Anmerkungen zur Diskursanalyse der Klassengesellschaft

Von Tobias Fabinger
Im Folgenden möchte ich umrissartig einmal etwas zur Diskursanalyse der Klassengesellschaft sagen. Ein Diskurs ist ein Akt der Kommunikation, eine bestimmte Argumentationsfigur und ein bestehenden Machtverhältnis. Die sprachliche Interpretation – das „Wissen“ über ein sozialen Phänomen – und die realen Machtverhältnisse bedingen sich gegenseitig. Auf dem Gebiet des Rassismus gibt es mittlerweile kritische Diskursanalysen, die sowohl den Alltagsdiskurs aber auch die Medien betreffen. Nicht so auf dem Gebiet der Klassenverhältnisse. Meine These lautet: Die Klassenverhältnisse sind noch stärker tabuisiert als die rassistische Diskriminierung, so dass die Alltagsdiskurse sich als äußert stabil und resistent gegenüber Aufklärung erweisen. Die Klassenverhältnisse werden sowohl durch die Medien aber auch im Alltag durch Diskurse hergestellt und befestigt. Wie lauten nun die Diskursfragmente auf der inhaltlichen Ebene? Der Diskurs der Herstellung von Klassen läuft vor allem über eine Zuschreibung der subjektiven Verantwortlichkeit bei Ausblendung der sozialen Prozesse. Ein Beispiel ist die Äußerung von Sarrazin, dass Hartz 4 – Empfänger einfach nur kalt Duschen sollten. Hier wird der soziale Kontext ausgeblendet, etwa dass zunächst ein gewisses Einkommen zur Herstellung der Arbeitsfähigkeit überhaupt notwendig ist, sowie eine Anerkennungs- und Motivationsstrukur, die gerade durch die sozialen Ausgrenzungsprozesse, welche etwa Hartz 4 Empfänger zum Teil unterliegen, unterlaufen wird. Ebenso im Hochschulbereich: Ausgeblendet wird der komplexe Zusammenhang zwischen Identifikations- und Ablösungsprozessen gegenüber der Herkunftsfamilie, der in Arbeiterfamilien anders läuft als in der bürgerlich-akademischen Mittelschicht. Der Studierende, der aufgrund seiner sozialen Herkunft Orientierungs-, Finanzierungs- oder Probleme mit der Identifikation mit der Rolle als Akademiker hat, wird einfach auf stärkere Selbstdisziplinierung verwiesen. Schafft er dies nicht, wird seine Problemlage ihm selbst zugeschrieben. (Z.B. XY ist begabt, aber faul). Alltagsdiskurse und Mediendiskurse schaffen also ein bestimmtes „soziales Wissen“, dass die wirklichen Herrschaftsverhältnisse und sozialen Ungerechtigkeiten rationalisiert und auf einfache, reduzierte Weise erklärt. Die Benachteiligten haben das Gefühl, dass ihre Problemlage nicht verstanden wird und dass die vorurteilsbeladenen Diskurse an der Sache vorbeizielen. Auf der Ebene der Politik führen solche verhärteten und reduzierten Erklärungsmuster zu extrem dysfunktionalen Maßnahmen, wie sie etwa die Einführung von Studiengebühren für „Langzeitstudiengebühren“ für Studierende ab einer bestimmten Semesterzahl waren oder die Disziplinierungsinstrumente bei Hartz 4, die zu einer Schwächung der Subjekte führen, nicht aber zu Motivation. Diskurse, wie ich sie hier beschrieben habe, haben einen autoritären und dichotomisierenden Zug, es wird also eine autoritäre Lösung forciert („Menschen brauchen Druck“), außerdem steht man selbst als „fleißiger, ordentlicher, disziplinierter“ Bürger immer besser gegenüber Langzeitstudenden, Hartz 4 Empfängern usw. dar, es können also eigene Ängste gegenüber möglichem „versagen“ projektiv ausgelagt werden. Wie sagte Adorno sinngemäß? Die Wahrheit erscheint als falsch, während das Falsche als wahr erscheint. Diese programmatische Äußerung hinsichtlich einer Kritischen Theorie der Gesellschaft lässt sich diskursanalytisch explizieren. Die Gesellschaft erscheint uns im Alltag nicht so, wie sie wirklich ist, daher braucht es die Vermittlung durch die kritische Analyse.

Tobias Fabinger

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio




kostenloser Counter