Sinan – Sohn seiner Klasse

Phönix „Klasse“ – ein ehemals verbrannter Begriff

von Andreas Kemper

Sinan, ein junger Rapper, bezeichnet sich nicht nur stolz als Arbeiterkind, sondern macht dies zu seinem Image. Wie ist das möglich? Als vor vier Jahren in Wikipedia der Artikel „Arbeiterkinder“ angelegt wurde, gab es noch mehrfach Löschanträge. Der Begriff sei antiquiert, heute gäbe es keine Arbeiter und damit auch keine Arbeiterkinder mehr (zeitgleich existierten weit über 10.000 Wikipedia-Artikel in der Kategorie „Adel“). Der Soziologe Franz Schultheis brachte es 2005 auf den Punkt in seinem Nachwort zur empfehlenswerten Studie „Gesellschaft mit begrenzter Haftung. Zumutungen und Leiden im deutschen Alltag“: Begriffe wie Klasse und Arbeiter wirkten seltsam überholt, ja es wirkte geradezu peinlich, würde man sich dieser Wortwahl bedienen:

„Damit einher geht ein beachtliches Maß an Sprachverlust bzw. Sprachzerstörung, welches sich unter anderem darin äußert, dass die bis vor wenigen Jahren noch gewohnten und eingefleischten Begriffe zur Beschreibung des Gesellschaftlichen einen guten Teil ihrer Aussagekraft verloren haben, merkwürdig leer und von der Geschichte überholt scheinen und oft der Selbstzensur zum Opfer fallen, ohne dass man über geeignete alternative Begriffe verfügte, um diese Wirklichkeit in angemessener Weise zu beschreiben und zu verstehen. Konzepte wie „Klassen“ oder „Schichten“, „Hierarchie“ oder „Elite“ wirken heute hohl. Scham und Peinlichkeitsgefühle, die üblicherweise Fehltritte bei den Regeln guten Benehmens begleiten, machen sich bei ihrem Gebrauch bemerkbar und geben einem das Gefühl, man habe sich im Saal geirrt und sehe den falschen Film.“ (Frank Schultheiss, S. 576)

Als wir 2003 unser Refererat für studierende Arbeiterkinder einrichten wollten, was schwer genug war, mussten wir Begriffe wie „Klasse“ und „Arbeiterkinder“ vermeiden. Nicht wir, sondern die Gegner des Referats nannten dies „das Klassenkampfreferat“.
Nun aber scheint sich etwas zu ändern. Bereits der unglaubliche Medien-Erfolg von Arbeiterkind.de zeigt, dass das Wort „Arbeiterkind“ zumindest nicht mehr so abschreckend sein kann, dass es medial tabuisiert wird.

Sinan – Sohn seiner Klasse

Auf der Website der Anarchosyndikalist_innen „Syndikalismus.tk“ entdeckte ich einen aktuellen Beitrag zum Rapper „Sinan“. Sinan ist der jüngere Bruder des vielleicht bekannteren Rappers Cool Savas, mit dem er aber nicht in einen Topf geworfen werden möchte. Inhalt des Beitrags ist der Hinweis auf den „Klassenkampf-Rap“ und tatsächlich heißt die aktuelle CD von Sinan nicht nur „Sohn seiner Klasse“, sondern er singt von sich als „Arbeiterkind“. Zusätzlich zu einigen Videos von Sinan veröffentlicht „Syndikalismus.tk“ ein Interview mit Sinan.
Ich gebe zu, dass ich keine Ahnung von HipHop habe. Viele populäre Rapper äußern sich sexistisch und homophob. Diese Kritik kann man nicht nur als eine „mittelschichtsfeministische“ abtun. Dennoch lässt sich HipHop nicht über einen Kamm scheren. Lady Sovereign wäre hier ein Gegenbeispiel, welches ich eher durch Zufall kenne. Und auch von Sinan habe ich gerade erst die beiden Videos im Syndikalismus-Blog entdeckt.
Natürlich, auch wenn Text und Auftreten in den Videos nicht als sexistisch zu werten sind, so ist der Androzentrismus, also die Zentrierung auf das Männliche, offensichtlich. Nicht der (Hetero-)Sexismus einiger Rapper ist hier präsent, sondern der Klassenkampf, hinter dem alle anderen Unterdrückungs- und Diskriminierungsformen zurückzutreten haben. So wirkt es auf mich.

Aber Sinan ist sehr jung. Wichtiger als die Klassenkampf-Parolen sind seine Aussagen am Ende des Interviews im Video auf der Syndikalismus-Seite, wo er sagt „du solltest alles hinterfragen, du solltest alles lesen, sei ein selbstdenkender Mensch, glaub auch nicht, was dein Lehrer dir sagt“. Sein Vater saß jahrelang im türkischen Knast, weil er Flugblätter verteilte.

Das gesamte Interview findet sich hier: Miseryrawdeluxe

Bröckelnde Diskurshoheit?

Die hegemoniale Besetzung der Begriffe „Klasse“, „Arbeiter“ und „Arbeiterkind“ mit Peinlichkeits- und Schamgefühlen zerbricht. Sinan wirkt nicht antiquiert sondern authentisch. Er wundert sich, dass vor ihm noch niemand auf die Idee gekommen ist, dieses Feld musikalisch zu besetzen. Und dieses Feld scheint einen weiten freien Horizont zu haben, wofür auch der Name der Crew (er sieht sie als experimentelle Plattform) „Krieger der Sonne“ spricht. Aber Sinan hat dieses Feld nicht geschaffen, er hat es entdeckt und wundert sich. So wie Katja Urbatsch sich gewundert hat und wahrscheinlich noch immer wundert, dass inzwischen über 1.300 Mentor_innen ihrer Initiative Arbeiterkind.de beigetreten sind; und so, wie wir uns vom Dishwasher-Team wundern, dass wir in den ersten Tagen bereits tausende von Besucher_innen auf unserer Seite hatten, wörtlich aber wahrscheinlich sogar im übertragenden Sinne „auf unserer Seite“.

Es ist nicht nur wieder möglich, von Arbeiterkindern und Klassenfragen zu sprechen. Die Arbeiterkinder selbst beginnen als Arbeiterkinder in der Sprache der „Politik in der ersten Person Plural“ zu sprechen. Gelingt es, diese Politik nicht als Speerspitze zu begreifen, sondern respektvoll und neugierig im Austausch mit anderen emanzipatorischen Praxen voranzukommen? Oder ist dieser Phönix nur kurz erflammt in der Hitze einer verfehlten Bildungspolitik und der Weltwirtschaftskrise?

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2 Antworten auf „Sinan – Sohn seiner Klasse“


  1. 1 Shockthetop 12. Februar 2010 um 0:41 Uhr

    Hallo, ich wollt mal fragen, ob jemand weiß wo dieser sinan politisch wirklich einzuordnen ist, d.h. nicht nur „links“ oder „sozi“, sondern konkreter „pablist“, „anarcho-syndikalist“ und was es sonst noch für späße gibt…

  2. 2 Administrator 12. Februar 2010 um 3:31 Uhr

    Hi Shockthetop

    Bei Syndikalismus.tk gibt es Spekulationen über seine Zuordnung. Jemand vermutet dort, dass er als Kommunist der DKHP-C zuzuordnen sei. Wir haben dazu keine Infos.

    Vielleicht fragst du ihn einfach selber ;-)

    Lieben Gruß

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