Thesen zur Klassengesellschaft

Am 03.02.2010 hatten wir eine kleine Diskussionsrunde zum Thema Klassengesellschaft. Der Hintergrund ist die Frage, ob und wie der Begriff der „Klasse“ genutzt werden kann, wenn die Problematik „Arbeiterkinder im Bildungssystem“ politisch diskutiert wird.
Mittlerweile ist nahezu unbestritten, dass wir in einer Klassengesellschaft leben. Aber was sind Klassen? Ist Klassenherrschaft vor allem ökonomisch definiert wie bei Marx oder hat sie etwas mit dem „sozialen Habitus“ zu tun, wie Bourdieu analysiert? Oder lassen sich die Konzepte miteinander verbinden?

Wir haben die Veranstaltung aufgezeichnet und werden die Vorträge von Tobias Fabinger und Andreas Kemper als Audio-Dateien demnächst hier zur Verfügung stellen.

Die einleitenden Vorträge von Andreas Kemper sind hier nachzulesen:

    Der Klassenbegriff bei Karl Marx
    Der Klassenbegriff bei Pierre Bourdieu
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30 Antworten auf „Thesen zur Klassengesellschaft“


  1. 1 Tipp 06. Februar 2010 um 0:00 Uhr

    Ein Lektüretipp zum Thema.

  2. 2 Andreas 06. Februar 2010 um 3:34 Uhr

    Hi Tipp

    Danke für den Lektüretipp. Die Gruppe „Destruktive Kritik“, also der münsteraner Ableger vom Gegenstandpunkt, war leider nicht bei der Diskussion zugegen.

    Schade. Wir hatten bereits eine Diskussion mit Freerk Huisken vor zwei, drei Jahren, das war sehr spannend. Aber ich denke, dass sich die Gegenstandpunktler_innen in der Bildungspolitik noch immer am Begriff der Leistungsideologie und der Chancengleichheit abarbeiten, wo doch inzwischen die Begabungsideologie und die Chancengerechtigkeit die Bildungspolitik bestimmt.

    Andreas

  3. 3 anmerkung 06. Februar 2010 um 6:43 Uhr

    hi andreas,

    huisken hat sich meines wissens durchaus auch mit der begabungsideologie auseinandergesetzt (im kapitalismus-bildungs-buch), so wie sich die „gegenargumente“ zB auch in ihrer rassismus-broschüre mit klassenrassismus auseinandergesetzt haben.

    die begabungsideologie ist ja nichts anderes als klassenrassismus, weil die sozialen verhältnisse in das individuum projiziert werden.

  4. 4 Andreas 06. Februar 2010 um 17:39 Uhr

    Hi Anmerkung,

    danke für den Hinweis auf die Rassismus-Broschüre bzw. auf den dort thematisierten Klassenrassismus.

    Wichtig bei der Unterscheidung zwischen Chancengleichheit und Chancengerechtigkeit ist, dass bei der Kritik an der Chancengleichheit das Konkurrenzdenken in den Vordergrund gestellt wird, die Leistungsgesellschaft, wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen, jeder hat seine Chance etc. Das ist ja auch richtig. Aber es wird falsch, wenn gesagt wird, der Kapitalismus verhalte sich neutral gegenüber Arbeiterkindern, diese Neutralität sei zwar ungerecht, weil ungleiches (ungleiche materielle voraussetzungen bei formaler chancengleichheit) gleich behandelt werde, aber letztlich sei es ihm egal, ob ein Arbeiterkind oder ein Akademikerkind Ingenieur_in, Führungskraft oder ALG II-Empfänger_in wird. Und das ist eben falsch. Der Kapitalismus verhindert mit Nachdruck und nicht nur formal, dass Arbeiterkinder aufsteigen (Ausnahmen bestätigen die Illusion „Vom Tellerwäscher zum Millionär). Siehe Elterngeld, siehe die Elternaufstände in Hamburg und Berlin, siehe die Bildungskrankheiten „Lese- und Rechtsschreibschwäche“, „Rechenschwäche“, ADHS, die dafür da sind zugunsten von Akademikerkindern das Chancengleichheitsprinzip und die Leistungsideologie zu unterlaufen.

  5. 5 anmerkung 06. Februar 2010 um 18:36 Uhr

    hi,

    ne, chancengelichheit ist falsch, weil damit eben noch gar nicht garantiert ist, dass sich die chance realisieren lässt – damit ist erstmal nur gesagt: abstrampeln ist gut, probier’s mal; jetzt ist allerdings der kapitalismus so beschaffen, dass immer jemand auf die schnauze fällt, man auf sich selber verwiesen ist und was man da so an eigentum vorzuweisen hat – entweder nur die ware arbeitskraft oder mehr.

    alle werden gleich behandelt: nämlich als eigentümer. es gibt hier KEINE bevorzugung, was sich aber negativ niederschlägt für leute, die nur über ihre eigene arbeitskraft verfügen und diese zu widrigsten bedingungen zum markte tragen müssen. gleichbehandlung schlägt sich dementsprechend nieder: der eigentümer namens arbeiter hat halt nicht so viele ressourcen auf die er zurückgreifen kann. in der welt des eigentums ist das saublöd.

    was gefordert werden müsste – wenn man schon reformerisch unterwegs sein will –, ist eine RADIKALE UNGLEICHBEHANDLUNG, nämlich eine POSITIVE DISKRIMINIERUNG von arbeiterkindern in bislang nicht bekanntem ausmaße durch den staat.
    die chancen, dass sowas aufgenommen wird, stehen gering. denn die deutsche politik hat sich dazu entschlossen mit ganz anderen maßnahmen ihren wirtschaftsstandort in schwung zu halten. arbeiterkinder werden wieder bevorzugt dem niedriglohnsektor zugeführt; die zwischendurch mal dagewesene bildungsreform, die manchem arbeiterkind das unistudium ermöglichte, war übrigens auch keine uneigennützige tat, sondern diente auch der stärkung des standorts im wettbewerb.

    elterngeld ist strenggenommen gleichbehandlung: jeder nach dem, was er geleistet hat zuvor. du hattest ja die chance, aufzusteigen und viel zu verdienen! hast du sie nicht genützt, dann ist das dein problem.

    aber auch in andren ländern, wo es gar kein elterngeld gibt, gibt es armut und jede menge arbeiterkinder, die von bildung ausgeschlossen sind. auch dort reproduziert sich die arbeiterklasse als arbeiterklasse, bleibt also auf dauer davon abhängig, ob man sie gut ausbeuten kann oder nicht.

  6. 6 anmerkung 06. Februar 2010 um 18:42 Uhr

    lese- und rechtsschreibschwäche. das ist zB ein faktum. liegt aber nicht an den kindern, sondern an den verhältnissen, in denen sie unterwegs sind. auch hier ist die forderung nach gleichbehandlung falsch, selbst wenn man reformerisch sein will. man müsste auch hier ungleichbehandlung fordern, also einfordern, dass benachteiligte kinder etwas kriegen, was nicht-benachteiligte kinder nicht kriegen (zB weil sie es eh schon haben, weil ihre eltern als eigentümer gut dastehen): förderunterricht etc. förderunterricht ist keine gleichbehandlung, wie schnell klar wird, wenn man sich anschaut, dass da auf die INDIVIDUELLEN bedürfnisse eingegangen wird – statt, wie sonst üblich, unter dem titel „gleichheit“ von ihnen abzusehen.

  7. 7 anmerkung 06. Februar 2010 um 18:44 Uhr

    tut mir leid, für die vielen kommentare; das ist derweilen der letzte kommentar: du forderst gleichbehandlung, obwohl ungleichbehandlung wichtig wäre – es ist falsch so zu tun, als wären alle gleich. nachweislich sind menschen nicht gleich, sondern ganz unterschiedlich in ihren bedürfnissen und zB auch in ihrem förderbedarf; insbesondere im kapitalismus.

  8. 8 Andreas 06. Februar 2010 um 20:00 Uhr

    Hallo anmerkung

    Die Kommentare sind doch super, dafür brauchst dich nicht zu entschuldigen. Aber ich habe wahrscheinlich zu deinen letzten drei Kommentaren eine abweichende Position.

    Zum einen sind wir uns einig: Chancengleichheit ist falsch. Sie fordert die formale Gleichbehandlung und ignoriert die materielle Ungleichheit. Ob Affirmative Action hier die Lösung ist, sei dahingestellt. Eventuell wird das der Schwerpunkt der nächsten Papier-Ausgabe vom Dishwasher.

    Meine Position geht aber über die Kritik an der Chancengleichheit hinaus. Kriterium der aktuellen Bildungspolitik ist nicht mehr die Chancengleichheits- und Leistungsideologie, sondern die Chancengerechtigkeits- und Begabungsideologie. Daher tauchen plötzlich diese ganzen „Schwächen“ auf: Lese- und Rechtschreibschwäche, Rechenschwäche, Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom, … Hätten wir ein Leistungsdogma in der Schule wäre ganz klar: jemand, der nicht gut lesen oder rechnen kann oder nicht aufmerksam ist, bringt nicht die geforderte Leistung in den Fächern und gehört deshalb nicht auf das Gymnasium. Dafür ist schließlich dieser Rassismus der Intelligenz da: die, die nicht so gut sind, kommen auf die Schule der weniger guten. Wir haben aber nicht mehr das Dogma der Leistungsideologie, sondern das der Begabungsideologie. Jetzt können nämlich die privilegierten Eltern sagen: okay, mein Sohn / meine Tochter kann zwar nur schlecht lesen/schreiben, rechnen oder ist nicht aufmerksam. Aber es ist begabt und hat nur eine bestimmte Schwäche, die die Begabung nicht vollends zur Geltung bringt. Es muss daher zum Gymnasium, aufgrund seiner Begabung, nicht aufgrund seiner Leistung.

    Wir müssen konstatieren, dass reiche Eltern sich von Mittelschichtseltern und Mittelschichtseltern von Eltern aus den sogenanten unteren Schichten auf Distanz gehen. Akademiker_innen bekämpfen die Aufstiegsmöglichkeiten von Arbeiterkindern.

  9. 9 anmerkung 06. Februar 2010 um 20:54 Uhr

    hallo andreas,

    Hätten wir ein Leistungsdogma in der Schule wäre ganz klar: jemand, der nicht gut lesen oder rechnen kann oder nicht aufmerksam ist, bringt nicht die geforderte Leistung in den Fächern und gehört deshalb nicht auf das Gymnasium. Dafür ist schließlich dieser Rassismus der Intelligenz da: die, die nicht so gut sind, kommen auf die Schule der weniger guten. Wir haben aber nicht mehr das Dogma der Leistungsideologie, sondern das der Begabungsideologie.

    ich verstehe den gegensatz nicht. denn in der welt des eigentums schlägt sich die verfügung über eigentum (sehr oft nur über die eigene arbeitkraft) entsprechend nieder. gleichbehandlung von sozial ungleichem führt zu ungleichheit.

    und leistung ist etwas, was von unterschieden absieht – da wird eben nicht berücksichtigt, von wo aus jemand startet, sondern nur, ob er gleich weit kommt wie die, die von ner besseren position aus starten (weil sie halt zugriff auf mehr ressourcen haben, über mehr eigentum verfügen; bzw. ihre eltern). genau das sieht man glasklar an der selektion durch noten. es geht um die gleichheit, die durch den notendurchschnitt hergestellt wird und an dem alle gleichermaßen gemessen werden unter absehung ihrer voraussetzunge. das ist was sehr brutales, weil es einzelnen, die von weiter unten starten und noch so große fortschritte machen, einen maßstab aufdrückt, der ihnen nie und nimmer gerecht wird! zum schluss, das ist ja eines der schlimmsten ergebnisse des ganzen selektionsprozesses, denken dann viele selber, sie seine „zu blöd“.

    die leistungsideolgie sagt: wo ein wille, da ein weg.
    wenn einer den weg nicht schafft – also nicht gleichauf zieht –, heißt es: der ist zu faul. aber wieso ist der zu faul? die ideolgische antwort lautet: entweder weil er moralisch und sittlich und kulturell verdorben ist (paul nolte) oder aber – und das ist dann doch der ziemlich logische übergang in den begabungsrassismus –, weil er MINDERWERTIG ist.

    klar grenzen sich viele akademiker/innen ab – hab ich schon festgestellt und das ist auf jeden fall zu kritisieren. ABER es sind nicht die akademiker/innen, die die armut verursachen und die damit im zusammenhang stehende bildungsnot vieler – sondern das ist der kapitalismus, und der staat, der ihn auf solida grundlagen stellt, leistet da auch sehr viel.

  10. 10 anmerkung 06. Februar 2010 um 20:56 Uhr

    korrektur: natürlich ist bereits die aussage: „der sitzt unten in der armut, weil er zu faul ist“ hochideologisch. – nicht dass das falsch gelesen wird. ungeschickt ausgedrückt.

  11. 11 Carl 06. Februar 2010 um 21:00 Uhr

    Ich bin auch immer skeptisch, dass inzwischen in gewissen Kreisen jede zweite Mutter glaubt, ein hochbegabtes Kind mit ADHS zu haben. Wenn du aber jetzt behauptest, dass es überhaupt kein ADHS gibt, begehst du den gegenteiligen Fehler. Immerhin ist das eine anerkannte Krankheit und betrifft auch nicht nur Mittelschichtskinder.

    Tut mir ebenfalls leid für die vielen Kommentare hier und bei den anderen topics. Ich möchte die Diskussion nicht unvorteilhaft dominieren.

    Vielleicht äwre es möglich, ein Diskussionsforum einzurichten.

  12. 12 Carl 06. Februar 2010 um 21:04 Uhr

    @Anmerkung: „You do not wipe away the scars of centuries by saying: ‚now, you are free to go where you want, do as you desire, and choose the leaders you please.‘ You do not take a man who for years has been hobbled by chains, liberate him, bring him to the starting line of a race, saying, ‚you are free to compete with all the others,‘ and still justly believe you have been completely fair . . . This is the next and more profound stage of the battle for civil rights. We seek not just freedom but opportunity—not just legal equity but human ability—not just equality as a right and a theory, but equality as a fact and as a result.“

  13. 13 Andreas 06. Februar 2010 um 21:12 Uhr

    Hi anmerkung

    Wir sind uns einig, was die Leistungsideologie im Kapitalismus angeht. Diese ist brutal und ungerecht, weil Ungleiches gleich behandelt wird. Bzw. es wäre brutal und ungerecht, wenn Ungleiches gleich behandelt werden würde.

    Aber: es ist ja eben nicht so, dass ein Arbeiterkind, welches einen Notendurchschnitt von 2,3 hat, auf ein Gymnasium kommt und ein Kind aus der höchsten Dienstklasse mit einem Notendurchschnitt von 3,5 in die Hauptschule. Sondern das Arbeiterkind kommt mit 2,3 bestensfalls auf die Realschule und das Kind aus der höchsten Dienstklasse kommt auf jeden Fall auf ein Gymnasium (oder auf eine Elite-Schule) auch mit einem noch so schlechten Notendurchschnitt.

    Die Realität ist also sehr viel brutaler. Lehrerkinder werden besser behandelt als Kinder aus armen Migrantenfamilien. Selbst wenn sie gleichziehen und damit sehr viel mehr Leistung erbracht haben, werden Kinder aus „unteren Schichten“ noch benachteiligt. Die Leistungsideologie und Chancengleichheit zählt nicht mehr (dass sie ungerecht war, darüber sind wir uns einig). Dort, wo die formale Chancengleichheit wieder eingeführt werden soll (in Hamburg und Berlin) gehen die gutbürgerlichen Eltern auf die Barrikaden.

    Den Kampf dieser reichen Eltern für die Privilegierung ihrer Kinder und implizit damit die Diskriminierung von Arbeiterkindern würde ich gerne als Klassenkampf bezeichnen. Wie denn sonst. Hierfür ist es aber nötig, den Begriff der Klasse nicht grob in zwei Raster „Kapitaleigner – Arbeitskraftverkäufer“ einzuteilen. Diese Einteilung verwischt reale soziale Kämpfe um Privilegien. Es geht mir nur um die Begrifflichkeit. Dass das ökonomische System auf diese Zweitteilung beruht, denke ich auch. Aber für den Kampf gegen soziale Diskriminierung, Ausbeutungs-, Macht- und Herrschaftsverhältnisse brauchen wir einen politischen und keinen ökonomsichen Klassenbegriff.

  14. 14 Andreas 06. Februar 2010 um 21:34 Uhr

    Hi Carl

    Deine Kommentare sind willkommen.
    Zum ADHS: ich möchte gar nicht in Frage stellen, dass es sich beim ADHS, bei Legasthenie und Rechenschwäche um anerkannte Krankheiten handelt. Kann sein, kann auch nicht sein. Ich streite es nicht ab. Das war nicht der Punkt. Aber wenn die Aufteilung der Schule in drei oder vier Leistungsanforderungsklassen Sinn machen soll, dann kann man nicht einfach sagen: mein Kind bringt nur deswegen die Leistung nicht, weil es eine Krankheit hat. Entweder wir verabschieden uns von der brutalen sozialen Selektion nach Leistung oder wir behalten sie bei. Bei diesen Ausnahmeregelungen steht die Aussage im Hintergrund: „mein Kind ist nicht so dumm wie die anderen, die ZURECHT auf der Hauptschule sind, es hat nur einfach Legasthenie (oder ADHS oder Dyskalkulie)“.
    Aber bitte versteh mich nicht falsch: natürlich müssen alle Kinder bestens gefördert werden.

  15. 15 Carl 06. Februar 2010 um 22:00 Uhr

    @Andreas: Früher war ich für Gesamtschulen. Inzwischen hat sich meine Meinung geändert. Das liegt unter anderem an den Arbeiten von Kurt Heller, der den Gesamtschulen eine stärkere soziale Selektivität bescheinigt als dem dreigliedrigen Schulsystem, oder auch an den Arbeiten von Helmut Fend. Beide, Heller und Fend, waren ursprünglich Befürworter der Gesamtschule.

    Das bedeutet nun freilich nicht, dass ich das dreigliedrige Schulsystem befürworte. Ich wäre für etwas Drittes.

    Jeder kennt die reichen Eltern, die plötzlich, wenn ihr Kind droht vom Gymnasium zu fliegen, feststellen, dass es eine geheime Hochbegabung gepaart mit geheimen ADHS hat. Wenn das auch nichts bringt, schicken sie ihr Kind auf ein Privatgymnasium und dort hat es plötzlich Traumnoten. Natürlich hat das angeblich überhaupt nichts damit zu tun, dass man sich auf privaten Gymnasien gute Noten kaufen kann…
    Solche Eltern können eine Plage sein. Vor allem auch für ihre eigenen Kinder.

    Daneben ist ADHS aber auch eine Krankheit nach ICD-10 und wer sie wirklich hat, ist ein armes Schwein und sollte behandelt werden.

    Bist du mit dem Admin identisch? Können wir ein Diskussionsforum für diese Seite haben? Ich würde das wirklich gut finden.

  16. 16 Andreas 06. Februar 2010 um 22:18 Uhr

    Hallo Carl,

    was ADHS angeht, sind wir uns wahrscheinlich einig.

    Zum Diskussionsforum:
    Ich bin einer der Admins. Aber wir entscheiden so etwas gemeinsam. Ich könnte es vorschlagen. Sehe aber noch nicht den großen Nutzen. Ich finde es bislang noch besser, wenn anhand von Artikeln / Beiträgen diskutiert wird. Und es ist ja auch möglich, Gastbeiträge zu schreiben. Diese können an asta.fikus@uni-muenstergeschickt werden.
    Ich werde deinen Vorschlag am Montag einbringen.

    Lieben Gruß
    Andreas

  17. 17 Carl 06. Februar 2010 um 22:30 Uhr

    Ich würde mich darüber freuen. Ein Forum hat mehrere Vorteile. Zum Einen ist es demokratischer, weil in einem Forum jeder sofort einen Beitrag schreiben kann. Zum anderen werden in einem Forum Themen nicht „nach unten gedrückt“, beziehungsweise sie werden wieder nach oben geholt. Dadurch kann auch jemand, der auf einen alten Beitrag geschrieben hat, mit einer Antwort rechnen.
    Ein Forum würde ja nicht bedeuten, dass man nicht mehr auf die anderen Beiträge antworten könnte. Es wäre eher eine Ergänzung.

  18. 18 Neoprene 06. Februar 2010 um 22:44 Uhr

    Ich fände es auch angemessener, wenn politische Diskussionen mehr forenbasiert ablaufen würden. Blogs sind einfach dafür technisch weniger geeignet. Gerade bei umfangreicheren Diskussionssträngen mit mehreren Verzweigungen sind Threads schnell ätzend unübersichtlich und schrecken neue Beiträge eher ab.

  19. 19 Andreas 06. Februar 2010 um 22:59 Uhr

    Okay, wir werden es diskutieren. Ein Problem wird dabei sein, dass wir neben Blog und Wiki auch das Forum noch warten müssen. Es ist übrigens auch möglich, das Wiki als Diskussionsplattform zu nutzen: Beispielseite des Wikis

  20. 20 anmerkung 07. Februar 2010 um 23:45 Uhr

    hi andreas,

    ich verstehe dich nicht – du sagst selber: chancengleichheit und leistungsideologie sind schlecht; um dann zu bedauern, dass es das – angeblich – nicht mehr gibt. ich glaube ja, die leistungsideologie existiert nach wie vor – und die begabungsideologie ist nur ihr spiegelbild.

    Aber: es ist ja eben nicht so, dass ein Arbeiterkind, welches einen Notendurchschnitt von 2,3 hat, auf ein Gymnasium kommt und ein Kind aus der höchsten Dienstklasse mit einem Notendurchschnitt von 3,5 in die Hauptschule.

    a.) eltern, die die begabungsideologie verinnertlicht habe: sie haben es nicht so weit gebracht und denken von sich selber jetzt, „wir sind blöd“ – und ziehen das auch beim kind durch.
    b.) lehrer/innen. dazu hat bourdieu geschrieben, dass es sinnlos sei, den lehrer/innen das system anzulasten. es ist eine strukturelle sache, keine individuelle.

    Den Kampf dieser reichen Eltern für die Privilegierung ihrer Kinder und implizit damit die Diskriminierung von Arbeiterkindern würde ich gerne als Klassenkampf bezeichnen.

    es handelt sich in beiden fällen – wir reden ja nicht von kapitalist/innen bislang – um lohnabhängige. du redest ja auch von lehrerkindern – kapitalisten sind lehrer nun wirklich nicht.
    es handelt sich um ausfluss des auch unter lohnabhängigen stattfindenden wettbewerb. jeder muss schauen, wo er bleibt, will er nicht untergehen. jeder gegen jeden. dazu gehört natürlich auch sowas.

    den arbeiterkindern haftet was an – dass ihre eltern es nicht geschaft haben, denn wo ein wille, da ein weg – es wird ihnen als faulheit, also verkommenheit, und/oder als minderwertigkeit angelastet. das gilt natürlich für die kinder genauso. apple hat das im anderen thread schon gut umschrieben.

    aber daraus, dass viele bei dieser ideologie mitmachen, werden sie nicht automatisch zu kapitalisten (einer anderen klasse). zumindest nicht im marxschen sinne. aber vllt im soziologien-sinne, ja.

  21. 21 Andreas 08. Februar 2010 um 1:04 Uhr

    Hi anmerkung

    In deinem Beitrag ist ein leichter Klassismus enthalten.

    Unter a) gehst du auf die Begabungsideologie der (nach Bourdieu) „beherrschten Klassen“ ein und nicht auf die Begabungsideologie der privilegierten Klasse. Dabei orientieren sich die Arbeiter_innen lediglich an dem, was die Leher_innen vorgeben. Sie müssen dafür überhaupt keine Begabungsideologie verinnerlicht haben. Es sind die Akademiker_innen, die von den Lehrer_innen-Empfehlungen abweichen, und das, obwohl die Lehrer_innen ihre Kinder sowieso schon privilegieren. Diese Privilegierung reicht den Akademiker_innen nicht. Nicht bei den angelernten oder den Facharbeiter_innen ist eine Begabungsideologie internalisiert, sondern bei den Akademiker_innen und Lehrer_innen. Trotzdem thematisierst du eine Begabungsideologie bei den Arbeiter_innen. Bei diesen wirkt aber eher die symbolische Gewalt.

    Zu b): Beides greift ineinander: der Klassismus in der Struktur und der Klassismus der Lehrer_innen. Vorrangig ist die Schulsstruktur, da gebe ich dir recht. Aber mit dem Verschwinden einer diskriminierenden Struktur verschwinden nicht automatisch auch individuelle Vorurteile.

    Es kämpft auch nicht jeder gegen jeden im Konkurrenzkapitalismus. Die Bildungsbürger_innen schließen sich zusammen, um ihre Privilegien gegen die Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien durchzusetzen. Und bislang wehren sich die Arbeiter- und Migrantenfamilien noch nicht nennenswert kollektiv.

    Diese Akademiker_innen, die sich im Schulkampf für ihre Privilegien einsetzen, wollen auch gar nicht Kapitalisten werden. Sie organsieren sich trotzdem als politische Klasse.

  22. 22 anmerkung 08. Februar 2010 um 11:56 Uhr

    hi andreas,

    ich hab keine lust zu debattieren, wenn willentlich fehlgelesen wird.

    frag doch das nächste mal – bei ner anderen person (denn ich bin jetzt weg) – nach, wenn du dir wo nicht sicher bist – statt ihr zu unterstellen, sie würde nur bei arbeiter/innen ne begabungsideologie am werke sehen.

    und natürlich haben auch arbeiter/innen diese ideologie internalisiert, war bourdieu auch klassenrassist?

    es ist so: du willst ein feindbild und ein traumbild. – viel spaß

  23. 23 anmerkung 08. Februar 2010 um 11:59 Uhr

    Es kämpft auch nicht jeder gegen jeden im Konkurrenzkapitalismus. Die Bildungsbürger_innen schließen sich zusammen, um ihre Privilegien gegen die Kinder aus Arbeiter- und Migrantenfamilien durchzusetzen.

    lol

    ich, akademikerin, hab also keine konkurrenz. muhaha

    da haste ja ne tolle verschwörung aufgedeckt.

  24. 24 Andreas 08. Februar 2010 um 13:12 Uhr

    Hi anmerkung,

    ich habe schon richtig gelesen. du bist auf mein zitat:

    Aber: es ist ja eben nicht so, dass ein Arbeiterkind, welches einen Notendurchschnitt von 2,3 hat, auf ein Gymnasium kommt und ein Kind aus der höchsten Dienstklasse mit einem Notendurchschnitt von 3,5 in die Hauptschule.

    eingegangen, indem du bei den „eltern, die die begabungsideologie verinnerlicht haben“ nur die Eltern benennst, „die es nicht so weit gebracht haben“:

    a.) eltern, die die begabungsideologie verinnertlicht habe: sie haben es nicht so weit gebracht und denken von sich selber jetzt, „wir sind blöd“ – und ziehen das auch beim kind durch.

    Die Eltern, die „es zu was gebracht haben“ und die denken „wir sind begabt“, die die Begabungsideologie sehr viel stärker verinnerlicht haben als irgendwer sonst und ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Begabungsideologie haben, lässt du außen vor.

    Zu dem zweiten Punkt: Ich habe nicht gesagt, dass Akademiker_innen keine Konkurrenz haben. Neben diesen Konkurrenzen gibt es aber auch Zusammenschlüsse. Beispielsweise hier: wir wollen lernen. Diese Gruppierung verfolgt ein gemeinsames Ziel, welches meiner Meinung nach auf eine Privilegiensicherung hinausläuft. Nicht alle Akademiker_innen unterstützen diese Gruppe. Aber sie besteht – soweit ich weiß – hauptsächlich aus bessergestellten Eltern: Christian Füller: Mein Kind first. Ich hatte nicht vor, dich persönlich anzugreifen und das lässt sich aus meinen Kommentaren auch nicht ableiten.

  25. 25 Administrator 10. Februar 2010 um 3:55 Uhr

    Hi Carl und Neoprene

    Wir haben am Montag das Thema „Diskussionsforum“ diskutiert. Es war umstritten und wir haben uns darauf geeinigt, erstmal kein Diskussionsforum einzurichten. Das Wiki kann als Diskussionsforum genutzt werden und ist ebenso demokratisch wie ein Forum, da jede_r dort posten kann, der/die angemeldet ist. Ich habe dort im Wiki eine Diskussion über die Struktur des Internetauftritts vom Dishwasher begonnen. Die Handhabung des Wikis ist sehr leicht. Um sich anzumelden ist nur nötig, dass man sich einen Nickname und ein Passwort ausdenkt und schon kann man loslegen. Einfach an der verlinkten Stelle ausprobieren!

  26. 26 anmerkung 10. Februar 2010 um 20:31 Uhr

    Die Eltern, die „es zu was gebracht haben“ und die denken „wir sind begabt“, die die Begabungsideologie sehr viel stärker verinnerlicht haben als irgendwer sonst und ein Interesse an der Aufrechterhaltung der Begabungsideologie haben, lässt du außen vor.

    ja, weil um die ging es nicht. es ging nämlich um:

    Aber: es ist ja eben nicht so, dass ein Arbeiterkind, welches einen Notendurchschnitt von 2,3 hat, auf ein Gymnasium kommt und ein Kind aus der höchsten Dienstklasse mit einem Notendurchschnitt von 3,5 in die Hauptschule.

    dass ich weiß, dass es akademiker/innen, die diese ideologie verinnerlicht haben – und zwar zuhauf –, sollte man eigentlich aus meinen restlichen kommentaren herauslesen können.

    ich empfehle dir das bourdieu-interview „wie die kultur zum bauer kommt“ (im gleichnamigen buch) – da wird das, was ich beschrieben habe, auch beschrieben. EIN ergbenis der schulischen selektion ist, dass sich die opfer dann in der regel selber für loser halten. bourdieu, so ein klassenrassist!

    und: hast du das noch nie gehört: „die/der soll was gscheit’s lernen statt blöd aufs gynasium zu gehen!“ nein? interessant! ich nämlich schon.

    kennst du fliessbandbaby?

    fließbandbaby war nur zur volksschule gegangen,
    ihr vater hatte gesagt, dass sie sowieso mal heiratet und dass arbeiterkinder dümmer sind.
    fließbandbaby war damals noch zu jung, um zu kapieren, dass ihr vater zu wenig geld hatte, um das zu beurteilen.

  27. 27 Andreas 11. Februar 2010 um 1:48 Uhr

    Naja, das eine ist symbolische Gewalt: die Unterdrückten übernehmen die Sichtweise der Unterdrücker und sagen: ich habs ja auch nicht besser verdient.

    Das ist aber zu unterscheiden von den tatsächlichen Ursachen für die soziale Selektion im Bildungswesen. Tatsächlich gibt es – anders noch als in den 1950er Jahren – eine starke Bildungsaspiration der beherrschten Klasse für ihre Kinder. „Du sollst nicht studieren“ ist eine Aussage, die auch in der beherrschten Klasse nur noch sehr selten vorkommt. So selten, dass sie vernachläßigbar ist gegenüber den tatsächlichen Bildungsbarrieren. Selbst die untersten Schichten, die sich in der Regel an Lehrer_innen-Empfehlungen halten (symbolische Gewalt!) möchten ihre Kinder eher auf ein Gymnasium sehen als die Lehrer_innen dieser Kinder.

    Verhindert wird der Schulerfolg (Abitur) von Kindern aus der beherrschten Klasse nicht von den Eltern aus diesem Milieu, sondern von den Lehrer_innen und vor allem von der Schulstruktur, der Gesellschaftsstruktur und den Eltern mit akademischen Hintergrund.

  28. 28 anmerkung 11. Februar 2010 um 12:30 Uhr

    hi andreas,

    verhindert wird der erfolg durch das schulssystem, das der ausbildung geeigneter arbeitskräfte für den nationalen wirtschaftsstandort dient.

    dazu: es kann nie jeder erfolg haben. um sieger zu sein, muss im kapitalismus immer jemand verlierer sein.

    wenn eltern wie von dir beschrieben so handeln, dann weil sie ganz genau wissen, dass ihre kinder tatsächlich einen schaden nehmen in diesem scheisssystem, wo noch der kleinste mist – bis hin zur note im nebenfach (1 oder 2) oder dem ruf der schule – über lebenschancen (mehr gibt es eh nicht in diesem system) entscheidet. das ist die basis, auf dem all das stattfindet.

    wer die doppelt angeschmierten sind, ist ja bekannt. da widerspreche ich dir nicht.
    aber: da das ganze ne basis hat, auf dem das gedeiht – nämlich selektion für den nationalen standort –, nützt sehr oft frommes klagen nichts.
    ja, vielleicht finden manche akademiker/innen es selber mies, wenn sie so handeln, haben ein schlechtes gewissen …. aber die meisten wollen „eben das beste für ihr kind“. das wollen andere auch, haben aber die möglichkeiten nicht. im kapitalismus ist man eben darauf zurückgeworfen, was man hat. und das wird dann im kampf gegeneinander eingesetzt, statt dass man vernünftigerweise zusammenarbeitet. die ursache ist aber nicht ‚nur‘ eine falsche einstellung oder ideologische sichtweise, sondern die ganz reale tatsache, dass man verlierer ist, wenn man nicht zu den gewinnern zählt – und zum gewinnern wird man in diesem system, indem man andere zu verlierern macht. auf dieser basis gedient dann der ganze ideologische mist.

    ich meine einfach, die kritik müsste etwas weitergehen.

  29. 29 Andreas 11. Februar 2010 um 13:21 Uhr

    hi anmerkung

    verhindert wird der erfolg durch das schulssystem, das der ausbildung geeigneter arbeitskräfte für den nationalen wirtschaftsstandort dient.

    das stimmt eben nicht. das schulsystem dient nicht einfach nur „der ausbildung geeigneter arbeitskräfte für den nationalen wirtschaftsstandort.“ wenn dem so wäre, würde in den schulen ein striktes leistungsprinzip eingeführt. schüler_innen würden nicht nach der sozialen herkunft, sondern nach leistung selektiert. das bildungssystem wäre so ausgerichtet, dass es genügend ingenieur_innen gäbe und die studierendenquote würde auf ein level gehoben, dass dem der oecd-staaten entspräche.

    aber dem ist nicht so. die oecd, handwerkskammern, das diw, etc… alles keine menschenrechtsorganisationen, beklagen sich über das deutsche bildungssystem, weil es antiquiert ist und im vergleich zu den bildungssystemen anderer staaten zu wenig arbeitskräfte mit einer adäquaten ausbildung produziert.

    wir können am beispiel hamburg sehen, wer sich in der schulpolitik durchsetzt. ole von beust vertritt hier wirtschaftsinteressen: die bildungsverlierer_innen müssen zumindest ansatzweise schreiben und rechnen können, um verwertbar zu sein und die studierendenquote muss erhöht werden und es bedarf einer stärker auf leistung bezogenen selektion beim übergang von der grundschule auf das gymnasium. dagegen sträuben sich allerdings seine wähler_innen: ihnen sind die verwertungsinteressen der wirtschaft in dieser frage egal, ihnen geht es vielmehr darum, dass die privilegien ihrer eigenen kinder abgesichert werden.

    wir können an diesem konflikt sehr gut sehen, wie bildungspolitik gemacht wird und wer die akteur_innen sind. auch wenn dies für vertreter_innen bestimmter marxistischer positionen unmöglich ist: im hamburger schulstreit stehen kapitalinteressen gegen interessen der „gehobenen“ klassen. und das klasseninteresse setzt sich gegen das kapitalinteresse zumindest an einem punkt gerade durch: nicht die lehrer_innen sollen entscheiden, wer auf ein gymnasium kommt, sondern die eltern. es sollen also nicht die für die kapitalverwertung besten schüler_innen studieren, sondern die der reichen eltern.

  1. 1 Termin: Thesen zur Klassengesellschaft und Abendessen « Dishwasher Pingback am 05. Februar 2010 um 23:06 Uhr
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