Interview mit Rainer Hufnagel-Person zur Kinderlosigkeit von Akademikerinnen

Interviewer: Andreas Kemper

I: Herr Hufnagel-Person, sie haben im März 2008 eine Studie herausgegeben, die für Schlagzeilen sorgte: „Predicting Birth-Rates Through German Micro-Census Data. A Comparison of Probit and Boolean Regression“…

R.H.: Oh, sie dürfen diese Studie nicht verwechseln mit meinem Aufsatz „Kinderwunsch und Partnerwahl in Deutschland” in der Zeitschrift „Hauswirtschaft und Wissenschaft“. Bei ersterem ging es um eine Methodendiskussion. Mit dem Aufsatz in „Hauswirtschaft und Wissenschaft“ versuchte ich auf der Grundlage meiner Untersuchungen, eine politische Diskussion anzuschieben.

I: Die Aussage in beiden Veröffentlichungen war, dass Akademikerinnen überdurchschnittlich viele Kinder bekommen. Dies sorgte in einigen Medien für Verblüffung.

R.H.: Ja, es gab bis in die 1990er Jahren beispielsweise eine Zeit, in der Akademikerinnen eine unterdurchschnittliche Kinderzahl hatten. Dass meine Ergebnisse nun für Aufsehen gesorgt haben, liegt an einer Debatte von 2004. Zu dem Zeitpunkt gab es eine regelrechte Kampagne mit der Grundaussage „Die Deutschen sterben aus“ und weiter hieß es: „verantwortlich dafür sind nicht zuletzt die Akademikerinnen, die lieber ihre Karriere planen, als Kinder zu bekommen“. Diese vereinfachten Thesen machten die Runde in den wichtigen Tages- und Wochenzeitungen. Diejenigen, die gründlicher recherchieren wollten, wandten sich schließlich an das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, um dies mit Zahlen bestätigt zu bekommen.

I: Und konnte das Bundesinstitut diese Thesen bestätigen?

R.H.: Nein. Diese Zahlen waren vielmehr auf der Basis des Sozioökoomischen Panels (SOEP) ermittelt worden. Im Gegensatz zur Bundesstatistik erhebt das SOEP Geburtenbiographien, d.h. für Frauen ab ca. 50 Jahren ist erhoben worden, wie vielen Kindern sie das Leben geschenkt haben. Wenn man diese Kohorten, also Frauen über 50, die mit hoher Wahrscheinlichkeit ihre Geburtsbiographie abgeschlossen haben, als Basis für statistische Auswertungen nimmt, gelangt man in der Tat zum Ergebnis, dass sie umso weniger Kinder bekommen haben, je besser ihre formale und berufliche Bildung ist.

I: Was war dann Anlass, dieses Ergebnis zu hinterfragen?

R.H.: Frau wird am häufigsten Mutter in den Jahren vor und nach ihrem 30. Geburtstag.
Wenn man die Geburtsbiographien der über 50-jährigen im Jahre 2004 auswertet, dann erfasst man letztendlich die Fertilitätsentscheidungen, die diese Kohorte in den 80er Jahren getroffen hatte. Zwischen dieser Kohorte und den jungen Frauen, die sich heute für Nachwuchs entscheiden oder nicht, liegen 20 Jahre, eine ganze Generation. Töchter machen nicht unbedingt, was ihre Mütter gemacht haben. Die Zeiten haben sich geändert. Dies bot Anlass zu untersuchen, wie sich die heutige Generation verhält. Wenn man auf die Nutzung der Geburtsbiographien verzichtet, also die aktuellen Geburtenziffern erfasst, dann ist der Mikrozensus des Statistischen Bundesamtes die überlegene Datenbasis, weil der Stichprobenumfang hier sehr viel größer ist als beim SOEP. Man erhält dadurch differenziertere und verlässlichere Ergebnisse.

I: Sie werteten also den Mikrozensus von 1996 bis 2002 aus und bekamen ganze andere Zahlen. Konnten diese durch neuere Erhebungen bestätigt werden?

R.H.: Ja, wie wir in der wissenschaftlichen Methodenlehre ja immer sagen, sollte man nicht nur einen Datensatz zur Hypothesenbildung benutzen und es dann dabei bewenden lassen, sondern auch nachsehen, ob sich die Ergebnisse mit anderen oder neueren Daten reproduzieren lassen. Eine Auswertung der Mikrozensus-Daten von 2005 bestätigte dann tatsächlich die Ergebnisse mit dem Material von 1996-2002: Akademikerinnen bekommen seit der Jahrtausendwende überdurchschnittlich viele Kinder.

I: Für mich als jemand mit einer Herkunft aus einer Arbeiterfamilie sind diese Ergebnisse sehr interessant, da mit der Zahl einer 40%igen Akademikerinnen-Kinderlosigkeit Politik zuungunsten von Nichtakademikern gemacht wurde. Ich zitiere Frau Merkel während einer Rede vor dem Arbeitgebertag 2006:

„Meine Damen und Herren, wir haben mit dem Elterngeld einen Paradigmenwechsel in der Sozialpolitik vollzogen; aber weniger, weil wir jetzt finden, dass auch Väter sich einmal um kleine Kinder kümmern können.[…] Das Elterngeld ist deshalb so interessant, […] weil es zum ersten Mal die Entscheidung für ein Kind und die Möglichkeit, ein Jahr keine Berufstätigkeit auszuüben, an das vorherige Gehalt koppelt. Bis jetzt ist Unterstützung von Familien eigentlich immer eine Unterstützung der bedürftigen Familien gewesen. […] Ich glaube, es wird auch genau an dem Punkt zumindest ein Stück weit ansetzen [..] wo wir heute das Problem haben, dass nämlich 40% der Akademikerinnen, im Übrigen auch der Akademiker, keine Kinder haben.“

R.H. (schmunzelt) Hat sie das gesagt?

I: Ja. Ich wollte mit dem Zitat auf die Konsequenzen Ihrer neuen Berechnungen eingehen. Sie hatten ja in ihrem Artikel in „Hauswirtschaft und Wissenschaft“ ebenfalls Diskussionsanregungen gegeben.

R.H.: Tatsächlich profitieren Akademiker und Akademikerinnen mit Kindern in zweierlei Hinsicht. Zum Einen erhalten sie nun aufgrund des Elterngeldes höhere Transferleistungen vom Staat als geringer verdienende oder marginalisierte Gesellschaftsgruppen. Zum zweiten profitieren sie auch stärker vom Ausbau der Kinderkrippen und Kindertagesstätten.

I: Wieso profitieren sie davon mehr als andere?

R.H.: Es geht um die Opportunitätskosten. Wenn der Staat sie für eine gewisse Zeit von der Erziehungsaufgabe freistellt, können sie aufgrund ihrer Ausbildung sehr viel mehr verdienen als Eltern ohne eine entsprechende Ausbildung. Es ist ein Unterschied, ob man in der freigewordenen Zeit 7 Euro oder 40 Euro pro Stunde verdient.

I: Dann sind sie gegen den Ausbau von Krippenplätzen?

R.H.: Nein. im Gegenteil. Ich freue mich sehr für die heute jungen Eltern, dass jetzt endlich realisiert werden soll, was meine Generation mühsam und geduldig einfordern musste. Ehrenamtlich habe ich selbst an meinem Wohnort jahrelang als Elternvertreter und in Kindergartenausschüssen dabei mitgewirkt, eine Betreuungsinfrastruktur aufzubauen, die der Nachfrage einigermaßen gerecht wird. Ich halte den Ausbau auch für sinnvoll, weil er beispielsweise Arbeitsplätze schafft. Bedauerlich finde ich aber, dass in den letzten Jahren bei den Eltern die Schichteninteressen divergieren. Und da ist die Idee der CSU, auch den Eltern ausgleichende Transfers zu überweisen, die ihre Kinder nicht in die Krippe schicken, nicht ganz verkehrt. Die Gesellschaft sollte die verschiedenen Lebensentwürfe der jungen Eltern akzeptieren und nicht einseitig eine bestimmte Richtung begünstigen.

I: Wie waren die Reaktionen auf Ihre Studie?

R.H.: Sie wurde positiv zur Kenntnis genommen. Insbesondere die Blogs berufsorientierter qualifizierter Frauen waren erfreut, nicht länger als Verantwortliche für Deutschlands demographischen Niedergang dazustehen. Auf die politökonomische Diskussion haben die Artikel jedoch keinen Einfluss gehabt.

I: Vielleicht ändert sich dies mit Ihrer neuen Studie. Die erscheint wo?

R.H.: Eingereicht ist sie im „Journal of Population Economics“.

I: Herr Professor Hufnagel-Person, ich danke Ihnen für das Gespräch.

Angaben zur Person

Rainer Hufnagel promovierte 1986 zum Dr. rer. nat. an der mathematisch-naturwissenschaftlichen Fakultät der Universität Göttingen. 1999 erlangte er die Venia legendi für Mikroökonomik an der wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität Hohenheim. Seit 2004 leitet er die Abteilung Haushaltswissenschaften und ihre Didaktik an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.

Literatur

  • Hufnagel, R. (2008), Kinderwunsch und Partnerwahl in Deutschland, Hauswirtschaft und Wissenschaft 1/2008, S. 8-25.
  • Hufnagel, R. (2008c), Predicting Birth-Rates through German Micro-Census Data – A Comparison of Probit and Boolean Regression, WWU Münster, Institut für ökonomische Bildung, Diskussionspapier 3/2008.
  • Hufnagel, R. (2007), Fertilitätsentscheidungen in Mikro- und Makroperspektive. Das Individuum zwischen Genen und Institutionen; Höflacher, S., Hufnagel, R., Jaquemoth, M., Piorkowsky, M. (2007, Hrsg.), Oikos 2010 – Haushalte und Familien im Modernisierungsprozess; Festschrift für Prof. Dr. Barbara Seel zum 65. Geburtstag, Göttingen, S. 159-222.
  • Hufnagel, R. (2004), Leere Wiegen Ost. Zum dramatischen Rückgang der Geburtenziffern in den Neuen Bundesländern nach der Wiedervereinigung; Hufnagel, R., Simon, T. (Hrsg.), Problemfall deutsche Einheit – Interdisziplinäre Betrachtungen zu gesamtdeutschen Fragestellungen, Wiesbaden, S. 147-154.
  • Hufnagel, R. (2003), The Impact of Domestic Child Care on School Performance, Schmollers Jahrbuch (Journal of Applied Social Studies) 123, S. 189-198.
  • Hufnagel, R. (2002), Die Kosten von Kindern und die Kosten einer egalitären Elternschaft, DIW Vierteljahreshefte zur Wirtschaftsforschung 1/2002, S. 114-125.
  • Share and Enjoy:
    • Facebook
    • Twitter
    • studiVZ meinVZ schülerVZ
    • del.icio.us
    • email
    • Wikio




    kostenloser Counter