Was unzureichende Bildung kostet

Von Andreas Kemper
Es ist falsch, Bildungsbenachteiligung aufgrund von volkswirtschaftlichen Nutzenrechnungen zu werten. Bildungsbenachteiligung ist eine Verletzung des Menschenrechtes auf Bildung und als solche vorrangig zu kritisieren. Dennoch wird es gerade dann spannend, volkswirtschaflichen Berechnungen zu betrachten, wenn diese quasi den Interessen eines ideellen Gesamtkapitalisten entsprechend, den ständischen Interessen von Gymnasiallehrer_innen und privilegierten Eltern widersprechen.
Im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung berechneten Ludger Wößmann und Marc Piopiunik von der LMU München die Folgekosten einer unzureichenden Bildungspolitik: Was unzureichende Bildung kostet. Eine Berechnung der Folgekosten durch entgangenes Wirtschaftswachstum. Ähnlich wie in der Klimapolitik müsse die Bildungspolitik in längeren Zeithorizonten denken, so der Ansatz der Studie. Hierbei gingen sie nur auf das von der PISA 2006 festgestellte niedrige Bildungsniveau der sogenannten „Risikoschüler_innen“ ein (also noch nicht einmal auf die viel zu geringe Studierendenquote), die maximal auf Grundschulniveau rechnen und schreiben könnten, also gerade mal 420 PISA-Punkte erreichten. (S. 9)

Unzureichende Bildung kostet 3 Billionen Euro

Würde das Ausmaß an unzureichender Bildung im Verlaufe der nächsten zehn Jahre um 90 Prozent gesenkt, so würden bis 2090 Folgekosten von 2,8 Billionen Euro eingespart werden können. Oder anders ausgedrückt: im Jahr 2010 würde das BIP um zehn Prozent höher sein, als es ohne eine entsprechende Schulreform wäre. (S. 9f.)
Würde die Bildungsreform schnell erfolgen, innerhalb der nächsten fünf Jahre, so würden sich die Erträge gar auf über drei Billionen Euro erhöhen, würden sie erst in zwanzig Jahren umgesetzt, würde sie auf 2,3 Billionen Euro sinken (S. 11)
Der Rechnung zugrunde gelegt wurde die Lebenserwartung eines heute geborenen Kindes mit 80 Jahren. Im Jahr 2028 würde es mit 18 Jahren bereits mit 179,- € von der Bildungsreform profitieren, im Jahr 2090 mit 10.346,- €. (S. 10)
Soweit die nüchternen Zahlen.

Was ist zu tun?

Wößmann/Piopiunik plädieren im Abschluss der Studie für vier bildungspolititsche Maßnahmen:
Zunächst gilt es, in die frühkindliche Bildung zu investieren:

„Die Sicherstellung einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen und vorschulischen Bildung für alle Kinder ist ein wichtiger Bestandteil einer Bildungsreform zur Beseitigung unzureichender Bildung“ (S.50)

Längeres gemeinsames Lernen in heterogenen Lerngruppen wird ebenfalls empfohlen:

„Eine zweite Reformmaßnahme, die die Chancengleichheit für Kinder aus bildungsfernen Schichten erhöhen und damit das Ausmaß unzureichender Bildung verringern könnte, ist der Unterricht in heterogenen Lerngruppen, der sich durch ein längeres gemeinsames Lernen unter einem Schuldach ergeben könnte.“ (S.51)

Als dritte und vierte Maßnahme wird eine höhere Selbstständigkeit der Schulen inklusive extern evaluierter Bildungsergebnisse sowie qualifiziertere Lehrkräfte im Hinblick auf eine Verbesserung der Lernfortschritte der Schüler_innen gefordert (S. 51).

Fazit: Klasseninteressen der Privilegierten vs. Kapitalverwertungsinteressen

Es ist nicht die erste Studie, die aus volkswirtschaftlichen Erwägungen eine größere „Chancengleichheit“ der Schüler_innen fordert und mehr Investitionen für die frühkindliche Bildung insbesondere in sogenannten „bildungsfernen“ Milieus und eine längere gemeinsame Schulzeit mit heterogenen Klassen einfordert. Sowohl die DIW, als auch die Handwerkskammern hatten – wenn ich mich recht entsinne – bereits entsprechende Forderungen aufgestellt, und auch die OECD fordert jährlich aufs Neue, dass in der Bundesrepublik Deutschland die Bildungsausgaben und die „Durchlässigkeit“ des Bildungssystems höher werden müssten.
Wir dürfen hier keinen Humanismus unterstellen, es geht um volkswirtschaftliche Erwägungen, um eine Erhöhung des Bruttoinlandproduktes und um Fragen der Rentabilität von Investitionen.
Was sich hier abzeichnet ist eine Auseinanderentwicklung der Interessen von privilegierten Klassen, die im Interesse ihrer familiären Klassenreproduktion eine hohe soziale Selektion im Bildungssystem aufrechterhalten möchten und den kapitalistischen Verwertungsinteressen, die auf ein um zehn Prozent höheres Bruttoinlandsprodukt im Jahr 2090 verzichten müssten, wenn die privilegierten Eltern sich in der Bildungspolitik weiterhin durchsetzen.

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio

2 Antworten auf „Was unzureichende Bildung kostet“


  1. 1 Frühkindlicher Kita-Besuch hilft gegen Benachteiligung « Dishwasher Pingback am 16. März 2010 um 4:13 Uhr
  2. 2 Koch: Bei Bildung und Kindern sparen « Dishwasher Pingback am 12. Mai 2010 um 7:42 Uhr
Die Kommentarfunktion wurde für diesen Beitrag deaktiviert.



kostenloser Counter