan, der Forderung „Bildung ist Bürgerrecht“ usw. befasst, was dann in der Politik aufgegriffen wurde. Leider sind die Politikansätze zwischenzeitlich alle versandet, leider auch von einer Schröder-SPD erstickt worden.
    Ich kann Ihnen nur versichern, dass ein Wichtiges Bildungsprinzip darin bestehen muss zu begreifen, dass insbesondere die Bildungsaufsteiger niemals vergessen dürfen, woher sie gekommen sind.

  5. 5 Sebastian 19. Januar 2010 um 11:44 Uhr

    Viel Erfolg bei Eurer Arbeit…
    [für die stattweb-redaktion], Sebastian…
    Hier unser Artikel zum Heft: http://www.stattweb.de/baseportal/NewsDetail&db=News&Id=6714

  6. 6 Andreas 19. Januar 2010 um 14:10 Uhr

    Hallo marcusvdk, hallo VaterMaurer,

    danke für das positive Feedback. Es tut sich gerade wirklich sehr viel. Bei Arbeiterkind.de haben sich in anderthalb Jahren über 1.300 Mentor_innen gefunden, die Arbeiterkindern und Nicht-Akademikerkindern beim Studium helfen wollen. Diese Mentor_innen haben zumeist selber eine vergleichbare Herkunft. Auch wenn ich Arbeiterkind.de dafür kritisiere, dass sie sich politisch enthalten, zeigt das Engagement an der Basis doch, dass die Bildungsbenachteiligung ein Thema ist, gegen das sich viele Arbeiterkinder gemeinsam einbringen möchten. Es tut immer gut, Zuspruch von Arbeiterkindern zu erfahren.

    Hallo Sebastion
    Danke für den kritisch-solidarischen Artikel im Stattweb (und auch für den Klassismus-Artikel!). Ich nehme die Kritik sehr ernst, dass mit dem Dishwasher- und dem Klassismus-Ansatz die Gefahr besteht, ökonomische Verhältnisse wie Ausbeutung zu unterschlagen. Dass hier stärker kulturelle, soziale und bildungspolitische Diskriminierungen im Vordergrund stehen, hat zum einen damit zu tun, dass Klassenanalysen diese Themen oftmals vernachlässigt haben, und zum anderen damit, dass der Dishwasher von einem AStA-Referat herausgebracht wird, welches Bildungspolitik zu machen hat. Andererseits ist nicht zu leugnen, dass es ein Interesse an einem weichgespülten Klassismus-Ansatz gibt. In einem Aufsatz über Klassismus in einer Broschüre über Diskriminierungsformen musste ich sämtliche Bezüge zu Ausbeutung, Ökonomie und Karl Marx streichen, weil befürchtet wurde, dass die Broschüre sonst nicht finanziert wird.
    Wir haben dieses Magazin bewusst „The Dishwasher“ genannt, um den ökonomischen Faktor nicht zu vergessen.

    Andreas (Redakteur)

  7. 7 Sebastian 27. Januar 2010 um 17:41 Uhr

    Libes Dishwasher-Team,

    kaum ist die erste Ausgabe raus, bekommt ihr auch schon Kritik:

    Warum wird ein Magazin ausgerechnet für „studierende Arbeiterkinder“ herausgegeben?
    Falls beabsichtigt wurde ein Magazin für „Studenten mit geringen finanziellen Mitteln“ herauszugeben oder für „Studenten die bezüglich der sozialen Mobilität benachteiligt“ sind, so sind sowohl Titel als auch ein Großteil der in der ersten Ausgabe behandelten Themen unpassend.
    Die beiden oben genannten Großgruppen setzen sich aus Menschen unterschiedlicher Herkunft zusammen. So ist die Großguppe der Arbeitslosen sicherlich ärmer als die Großgruppe der Arbeiter. Auch Krankenpfleger(innen), Friseure, viele Versicherungskaufleute, Personen des Gastronomie- und Hotelgewerbes verdienen weniger. Da Unternehmen ebenfalls nicht zwangsläufig Gewinn machen, gibt es sogar Unternehmer/Kapitalseigner die durch hohe Schulden oder geringes Einkommen ihre Kinder finanziell nicht unterstützen können (2008: ca. 30.000 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland; siehe http://www.spiegel.de/wirtschaft/0,1518,606728,00.html).
    Merkmale, die Einfluss auf den sozialen Aufstieg haben können, gibt es mehrere (Migrationshintergrund, Bildungsgrad, bisheriger Werdegang, Wohnort, soziale Schicht, Fähigkeiten etc.). Die Intensität und das Zusammenspiel der verschiedenen Einflüsse sind sicherlich von den konkreten Fällen abhängig. Ich wage aber zu Behaupten, dass ein Kind von Arbeitereltern zu sein nicht das Hauptmerkmal ist, das sozialen Aufstieg erschwert.
    Somit lässt sich festhalten, dass sich dieses Magazin nicht hauptsächlich an Studierende richtet, die finazielle Probleme haben oder die bei den sozialen Aufstiegschanchen auf unfaire Weise benachteiligt sind, sondern es richtet sich einfach an Arbeiterkinder. Das führt mich wieder zu meiner Anfangsfrage:“Warum wird ein Magazin ausgerechnet für „studierende Arbeiterkinder“ herausgegeben?“. Wird es demnächst auch ein Magazin für „studierende Kinder von Kaufleuten“ geben oder von Unternehmer, von Arbeitslose, von Dienstleister oder von Rentner?
    Ich bedanke mich für die Beantwortung meiner Fragen im vorraus.

    mfG
    Sebastian

  8. 8 Andreas 28. Januar 2010 um 17:21 Uhr

    Hi Sebastian

    Du sprichst hier ein Problem an, wo ich dir inhaltlich Recht geben kann, aber noch zu keiner guten Lösung gekommen bin.

    Zunächst: wir benutzen den Begriff „Arbeiterkinder“ nicht nur wörtlich im Sinne von „Abstammung aus einer Arbeiterfamilie“, sondern meinen damit im weiteren Sinn Menschen mit einer sozialen Herkunft, die aufgrund dieses gemeinsamen Merkmals im Bildungssystem benachteiligt werden. Hierzu können Menschen gehören, deren Familie arm oder verschuldet war ebenso wie Menschen, deren Familie weniger als einhundert Bücher zuhause hatte oder wo niemand bislang studiert hat. Es geht also um das „kulturelle Kapital“ (Zugriff auf Wissen, internalisierte bildungsbürgerliche Verhaltensweisen. etc…), das „ökonomische Kapital“ (Geld) und „soziale Kapital“ (verwandte Akademiker, Vitamin B).

    Wir könnten das Problem damit umgehen, dass wir die Identität ganz außen vor lassen und nur noch von „Klassismus/klassenspezifische Diskriminierung im Bildungssystem“ sprechen. Das wäre möglich und sinnvoll. Aber dadurch würden wir die Möglichkeit einer „selbstreflexiven Identitätspolitik“ verlieren, die Dank deines Beitrags hier gerade stattfindet. Ein sehr guter Beitrag zum Problem der strategischen Identitätspolitik findet sich hier: Politik in der ersten Person Plural. Identität, Differenz und Selbst-Repräsentation

    „Arbeiterkinder“ ist seit den Diskussionen über „Chancengleichheit“ spätestens seit den 1960er Jahren und wahrscheinlich schon seit der Weimarer Republik und darüber hinaus ein feststehender Begriff. Wir hatten ihn während der Einrichtung unseres Referates im AStA vermieden, um die Chance zu erhöhen, dass unser Referat eingerichtet wird. Es heißt nun „Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende“, womit ich nicht sehr glücklich bin. Der enorme mediale Erfolg der Gruppierung „Arbeiterkind.de“, die innerhalb von zwei Jahren in vielen größeren Medien umfangreiche sympahtisierende Beiträge erhielten, gefragte Interview-Partner sind und mehr als ein halbes dutzend Preise erlangten, zeigt, dass der Begriff „Arbeiterkind“ zumindest nicht allzu abschreckend sein kann.

    Dennoch gebe ich dir Recht, dass „Arbeiterkind“ kein idealer Begriff ist. Vielleicht müssen „wir“ einen neuen schaffen. Aber welchen? Vorschläge?

  9. 9 Gott schütze das ehrbare Handwerk 16. März 2010 um 18:04 Uhr

    Ich schließe mich „Vater Maurer“ an.

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