Immer mehr Eltern melden ihr Kind an einer Gesamtschule an

Presseerklärung des Landeselternrats der Gesamtschulen NW e.V. (LER), Düsseldorf, 26.02.2010:

Längeres gemeinsames Lernen im Trend – Neue Anmeldezahlen und die Fragwürdigkeit der Schulformempfehlungen

Im Jahr 2010 wurden 25,0 % der Viertklässler an eine Gesamtschule angemeldet. Seit dem Jahr 2000 ist die Quote von damals 19,8 % um mehr als ein Viertel gestiegen. Längeres gemeinsames Lernen, ein Schulangebot, in dem jeder Abschluss erreichbar ist, und eine Schulkultur, die jedem Kind eine Chance gibt, machen die Attraktivität der Gesamtschule aus. Drei neue Gesamtschulen in Bad Salzuflen, Köln-Nippes und Lippstadt nehmen erstmalig Kinder auf. Der Bedarf ist weit größer.

Da es aber immer noch zu wenig Gesamtschulplätze in NRW gibt, müssen auch in diesem Jahr trotz zurückgehender Schülerzahlen wieder 14.000 Kinder abgelehnt werden. Und immer noch gibt es Landkreise, in denen keine Gesamtschule angeboten wird. Wo es eine Gesamtschule gibt ist sie attraktiv, und es werden in der Regel weit mehr Kinder als die landesdurchschnittlichen 25 % angemeldet. So betrug die Quote in Wuppertal 42 %, in Solingen 50 % und in Velbert sogar 67 %.

Anmeldungen und Abweisungen

Der Vorsitzende der GGG NRW Werner Kerski erklärt dazu: „Die Landesregierung sollte dem Elternwillen folgen und Gesamtschulneugründungen fördern. Das Gegenteil ist der Fall. Es wird versucht, Neugründungen zu verhindern. Zudem wird den Kindern an den neuen Gesamtschulen per Grundsatzbeschluss der Landesregierung der Ganztag verwehrt.“ Besonders aktiv in der Ablehnungsfront zeigt sich wieder einmal der Kölner Regierungspräsident Hans Peter Lindlar. Mit aller Macht versucht er, Neugründungen zu verhindern. In Sankt Augustin müssen Eltern wie vorher in Bonn ihr Recht auf die freie Schulwahl einklagen. Mit Verfahrenstricks wird versucht, dem Elternwillen auf Neugründung einer Gesamtschule nicht nachzukommen. Damit wird das Grundrecht der freien Schulwahl missachtet.

Die Gesamtschulen melden einen landesweiten Anmeldeboom auch für ihre gymnasialen Oberstufen. Die Attraktivität der Gesamtschuloberstufe ist in einem Maße gestiegen, dass an vielen Orten mehr als die Hälfte der externen Anmeldungen nicht berücksichtigt werden können. So stehen an der Gesamtschule Saerbeck 75 Anmeldungen nur 33 Plätze und an der Gesamtschule Wesel den 71 externen Anmeldungen nur 24 Plätze gegenüber. Viele Schülerinnen und Schüler mit der Qualifikation für die gymnasiale Oberstufe müssen auf Grund fehlender Plätze abgelehnt werden. Diesen Jugendlichen wird die Chance zum Abitur verwehrt. Dies bedeutet eine grobe Ungerechtigkeit für die betroffenen Jugendlichen und lässt Bildungsreserven ungenutzt, die wir für die wirtschaftliche Entwicklung des Landes dringen benötigen.

Neue Daten zur Fragwürdigkeit der Schulformempfehlungen der Grundschulen

Die Diskussion um den Wert der Schulformempfehlungen der Grundschulen gem. § 11 (4) SchulG NRW, die die Grundschulen in der vierten Klasse formulieren und die derzeit für die Eltern eine verbindliche Vorgabe für die Wahl der weiterführende Schule in der Sekundarstufe I darstellen, kommt nicht zur Ruhe.

Neue Daten aus NRW

Die Schulleitungsvereinigung der Gesamtschulen hat daher das Anmeldeverfahren 2010 genutzt, um aktuelle Daten für einen Vergleich der ausgesprochenen Grundschulschulempfehlungen und der mit diesen Empfehlungen verbundenen Leistungsnoten zu erheben. Die Gesamtschule ist ja die einzige Schulform in NRW, der in analytisch verwertbarem Umfang Zeugnisse mit allen in NRW möglichen Schulformempfehlungen vorgelegt werden.

Von den ca. 220 Gesamtschulen haben 74 Schulen bereits Daten zur Verfügung stellen können. Im Interesse eines nachvollziehbaren Vergleichs wird im Folgenden auf die Daten derjenigen Schulen Bezug genommen, die die Noten der Kernfächer, i.d.R. Deutsch, Mathematik, Sachkunde, berücksichtigen. Bildet man die Mittelwerte der Ober- bzw. Untergrenzen dieser Spannen, um statistische Ausreißer zu relativieren, so ergeben sich geringere Spreizungen, ergibt sich folgendes Bild:

Schulformempfehlungen und Banbreiten der Notenschnitte

Wie sehr die Spannen zu den drei Bereichen auch bei den einzelnen Gesamtschulen variieren, lässt sich an den Übersichten im Anhang (Anhänge 1 bis 3) erkennen.

Schulformempfehlungen und Notenschnitt: was fällt auf?

Aus unserer Sicht ist bei den erhobenen Daten besonders bemerkenswert: Die Spannen der Durchschnittsnoten zu den Empfehlungen sind überaus breit und diese Spannen, selbst die Spannen der gemittelten Notenschnitte, zeigen bemerkenswerte Überschneidungsbereiche. So gibt es in NRW offenbar Schülerinnen und Schüler, die mit einem Kernfachschnitt von 2,7 oder 2,8 die Berechtigung zum Besuch des Gymnasiums zugesprochen bekommen. Und es gibt Schülerinnen und Schüler, die mit dem gleichen Schnitt aus Sicht der Grundschule ausschließlich für den Besuch einer Hauptschule geeignet sind.

Die Noten allein geben offenbar nicht den Ausschlag; die wissenschaftliche Diskussion zum Thema lässt erkennen, was noch eine Rolle spielen kann: der Sozialstatus und der damit verbundene Habitus der Familie, das Geschlecht, der Migrationsstatus, … (vergl. u.a. WZB 2009).

Kritik am Wert der Gutachten für die individuelle Schullaufbahn

Im Kontext der bundesweiten schulpädagogischen Diskussion bestätigen die von der SLV-GE NRW erhobenen Daten die Kritik am Wert der Prognosen der Grundschulen bezüglich der Schullaufbahnen und des Schulerfolgs ihrer Schülerinnen und Schüler in eindrucksvoller Weise. Damit sind aus unserer Sicht die Grundschulempfehlungen ein untaugliches Instrument für die Steuerung der Bildungswege der einzelnen Kinder.

LER, GGG und SLV-GE NRW sind mit dieser Einschätzung des geringen Prognosewertes der Schulformempfehlungen in den vierten Klassen der Grundschulen nicht allein: Nicht zuletzt auch der Grundschulverband NRW teilt diese Auffassung (s. Stellungnahme für die Anhörung des Ausschusses für Schule und Weiterbildung am 27.01.2010 im Landtag NRW.).

Kritik am Wert der Gutachten für die Schulentwicklungsplanung

Aus Sicht von GGG, LER und SLV-GE NRW sind die Grundschulempfehlungen wegen ihrer geringen Prognosequalität auch ungeeignet, Schulstrukturentscheidungen vor Ort zu begründen, wie dies in den Städten Bonn und Düsseldorf versucht worden ist.

Schlussfolgerung – ein Zitat

„Wir weisen allerdings darauf hin, dass nach wie vor das gegliederte Schulwesen Ursache vieler Probleme der Grundschule und der Sekundarstufe bleibt. Erst wenn Kinder – wie in nahezu allen anderen zivilisierten Ländern dieser Erde – länger gemeinsam lernen können, werden auch die Schulen überall das anbieten können, womit jetzt noch die Nachhilfe-Institute werben: Erfolgreich lernen ohne Stress“ (GSV NRW 2010, S. 3).

Dem haben wir aus der Sicht der Gesamtschulen wenig hinzuzufügen.
Längeres gemeinsames Lernen ist das Grundprinzip der Gesamtschule in NRW – und immer mehr Eltern wissen dieses Angebot zu schätzen.

(Gemeinsame Presseerklärung der Schuleitungsvereinigung der Gesamtschulen in NRW, des Landeselternrates der Gesamtschulen NW und der Gemeinnützigen Gesellschaft Gesamtschule Nordrhein-Westfalen e.V.)

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