Nachhilfe – unfairer Ausgleich für fehlende Förderung

„Ausgaben für Nachhilfe – teurer und unfairer Ausgleich für fehlende individuelle Förderung“ ist der Titel einer Studie von Klaus und Annemarie Klemm im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Klaus Klemm sieht in den sehr hohen Ausgaben eine schwindende Chancengleichheit: „Finanzstarke Eltern können sich Nachhilfe leisten, finanzschwache möglicherweise nicht“
1,1 Millionen Schülerinnen und Schüler nehmen jährlich in Deutschland Nachhilfe in Anspruch.
Jede_r vierte Schüler_in hat demnach mindestens einmal bezahlte Nachhilfe erhalten. Insgesamt geben die Eltern für den Nachhilfeunterricht ihrer Kinder zwischen 942 und 1.468 Millionen Euro im Jahr aus.
Besonders alarmierend sei der Nachhilfeunterricht im Primarbereich, also während der Grundschule. Nach Klemm wollten die Eltern mit der bezahlten Nachhilfe für ihre Kinder eine Übergangsempfehlung für das Gymnasium erreichen:

„Eine Sonderauswertung der IGLU Studie aus dem Jahr 2006 hat ergeben, dass im Durchschnitt der Bundesländer 14,8 Prozent der Viertklässler Nachhilfe im Fach Deutsch erhalten. Dabei gibt es zwischen den Bundesländern deutliche Unterschiede. Während in Baden-Württemberg 18,5 Prozent der Viertklässler Nachhilfe in Deutsch bekommen, sind es in Mecklenburg-Vorpommern nur 8,8 Prozent.“

Nachhilfe habe sich inzwischen zu einem etablierten, privat finanzierten Unterstützungssystem neben dem öffentlichen Schulsystem entwickelt. „Allerdings können nicht alle Eltern ihren Kindern Nachhilfeunterricht ermöglichen, so dass es vor allem Kinder aus wohlhabenden oder höher gebildeten Elternhäusern sind, die von dieser Möglichkeit der außerschulischen Förderung Gebrauch machen können.“ so Klaus und Annermarie Klemm im Vorwort ihrer Studie.
Nachhilfe sollte daher möglichst wieder überflüssig gemacht werden. Internationale Vergleichsstudien zeigten, dass Länder wie Finnland, Kanada und die Niederlande (die in den PISA-Vergleichen hervorragend abschneiden) weitgehend ohne Nachhilfe auskommen. Die Empfehlung der Wissenschaftler_innen:

„Maßnahmen wie Abschulen und Sitzenbleiben – heute ein häufiger Anlass für Nachhilfeunterricht – sollten die Ausnahme im schulischen Alltag sein. Vielmehr können längeres gemeinsames Lernen in heterogenen Lerngruppen sowie Ganztagsschulen die individuelle Förderung und die Chancengerechtigkeit innerhalb des Schulsystems erhöhen.“

Bereits die Studie des WZB zum Underachievement vom letzten Jahr verwies auf die Bedeutung der bezahlten Nachhilfe beim Overachievement an Gymnasien, dass also viele Gymnasiasten eigentlich überfordert seien und sich nur durch Nachhilfe an den Schulen halten könnten.

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3 Antworten auf „Nachhilfe – unfairer Ausgleich für fehlende Förderung“


  1. 1 Carl 18. Februar 2010 um 13:37 Uhr

    Darf ich mal ein Thema vorschlagen, über das ihr auch noch schreiben könntet? Private Schulen! Man wird von den Medien mit Artikeln überschwemmt, die die Vorzüge dieser Schulen preisen. Das hat doch System! Dabei sind Privatschulen in den meisten Ländern ausgesprochen leistungsschwach. Dies kann in allen Studien, die die Privatschulen unabhängiger und objektiver Testung unterziehen, festgestellt werden. PISA kommt zum Beispiel zum Ergebnis: „Nach Bereinigung um den Effekt des sozioökonomischen Hintergrundes der Schülerschaft […] weisen die öffentlichen Schulen im Vergleich zu den Privatschulen im Durchschnitt der OECD-Länder einen Leistungsvorsprung von 12 Punkten auf“. (PISA 2006, Schulleistungen im internationalen Vergleich, S. 270)

    Könntet ihr etwas über dieses Thema schreiben? Oder könntet ihr, wenn das nicht geht, diesen Beitrag als Blog veröffentlichen? Ich finde das Thema wichtig – vor allem angesichts der Medienpropaganda für die Privatschule – und es gibt ja leider kein Diskussionsforum.

  2. 2 Administrator 18. Februar 2010 um 15:35 Uhr

    Done

    Wir veröffentlichen gerne auch Blogbeiträge, die nicht aus der Redaktion stammen. „Private Schulen / Unis“ ist bestimmt ein spannendes Thema.

    LG

  1. 1 „Gleiche Chancen in der Bildung“ « Dishwasher Pingback am 09. März 2010 um 16:19 Uhr
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