Diskriminierende Diskriminierungsforschung

von Andreas Kemper

Seit der Verabschiedung der europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien und der Etablierung des Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetzes wird die Vielfalt von Diskriminierungen zunehmend auf die „geschützten“ Diskriminierungsformen reduziert. Es finden sich nicht nur in Lexika deskriptive Formulierungen wie „Diskriminierung sind Benachteiligungen aufgrund von …“ mit einer Auflistung der wenigen Diskriminierungsformen, die im Allgmeinen Gleichbehandlungsgesetz formuliert sind. Schwerer wiegt, dass zunehmend Studien zur Diskriminierung ebenfalls systematisch klassenspezifische Diskriminierungsgründe wie „Soziale Herkunft“ und „Vermögen“ ausblenden.

„Diskriminierung an Hochschulen“

Die Antidisriminierungsstelle des Bundes hat einen Forschungsauftrag vergeben zum Thema „Diskriminierung an Hochschulen“. Es sollen aber nur die sechs vom AGG geschützten Diskriminierungsformen untersucht werden, nicht jedoch Soziale Herkunft als eigenständige Diskriminierungsform, da diese nicht im AGG aufgelistet ist. Zuvor hatte sie bereits zu „Diskriminierung im Alltag“ forschen lassen. Das Zwischenergebnis lautete, dass vor allem „sozial Schwache“ als diskriminiert wahrgenommen werden. Da dies aber nicht vom AGG berücksichtigt wird, wurden nur die sechs vom AGG geschützten Diskriminierungsformen genau untersucht.
Der Antidiskriminierungsstelle ist diese Problematik durchaus bewusst. Ihnen ist klar, dass verschiedene Studien nahe legen, dass vor allem auch Studierende mit einer sogenannten niedrigen sozialen Herkunft im Bildungssystem und auch im Hochschulsystem diskriminiert werden. Daher lässt sie die soziale Herkunft nicht vollständig fallen, sondern bringt sie als „kummulativen Diskriminierungsgrund“ in den Forschungsauftrag ein. Soziale Herkunft wird allerdings nicht als eigenständiger Diskriminierungsgrund erforscht und dementsprechend wird in der Forschung auch kein Handlungsbedarf aufgezeigt. Ungleichheitsforscher wie Karsten König und Reinhard Kreckel kritisierten bereits vor einigen Jahren den Antidiskriminierungs-Bias in den Zielvereinbarungen zwischen Hochschulen und Ländern, die zwar Genderaspekte berücksichtigten und gelegentlich auch Migrationsfragen, nirgends aber Rahmenvereinbarungen vorsehen, die eine Verbesserung für die Situation von studierenden Arbeiterkindern beinhalten. Ein Forschungsprogramm, welches Soziale Herkunft von vornherein als Diskriminierungsgrund ausschließt, vergrößert den Winkel dieser Schräglage.
Der Handlungsbedarf ist klar: Das AGG hat klassenspezifische Diskriminierungsformen wie „Vermögen“ und „Soziale Herkunft“ systematisch ausgeschlossen und befindet sich damit im Widerspruch zum Grundgesetz und der EU-Charta. Das AGG muss also entsprechend ergänzt werden. Zudem sollte die Antidiskriminierungsstelle mit größeren Handlungsspielräumen ausgestattet werden. Sie sollte offen mit Diskriminierungen umgehen und eine ähnliche Kompetenz erlangen, wie der Sachverständigenrat in Wirtschaftsfragen.

„Realtität der Diskriminierung in Deutschland“

Die Diskriminierungshierarchie beschränkt sich nicht allein auf die Arbeit der Antidiskriminierungsstelle. Der Fachbereich für „Rechtssoziologie und Rechtstatsachenforschung“ der FU Berlin forscht zur „Realtität der Diskriminierung in Deutschland“. Eine Online-Befragung und eine Medien-Analyse berücksichtigen aber ausschließlich die sechs vom AGG geschützten Formen und nicht etwa Diskriminierung von Obdachlosen oder Arbeitslosen (deren Existenz von der Forschergruppe zur Gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit bereits auf der Vorurteilsebene mehrfach bestätigt wurde) und auch nicht die Diskriminierung von Nicht-Akademikerkindern im Bildungssystem.

Das ist unseriös. Wenn ich zur Diskriminierung von behinderten Menschen in Deutschland forsche, dann nenne ich mein Forschungsprojekt nicht „Diskriminierung in Deutschland“, sondern „Diskriminierung von behinderten Menschen in Deutschland“. Ebensowenig kann man von „Diskriminierung im Alltag“, „Diskriminierung an Hochschulen“ oder „Realtität der Diskriminierung in Deutschland“ sprechen, wenn die Erstellung eines entsprechenden Fragebogens nicht durch vorgängiges Datenmaterial und einen seriösen Pretest zustande gekommen ist, sondern durch willkürlich gewählte Merkmale. Hinsichtlich der Wissenschaftlichkeit sind die sechs geschützten Diskriminierungsformen natürlich willkürlich, da sie nicht aufgrund von mehrfach verifizierten Forschungsergebnissen im Gesetzestext stehen, sondern aufgrund von politischen Erwägungen und Lobbyarbeit.

Wir haben es hier mit einer Reihe von Forschungsarbeiten zu tun, die von „Diskriminierung“ spricht, aber „Diskriminierung im Sinne des AGG“ meinen. Es handelt sich hier nicht um sprachliche Ungenauigkeit, sondern um Verzerrungen dessen, was als Diskriminierung anerkannt wird. Diese Forschungsergebnisse sind schließlich sowohl die Grundlage für weitere Forschungen, die diesen diskrimierungshierarchischen Bias weitertragen könnten, als auch für politische Weichenstellungen. Wenn Arbeitslosendiskriminierung, Obdachlosendiskriminierung oder Diskriminerung aufgrund der Sozialen Herkunft in wissenschaftlichen Untersuchungen gar nicht erst als Diskriminierung vorkommt, wird dies sicherlich nicht die politische Hierarchisierung von Diskriminierung aufheben, sondern im Gegenteil noch verstärken.

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2 Antworten auf „Diskriminierende Diskriminierungsforschung“


  1. 1 Statusangst « Dishwasher Pingback am 08. April 2010 um 16:09 Uhr
  2. 2 ADS erkennt „Soziale Herkunft“ als potentiellen Diskriminierungsgrund an « Dishwasher Pingback am 05. Dezember 2010 um 13:40 Uhr
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