Bestellt und nicht abgeholt

Rezension

Von Andreas Kemper

Tellerwäscher_innen kennen das Problem: manchmal kommen volle Teller mit dem Essen zurück. Sie wurden bestellt, aber nicht angenommen und das gute Essen landet im Müll. Diese Arbeitsverschwendung gibt es auch in anderen Bereichen. So werden die Kompetenzen und Leistungen von „Arbeiterkindern“ im Bildungssystem zu wenig anerkannt. „Bestellt und nicht abgeholt“ ist die Doktorarbeit von Lars Schmitt zum Thema „Soziale Ungleichheit und Habitus-Struktur-Konflikte im Studium“.

Eigentlich schreibt man Rezensionen nur, wenn man ein Buch durchgearbeitet und sich ein Urteil gebildet hat. Ich gestehe, ich habe noch nicht die Zeit gefunden, es tatsächlich von vorn bis hinten durchzuarbeiten. Bislang reichte es nur für eine Annäherung: Die Einleitung und das Schlusskapitel habe ich gelesen, den inhaltlichen Mittelteil überflogen und dabei bin ich an einigen Stellen hängen geblieben. Dies ist ein Blogbeitrag, d.h. über die Kommentarfunktion kann ich weitere Urteilsbildungen mitteilen und wir können uns über das Buch verständigen.

Habitus-Struktur-Konflikt

Lars Schmitt benutzt als eine Grundlage seiner Untersuchung die Sozioanalyse Pierre Bourdieus. Mit diesen theoretischen Vorarbeiten versucht er empirisch die herkunftsspezifisch unterschiedlichen Probleme von Studierenden mit den Universitätsstrukturen zu erfassen. Diese bilden sich als „Habitus-Struktur-Probleme“ ab. Eine treffende Bezeichnung, für die ich Lars Schmitt dankbar bin.

Letzte Woche hatte ich ein Interview mit dem hiesigen Studierenden-Radio und es wurde natürlich genau diese Problematik angesprochen, dass doch offensichtlich keine Unterschiede zwischen Studierenden bestünden – abgesehen von Geldfragen und dem fehlenden Wissen, wie die Uni funktioniert, und für beides gäbe es ja Lösungen. Hier hätte ich ansetzen können mit dem Verweis darauf, dass es sich um einen „Habitus-Struktur-Konflikt“ handelt. Natürlich ist damit noch nichts abschließend erklärt, Schmitt betont in seiner Untersuchung, dass das Wissen um „Habitus-Struktur-Konflikte“ voraussetzungsreich sei (271). Mit seiner Studie „Bestellt und nicht abgeholt“ versucht er, die „Die verborgenen Mechanismen der Macht“ (so ein Buchtitel Bourdieus von 1992) zu erschließen. Es sind die Habitus der Individuen, die zu den Strukturen der Hochschule mehr oder weniger gut „passen“. Schmitt versucht neben der Makroperspektive, die der eines Generals gleichkommt, der vom Feldherrenhügel die Schlacht überblickt (eine Metapher von Bourdieu), und einer psychologischen Sichtweise, die übergreifende Formen sozialer Ungleichheit nicht erkennen kann, einen alternativen Zugang zu ermöglichen.

Ergebnisse

Das empirische Material wurde von Lars Schmitt in drei Bereichen zusammengestellt. Er führte Gespräche mit Studierenden in der Beratungsstelle der Universität Marburg. Ähnlich wie Margret Bülow-Schramm, die versucht, Habitus-Muster über „Studierendentagebücher“ zu ermitteln, ließ er von Studierenden in der Zeit vom Beginn des Wintersemesters bis zu den Weihnachtsferien je sechs Wochenberichte anfertigen. Und er benutzte Interviews, um die Erfahrungen von „bildungsnahen“ und „bildungsfernen“ Studierenden zu erheben.

Über alle drei Datenquellen hinweg seien von Akademikerkindern kaum „Passungsprobleme“ („ich passe nicht hierher“) thematisiert worden. Diese würden vor allem von Studierenden mit einer „bildungsfernen“ Herkunft benannt:

„Hatte bereits die Analyse der Studienberatungsgespräche nahegelegt, dass die vier Problemdimensionen Aktivität – Passivität; Freiheit – Struktur; Inklusionsgefühl – Exklusionsgefühl und Bezugspersonen mit sozialer Ungleichheit vermittelt sind, so gilt schon für die erste Studienphase, die über die Wochenbücher erhoben wurde, dass soziale Ungleichheit in unterschiedlichen Habitus-Struktur-Konfliktvarianten erlebt wird. Auch die Interviews mit fortgeschrittenen Studierenden aus unterschiedlichen Fächern lassen dies erkennen.“ (Schmitt 268)

Eine Erkenntnis dieser Studie sei, dass die Ungleichheitskonflikte, mit denen Studierende mit „bildungsferner“ Herkunft im Studium konfrontiert seien, nicht als kollektive Klassenkämpfe ausgefochten würden, sondern als (Konkurrenz-)Kämpfe um Anerkennung. Während Studierende mit dieser „niedrigen“ sozialen Herkunft oftmals in der Schule schon „Allrounder“ gewesen seien, für die Anerkennung eine wichtige Motivationsquelle für Bildungsaneignung und -erfolg darstellte, gehen Akademikerkinder eher mit Neugier an ein Studium heran. In diesem „Kampf um Anerkennung“ (Axel Honneth 1992) kann der Studierende „sich sowohl gegen privilegierte Strukturen als auch gegen andere dominierte Habitus wenden“ (Schmitt, 266).

Bei den Studierenden mit „bildungsfernem“ Hintergrund entwickele sich oftmals eine Akademikermilieu-Flucht. Aufgrund von Zweifeln und Anerkennungsdefiziten suchten diese Studierende den Rückzug in familiäre und partnerschaftliche Geborgenheit und stärkeren Kontakt zu Menschen, die ihr Herkunftsmilieu repräsentierten, „etwa Bibliotheksangestellte, Hausmeister und Reinigungskräfte“ (Schmitt 269). Ob diese Kontaktsuche defizitär als „Flucht“ bezeichnet werden muss, stelle ich an dieser Stelle in Frage. Mit Bourdieu ließe sich umgekehrt auch das Ignorieren der Universtitätsangestellten durch Studierende mit „bildungsnahem“ Hintergrund als „Scholastik“bezeichnen.
Studierende mit „bildungsfernem Hintergrund“ nähmen zudem häufiger als ihre Kommoliton_innen Gruppenkategorisierungen vor, in denen sie privilegierte Studierende abwerteten. (270) Und ihre Interviewbeiträge seien oftmals von Auseinandersetzungen mit ihrer Herkunftsfamilie geprägt, die sowohl Scham- und Schuldgefühle erkennen lasse, als auch Stolz.

Zum Schluss warnt Lars Schmitt davor, nur die Habitus-Seite der Studierenden mit „bildungsferner“ Herkunft in den Fokus zu nehmen. Auch die Struktur-Problematik müsste untersucht werden:

„Im Falle des akademischen Feldes wäre es darum mindestens genauso wichtig, dass Vertreterinnen und Vertreter der Hochschule, also Lehrende, Beratende und in der Hochschulentwicklung tätige Personen um Aspekte sozialer Herkunft wissen, die sowohl über statistische Zusammenhänge als auch über psychische Leiden hinausgehen; und dies nicht nur mit dem Ziel, die Bildungspotentiale bildungsferner sozialer Milieus besser auszuschöpfen […], sondern um individuelles Leiden abzumildern und eine Gesellschaft zu emanzipieren.“ (271)

Dem ist nichts hinzuzufügen, außer dass dieses neue Wissen dann auch politische Konsequenzen für die Struktur des Bildungssystems nach sich ziehen müsste.

    Lars Schmitt: Bestellt und nicht abgeholt. Soziale Ungleichheit und Habitus-Struktur-Konflikte im Studium , Marburg 2010
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30 Antworten auf „Bestellt und nicht abgeholt“


  1. 1 Off-Topic 01. Februar 2010 um 13:31 Uhr

    „Tellerwäscher_innen kennen das Problem: manchmal kommen volle Teller mit dem Essen zurück. Sie wurden bestellt, aber nicht angenommen und das gute Essen landet im Müll.“

    Eigentlich nicht. Wenn es noch einigermaßen intakt aussieht, wird es in der Hoffnung das bald jemand das Gleiche bestellt aufgehoben und dem nächsten Gast untergejubelt.
    Quelle: Ich habe mal in der Küche eines (sehr teuren und exklusiven Restaurants gearbeitet)

    Gratulation zu eurem Magazin.

  2. 2 Janitor 03. Juni 2010 um 16:46 Uhr

    Stimmt wohl, dass sich einige Leute nicht so heimisch fühlen an der Uni, bei den vielen elitären Vollidioten, die da an jeder Ecke rumlaufen. Aber soll das jetzt die von euch beklagte Diskriminierung sein? Ich persönlich halte das für eine völlig nachvollziehbare Reaktion, für die man nicht einmal zwangsläufig aus der „Arbeiterklasse“ stammen muss.

  3. 3 Andreas 03. Juni 2010 um 17:11 Uhr

    Das was Lars Schmitt anspricht, ist ja nur ein Puzzleteil und darin erschöpft sich beweitem nicht die „beklagte Diskriminierung“. Die Diskriminierung beginnt mit dem Elterngeld, setzt sich fort über eine Stadtteilpolitik (Ghettoisierung!), dem Zugang zu Kitas, dem Bibliothekensterben, der Einschulung, den Vorurteilsstrukutren der GrundschullehrerInnen (Vornamen und Notengebung), den Schulformempfehlungen, dem dreigliedrigen Schulsystem, den Schulkosten, der Schulverteilung (in welchen Stadtteilen sind Gymnasien, in welchen Hauptschulen?), dem Numerus Clausus, den zu geringen und schrägen Bildungsausgaben (zu wenig Geld und von dem wenigen viel zu wenig in Primär und relativ zu viel in Tertiär-Bildung), den Studiengebühren, der neuen Schwelle Bachelor-Master, der Vergabe von Hiwi-Stelle, der Vergabe von Stipendien, den Kosten beispielsweise in Zahnmedizin für eigene Instrumente (vierstelliger Betrag), der Bafög-Praxis, der unterschiedlichen Möglichkeit einen akademischen angemessenen Job zu finden, der Verschuldung nach dem Studium… Ich habe sicherlich noch einiges vergessen.

    Aber das, was Lars Schmitt schreibt, ist sicher auch wichtig. Vielleicht hast du ja Zeit, zur Veranstaltung zu kommen?

  4. 4 Janitor 03. Juni 2010 um 18:16 Uhr

    Ich meinte jetzt schon etwas spezieller, woraus die Diskriminierung von „Arbeiterkindern“ an der Universität bestehen soll. Das die aufgrund ihres finanziell eher mager ausgesatteten Familienhintergrundes mehr unter Gebühren und Verschuldung leiden als so manch anderer, würde ich auch nicht bestreiten.

  5. 5 Andreas 03. Juni 2010 um 19:00 Uhr

    Naja, ich habe ja einiges aufgelistet:

    - Arbeiterkinder erhalten sehr viel seltener Stipendien, obwohl sie sich genauso häufig bewerben und das Geld viel nötiger brauchen – und auch das Eingebundensein in die akademische Welt, was ja auch mit einem Stipendium verbunden ist.

    - Arbeiterkinder erhalten sehr viel seltener Hiwi-Stellen, was auch wieder dazu führt, dass sie noch weiter im akademischen Feld marginalisiert werden.

    - die homogamische Tendenz ist nicht zu unterschätzen: es wird nicht nur „nach oben“ geheiratet, wo eine „höhere soziale Herkunft“ ein Vorteil ist auf dem akademischen Beziehungsmarkt, sondern sehr wahrscheinlich finden Akademikerkinder auch schneller attraktive Wohngemeinschaften als Arbeiterkinder. Beim Wohnungsmarkt für Appartments hier in Münster ist es inzwischen üblich, dass die Vermieter Listen rumgeben an die studentischen Wohnraumsuchenden, wo sie den Beruf der Eltern angeben sollen („Elternbürgschaft“).

    - Trotz Bachelor hat die Zahl der jobbenden Studierenden zugenommen. Vor allem bei den Studierenden mit einer niedrigen und gehobenen sozialen Herkunft. Arbeiterkinder arbeiten häufiger „laufend“, also nicht nur für ein paar Stunden wöchentlich, und ihre Jobs sind ausbildungsferner. Nicht umsonst heißt dieses Blog „Dishwasher“, Tellerwäscher.

    - Einige Fachbereiche – wie Zahnmedizin – sind für Arbeiterkinder No-Go-Areas. Nicht nur wegen dem sehr abgehobenen Habitus, sondern weil das Studium auch schon ohne Gebühren zu teuer ist.

    - Und dann kommt noch zusätzlich hinzu, dass Arbeiterkinder sich oftmals doppelt fremd fühlen: im akademischen Feld, aber auch in der Herkunftsfamilie, von der man sich inzwischen entfremdet hat, ohne dafür im Umfeld der Hochschule heimatlich angekommen zu sein.

  6. 6 Janitor 03. Juni 2010 um 20:24 Uhr

    Gut. Letzteres würde ich aber nicht als Form einer mehr oder weniger gewollten Diskriminierung ansehen, sondern einfach als innere Distanz zu einem Umfeld, das einem als Nicht-Akademiker-Kind logischerweise einfach fremd ist. Ich sehe auch nicht, wie man das ändern könnte, außer indem man langfristig einfach mal Klassengesellschaften abschafft.

  7. 7 Andreas 03. Juni 2010 um 20:45 Uhr

    Janito, du schreibst:

    Letzteres würde ich aber nicht als Form einer mehr oder weniger gewollten Diskriminierung ansehen, sondern einfach als innere Distanz zu einem Umfeld, das einem als Nicht-Akademiker-Kind logischerweise einfach fremd ist. Ich sehe auch nicht, wie man das ändern könnte, außer indem man langfristig einfach mal Klassengesellschaften abschafft.

    Diskriminierung ist ja nicht unbedingt „gewollt“. Es gibt strukturelle, symbolische, institutionelle Diskriminierung und es gibt unbewusste Diskriminierung.
    Distanz deutet immer auf eine Entfernung hin. Merkwürdigerweise gilt heute nur das Arbeiterkind als „fern“. Das sind die sogeannten „Bildungsfernen“. Dabei ist Entfernung immer eine Sache von zwei Punkten. Nicht nur der eine Punkt ist fern, sondern auch der andere, oder andersherum: beide können sich aufeinander zu bewegen oder voneinander wegbewegen. Es sind NICHT die Arbeiterkinder, die sich wegbewegen, sondern es ist die Akademie, die sich von der Arbeiterschicht entfernt. Lernt man an der Uni, komplexe Sachverhalte mit einfachen Worten, die jeder verstehen kann, auszudrücken? Oder lernt man an der Uni eine Sprache, die keine versteht, der nicht studiert hat? Es gibt an der Uni einen Uni-Bluff und der nimmt eher noch zu.
    Also: es gibt Spielraum, die Uni könnte arbeiterlicher gestaltet sein, sie könnte mit einer allgemeinverständlichen Sprache lehren. Darauf wird kein Wert gelegt. Im Gegenteil.

    Wenn man die Distanz ganz abschaffen will, dann muss man natürlich die Klassengesellschaft abschaffen. Aber das muss man langfristig ja sowieso.

  8. 8 Janitor 03. Juni 2010 um 21:25 Uhr

    Es sind NICHT die Arbeiterkinder, die sich wegbewegen, sondern es ist die Akademie, die sich von der Arbeiterschicht entfernt.

    Richtig: die studierenden Arbeiterkinder haben sich von ihrer Herkunft entfernt und auf die Akademie zubewegt. Falsch: Die Akademie entfernt sich nicht von der Arbeiterklasse, sie ist – in ihrer Mehrheit zumindest – noch nie bei ihr gewesen.

    Das mit der mangelnden Allgemeinverständlichkeit lässt sich bei notwendig abstrakten wissenschaftlichen Herangehensweisen ja oft kaum vermeiden; in anderen Fällen ist es zwar möglich, da etwas allgemeinverständlicher zu formulieren und es wird trotzdem nicht gemacht: da gehört es selbstverständlich kritisiert. Nicht, weil auch ein paar Arbeiterkinder im Raum sitzen, sondern weil es einfach völlig unnötig ist, es kompliziert zu formulieren und der Zugang zum Thema unnötig erschwert wird. In welchem Ausmaß das entweder an der Unfähigkeit von Akademikern, zu sprechen und zu schreiben, oder an ihrer Elite-Eitelkeit liegt, mag ich nicht einzuschätzen.

    Oder lernt man an der Uni eine Sprache, die keine versteht, der nicht studiert hat?

    Nein, die lernt man da nicht, das ist richtig. Aber studiert haben die Kinder von studierten Angehörigen der Elite ja vorher ebenso wenig wie die Arbeiterkinder, mit denen sie Abitur gemacht haben. Die stehen in der Uni alle erstmal vor einer riesigen Wand von Begriffen und Formulierungen. Diese Wand möglichst klein zu halten, das fände ich auch sehr richtig.

  9. 9 Andreas 03. Juni 2010 um 22:10 Uhr

    Die Akademie entfernt sich nicht von der Arbeiterklasse, sie ist – in ihrer Mehrheit zumindest – noch nie bei ihr gewesen.

    Naja, ob nun die Akademie sich von den Produzent_innen entfernt hat oder ob sie entfernt eingerichtet wurde, darüber will ich mich nicht streiten.

    Das mit der mangelnden Allgemeinverständlichkeit lässt sich bei notwendig abstrakten wissenschaftlichen Herangehensweisen ja oft kaum vermeiden; in anderen Fällen ist es zwar möglich, da etwas allgemeinverständlicher zu formulieren und es wird trotzdem nicht gemacht: da gehört es selbstverständlich kritisiert.

    Ich würde sagen, dem Akademismus sollte mit einer kritischen Wachheit begegnet werden. Mir fällt es oft auf, wenn Leute Fremdworte benutzen, um Macht auszuüben. Ich selber kann mich davon auch nicht freisprechen. Es ist aber ein Unterschied, ob einzelne Studis oder Dozent_innen mit Fremwörtern prahlen (oder auf Diskussionen und Theorie verweisen, oder Theorien mit der vorgeblichen Autorität einzelner Wissenschaftler abwerten), oder ob das ganze System auf diesen Bluff beruht. Man muss am Anfang des Studiums oftmals Latein lernen. Man muss aber am Ende des Studiums nie Alltagssprache lernen.

    Aber studiert haben die Kinder von studierten Angehörigen der Elite ja vorher ebenso wenig wie die Arbeiterkinder, mit denen sie Abitur gemacht haben. Die stehen in der Uni alle erstmal vor einer riesigen Wand von Begriffen und Formulierungen.

    Das sehe ich anders. Eine Anekdote: Bei einem Hegel-Seminar bei Ludwig Siep beantwortete eine Studentin eine Frage mit der persönlichen Erfahrung, dass wir im Studium immer mehr zu uns kommen, was Herr Siep bejahte und wo ich dachte: Hilfe, nein, alles wird immer nur noch fremder. Die unterschiedliche Wahrnehmung ist der sozialen Herkunft geschuldet: eine Akademikertochter wird durch das Studium zu Akademikerin, also das, was sie seit ihrer frühesten Kindheit kennt. Ein Arbeiterkind entfernt sich mit jedem neu gelernten Fremdwort hingegen weiter von seiner Herkunftsfamilie.

  10. 10 Janitor 03. Juni 2010 um 22:33 Uhr

    Eine Akademikertochter wird durch das Studium zu Akademikerin, also das, was sie seit ihrer frühesten Kindheit kennt.

    Meinst du wirklich, dass z.B. ein studierter Philosoph seinem Kind vor dem Einschlafen Hegel oder ein Soziologe dem seinigem Bordieu erklärt?

    Ein Arbeiterkind entfernt sich mit jedem neu gelernten Fremdwort hingegen weiter von seiner Herkunftsfamilie.

    Nun gut, für einen Handwerker z.B. ist so etwas wie Hegel auch überhaupt nicht nützlich… falls es das überhaupt für irgendwen ist, da kenne ich mich nicht aus. Falls er aber trotzdem Interesse an Hegel hat, wird er sich sicher über ein studiertes Arbeiterkind freuen, das ihm das Ganze „arbeiterlich“ erklären kann. Im Übrigen „entfernt“ sich jeder Mensch durch Spezialisierung gleichwelcher Art von anderen Menschen. So auch der Sohn, der Jurist wird, von seinem Vater, der Arzt, Soziologe oder Handwerker ist. Wenn man natürlich irgendwann so „durchakademisiert“ ist, das man die Sprache seiner nicht-studierten Familie nicht mehr beherrscht, dann sollte man sich wirklich Sorgen machen.

  11. 11 Andreas 03. Juni 2010 um 23:18 Uhr

    Meinst du wirklich, dass z.B. ein studierter Philosoph seinem Kind vor dem Einschlafen Hegel oder ein Soziologe dem seinigem Bordieu erklärt?

    Nein. Professoren_innen wollen gar nicht, dass ihre Kinder das selbe studieren wie sie. Sagen sie. Und meinen sie vielleicht auch wirklich. Aber… siehe selbst
    Tatsächlich scheinen Bildungskultur und Bildungssystem so kompatibel zu sein, dass Akademikerkinder in die Uni rein- und mit Abschluss wieder rausrutschen. Auch sie müssen lernen und büffeln. Aber es sehr viel weniger kantig. Es passt.

    Im Übrigen „entfernt“ sich jeder Mensch durch Spezialisierung gleichwelcher Art von anderen Menschen. So auch der Sohn, der Jurist wird, von seinem Vater, der Arzt, Soziologe oder Handwerker ist.

    Das wage ich zu bezweifeln. Juristen und Ärzte bewegen sich auf Augenhöhe, anerkannte Soziologen auch, obwohl sie sich schräg anschauen. Handwerker sind da ne andere Liga und Langzeitarbeitslose erst recht.

    Preisfrage: warum hat Lena die Eurovision gewonnen?

  12. 12 Janitor 03. Juni 2010 um 23:22 Uhr

    Preisfrage: warum hat Lena die Eurovision gewonnen?

    Keine Ahnung. Ich weiß auch gar nicht, ob ich die Antwort mit Fassung ertragen kann.

  13. 13 Andreas 03. Juni 2010 um 23:34 Uhr

    Naja, sie hat aufgrund ihrer „Natürlichkeit“ gewonnen. Aber „Natürlichkeit“ gibt es nicht. Vor zigmillionen Menschen, die einen anschauen, kann man als 19jährige nur „natürlich“ wirken, wenn der eigene Großvater Leiter des Präsidalamtes gewesen ist.

    Hierzu passt auch wieder eine Anekdote: In einem Kolloquium wurde zur Vorbereitung der Prüfung gesagt: „Sei einfach natürlich“. Aber das klappt eben nur bei Akademikerkindern. Wenn ich „nur natürlich“ sein wollte, würde ich plattdeutsch sprechen und naürlich durchfallen.

  14. 14 Luz 04. Juni 2010 um 0:29 Uhr

    Vor zigmillionen Menschen, die einen anschauen, kann man als 19jährige nur „natürlich“ wirken, wenn der eigene Großvater Leiter des Präsidalamtes gewesen ist.

    Entschuldige bitte, aber das kann ja wohl nicht dein ernst sein. Du sprichst nur solchen Menschen „Natürlichkeit“ vor einem großem Publikum (oder allgemein in der Öffentlichkeit) zu, die in ihrer Familiengeschichte mal einen Dipolmaten, sprich Akademiker hatten?! Gehts noch? Arbeiterkinder sind also so dermassen von der Welt diskriminiert, dass sie, wenn sie in der großen Öffentlichkeit stehen total untergehen?

    Im Prinzip diskriminiert ihr euch alle nur selbst, weil es den andern – inklusive Arbeiterkindern wie mir – total auf den Nerv geht, dass ihr unnötig Distanzen aufbaut, die den meisten Menschen, eben genau aus diesem Umfeld, total fremd sind. Ich war auf einer Hauptschule, ich habe dann meine Matura gemacht und ich studiere hier in Deutschland und ich kann meinen „natürlichen“ Dialekt nicht benutzen, weil er einfach für den Großteil unverständlich ist. Genau so wie der Plattdeutsche DIALEKT nichts ist, mit dem man Punkten kann. Weil AMTSSPRACHE Hochdeutsch ist.
    Arbeiterkinder stehen Akademikerkindern in nichts nach, vll finanziell, klar, aber komm schon. Das Geld in den Arsch geschoben bekommen nur wenige Studenten. Und gegen die eine Front zu bilden ist einfach nur lächerlich. Als würde es nicht wesentlichere Probleme im Bildungssystem geben.

  15. 15 Admin 04. Juni 2010 um 0:29 Uhr

    Beitrag gelöscht. Es geht auch ohne persönliche Angriffe, oder?

  16. 16 Andreas 04. Juni 2010 um 1:14 Uhr

    Du sprichst nur solchen Menschen „Natürlichkeit“ vor einem großem Publikum (oder allgemein in der Öffentlichkeit) zu, die in ihrer Familiengeschichte mal einen Dipolmaten, sprich Akademiker hatten?!

    Exakt. Ich habe „Natürlichkeit“ in Anführungszeichen gesetzt, weil nichts daran natürlich sein kann, sich als 19jährige vor hundert Millionen Menschen zu inszenieren. Dennoch wirkt sie „natürlich“. Plausibel ist das meiner Meinung nach nur dadurch zu erklären, dass ihr Großvater täglich mit Bundespräsidenten zu tun hatte.

    Im Prinzip diskriminiert ihr euch alle nur selbst, weil es den andern – inklusive Arbeiterkindern wie mir – total auf den Nerv geht, dass ihr unnötig Distanzen aufbaut, die den meisten Menschen, eben genau aus diesem Umfeld, total fremd sind.

    Wo bauen wir „unnötig Distanzen“ auf? Du meinst, wenn wir die Klappe halten, werden plötzlich Arbeiterkinder genauso oft Hiwistellen bekommen wie Akademikerkinder und sie erhalten dann genauso häufig Stipendien wie Studierende aus der höchsten Herkunftsklasse?
    Ende der 1990er Jahre haben Arbeiterkinder die Klappe gehalten, als die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien verabschiedet wurden. Andere, nämlich Schwule, Lesben, Selbsthilfegruppen für behinderte und chronisch kranke Menschen und Selbsthilfeorganisationen für Alte, hielten nicht die Klappe, sondern sie intervenierten. Das Resultat: sexuelle Orientierung, Behinderung und Alter wurden als zu schützende Gruppenmerkmale in die Antidiskriminierungsrichtlinien aufgenommen. Soziale Herkunft ist rausgeflogen. Weitere Konsequenz: Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes hat nun bei Prognos eine Studie in Auftrag gegeben, wo zur „Diskriminierung an Hochschulen“ geforscht wird. Pech für die Arbeiterkinder: „soziale Herkunft“ kommt als potentieller Diskriminierungsgrund im Forschungsdesign nicht vor, weil es kein vom AGG geschützter Diskriminierungsgrund ist, weil damals die Arbeiterkinder schön die Klappe gehalten haben.

  17. 17 Luz 04. Juni 2010 um 1:49 Uhr

    Plausibel ist das meiner Meinung nach nur dadurch zu erklären, dass ihr Großvater täglich mit Bundespräsidenten zu tun hatte.

    Plausibel ist das meiner Meinung nach danach zu erklären, dass diese Frau einfach Selbstbewusst ist. Dass ihr Großvater ernsthaft etwas zu ihrer Darstellung und zu ihrem Selbstbewusstsein den Medien gegenüber beigetragen haben soll ist mir ehrlichgesagt schleierhaft. Ich glaube nämlich, dass ich durchaus in der grossen Öffentlichkeit ein selbstbewusstes Bild abgeben könnte. Und ich schätze mein Großvater, der bei der Wehrmacht war, beeinflusst mich diesbezüglich nicht. Ums mal hart auszudrücken.

    Wo bauen wir „unnötig Distanzen“ auf? Du meinst, wenn wir die Klappe halten, werden plötzlich Arbeiterkinder genauso oft Hiwistellen bekommen wie Akademikerkinder und sie erhalten dann genauso häufig Stipendien wie Studierende aus der höchsten Herkunftsklasse?

    Quatsch! Ich glaube einfach, dass dieser Gedanke, dass die Arbeiterkinder allein die armen, gebeutelten Studenten sind lächerlich ist. Ich kenne genügend Studenten aus der Arbeiterklasse, die einene HiWi-Stelle bekommen haben. Genauso wie welche, die Stipendien bekommen haben. Ich finde es einfach nur schwierig, wenn man aus etwas, das, meiner – und auch vieler anderer – Meinung nach kein ernstzunehmendes Problem ist ein Phänomen macht, das eben nur vereinzelt vorhanden ist, aber nicht großräumig. Und sich damit selbst diskriminiert, weil eben, wie in den Texten vorhanden, dargestellt wird, dass man als Arbeiterkind intellektuell keine Möglichkeit hat durchzukommen. Das ist einfach nicht so.
    Genau so, wie der Habitus etwas ist, das man eher im inneren fühlt und nicht unbedingt nach aussen hergibt, da der Habitus inkorporiert ist und durch die familäre Sozialisation entstanden ist. Man kann ja schließlich auch seinen Standort innerhalb des Habitus wechseln. Wie wirst du sein, wenn du, als Arbeiterkind Akademiker bist? Anders als alle anderen? Vll in der Wunschvorstellung aber im Prinzip doch genau so wie (die meisten) anderen Akademiker.

    Und jetzt mal ohne scheisss: ich fühle mich teilweise eher durch meine Familie diskriminiert, als durch mein Umfeld. DAS wäre vll mal ein wesentlich interessanterer Ansatzpunkt;

  18. 18 Luz 04. Juni 2010 um 2:03 Uhr

    Ende der 1990er Jahre haben Arbeiterkinder die Klappe gehalten, als die europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien verabschiedet wurden. Andere, nämlich Schwule, Lesben, Selbsthilfegruppen für behinderte und chronisch kranke Menschen und Selbsthilfeorganisationen für Alte, hielten nicht die Klappe, sondern sie intervenierten.

    Ja, weil, wie ich jedenfalls der Meingung bin, Homosexuelle, Frauen, ausländische oder chronisch kranke oder behinderte Menschen WESENTLICH mehr diskriminiert werden als „Kinder der Arbeiterklasse“.
    Meine Güte, mich hab noch nie jemand nach meiner „Klassenabstammung“ gefragt. Und die Klassenabstammung ist auch nichts, das man einem ansieht, im gegensatz zum Frausein, Ausländer sein, Behindert sein. Das hat nichts mit „Klappe halten“ zu tun, sondern mit einem intelligenten Einschätzen der Lage.
    Sorry, ich kanns nicht nachvollziehen. Ich hab schon als Putze, als DISHWASHER und sonstwas gearbeitet. Aber ich fühle mich nicht diskriminiert. Es gibt schlimmeres, würd ich meinen.

  19. 19 Andreas 04. Juni 2010 um 3:05 Uhr

    Plausibel ist das meiner Meinung nach danach zu erklären, dass diese Frau einfach Selbstbewusst ist.

    Das ist keine Erklärung. Man ist nicht einfach selbstbewusst, weil man selbstbewusst ist. Man kann lernen, selbstbewusst zu werden oder man kann auch verlernen selbstbewusst aufzutreten. Das hat aber sehr viel mit Sozialisation zu tun.

    Dass ihr Großvater ernsthaft etwas zu ihrer Darstellung und zu ihrem Selbstbewusstsein den Medien gegenüber beigetragen haben soll ist mir ehrlichgesagt schleierhaft.

    Warum? Wenn es seit frühester Kindheit ganz natürlich ist, dass dein Opa ganz natürlich vor Fernsehkameras spricht – wieso soll das keinen Einfluss haben? Vor allem heutzutage, wo es wieder modern ist die Vererbung von Begabung, Intelligenz, etc zu behaupten.

    Ich glaube einfach, dass dieser Gedanke, dass die Arbeiterkinder allein die armen, gebeutelten Studenten sind lächerlich ist.

    Es behauptet keiner, dass die Arbeiterkinder allein die gebeutelten Studenten sind. Der neue Dishwasher, also das Papier-Magazin, hat den Schwerpunkt Race, Class, Gender. Wir gehen davon aus, dass sich die Diskriminierungsformen überschneiden und versuchen Diskriminierungshierarchien zu vermeiden.

    Ich kenne genügend Studenten aus der Arbeiterklasse, die einene HiWi-Stelle bekommen haben.

    Ja, ich kenne auch Arbeiterkinder, die Hiwi-Stellen und die Stipendien haben. Aber es geht hier nicht um persönliche Bekanntschaften, sondern um statistische Werte. Und da zeigen sich ganz krasse signifikante Ergebnisse zu ungunsten von Arbeiterkindern. Erst hatte die Konstanzer AG für Hochschulforschung festgestellt, dass Arbeiterkinder bei Stipendien benachteiligt werden, dann die HIS und zuguterletzt das Allensbach-Institut Allensbach Institut: Arbeiterkinder und Migrantenkinder bei Stipendien benachteiligt. Du müsstest dich verdammt anstrengen, um alle drei Studien zu widerlegen. Es ist jetzt ein neues Stipendiengesetz durchgewunken worden und das ist noch schlechter als das davor. Wir haben als Arbeiterkinder keine Lobby!

    Und sich damit selbst diskriminiert, weil eben, wie in den Texten vorhanden, dargestellt wird, dass man als Arbeiterkind intellektuell keine Möglichkeit hat durchzukommen.

    Wir stellen nur Statistiken dar. Arbeiterkinder haben die Möglichkeit durchzukommen. Aber nur wenige. Sollen wir uns was vormachen, um die Motivation nicht zu verlieren?

    Genau so, wie der Habitus etwas ist, das man eher im inneren fühlt und nicht unbedingt nach aussen hergibt, da der Habitus inkorporiert ist und durch die familäre Sozialisation entstanden ist.

    Der inkorporierte Habitus ist nicht „im“ Körper, sondern verkörpert. Schwitzen, Rot werden, schneller Herzschlag, stottern, stolpern, zittern, all das sind die Gemeinheiten, die unser Körper mit uns anstellt, wenn wir das Gefühl haben, am falschen Platz zu sein; und zum inkorporierten Habitus gehört auch das eingespielte Verhalten am Tisch oder eine Chef-Mimik, die wir als Arbeiterkinder uns nicht bei unseren Eltern abschauen konnten, die aber wirksam ist. Du wirst dich in Deutschland schon zehnmal als Arbeiterkind verraten haben, bevor man heraushört, dass du Österreicher bist.

    Man kann ja schließlich auch seinen Standort innerhalb des Habitus wechseln. Wie wirst du sein, wenn du, als Arbeiterkind Akademiker bist?

    Ein Zwitterwesen, ein Straddler. Ich werde natürlich nicht so sein wie meine Eltern. Und bereits das unterscheidet mich dann von anderen Akademikern, die sich mit ihren Eltern von Akademiker zu Akademiker unterhalten können. Und hinzu kommt: Arbeiterkinder werden auch mit Doktorgrad und den allerbesten Noten nicht in die Wirtschaftselite aufsteigen.

    Und jetzt mal ohne scheisss: ich fühle mich teilweise eher durch meine Familie diskriminiert, als durch mein Umfeld. DAS wäre vll mal ein wesentlich interessanterer Ansatzpunkt

    Das kann gut sein. Aber dann schließe doch bitte nicht von dir auf andere. Nicht alle Arbeiterfamilien diskriminieren ihre Kinder. Im Gegenteil. Auch hier empfiehlt es sich, eigene Erfahrungen UND statistische Erhebungen zu betrachten.

  20. 20 Andreas 04. Juni 2010 um 3:19 Uhr

    Ja, weil, wie ich jedenfalls der Meingung bin, Homosexuelle, Frauen, ausländische oder chronisch kranke oder behinderte Menschen WESENTLICH mehr diskriminiert werden als „Kinder der Arbeiterklasse“.

    Das stimmt nicht. Und das stimmt erstrecht nicht für das Bildungssystem.
    Die Studie „Diskriminierung im Alltag“ im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und die auf zehn Jahre angelegte Studie zur gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit kommen zum Schluss, dass klassenspezifische Diskrimierungsgründe eine sehr große Rolle spielen.
    Bei der aktuellen Studie zur „Diskriminierung an Hochschulen“ wurde mir von der Antidiskriminierungsstelle des Bundes mitgeteilt, dass ihnen schon bewusst ist, dass Soziale Herkunft ein wesentlicher Diskriminierungsgrund sei, dass sie dies aber NICHT erforschen DÜRFEN.
    Der Menschenrechtsbeobachter der UN, Vernor Munoz, sieht hier in Deutschland die Menschenrechte verletzt, ebenso die Unicef, die davon sprach, dass in Deutschland die Menschen bereits im Alter von zehn Jahren für ihr ganzes folgendes Leben fest einsortiert werden und das es sehr schwer sei, aus dieser Sortierung herauszukommen. Hinzu kommt dann auch noch, dass die Einkommensunterschiede und vor allem die Vermögensunterschiede extrem wachsen und dass in kaum einem anderen europäischen Land die Arbeitslosenquote so stark mit dem Bildungserfolg verknüpft ist wie in Deutschland.

  21. 21 Andreas 04. Juni 2010 um 3:30 Uhr

    Die Sozialerhebung aus Österreich liegt übrigens soeben vor, ist aber erst noch beim Parlament. Hier einige Zahlen:

    Erstsemestrige aus bildungsnahen Familien waren im Studienjahr 2008/2009 um das 2,6-fache überrepräsentiert. Im Jahr 1990 lag dieser Wert bei 4,1. Seit 2000 hat er sich bei rund 2,8 eingependelt.

  22. 22 Janitor 04. Juni 2010 um 10:44 Uhr

    @ Admin: Kann, muss aber nicht. Außerdem ist das mein arbeiterlicher Habitus, den muss man pflegen.

  23. 23 Administrator 04. Juni 2010 um 12:18 Uhr

    Außerdem ist das mein arbeiterlicher Habitus, den muss man pflegen.

    Du hast die Argumentationsebene gewechselt und nicht mehr sachlich argumentiert, sondern unfreundlich und ohne Belege deinem Diskussionspartner die intellektuelle Kompetenz abgesprochen. Sowas findet sich vor allem in Seminarsituationen und das hat nichts mit „arbeiterlichen Habitus“ zu tun.

  24. 24 Administrator 04. Juni 2010 um 13:48 Uhr

    … und tschüss …

  25. 25 Mexicola 08. Juni 2010 um 11:46 Uhr

    Danke und großes Lob an Andreas für die scharfsinnige Argumentation! Wird langsam Zeit, dass über das Thema „Diskriminierung der Arbeiterkinder“ gesprochen wird. Interessant, dass selbst das zu Aufruhr führt. Schließlich hat doch noch niemand etwas verlangt…
    Ich weiß, dass ich mich hiermit zwar auf persönliche Erfahrungen beziehe, aber „zwischen“ zwei sozialen Klassen zu bestehen, ist durchaus mit einer Existenz zwischen zwei sich grundlegend unterscheidenden Kulturen zu vergleichen. Noch dazu beide Grenzgänge – den sozialen und den kulturellen – miteinander vereinbaren zu wollen, ist eine Herausforderung, eine Belastung. „Natürlich“ ist da nur das totale Chaos.

  26. 26 Carl 09. Juni 2010 um 20:58 Uhr

    Ich finde es sehr interessant zu beobachten (bei mir selbst und bei anderen Menschen), wie die Leute sich in unterschiedlichen Kontexten verhalten.
    Das ist insbesondere faszinierend bei Personen, die sich in zwei sozialen Schichten aufhalten. Man könnte meinen es ist ein ganz anderer Mensch… und was ist dann sein wahres selbst?

    So als ob man gar keine echte Persönlichkeit hätte, sondern diese kontextspezifisch ist. Man benutzt in verschiedenen Situationen zum Beispiel ganz andere Wörter oder hat zum Teil sogar unterschiedliche Werte, eine andere Art sich zu verhalten.

    Verstehst du, was ich meine?

  27. 27 Andreas 28. Juni 2010 um 20:59 Uhr

    Hi Carl,

    ich halte sowieso nicht soviel von einer Kernidentität, sondern von verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen in einer Person. Es gibt ja auch sowas wie die „Innere Konferenz“, wo man bestimmte Persönlichkeiten in sich ausmacht, die man zu einer gewaltfreien Konferenz an einen Tisch bittet. Zwischen Persönlichkeitsspaltungen und inneren Konferenzen besteht ein fließender Übergang. Oder verharmlose ich damit Persönlichkeitsspaltungen? Postmoderne Psycholog_innen gehen noch einen Schritt weiter und stellen die Identität als einen Beziehungsknoten dar, da man die Anforderungen in einer globalisierten Welt gar nicht mehr mit einem starren Identitätsmuster bewältigen kann.

    Dennoch ist das alles nicht beliebig. Ich kann in akademischen Institutionen nicht so selbstsicher und lässig auftreten wie in meiner Herkunftsfamilie – da setzt mir tatsächlich mein Körper Grenzen, weder meine Artikulation noch meine Bewegungen sind fließend und „natürlich“.

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