Einige Reflexionen zur sozialen Selektion im Hochschulbildungssystem und zur Lage der Bildungspolitik

von Tobias Fabinger

Die soziale Selektivität des deutschen Schulsystems ist in den letzten Jahren oft und ausführlich diskutiert worden. War es in den 50ger Jahren das „katholische Arbeitermädchen vom Lande“, welches als Sinnbild der Benachteiligung fungierte, so ist es heute, im Jahre 2009 der „Jugendliche mit Migrationsgeschichte aus dem benachteiligten Stadtteil“. Der PISA-Schock eröffnete die Debatte, die bis dahin für fast zwei Jahrzehnte geruht hatte und eher ein Feld für Spezialisten war. Zuletzt versuchten die in der SPD aufgegangen 68ger das Hochschulbildungssystem auch für Arbeiterkinder und andere bislang der akademischen Bildung ferne Schichten in den 70ger Jahren zu öffnen. Eine bislang nicht wieder erreichte lobenswerte und optimistische Reformpolitik, die zum Teil Erfolge in Sachen Bildungsbeteiligung von Arbeiterkindern zeitigte. In der 16jährigen Regierungszeit des gemütlichen pfälzer „Bimbes-Kanzlers“ Helmut Kohl von 1982 bis 1998 und seiner geistig-moralischen Wende geriet das Thema langsam aber sicher in Vergessenheit. Etwa seit dem Jahr 2000 schreckte die bildungsinteressierte Welt dann hoch und mittlerweile ist die extreme soziale Selektivität – im Vergleich mit anderen westlichen Staaten – des deutschen Bildungssystems einer breiteren Öffentlichkeit bekannt. Dass es sich dabei nicht nur um ein Zahlenspiel handelt, zeigte der letztjährige Besuch des UNO-Menschenrechtsbeauftragen Munoz, der die Bundesrepublik daraufhinwies, das sie im Bildungssystem das Menschenrecht auf einen von der sozialen Herkunft unabhängigen Zugang zur Bildung nicht einhält. Ganz zu schweigen von den stapelhohen OECD-Studien, die als Untersuchungen einer prokapitalistischen Vereinigung der westlichen Industrienationen eben nicht „ideologisch“ sind, wie es die CDU behauptete, die sich in einer Art feudalen ständestaatlichen Verkrampfung an das dreigliedrige Schulsystem klammert. Damit sind wir beim Thema: Stets wird der ungleiche Zugang zur Bildung – zurecht – in das Schulsystem projiziert, welches als hauptverantwortlich gesehen wird. Nicht nur birgt die Dreigliedrigkeit – bzw., rechnet man die Sonderschule dazu: die Viergliedrigkeit – einen schon alleine durch diese Aufteilung bedingten systemischen Selektionseffekt in sich, es ist auch die Logik des Organisationshandelns der Schule, die eine institutionelle Diskriminierung mit sich bringt, sowie immer noch hinsichtlich der Sozialisationsbedingungen ihrer Schüler unaufgeklärte Lehrer, die als Studenten das „Laberfach“ Pädagogik ohnehin nie ganz ernst genommen haben – wenn es sie heutzutage überhaupt über die Sozialisationsbedingungen der Schüler aufklärt. Was aber in der Debatte oft vernachlässigt wird ist das Hochschulsystem. Redet man mit verantwortlichen Rektoren oder Hochschullehrern, so bekommt man immer nur eines zu hören: Sicher, die Schule ist ungerecht, man kann es ja in der Zeitung lesen, aber wir haben keinen Einfluss auf die Schule. Ist es wirklich so einfach? Es erstaunt immer wieder, wie unaufgeklärt gerade die akademische Welt hinsichtlich der basalen Vorgänge in unserer Gesellschaft ist, sei es nun über die politischen Grundkonflikte oder eben auch über die sozialen Ungleichheiten. Betrachten wir die Sache näher.

Hochschulzugang und Fächerwahl

Es fängt mit dem Hochschulzugang an. Auch Schüler mit sehr guten Noten scheuen das Studium, wenn sie aus Arbeiterfamilien kommen. Das biographische Risiko einer Aufnahme von Studienkrediten oder Bafög-Verschuldung ist ihnen zu groß. Insgesamt ist ihnen die Lebensform des Studentendaseins oftmals nicht bekannt. Für manche ist es eine vollkommen neue Welt, die sich ihnen eröffnen könnte, die ihnen aber durch die ganze universitäre Ausstrahlung – etwas, das der Soziologie Bourdieu „Symbolische Gewalt“ nennt, fremd erscheint. Eben die spezifische „bürgerliche“ Ausstrahlung der Universität, ihre merkwürdige Intransparenz und der Mythos, als würde hier etwas ganz Außerordentliches und Heiliges geschehen erheischt Respekt und verschließt so manchem den Eintritt. Es ist wie in der Geschichte von Kafka, bei der dem Wartenden das Tor scheinbar verschlossen ist – und zum Schluß hört er, es sei nur für ihn bestimmt gewesen. Einerseits sollen ja mehr Arbeiterkinder zum Studium ermutigt werden andrerseits haben sie tatsächlich ein höheres biographisches Riskio, wenn sie studieren und so erweist sich ihr „gesunder Konservatismus“ unter dem herrschenden bürgerlichen Bildungsmonopol vielleicht manchmal als Überlebensfähigkeit.

Ähnlich ist es mit der Fächerwahl. Hier greift ein Phänomen, das besonders subtil ist und von dem die Meisten noch nichts gehört haben. Ein wissenschaftlicher Spezialist für diesen Vorgang ist der an der Uni Münster lehrende Professor Zymek, der als soziologisch aufgeklärter Erziehungswissenschaftler an dieser Stelle einmal besonders hervorgehoben werden soll. Eine kritische und gebrauchsorientierte Forschung dieser Art kann man wohl zurecht als „exzellent“ bezeichnen, um einmal von studentischer Seite diese Note zu vergeben, deren Vergabe sonst nur höheren wissenschaftspolitischen Institutionen vorbehalten ist, in deren Gefolge der um Gelder ängstlich bemühte exzellente Konformismus greift. Zurück zur „Selbstselektion“. Die entsprechenden Studien zeigen, dass Arbeiterkinder gleichsam unbewusst vor allem die Fächer wählen, die sie mit ihren gegenüber anderen Studierenden begrenzten sozialen und finanziellen Ressourcen studieren können: Dies sind, so zeigt es die Bildungsforschung, etwa Pädagogik oder Soziologie. Traditionell „bürgerliche Studiengänge“, die aufgrund des Zeitaufwands, der ein Jobben nebenher unmöglich macht, aufgrund der Studienkultur und aufgrund der finanziellen Ressourcen , die man benötigt – etwa für die Anschaffung von Geräten – für Arbeiterkinder kaum studierbar sind, werden von ihnen auch viel seltener gewählt. Der Einzelne nimmt das natürlich so wahr, dass er sich für „Sozialwissenschaften eben mehr interessiert“. In Wahrheit hat das Subjekt eben das gewählt, was unter seinen Lebensbedingungen real machbar ist. Auch hier gilt wieder: Natürlich schaffen es Einzelne, es gibt auch einige wenige Zahnärzte und Juristen mit arbeiterlichem Hintergrund – betrachtet man aber das Gesamtbild, so sind diese Bereiche eben doch weitestgehend durch das bürgerliche Bildungsmonopol von der übrigen Bevölkerung abgeschirmt. Eine kritische Betrachtung und Umstrukturierung der entsprechenden Fächer ist dringend notwendig. Ein Rektorat einer Hochschule muss die einzelnen Fächer hinsichtlich ihrer spezifischen Selektivität analysieren, sich ein Bild von den Studienkulturen und zusätzlichen Kosten machen, die für die Studierenden anfallen, um dann entsprechende Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Ansonsten muss es sich den Vorwurf gefallen lassen, in seiner aktiven Nichtbewusstheit der Selektionsvorgänge letztlich Exekutivorgan des Bildungsmonopols für reiche und traditionell akademische Familien zu sein.

Höhere Risiken für Arbeiterkinder

Im Studienverlauf sind Arbeiterkinder ganz allgemein einem höheren Erkrankungsrisiko ausgesetzt. Wenn wundert es. Die Anpassung an eine fremde soziale Welt und die Ausformung einer „stabilen literarischen Persönlichkeit“, für die es in der eigenen Familie kein identifikatorisches Vorbild gibt – also eines Menschen, der sich vornehmlich über geistige Arbeit definiert, ist mit Risiken verbunden. Hinzukommt die immer größere soziale Ferne zu den eigenen Eltern, die verarbeitet werden muss. Soweit so gut. Ein stabiler Rahmen und aufgeklärte Studienberater – die es an der Uni Münster im übrigen zunehmend gibt, jedenfalls im Bereich der Zentralen Studienberatung – sollten so eine Entwicklung ermöglichen. Kommen aber zu der „Anpassungsarbeit“ noch finanzielle Probleme hinzu oder Überforderung durch die Gleichzeitigkeit von Jobben und Studium, dann ist ganz schnell „Ende Gelände“. Zack – Studienabbruch mit Hartz 4, die Studiengebühren können ohnehin nicht mehr bezahlt werden. Der Einzelne führt es auf sein persönliches Versagen zurück, denn niemand spiegelt ihm zurück, dass seine Probleme soziale und nicht psychologische Ursachen haben. Bildungspolitik und Hochschulleitung sind mit der Komplexität der Materie überfordert. Schon lange zählt es zu den Rekrutierungsbedingungen für höhere Funktionen in Politik und Verwaltung, sozial möglichst unsensibel zu sein und wissenschaftliche Ergebnisse, die aufklären könnten, dankend abzulehnen, oder aber nicht mal die Kompetenz zu haben, überhaupt zu wissen, dass es solche Ergebnisse gibt. Das Referat für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende des AStA der Uni Münster ist ein erster richtiger Schritt in diese Richtung. Hier ist einer der wenigen Orte, an denen Arbeiterkinder ihre Probleme im Studium überhaupt thematisieren können und auf Gleichgesinnte mit ähnlichen Erfahrungen treffen. Auf den Vollversammlungen der FiKuS-Studierenden wird es immer besonders deutlich: Siehe da, wir haben alle ähnliche Probleme, es liegt nicht an uns, es ist ein objektives soziales Problem. Diese Erkenntnis zu ermöglichen und Studienblockaden aufzulösen ist eine der wichtigsten Funktionen des FiKuS-Referates.

Berufseinmündung – die Hürde nach dem Studium

Ist das Studium gottlob abgeschlossen und steht die Berufswahl ins Haus, tritt eine neue Klassenspaltung ein. Wer wird wohl eher ans Goethe-Institut kommen? Der mit Verbindungen (soziales Kapital), mit genug finanziellen Ressourcen für die Stellensuche und mit dem „bürgerlichen Habitus“ (Bourdieu) ausgestattete Germanistik-Absolvent, der fit im „Networking“ und quasi in der entsprechenden Gesellschaftsschicht „organisch“ zu Hause ist, oder der aus einer Arbeiterfamilie? Natürlich, auch der Germanistik-Absolvent aus der Arbeiterfamilie kann sich durchkämpfen – durch ein höchstmaß an Kompetenz und durch enormes Engagement. Aber auch hier gilt: Dass er nach dem Studium bei Hartz 4 landet, auf einen von Kenntnissen der akademischen Berufseinmündung unbeleckten „Arbeitsberater“ trifft, der ihn demoralisiert und ins Call-Center schickt (oder in die Fabrik) ist eben bei unserem arbeiterlichen Germanisten viel wahrscheinlicher. Von einem wirklichen, hohen sozialen Aufstieg ganz zu schweigen: Wie der Soziologie und Eliteforschung Hartmann gezeigt hat sind die hohen Funktionen, die wirklich bedeutenden kulturellen und wirtschaftlichlichen Schaltstellen ohnehin zu 95% innerhalb eines geschlossenen sozialen Milieus bereits vergeben. Bessere Beratung über akademische Berufe, Coachings bei der Berufseinmündung, Entwickeln von Bewerbungsstrategien müssen als Starthilfen gerade den Arbeiterkindern bereitgestellt werden. Aus eigener Tasche können diese solche Dienstleistungen, die es ja schon gibt, nicht finanzieren. Hier müssen öffentlich finanzierte Angebote geschaffen werden. Das Gleiche gilt für die Zusatzqualifikationen – denken wir an Therapie- und Beratungsausbildungen im pädagogisch-psychologischen Bereich. Es ist schon ein Unterschied, ob einer nach dem Studium jedes Berufsangebot annehmen muss und schließlich auf einem eher geringen akademischen Qualifikationsniveau in einer Bildungseinrichtung verbleibt oder eben mal 20000,- Euro für eine Zusatzausbildung hinblättern kann, die ihm den Weg in andere Berufsbereiche eröffnet. An diesem Beispiel lässt sich sehr gut die These des hier öfters zitierten Soziologen Bourdieu belegen, die besagt, dass ökonomisches Kapital in kulturelles umwandelbar ist. Beispiele lassen sich viele finden. Viele Studierende und Akademiker können aus ihrer Biographie berichten, bzw. von den sozialen Grenzen, auf die ihr Wissens-, Fortbildungs- und Arbeitsdrang stößt. Jeder Fall ist ein bißchen anders. Die Gesellschaft vergibt hier eine Chance nach der anderen. Aber warum sollte sich auch jemand, der verbeamtet ist oder hochdotierter und rentenberechtigter Diätenempfänger im Bundestag auch ernsthaft mit diesem Problem beschäftigen? Die einflussreichen Kräfte – ob jetzt konservativ oder progressiv – haben normalerweise ihre Schäflein schon ins Trockene gebracht, wie es so schön heißt. Was kümmert da die Entwicklung der Volkswirtschaft oder der Sozialstruktur?

Bachelor-Reform – Eine Chance für Arbeiterkinder?

Das Bachelor-Master System mit seinen extrem verschulten Strukturen und dem Leistungspunktesystem sollte das „Humboldtsystem“ der akademischem Freiheit und Selbstfindung ablösen. In der Tat ist der Pathos akademischer Selbsständigkeit ein Entgegenkommen denen gegenüber gewesen, die diese Selbstständigkeit von zu Hause schon kannten. Gerade die „Selbstbestimmung“, die eine bürgerliche Sozialisation schon voraussetze, wirkte selektiv und ließ die Arbeiterkinder in einem ihnen fremden sozialen Raum oftmals orientierungslos im Regen stehen. Demgegenüber könnte ein besser strukturiertes Studium tatsächlich weniger selektiv wirken, da es weniger intransparente Regeln enthält. Das Problem ist die Umsetzung. Das Leistungspunktesysteme zerstört jeden aufkeimenden Bildungsprozess und treibt die Paralyse einer eigensinnigen Denkbewegung nun umgekehrt auf die Spitze. Wie durch etwas Schlimmes, das man gar nicht berühren möchte und dass so schnell wie möglich vorbei sein soll werden nun die Studierende durch das Studium gejagt. Die Schöpfer dieses Systems wollen ein zweites 68, ein massenhaftes Aufkeimen von Gesellschaftskritik im Ansatz ersticken. Statt Inhalte substanziell zu verinnerlichen, kommt es auf absolute Flexibilität an – man verspricht sich davon eine der „Gobalisierung“ angemessene „Bildung“. Kurz: Das Bachelor-Master System ist eine reine Nervensache. Es wird getestet, wer das durchhält. Die Vorteile, die eine stärkere Strukturierung der ersten Phase des Studiums haben könnte, werden auch hier durch absurden und künstlich angedrehten Leistungsdruck wieder aufgehoben. Es kommt nun vielleicht noch stärker als vorher auf die unterstützenden Ressourcen im Hintergrund an, seien es finanzielle Hilfen, gute Familienstrukturen und motivationale Stützen aus dem akademischen familiären Umfeld. Weder das „freie“ Humboldtsystem noch die „Bildungsfabrik“ des Bachelor-Master-Systems haben die Risiken für studierende Arbeiterkinder gemindert. Es gibt hoffnunsvolle Ansätze: Das FiKuS-Referat wurde hier schon erwähnt; die bundesweite Initiative „Arbeiterkind.de“ hat das Thema auch in der liberalen und konservativen Öffentlichkeit politisch stärker etabliert. Einige Studierende und Doktoranden mit eher traditionell akademischem Hintergrund – der Autor dieses Artikels kennt Beispiele – haben verstanden, wie die Selektivität wirkt und möchten sich für mehr Bildungsgerechtigkeit engagieren. Solange wir noch am Anfang einer Bildungs- und Gesellschaftsreform stehen, ist für den Einzelnen eines besonders wichtig: Die Solidariät, das Zusammenarbeiten, die gegenseitige Unterstützung. Das wäre dann das andere, vielleicht etwas menschlichere „Karrierenetzwerk“, dessen persönliche, politische und gesellschaftspolitische Bedeutung die studierenden Arbeiterkinder gerade erst zu begreifen beginnen.

Was ist von der Politik zu erwarten?

Nur wenn darüber hinaus die Bildungspolitik, aber auch die Hochschulleitung und die Hochschuldidaktik die soziologischen und biographischen Einsichten der Sozialisationsbedingungen von Arbeiterkindern endlich ernst nehmen, kann es eine Änderung geben. Ist es eine Frage von Links oder Rechts? Nein. Gehen wir von einem konservativen Konzept aus: Eine akademische Elite, sagen wir wissenschaftlich-inhaltlich und gesellschaftlich sehr stark interessierte Menschen sollen einen besonderen Einfluss auf die gesellschaftliche und kulturelle Entwicklung haben. Dazu muss aber diese Elite sich aus allen Schichten der Bevölkerung rekrutieren, wenn innerhalb dieser Elite sich die Realität wirklich abbilden soll. Derzeit herrscht eine neoliberal orientierte „postbürgerliche“ Scheinelite, deren Impulse für die Humanisierung der Gesellschaft weitestgehend erschöpft sind und die es lediglich vermag, eine Krise mit der Einführung einer anderen Krise zu bekämpfen – etwa die Krise der Hochschulbildung mit der Dauerkrise des Bachelor-Systems. Nimmt das konservative Elitekonzept sich ernst, muss es für Bildungsgerechtigkeit eintreten. Auch der „konservative“ Leistungsgedanke bedeutet ja: Wer mehr leistet soll auch weiter kommen. Aber die soziale, psychische und auch rein arbeitsmäßige Leistung eines Arbeiterkindes, welches den akademischen Aufstieg bewältigen muss ist ungleich höher als die eines Kindes mit gut ausgestatteter und selbstbewusster bürgerlich-akademischer Herkunft, welches sich sicher im sozialen Feld der Hochschule bewegt und vieles als Schein durchschaut, was auch nur Schein ist im akademischem Spiel. Das Leistungsprinzip müsste also überhaupt erst einmal eingeführt werden. Die Einführung von Bildungsgerechtigkeit ist eine Querschnittsaufgabe, die quer durch alle politischen Richtungen geht, eben weil sie eine unabdingbare gesellschaftliche Aufgabe ist, die eine Linderung der erschreckenden Dysfunktionalitäten der gegenwärtigen bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft verspricht. Es ist bekannt, dass gerade Menschen aus unteren Schichten oftmals Innovationen bringen, da sie gesellschaftliche Prozesse aufgrund der eigenen Erfahrung als komplex und widersprüchlich durchschauen und pseudowissenschaftlichen Beraterkonzepten wie der neoliberalen angebotsorientierten Wirtschaftspolitik mit Hartz 4 und allerlei Verfassungswidrigem im Schlepptau nicht so leicht auf den Leim gehen.

Auf der anderen Seite des politischen Spektrums scheint man offene Türen einzurennen: Für Linke ist die Forderung nach sozialer Gerechtigkeit im Bildungssystem eigentlich selbstverständlich. Aber hier zeigt sich folgende Problematik: Auch die Berufspolitiker der politischen Linken rekrutieren sich aufgrund ihres großen „kritischen“ kulturellen Kapitals zunehmend aus akademischen Mittelschichten – etwa aus den Lehrer- und Pfarrerfamilien – nicht mehr wie in der klassischen Sozialdemokratie aus Arbeiterfamilien. Die Grünen sind längst die Partei der Besserverdienenden (es sei ihnen gegönnt, wir wollen auch viel verdienen), die SPD hat einen „entproletarisierenden“ Strukturwandel hinter sich, der sie auf 10%plus gebracht hat und bei den „Linken“ wirkt die soziale Gravitation natürlich auch zugunsten der bürgerlich-akademischen Politiker. Diese neue Linken und Grünen wollen das Gute und sind selbstverständlich für ein gerechteres Bildungssystem, doch bleibt diese Forderung oftmals merkwürdig abstrakt und blutleer. Unter den Bedingungen des demokratischen Verfassungsstaates und in Richtung einer Sozialreform bleibt der alte Spruch aus der Arbeiterbewegung allerdings nach wie vor wahr: „Es kann die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiter sein“. Wenn auch unter den vielfach komplexeren Bedingungen des informationstechnologischen Kapitalismus, der Kulturwirtschaft und der Dienstleistungsgesellschaft, so kommen wir nicht umhin, uns als Arbeiterkinder – ob im engeren oder im weiteren Sinne – als politisches Subjekt zu konstituieren und ein Bewusstsein von den „feinen Unterschieden“ (Bourdieu) zu entwickeln, ohne durch das Bewusstsein der Differenz einer Selbstausschließung zu verfallen, sondern im Gegenteil einer Integration in den Bereich höherer Bildung und akademischer Berufe. Diese Einsicht und Praxis bringt auch den Versuch mit sich, die sozialen Felder anders zu strukturieren, andere Spielregeln durchzusetzen und wenn möglich – was schwer genug ist – solidarisch gegen die vielen kleinen Diskriminierungen anzugehen – seien sie nun kultureller oder finanzieller Art. Abschließend, sei noch gesagt: Über das Thema insgesamt zu reden ist schwer, jeder Versuch die Dinge einzuordnen, kommt Manchem vielleicht zu schematisch daher. Aber um überhaupt darüber zu sprechen, braucht es Begriffe, die notwendigerweise an der vielschichtigen Realität auch immer etwas vorbeizielen. Allein der Begriff „Arbeiterkind“ birgt eine Vielzahl unterschiedlicher sozialer Lagen und Erfahrungen in sich. Dass es die „feinen Unterschiede“ aber gibt, weiß jeder, der sie am eigenen Leib gespürt hat und auch dass es tatsächlich eine schwer fassbare unsichtbare „Klassengrenze“ gibt. Eine Grenze, die Löcher aufweist, manchmal dehnbar ist und auch nicht völlig monolithisch daherkommt. Aber sie hat Auswirkungen, bis in die feinsten Verästelungen unseres gesellschaftlichen Lebens. Darüber zu sprechen heißt nicht, künstlich Ungleichheiten herzustellen, sondern die Herstellung der Ungleichheit, wie sie in der gesellschaftlichen Praxis tagtäglich geschieht – wenn auch unvollkommen – so doch wenigstens einmal auszusprechen. Das Begreifen der Gesellschaft in der wir leben, der Austausch über die unterschiedlichen sozialen Erfahrungen und der Bildungsprozess, der aus ihm resultieren kann ist nicht die unwichtigste Aufgabe einer zeitgemäßen Universität. Reflexion und Aufarbeitung der sozialen Erfahrung und das Begreifen gesellschaftlicher Dynamiken und Konflikte ist unabdingbarer Bestandteil eines kritischen Bildungsbegriffs, der die Grundlage einer Hochschulbildungsreform bildet.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio

10 Antworten auf „Einige Reflexionen zur sozialen Selektion im Hochschulbildungssystem und zur Lage der Bildungspolitik“


  1. 1 anonymous 30. Januar 2010 um 8:06 Uhr

    In der Grundschule haben wir eines schoenen Tages mal die Bibliothek unserer 3000-Einwohner-starken Gemeinde im Osten Deutschlands besucht. Ich bin aus der Klasse wahrscheinlich der Einzige gewesen, der in den folgenden Monaten(Jahren?) dort regelmaessig zu Besuch war und sich nacheinander saemtliche Buecher ueber Chemie und Biologie ausgeliehen hat. Spaeter, waehrend eines klassisch ostdeutschen Urlaubs auf Usedom, hab ich eine Werbebroschuere vom Gehweg aufgehoben in der CompuServe das „Internet“ bewarb. Freier Zugang zu den groessten Bibliotheken der Welt. Damit stand mein Hobby fuer die naechsten Jahre fest. Ich war in unserer Gegend auf mich allein gestellt, und zu der Zeit wurde man noch komisch angeschaut, wenn man viel am Computer sass. Spaetestens in diesen Jahren habe ich mich daran gewoehnt, nicht „dabei“ zu sein. Mein Sachkunde-Lehrer empfahl meinen Eltern, mich aufs Gymnasium zu schicken, sie haben es selbst gar nicht erwogen. Wegen Deutsch, Franzoesisch und Geschichte meine Hochschulreife auch ein paar mal gefaehrdet, in der 10ten Klasse sprach sich ein ebenso verstaendiger und aus der Masse herausstechender Mathelehrer fuer mich bei meinen Eltern aus. Durch Zufall habe ich im Abi einen (damals) einzigartigen, exakt meinen Interessen entsprechenden Studiengang entdeckt und den Sprung an andere Ende von Deutschland gewagt. Wobei Physik/Chemie in der naechstgroesseren Stadt vermutlich auch nicht so schlecht gewesen waere, wer weiss. Jedenfalls, ein paar Jahre spaeter, von meiner mehr oder weniger zufaellig bei ihm eingereichten Diplomarbeit beeindruckt, sorgt nun ein Professor fuer mich. Besonders fuer die notwendige soziale Schmierung und Kontakte.

    Dass Sozialisierung eine wesentliche Rolle spielt, wenn ich im Vorstellungsgespraech demuetig meine Fertigkeiten beschreibe oder in Jeans und T-Shirt auf der Abschlussveranstaltung mein Diplom entgegennehme, ist mir erst irgendwann in der Studienzeit klar geworden. Ebenso die Einsicht, dass Politiker nicht nur anders entscheiden als ich es wuerde, sondern tatsaechlich zum grossen Teil inkompetent, ignorant und fremdbestimmt sind.

    Ich habe aber auch festgestellt, dass es nicht reicht, die Menschen ueber Missstaende zu informieren. Wer sich die notwendige Fachkompetenz angeeignet hat, hat typischerweise schlichtweg keine Zeit, den Fakten gegenueber PR, Lobby und Arroganz der herrschenden Elite die noetige Aufmerksamkeit zu verschaffen. Anhoerung von Sachverstaendigen ist heute nur noch Fassade, anders kann man sich die unglaublichen Fehlentscheidungen nicht erklaeren. Hinzu kommt das wohlbekannte Problem, dass „Macht korrumpiert“. Im Artikel wird das Problem bei den Gruenen, Linken und SPD angesprochen. Daher kann man auch nicht einfach eine neue Partei gruenden und auf Erfolg hoffen. Aus der Sicht eines Ingenieurs betrachtet, der ein technisches komplexes System begutachten soll, liegt mir der Schluss nahe: Dass System ist kaputt. Das Design ist den derzeitigen Anforderungen nicht gewachsen. Ein komplexes System aus aus sich selbst heraus zu korrigieren ist erfahrungsgemaess schwer bis unmoeglich und muss sehr gezielt erfolgen. Ausserdem ist die Zeit begrenzt, da das korrumpierte System in Bildung, Wirtschaft und Medien eingreift und sich darueber selbst verstaerkt. Moeglicherweise bis zum Kollaps.

    - Gibt es Erfahrungen aus der Gesellschaftswissenschaft, die dem Widersprechen?
    - Wie laesst sich diese hier und da unvorteilhafte Sozialisierung behandeln?

  2. 2 Markus 02. Februar 2010 um 12:53 Uhr

    Nun ja, man könnte zumindest verhindern, dass das System noch korrupter wird, als es schon ist.
    Man könnte Leistungsstipendien nur noch rein nach Note vergeben und garnicht mehr nach Hintergründen wie „Beruf der Eltern“ oder „Hobbies“ oder „politische Aktivitäten“ fragen.

    Man könnte auch einfach grundsätzlich Bafög zahlen und dieses dann über eine für Gutverdiener mit akadem. Abschluss entsprechend erhöhte Einkommenssteuer wieder eintreiben (einfach bis zu 2% oder 4% Einkommenssteuer oben drauf o.ä.), ggf. bis zu einer bestimmten Obergrenze.

    Man könnte grundsätzlich Sicherstellen, dass an den Universitäten genügend Kapazitäten vorhanden sind. Wenn 2012 der doppelte Abiturjahrgang kommt, wird das sowieso notwendig. Außerdem gilt an Unis eh: wer lehrt und forscht, der forscht mehr wenn er weniger lehrt und umgekehrt. Verschwendet wäre es in keinem Fall.

    Man könnte die vollkommen überteuerten und relativ nutzlosen Hochschulrankings unterlassen und das Geld sinnvoller einsetzen.

    Man könnte die Studienordnungen so reformieren, dass diese flexibler werden und ein jobben neben dem Studium trotzdem noch möglich ist. Das hätte auch den vorteil, dass die sehr unflexiblen Bachelor-Master-Studiengänge schneller abgeschlossen würden, denn jetzt ist es so, dass man u.U. 1 Semester warten muss, um einen nicht bestandenen Kurs nochmal machen zu können.

    Man könnte die Manager aus den Universitäten entfernen, denn diese versuchen, eine Institution, die kein privatwirtschaftliches Unternehmen ist, wie eben ein solches zu führen. Das ist, als würde man im Flugzeugcockpit sitzen und es fälschlicherweise dort mit autofahren versuchen.

    Man könnte aufhören, Abstriche bei der Qualität und Quantität von Inhalt und Umfang von Studienordnungen zu machen. Es ist ja ganz nett, wenn man für 5 Protokolle einen Schein kriegt, aber eine wissenschaftliche Leistung ist die Zusammenfassung von 5 Vorlesungen eben doch nicht.

    Man könnte aufhören mit dem Quatsch, immer nur auf die Note zu schauen, denn die Noten sagen lediglich und nur aus, dass jemand eine bestimmte Studien-Leistung erbracht hat, sie sagen aber nicht aus, ob dieser jemand später einmal in der Wirtschaft gute Leistungen erbringen wird.
    Denn ob die jetzigen Studienordnungen qualifizierte Absolventen hervorbringen, ist höchst zweifelhaft.
    Der BA ist nicht mehr als ein zertifizierter Studienabbruch, früher nannte man sowas Zwischenprüfung.

  3. 3 Administrator 02. Februar 2010 um 14:26 Uhr

    Lieber Anonymous, zunächst möchte ich auf Deine Frage antworten, wie man die „unvorteilhafte Sozialisation“ behandeln kann. Die Frage ist, ob die Sozialisation unvorteilhaft ist, sie ist es ja nur in einem bestimmten sozialen Kontext, z.B. im bürgerlich-akademischen Feld. Ich gehe davon aus, dass eher die Bildungsprozesse an der Hochschule umstrukturiert werden sollten, anstatt dass die Leute sich ändern müssten. Natürlich verändert sich ein Arbeiterkind, das zum Akademiker wird, aber das muss ja nicht nur eine Anpassung sein. Wenn wir mehr Arbeiterkinder im Bereich von Wissenschaft und Führungspositionen haben, ändert sich dort auch der „Soziale Habitus“. Die arbeiterliche Sozialisation hat auch Vorteile, Solidarität und Praxisbezug können auch als „Soziale Kompetenz“ im beruflichen Bereich wirksam werden. Also zusammenfassend: Die Sozialisation ist nicht nur defizitär und eher sollten sich die Struktur der Hochschule und Bildungsprozesse ändern, anstatt dass die Arbeiterkinder sich „mit Gewalt“ zwanghaft anpassen müssen. Vielen Dank übrigens für Deinen sehr guten Beitrag, dessen Einschätzung ich weitestgehend teile.

    Viele Grüße Tobias Fabinger

  4. 4 anonymous 02. Februar 2010 um 19:57 Uhr

    Markus…klar, man koennte so vieles. Leider sind diese von dir genannten Punkte allesamt vollkommen realitaetsfern. Das klingt hart, aber was glaubst du wie Manager in die Uni-Posten gekommen sind? Wer macht wohl die Hochschulrankings und mit welchem Ziel? Und warum sollte irgendjemand Interesse daran haben, das Bafoeg zu erhoehen, wo wir doch kuerzlich Studiengebuehren eingefuehrt haben?

    Du glaubst nicht im Ernst, dass du nur mal unter 4 Augen mit Frau Merkel sprechen musst damit sie Bildung wieder zur Chefsache erklaert? Ich sag dir was, die Frau scheisst auf die Uni. Schau dir mal die Bilanz unserer ehemaligen Bildungsministerin an. Auf dem Papier haben wir bis 2012 (oder so..) eine massive Investition in den Bildungssektor geplant. X Prozent vom BIP, 10 glaube ich.. Hab mir sagen lassen, die haben wir auch tatsaechlich erreicht, weil dank Krise das BIP im Keller ist. Anders haetten wir es nicht geschafft, weil trotz der geplanten Steigerungen konsequent eingespart wurde. Und da kommst du mit dem Vorschlag, dass man mehr investieren sollte. Glaubst du, die sind darauf noch nicht gekommen? Glaubst du allen ernstes dass das alles nur Unfaelle sind, weil da einer nicht aufgepasst hat? Glaubst du Herr Guttenberg mahnt zur Vorsicht in Bezug auf die Schweizer Bankdaten weil er rechtliche Bedenken hat? Der Mann ist Verteidigungsminister! Der einzige Grund ihn zu diesem Thema ueberhaupt zu interviewen, ist sein mehrere hundert Millionen schweres Familienerbe, welches in Form einer Stiftung an Oesterreich uebergegangen ist.

    Das ist natuerlich auch keine grosse Verschwoerung, es sind einfache „Sachzwaenge“ die jeden Teilnehmer, jedes Regierungsmitglied, jede Firma, jeden Manager und jeden Arbeiter, der trotz besseren Wissens bei Aldi einkaufen geht, zugleich beeinflussen und damit die Dynamik des Systems bestimmen.

    Als jemand der sein Diplom hinter sich hat, ein Jahr am Lehrstuhl gearbeitet hat und jetzt im anglo-amerikanischen System im Ausland weitermacht, lass mich noch was klarstellen: Unsere Unis sind am Arsch. Schoene Titel, gegenseitiges Schulterklopfen, beschoenigen von Ergebnissen, das ist heute alles an der Tagesordnung. Die wirklich respektablen Lehrstuhele fallen dadurch auf, dass trotz Beamtenstatus weiter hart gearbeitet wird. Aber auch hier muss man seine Kontakte „pflegen“ um international relevant zu sein. Auch hier wird in Klausuren nur stupides Wissen abgefragt, weil 80% der Studenten, die allesamt niemals das Abi haetten bekommen duerfen, sonst den Aufstand proben. Den respektablen Professor kuemmert sowas erfahrungsgemaess wenig, aber seit kurzem fliessen solche Erfolge auch in die von der Uni vergebenen Finanzmittel ein. Die Unabhaengigkeit der Unis ist heute auf mehreren Ebenen untergraben und mehrfach schon wurden bekannt und sogar vor Gericht gebrachte Korruptionsfaelle *nicht* bestraft. Welches Signal gibt dies an die Profs, die mit minimalen Mitteln ein national oder international anerkanntes Institut aufbauen wollen? Selbst respektable Forschungsgruppen muessen heute darauf achten, wie sie sich „verkaufen“. Schoen viel sinnlose Papers rauspushen und Ergebnisse bei moeglichst vielen Partnern verkaufen. Copy&Paste ueberall, lesen tut es eh keiner. Kurz: Wir haben dem schoenen Schein des anglo-amerikanischen Systems nicht nur in der Wirtschaft nachgeeifert. Und nicht nur dort haben wir Deutschland an den Rand des Ruins gebracht.

    Wenn du das alles fuer paranoid haelst, kannst du mir vielleicht einen Bereich nennen in dem unsere Regierung die letzten Jahre nicht vollkommen versagt hat. Mir fallen spontan nur Fehlschlaege ein und bei jedem einzelnen hat man vorher gewarnt: Gesundheitskarte, Personalausweis, Afghanistan, Hochschulreform, Internetsperren, Privatisierung von Bahn, Muellentsorgung und Energieanbietern, Bankenschirm, Riesterrente, HartzIV, Teilzeitjobs, Energiesparlampen, Internetsperren, TollCollect, .. Vielleicht verdraenge ich die guten Sachen ja nur…

    „Man könnte Leistungsstipendien nur noch rein nach Note vergeben und garnicht mehr nach Hintergründen […] […] Man könnte aufhören mit dem Quatsch, immer nur auf die Note zu schauen […]“

    Hmhm..

  5. 5 anonymous 02. Februar 2010 um 20:26 Uhr

    Tobias,

    dass die „Arbeiterkind“-Perspektive ihre Vorzuege hat, habe ich nicht bestritten. Ihr habt das ja auch schon im Artikel verdeutlicht. Aber ihr schreibt auch selbst, dass man sich damit Chancen verbauen und unvorteilhaft auffallen kann. Ohne Zweifel ist es von Vorteil, wenn man zeitweise eine andere Rolle einnehmen oder wenigstens verstehen kann. Hier koennten sich die Sozialwissenschaften mal nuetzlich machen.

  6. 6 anoniseverywhere 18. Februar 2010 um 15:01 Uhr

    Ich habe das hier jetzt alles gelesen und spontan kommen mir da ein paar Punkte in den Sinn, die ich einfach mal in den Raum stellen möchte.

    „Das biographische Risiko einer Aufnahme von Studienkrediten oder Bafög-Verschuldung ist ihnen zu groß.“
    In dem Zusammenhang würde mich mal interessieren, warum mit keinem Wort auf das immer weitere wachsen der Dualen Hochschulen eingegangen wird. Gerade dieses müsste doch Arbeiterkindern in praktisch jeder Beziehung, zumindest bei den hier geschilderten Einwürfen, entgegen kommen: Weniger Formalien, nicht zwangsläufig Abitur vorausgesetzt, kein finanzielles Risiko, enge Verbindung zu Mentoren und einen Arbeitsvertrag um nur ein paar Punkte anzuscheiden.

    „Zurück zur „Selbstselektion“. Die entsprechenden Studien zeigen, dass Arbeiterkinder gleichsam unbewusst vor allem die Fächer wählen, die sie mit ihren gegenüber anderen Studierenden begrenzten sozialen und finanziellen Ressourcen studieren können: Dies sind, so zeigt es die Bildungsforschung, etwa Pädagogik oder Soziologie.“
    Wo kann man die Studien bekommen?
    Ich finde dieses Ergebnis auf den ersten Blick wenig schlüssig und würde mich daher gerne tiefer mit der Materie beschäftigen. Aus dem Bauch und aus den Erfahrungen in der Generation unserer Eltern heraus, würde ein anderes Ergebnis erwarten. Ich kenne zwar auch Arbeiterkinder in den Sozialwissenschaften, aber noch viel mehr in den Naturwissenschaften und bei den Ingenieuren/Informatikern, bzw. im Lehramt (was allerdings auch an den möglicherweise wenig repräsentativen Hochschulen gelegen haben kann, keine Frage).

    „Der BA ist nicht mehr als ein zertifizierter Studienabbruch, früher nannte man sowas Zwischenprüfung.“
    Das ist, mit Verlaub, schlicht Unsinn. In dem Traineeprogramm eines DAX-Konzerns in dem ich gerade arbeite sind die Mehrheit der Teilnehmer keine Diplom- oder Master- Absolventen. Das mag bei einem Konzern nicht unbedingt repräsentativ sein, aber so drastisch wie hier im Kommentar geschildert ist es dann nun auch wieder nicht.

  1. 1 NachDenkSeiten - Die kritische Website » Hinweise des Tages (2) Pingback am 29. Januar 2010 um 17:34 Uhr
  2. 2 Twitter Trackbacks for Einige Reflexionen zur sozialen Selektion im Hochschulbildungssystem und zur Lage der Bildungspolitik « [blogsport.de] on Topsy.com Pingback am 31. Januar 2010 um 7:54 Uhr
  3. 3 Einige Reflexionen zur sozialen Selektion /// Zeit-Zeitung.info Pingback am 05. Februar 2010 um 16:07 Uhr
  4. 4 Ein Jahr Dishwasher « Dishwasher Pingback am 15. Januar 2011 um 8:42 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter