Zufälle

Erfahrungsbericht von anonymous

In der Grundschule haben wir eines schönen Tages mal die Bibliothek unserer 3000-Einwohner-starken Gemeinde im Osten Deutschlands besucht. Ich bin aus der Klasse wahrscheinlich der Einzige gewesen, der in den folgenden Monaten(Jahren?) dort regelmässig zu Besuch war und sich nacheinander sämtliche Bücher über Chemie und Biologie ausgeliehen hat.
Später, während eines klassisch ostdeutschen Urlaubs auf Usedom, hab ich eine Werbebroschüre vom Gehweg aufgehoben in der CompuServe das „Internet“ bewarb. Freier Zugang zu den größten Bibliotheken der Welt. Damit stand mein Hobby für die nächsten Jahre fest. Ich war in unserer Gegend auf mich allein gestellt, und zu der Zeit wurde man noch komisch angeschaut, wenn man viel am Computer saß. Spätestens in diesen Jahren habe ich mich daran gewöhnt, nicht „dabei“ zu sein. Mein Sachkunde-Lehrer empfahl meinen Eltern, mich aufs Gymnasium zu schicken, sie haben es selbst gar nicht erwogen. Wegen Deutsch, Französisch und Geschichte war meine Hochschulreife auch ein paar mal gefährdet, in der 10ten Klasse sprach sich ein ebenso verständiger und aus der Masse herausstechender Mathelehrer für mich bei meinen Eltern aus. Durch Zufall habe ich im Abi einen (damals) einzigartigen, exakt meinen Interessen entsprechenden Studiengang entdeckt und den Sprung ans andere Ende von Deutschland gewagt. Wobei Physik/Chemie in der nächstgrößeren Stadt vermutlich auch nicht so schlecht gewesen wäre, wer weiß. Jedenfalls, ein paar Jahre später, von meiner mehr oder weniger zufällig bei ihm eingereichten Diplomarbeit beeindruckt, sorgt nun ein Professor für mich. Besonders für die notwendige soziale Schmierung und Kontakte.

Dass Sozialisierung eine wesentliche Rolle spielt, wenn ich im Vorstellungsgespräch demütig meine Fertigkeiten beschreibe oder in Jeans und T-Shirt auf der Abschlussveranstaltung mein Diplom entgegennehme, ist mir erst irgendwann in der Studienzeit klar geworden. Ebenso die Einsicht, dass Politiker nicht nur anders entscheiden als ich es würde, sondern tatsächlich zum großen Teil inkompetent, ignorant und fremdbestimmt sind.

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3 Antworten auf „Zufälle“


  1. 1 Carl 03. Februar 2010 um 12:59 Uhr

    @anonymus: Interessanter Erfahrungsbericht. Er verdeutlich die Notwendigkeit von Bibliotheken. Ich teile deine Meinung über Mathe, Physik und Chemie zwar nicht und mein Mathelehrer hat sich immer gegen mich ausgeprochen ;) , aber meine Gemeinschaftskundelehrerin hat die Liebe zu Wissenschaft in mir entfacht. Deswegen schließe ich mich deiner Meinung über gute Lehrer an.

    @ Moderator: Übrigens scheint bei einigen Artikeln die Kommentarfunktion nicht zu funktionieren.

  2. 2 Administrator 03. Februar 2010 um 15:42 Uhr

    Hallo Carl,
    schreib uns doch mal an, was genau nicht funktioniert hat.

    Zur Bibliothekenfrage
    Zur Bibliothekenfrage hatte das Fikus-Referat sich vor drei Jahren schon engagiert, dann wurde aus strategischen Gründen doch der Haushalt für die Stadtbüchereien in Münster nicht ganz so zusammengestrichen und unsere Gruppe „Working Class Students“ hat sich aufgelöst.

    Für mich war die Stadtteilbibliothek ebenfalls außerordentlich wichtig. Ich nehme an, dass viele Arbeiterkinder von Stadtbüchereien profitiert haben.

    Es gab in den letzten Jahren ein massives Bibliothekensterben. Wie sieht das jetzt aus? Ist Euer Dorf, Stadtteil gut mit Bibliotheken versorgt?

    Lieben Gruß
    Andreas

  3. 3 anonymous 03. Februar 2010 um 19:00 Uhr

    Die Bibliothek ist umgezogen, jetzt noch etwa halb so gross im Keller des relativ neuen Ratshauses. Wenn man den Eingang zu dem Restaurant gleich nebenan irgendwie verpasst und sich stattdessen versehentlich auf den Hinterhof verirrt, findet sich der geheime Eingang. Ist aber auch nicht weniger versteckt als frueher.

    Sicher sind Bibliotheken etwas sehr fassbares, das sich messen und reparieren laesst. Aber Bibliotheken sind auch uncool. Sie sind was fuer feine Leute, wie Museen und Theater. In Zeiten des Internets ist ihr Wert noch deutlich schwerer zu vermitteln. In 2 Jahren wird man dich in der Uni schief ansehen wenn du ein Buch nicht als pdf auf einem eReader hast. Jedenfalls bei den eher technischen Wissenschaften.

    Ich finde viel wichtiger dass hier 3 mal Lehrer beteiligt waren. Wenn die Eltern von frueh bis spaet fuers Einkommen ackern muessen, getrennt leben oder sich selbst schon aufgegeben haben ist die Schule das zweite zu Hause. Ueberhaupt benehmen sich Kinder anders wenn die Eltern anwesend sind, sodass sie ungute Tendenzen erst viel spaeter erkennen. Und innerhalb des Mikrokosmos Schule, wo sich losgeloest von der Realitaet ganz eigene Wertesysteme und Gesellschaftsordnungen bilden, sind Lehrer die Verbindung zur Wirklichkeit. Gute Lehrer wecken Interesse, erkennen Probleme und Potential. Diese drei Dinge sind sehr wichtig. Schlechte Lehrer machen in allen drei Punkten das Gegenteil, ob sie wollen oder nicht. Es gibt viele Grenzfaelle, aber es gibt auch sehr eindeutige Faelle. Sport-Lehrer die Informatik unterrichten oder Geschichtslehrer mit Alkoholproblemen.

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