Studiengebühren

Von Tobias Fabinger
Es ist wieder soweit. Das neue Semester beginnt am 1.04. Studiengebühren waren fällig. Einige, die sie noch nicht bezahlt haben, haben die Chance, sie allerspätestens bis Semesterende zu überweisen. Das Geld ist noch nicht beisammen? Die Eltern bezahlen es nicht? Es gibt auch sonst keine Förderung? Du hast studiert, auch Erfolge gehabt, aber nun fehlt das Geld. Das Geld erweist sich als Mauer. Einige bezahlen die Studiengebühren locker. Für manche sozialen Milieus ist dies überhaupt kein Problem. Die Studierenden aus Arbeiterfamilien haben das Risiko, länger zu studieren. Dann gibt es kein Bafög…Es muss gejobbt werden, das verlängert das Studium, dann muss wieder gejobbt werden. Eine Nervensache…Einige halten es durch, andere nicht. Wer holt einen schon raus aus dem „Teufelskreislauf“? Kompetenz spielt keine Rolle, die Hochbegabtenforschung ist in, aber nicht für die, die zu wenig Geld haben. Geld ist alles, Geld ist der Gott in unserer Gesellschaft, es ist eine Form der Religion, es spendet Leben, Bildung, wer keins hat, darf sich nicht verwirklichen. Was zählen Einzelne? Nur eine Statistik für die Bildungspolitik. Einzelne haben noch nie gezählt. Für den Einzelnen kann die Situation dramatisch werden. Es ist eine Frage von sein oder nicht sein, jedenfalls wurde viel investiert, Zeit, Energie, Pläne wurden gemacht. Darf die Gesellschaft so mit ihren Besten umgehen, nur weil sie vielleicht hier und da mal experimentiert haben, länger studieren, oder weil sie die falsche soziale Herkunft haben? Wieviel Legitimation hat ein politisches System noch, dass diese Probleme nicht lösen kann? Der Geist des Grundgesetzes, der Gedanke, dass Soziale Herkunft kein Grund für Benachteiligung sein darf, auch das Sozialstaatsgebot sind längst unterhölt. Es regiert der totale Kapitalismus, etwas sozial abgefedert immer noch, aber noch nie war Geld so wichtig, noch nie wurde die Wissenschaft so offen als Privileg, Ware und im Sinne der Kapitalinteressen organisiert. Linke Ideologie? Nein, die Ideologen sind die neolliberalen herrschenden Schichten, die Parteien, die einer jahrelangen Gehirnwäsche durch Lobbygruppen unterzogen wurden. Und die Gesellschaft zieht mit. Es gibt kaum Widerstand. Es gibt soziale Orte in unserer Gesellschaft, in denen Menschen Grenzerfahrungen machen, an den Rand gedrängt werden. Sicher haben Millionen von Menschen schon erlebt, dass die Menschenwürde in der Praxis nicht unantastbar ist. Wem die Bildungsmöglichkeiten verbaut werden, obwohl er begabt und interessiert ist, erlebt Ähnliches. Niemand ist verantwortlich. Das Rektorat nicht, denn es kann ja nichts für die Gesetzgebung auf Landesebene, die Hochschullehrer schon gar nicht, denn sie sind dafür nicht zuständig, die wohlhabenderen Mitstudenten schon gar nicht, denn, wie schon gesagt: Jeder ist für sich selbst verantwortlich!

Und die Professoren? Sie interessiert der soziale und ökonomische Hintergrund der Studierenden nur in den seltensten Fällen – sie sehen das Fachliche – das ist die „funktionale Differenzierung“ in der Moderne. Zuständig sind immer die anderen, aber nicht der, der gerade um Hilfe gebeten wurde. Ich traf fähige Studenten, die die Studiengebühr nicht bezahlen konnten, dann bei der Tankstelle jobbten oder anderswo. Die Klassengrenze ist wieder gezogen. Du bist weit gekommen, aber hier haben sie eine Grenze gezogen. Hier wird das Geld zur Mauer in einer freien Gesellschaft. Um etwas Positives anzusprechen, vielleicht liest der Eine oder Andere, den es betrifft, diesenText. Das Studentenwerk hat Kredite für Notfälle, wenn das Geld ausgegangen ist, aber andere Förderungen nicht mehr möglich sind. Der AStA auch. Erkundigt Euch. Gebt nicht auf, kämpft um Eure Bildung. Sie ist Euer Menschenrecht.

Tobias Fabinger

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9 Antworten auf „Studiengebühren“


  1. 1 Olaf 09. März 2010 um 16:41 Uhr

    Super Text! Ein toller Aufruf nicht aufzugeben. Macht weiter so!

  2. 2 Esra 09. März 2010 um 18:04 Uhr

    Hallo Fikus,

    ich finde Eure Arbeit sehr wichtig und unverzichtbar, auch wenn ich das nie direkt in Euer Gesicht sage.

    Der Text ist wunderbar formuliert und bringt die sozio-ökonomische Problematik von Arbeiterkindern in Bildung und Wissenschaft auf den Punkt.

    Ich schließe mich meinem Vorschreiber an, weiter so!

    Solidarisch
    Esra

  3. 3 Tobias 09. März 2010 um 20:22 Uhr

    Ich habe noch einige Tippfehler verbessert, den Artikel hatte ich sehr schnell geschrieben. Jetzt kann er noch besser vernetzt werden. Ich möchte gerne noch eine Kampagne machen, einen Appell an die, die ihre Studiengebühren noch nicht bezahlt haben. Versprechen können wir nichts, aber wir haben den Kontakt zu eingen Geldquellen, insbesondern die Kredite für die Studienabschlussphase benachteiligter Studierender des Studentenwerks. Zugleich sollte man ruhig mal beim Studierendensekretariat nachfragen, wieviele Studierende haben sich exmatrikuliert oder wievielen droht die Exmatrikulation? Ist das der Verwaltung egal? Wie gesagt, neoliberale Repressionen funktionieren nur, wenn die Gesellschaft und Verwaltung mitzieht. Da ich davon ausgehe, dass wir uns schon lange hinsichtlich der Wirtschafts- und Sozialpolitik in einem grundgesetzwidrigen Zustand befinden ist gewaltfreier sozialer Widerstand legitim. Für den demokratischen und sozialen Rechtsstaat! Gegen die Diktatur neoliberaler Eliten!

  4. 4 Arno 14. April 2010 um 20:37 Uhr

    Interessante Diskussion.

    Ihr blendet nur leider völlig aus, dass es nach wie Studienorte in Deutschland gibt, an denen Studiengebühren kein Thema sind – und die Mieten auch billiger (siehe nachfolgenden Link).

    http://www.pack-dein-studium.de/studieren/studieren_in_sachsen.php

    Ein gewisse Mobilität sollte man natürlich schon mitbringen…

  5. 5 Andreas 16. April 2010 um 17:53 Uhr

    Danke für den Hinweis, Arno.

    Die Kritik von Tobias ist natürlich eine politische Kritik. Einzellösungen lassen sich oft finden. Wobei man natürlich auch eine politische Kampagne starten könnte, die Koffer zu packen um das Studium zu packen.

  6. 6 Anoniseverywhere 16. April 2010 um 20:36 Uhr

    Da ich davon ausgehe, dass wir uns schon lange hinsichtlich der Wirtschafts- und Sozialpolitik in einem grundgesetzwidrigen Zustand befinden…

    Ganz im Ernst, ich hoffe du studierst weder Recht noch Politik.
    Ich finde euer Anliegen ja gut und würde nur zu gerne in eine vernünftige Diskussion eintreten, aber irgendwie kann ich hier ausser steilen Thesen, die nicht mla begründet werden, wenig Substanz finden. Sehr, sehr Schade!

  7. 7 Anoniseverywhere 16. April 2010 um 20:38 Uhr

    PS: Geht es nur mir so, oder verträgt sich Wordpress nicht mit der Firefox-Beta?

  8. 8 Carl 23. April 2010 um 19:23 Uhr

    Ich habe auch Probleme, surfe ebenfalls mit Firefox (keine Ahnung ob Beta, woran würde man das erkennen?)

  9. 9 Andreas 23. April 2010 um 20:57 Uhr

    Wie sehen denn die Probleme aus?

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