Aufhebung der Grundschulbezirke fördert Selektion


Sie trieben ihn in eine Schule in der Oberstadt,
kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt.
Lernte Rumpf und Wörter beugen.

Nachdem in Münster die Einzugsgebiete der Grundschulen aufgelöst worden sind, haben sich die stadtteilspezifischen Anmeldungen verändert. Die soziale Selektion nimmt zu.
Ausgerechnet in den münsteraner Vierteln, die am Stadtrand liegen und in die gerne Menschen in prekären Verhältnissen abgeschoben wurden, zeigten 2009 einen dramatischen Einbruch bei den Anmeldungen für die erste Klasse. In Berg Fidel sank die Zahl der Anmeldungen von 49 auf 27. In Kinderhaus-West sieht es ähnlich aus, wurden dort in den letzten Jahren immer 65 bis 75 Anmeldungen registriert, so sind es jetzt nur noch 41. Grundschulen in Vierteln mit vielen Akademiker_innen erleben hingegen einen Boom bei den Anmeldungszahlen, in Gievenbeck etwa stieg die Zahl der angemeldeten Schüler_innen im vergangenen Jahr von 114 auf 164. Die SPD fordert nun die Wiedereinführung der Grundschulbezirke.

Spiel nicht mit den Schmuddelkindern

Die Aufhebung der Einzugsgebiete der Grundschulen führt zu einer weiteren Homogenisierung der Herkunftsmilieus der Schüler_innen. Die Grundschulen werden nicht ausgewählt aufgrund der pädagogischen Konzepte, sondern aufgrund der erwarteten herkunftsspezifischen Zusammensetzung der Schüler_innen. Es dürfte klar sein, dass nur privilegierte Milieus dazu in der Lage sind, ihre grundschulpflichtigen Kinder jeden Morgen quer durch die Stadt zu fahren und später wieder abzuholen.
Dies führt nicht nur zu einem erhöhten Mehraufwand, sondern auch zu einer „Entmischung“ der Stadtviertel in den Sozialkontakten der Grundschüler_innen: „Spiel nicht mit den Schmuddelkindern, sing nicht ihre Lieder, geh doch in die Oberstadt, machs wie deine Brüder“

Elternwille

Begründet wurde die Auflösung der Grundschulbezirke mit einer gewollten Konkurrenz zwischen den Grundschulen und der Respektierung des „Elternwillens“. Nicht berücksichtigt wird jedoch, dass „Elternwille“ ein Konstrukt ist, welches vor Rassismus, Klassismus und Klassenrassismus nicht halt macht. „Für mein Kind würde ich alles tun“ ist eine weithin anerkannte Einstellung, die vergisst, dass Werte wie Demokratie und die Respektierung der Würde von Menschen (und insbesondere auch die Würde der Kinder aus anderen Milieus) universell sind. Diesen „Elternwillen-Apologeten“ ist entgegenzuhalten, dass auch der Elternwille nur ein Wille ist und Kants kategorischer Imperativ bezogen auf den Elternwillen heißen müsste:

„Handle so, daß die Maxime deines Elternwillens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“ (frei nach: § 7 Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft, Kritik der praktischen Vernunft)

Eltern haben nicht das Recht, anderen Kindern Schaden zuzufügen, und Politiker nicht das Recht durch Änderungen in der Schulstruktur die dunkle Seite der Macht in den Eltern zu beschwören.
Nicht alle Akademiker_innen handeln aus einem Alles-nur-für-mein-Kind-Egoismus. Die Leiterin der Stadtbücherei Münster erzählte mir, dass ihre Kinder in einer Realschule lernen, und dass sie diese Entscheidung trotz Kopfschüttelns in ihrem Milieu verteidigt. Sie muss ihre Kinder nicht ins Gymnasium treiben. Es ist also eine freiwillige Entscheidung, ob man dem „Elternwillen zur Macht“ frönt.

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6 Antworten auf „Aufhebung der Grundschulbezirke fördert Selektion“


  1. 1 anmerkung 10. Februar 2010 um 20:16 Uhr

    n Berg Fidel sank die Zahl der Anmeldungen von 49 auf 27. In Kinderhaus-West sieht es ähnlich aus, wurden dort in den letzten Jahren immer 65 bis 75 Anmeldungen registriert, so sind es jetzt nur noch 41. Grundschulen in Vierteln mit vielen Akademiker_innen erleben hingegen einen Boom bei den Anmeldungszahlen

    und was sagt uns das? – dass die arbeiter-eltern den klassenrassismus verinnerlicht haben und ihre kinder nicht bei den arbeiterkinder haben wolle – ihre kinder sollen ja „was besseres“ werden. sag ich doch!

    Es dürfte klar sein, dass nur privilegierte Milieus dazu in der Lage sind, ihre grundschulpflichtigen Kinder jeden Morgen quer durch die Stadt zu fahren und später wieder abzuholen.

    wohnen in den vierteln, wo die anmeldungen sinken, prekäre oder nicht? wenn da v.a. arbeiter wohnen, dann liegt das sinken daran, dass die ihre kinder durch die stadt karren – die sparen sich halt allerlei ab, damit aus den kleinen mal „was besseres“ wird.

    die akademiker-kinder gingen immer schon in den akademiker-vierteln in die schule, daran kann die steigerung ja wohl nicht liegen, gell.

    „Für mein Kind würde ich alles tun“ ist eine weithin anerkannte Einstellung

    genau.

    man kann übrigens genauso umgekehrt argumentieren:

    Noch bis vor wenigen Jahren haben Nordrhein-Westfalens jüngste Schüler das Rechnen und Schreiben in einer Grundschule ihres Wohngebietes erlernt

    d.h. früher hat man arbeiterkinder abgeschottet in den arbeitervierteln in die schule geschickt, und akademikerkinder abgeschotten in akademikerschulen. nicht wahr? da hat man per verordnung die arbeiterkinder in den arbeitervierteln festgehalten. :P

    - mit klassistischen grüßen

  2. 2 Andreas 10. Februar 2010 um 23:04 Uhr

    Du irrst dich hinsichtlich der Frage der Milieuzugehörigkeit derjenigen, die ihre Kinder nun in andere Stadtviertel einschulen lassen.

  3. 3 anmerkung 11. Februar 2010 um 0:53 Uhr

    kann sein, dass ich mich da arg vertue.

    aber sobald man „elendsviertel“ hat (und das gab es immer schon und verstärkt sich noch), wohin die armen abgeschoben werden, nützt auch diese alte verordnung nichts.

    Eltern haben nicht das Recht, anderen Kindern Schaden zuzufügen

    das ist doch ein frommer wunsch. nach oben kommt nur, wer andere hinter sich lässt. es muss verlierer geben, damit es gewinner gibt.
    jetzt sagst du dann: ja, blöd. aber noch blöder ist, dass es unfair abläuft. aber das prinzip wird ja nicht besser, wenn’s fair abläuft. das willst du ja auch wieder nicht sagen …

    keine frage: wer da schlecht wegkommt, ist klar. aber da steckt eben schon so viel system dahinter …

    was machste, wenn die verordnung wieder eingeführt werden und die wohlhabenden dann alle wegziehen? das machen sie zT ja schon.

    die ideologie, die die mit sich rumschleppen hat ja ne materielle basis.

    gruß

  4. 4 Andreas 11. Februar 2010 um 1:07 Uhr

    hi anmerkung

    die ideologie, die die mit sich rumschleppen hat ja ne materielle basis.

    definiere „materielle basis“. einem einfachen basis-überbau-modell möchte ich nicht folgen.

    liebe Grüße
    Andreas

  5. 5 anmerkung 14. Februar 2010 um 23:55 Uhr

    hallo andreas,

    ich meine schlicht: es entscheidet über das eigene wohlergehen bzw. nicht selten: schlecht- oder noch schlechtergehen.
    ich zB kann es mir auch nicht leisten, hier und heute nicht mehr mitzumachen in der konkurrenz, ich habe das gar nicht in der hand.

    schon klar ist, dass sich das nur halten kann, wenn die überwiegende mehrheit mitmacht. daher ist ideologiekritik zentral.

    lg

  1. 1 Verhandlungen um Schulreform in Hamburg gescheitert « Dishwasher Pingback am 11. Februar 2010 um 1:26 Uhr
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