Soziale Selektion: Vergabe von HiWi-Stellen erfolgt oft nicht nach akademischen Kriterien

von Olaf Götze

An eine studentische Hilfskraftstelle oder die Stelle als TutorIn ist meist nicht so einfach heranzukommen. Oft sind diese nur unzureichend ausgeschrieben und viele ProfessorInnen vergeben die Stellen nach eigenen Vorlieben. Manchmal werden sie sogar nur auf Ansprache durch den Professor bzw. die Professorin verteilt. Diese Praxis hat negative Auswirkungen, wie bereits 2005 eine Untersuchung an der Universität Marburg ergab. Demnach ist es für Studierende aus AkademikerInnenfamilien wesentlich leichter, eine Stelle zu erhalten. Dagegen gelangt nur ein sehr geringer Anteil der Studierenden aus niedrigen sozialen Schichten an die begehrten Studi-Jobs. Ist soziale Selektion also auch ein Thema für die Hochschule? Offensichtlich kann das Problem nicht allein auf die Schulen abgeschoben werden.

Schichtspezifische Ungleichheiten

Die Sonderauswertung des Studierendensurveys der AG Hochschulforschung an der Uni Konstanz unter Leitung von Tino Bargel bestätigt die Ergebnisse der Marburger Untersuchung. Demnach erhalten nur 28 Prozent der Studierenden aus der ArbeiterInnenschaft, jedoch 34 Prozent aus der AkademikerInnenschicht während ihres Studiums eine Anstellung an der Uni. Besonders auffällig ist die ungleiche Verteilung bei den TutorInnenstellen. Die Unterschiede nach der sozialen Herkunft sind offenbar nicht auf die Leistungsfähigkeit oder Fachzugehörigkeit zurückzuführen. Im Gegenteil, unter den Leistungsbesten fallen die sozialen Differenzen noch deutlicher aus. Der Anteil an Studierenden aus niedrigen sozialen Schichten ist ohnehin gering, und daher verwundert es nicht, dass an der Universität Marburg von 154 Befragten studentischen Hilfskräften nur 3 waren, deren Eltern beide ArbeiterInnen sind. Auch behinderte und chronisch kranke Studierende befinden sich nur selten in einer Anstellung als Hilfskraft an der Uni. Zugleich stellt die AG Hochschulforschung fest, dass die Anstellung als studentische Hilfskraft einen Einstieg in die wissenschaftliche Karriere darstellt.

Studentinnen werden benachteiligt

Dieser Befund ist jedoch nicht nur das Problem der benachteiligten Minderheit der ArbeiterInnenkinder an der Hochschule. Auch für Frauen ist es schwerer, an eine der begehrten Stellen zu kommen. So erhalten 34 Prozent der Studenten, aber nur 27 Prozent der Studentinnen eine Anstellung an der Uni. Die Studie spricht von einer Benachteiligung von Studentinnen und einer Einschränkung ihrer Möglichkeiten, zum wissenschaftlichen Nachwuchs zu gehören. Untersucht wurde zudem die Beteiligung an Forschungsprojekten als Bewährungsfeld für Studierende. Auch in diesem Bereich zeigen sich Ungleichheiten in der sozialen Zusammensetzung. Während jeder vierte Student an einem solchen Projekt während des Studiums teilnehmen kann, sind es nur 18 Prozent der Studentinnen. Die Untersuchungsergebnisse machen deutlich, warum es trotz gleicher AnfängerInnenzahlen Frauen auch heute noch viel seltener schaffen, eine Karriere an der Hochschule zu machen und warum ihr Anteil unter den ProfessorInnen bei nur 12 Prozent liegt. Sie werden schon während ihres Studiums massiv benachteiligt. Noch immer ist in den Hochschulen trotz oder gerade wegen der PISA-Studie hinsichtlich dieses Themas eine große Ignoranz feststellbar. Oftmals heißt es, die schwerwiegendsten Probleme der sozialen Selektivität des Bildungssystems seien im deutschen Schulsystem angelegt. Eine Abwehrreaktion, die von den eigenen Problemen ablenkt, denn soziale Selektion findet auch an der Hochschule in nicht zu vernachlässigendem Maße statt.

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3 Antworten auf „Soziale Selektion: Vergabe von HiWi-Stellen erfolgt oft nicht nach akademischen Kriterien“


  1. 1 Anna Ny Mous 30. Januar 2010 um 23:29 Uhr

    Letzter Abschnitt ist völlig unnötig. Hier wird ein Unterschied von ca. 20% zur „massiver Benachteiligung“ aufgebauscht.

    Sorry, aber das ist Quatsch. Eine Hiwi-Stelle benötigt i.d.R. die Fähigkeit, bei Bedarf autoritäre Haltung einzunehmen, den Ton angeben zu können, etc.pp. Und leider scheinen genau solche Rollen vielen Frauen nicht zu schmecken (siehe Verteilung von weiblichen Chefs in der Wirtschaft). Das liegt aber hauptsächlich an ihrer Natur und nicht an irgendwelcher Verschwörung gegen Arbeiterklasse (oder „Frauenklasse“, haha).

  2. 2 Markus 02. Februar 2010 um 12:37 Uhr

    Wenn man sich mal überlegt, dass es mehr weibliche als männliche Studenten gibt, ist es schon merkwürdig, wenn der Anteil der weiblichen studentischen Mitarbeiter/Hiwis usw. deutlich niedriger ist als der Anteil der männlichen studentischen Mitarbeiter/Hiwis.

    Zudem sollte man sich mal fragen, ob es im 21. Jh. wirklich noch angemessen ist, intelligente, volljährige, gut vorgebildete und lernfähige (Abi beweist das) Menschen autoritär zurechtzustutzen und auf ihren Platz zu verweisen oder ob hier nicht andere Strukturen angemessener sind. Für schlechte Leistungen gibt es doch schlechte Noten, oder? Und es ist doch die wissenschaftliche Leistung, die zählt, und nicht das Zu-Kreuze-kriechen beim Prof, unfaire diskutieren, überhebliche Abwatschen und unsachliches Ellbogengehabe-Durchsetzen, das zählt, oder? Wem Lernverhalten, wissenschaftliches Arbeiten und wissenschaftliche Diskussion nur mit autoritärer Keule eingeprügelt werden kann, gehört nicht auf eine Universität. Oder ziehen wir seit neuestem unkritische, angepasste Ja-Sager Untertanen in Universitäten heran? Kommt mir fast so vor…

  3. 3 Andreas 20. Februar 2010 um 22:20 Uhr

    Die dpa berichtet über Hiwi-Jobs:

    Kellnern wäre für Volker trotzdem keine Alternative. Schon das erste Jahr seiner Arbeit am Lehrstuhl hat ihm für sein Studium viel gebracht. Er habe in der Literaturrecherche dazugelernt, im Umgang mit Datenbanken und im wissenschaftlichen Arbeiten. Das sind alles Dinge, die er für die anstehende Diplomarbeit braucht und die im Uni-Alltag oft zu kurz kommen. Auch sonst hat das Arbeiten am Lehrstuhl Vorteile. Wer die Lehrenden persönlich kennt, habe weniger Scheu, im Seminar Fragen zu stellen, sagt Volker. „Außerdem erfährt man manche Sachen eher, weil man einfach näher dran ist.“

    http://www.spiegel.de/unispiegel/studium/0,1518,676515,00.html

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