von Tobias Fabinger
Eine sehr wichtige Ebene, die sich mit der Erfahrung der Studierenden aus Arbeiterfamilien trifft, ist die sozialpsychologische Betrachtung der Schwierigkeiten im Studium. Schon der Pädagoge und Psychoanalytiker Bernfeld hat 1925 in seinem Werk „Sisyiphos oder die Grenzen der Erziehung“, bemerkt, dass Arbeiterkinder, wenn sie im Bildungssystem erfolgreich sind, Schuldgefühle gegenüber den Eltern entwickeln, ja, dass diese Schuldgefühle sie ernsthaft blockieren können. Bernfeld hat als Pädagoge dieses Phänomen beobachtet und konnte es sich als Psychoanalytiker erklären. Wer im Bildungssystem aufsteigt und die bürgerliche Sphäre betritt, lässt im wahrsten Sinne des Wortes seine Herkunftsfamilie hinter sich. Er könnte potentiell jemand sein, der etwa als „Chef“ die eigenen Eltern einstellt oder entlässt. Damit verkehren sich durch den sozialen Aufstieg gleichsam die Eltern-Kind-Konstellationen, das Kind erfährt gegenüber den Eltern einen immensen Zuwachs an sozialer Macht. Es sind für die bürgerlich-akademische Welt keine eigenen identifikatorischen Bilder vorhanden, wie etwa bei Kindern aus Akademikerfamilien. Somit fehlt hinsichtlich der akademischen Tätigkeiten das innere Bild oder eine Identifikationsfigur, mit der man sich erst identifizieren und von der man sich dann ablösen kann. Arbeiterkinder agieren im akademischen Feld in gewisser Weise „vaterlos“ – unbewusst erkennen sie die relative soziale Ohnmacht der eigenen Eltern, was zu einer Verunsicherung des eigenen Selbstkonzeptes und der eigenen Identität führen kann, aber auch zu Gefühlen der Einsamkeit und Entfremdung. Das bürgerliche Realitätsprinzip machtvoller Selbstdurchsetzung wird oftmals – wie schon bei den Eltern in der arbeiterlichen beruflichen Situation – als Über-Ich erfahren. Vor der bürgerlichen Welt bleibt eine diffuse Angst bestehen.
Es entsteht zugleich eine Dynamik zwischen den Eltern und den studierenden Kindern. Die Eltern können natürlich trotz der fehlenden Kenntniss des akademischen Feldes die Kinder emphatisch begleiten, was entscheidend sein kann, sie können aber auch mit Unsicherheit zuweilen sogar Agressionen über den studentischen unkonventionellen Lebensstil der Kinder reagieren. Nicht selten entsteht bei Arbeiterkindern mit dem Elternhaus eine dauernde Konfliktsituation. Studierende Arbeiterkinder haben ein hohes Maß an Biographiearbeit zu verrichten, sie müssen ihre Herkunft reflektieren und „durcharbeiten“, um zu einem neugewonnen Selbstbewusstsein in der akademischen Welt zu kommen. Viele leisten dies möglicherweise intuitiv, durch Schreiben oder andere Ausdrucksformen. Die innerpsychischen und sozialen Konflikte können aber eben auch zu Symptomen führen, die sich, oh Wunder, niemand erklären kann. Die bürgerliche Gesellschaft hält es bislang nicht aus, sich mit ihrem eigenen Widerspruch zu konfrontieren und wenigstens entsprechende Diagnose- und Beratungskompetenz ins Bildungssystem zu implementieren, zumal an der Hochschule. Von der Politik und dem mittlerweile kompetenzfreien Parteienstaat ist hier wie auf anderen gesellschaftlichen Feldern wenig Hilfe zu erhoffen. Also bleibt etwa das Lesen entsprechender Literatur oder der Austausch mit anderen. Wer kennt diese Konflikte mit den Eltern (oder mit sich selbst)? Eigene Erfahrungen und Berichte würden mich interessieren. Auch hier gilt, der Bildungsaufstieg ist bei jedem anders und die speziellen familiären Konstellationen spielen immer eine Rolle, gleichwohl wollte ich hier zumindeste einen Trend aufzeigen. Für die Beratungspraxis oder für gegenseitige Coachings von studierenden Arbeiterkindern stellt sich die Frage: Wie kann man etwas unbelasteter mit den Eltern umgehen? Wie wird man angstfreier in der bügerlichen Welt und „lockerer“ und wie lässt sich eine stabile wissenschaftliche oder berufsspezifische Identität im akademischen Feld aufbauen? Nochmal: Tausende von Studienabbrüchen oder allzuschwierigen Berufseinmündungsphasen ließen sich vermeiden. seit 1925 (!) können einige Mechanismen, die beim Bildungsaufstieg auftreten, bekannt sein. Doch ist funktionale Unkenntniss heute die Voraussetzung, um in Politik oder Hochschulverwaltung Karriere zu machen. Es bleibt also vorläufig nur, die Erkenntnisse zu verbreiten, die Diskussion anzustoßen und exemplarische Beratungsprojekte durchzuführen.
Oh Gott, danke für diesen Artikel! Ich kenne diese inneren Konflikte nur zu gut! Schuldgefühle gegenüber meinen Eltern / meiner Familie, die mich absolut blockieren, meinen eigenen beruflichen Weg zu finden und zu gehen. Erst langsam arbeite ich das auf, erkenne diese Mechanismen. Jahrelang hab ich mich nur gefragt, warum in aller Welt ich so eine Angst habe „loszugehen“ und beruflich das zu tun, was ich eigentlich will. Im Studium selbst war das nicht so das Problem, da war auch die Beziehung zu meinen Eltern kein großes Problem. Aber so nach und nach hat sich eine gefühlte Entfremdung eingeschlichen, die mich wahnsinnig traurig macht. Mich beruflich selbst zu verwirklichen erscheint mir teilweise wie ein Verrat an meinen Eltern, denn ihre Arbeitsrealität hat kaum etwas mit Selbstverwirklichung und Spaß an der Arbeit zu tun. Da geht es ums Geld verdienen, ums Überleben. Mich würden da auf alle Fälle Erfahrungen von anderen interessieren. Ich selbst kenne nur wenige Arbeiterkinder, die wie ich, als erster in der Familie Abitur gemacht und studiert haben. Menschen aus Akademiker-Familien können das nur schlecht nachvollziehen, was das mit einem macht.
Liebe Frieda,
Deine Rückmeldung auf meinen Artikel freut mich außerordentlich, denn ich schreibe zu diesem Thema, damit andere das lesen und vielleicht sogar etwas von dem Druck der Schuldgefühle entlastet werden. Der gemeinsame Austausch ist schon ein erster Schritt. Ich bin außerdem fest davon überzeugt, dass eine Anwendung der sozialpsychologischen Erkenntnisse sehr viel Gutes bewirken kann. Ich kann das, was Du schreibst auch aus eigener Erfahrung nur bestätigen. Natürlich sieht man immer die Eltern vor sich und die Entbehrungen, die sie auf sich nehmen mussten und fragt sich: Mit welchem Recht habe ich diese Privilegien und Möglichkeiten verdient? Ich glaube es ist gut, die Trauer, die dann aufsteigt bewusst zu empfinden und diese Gefühle „durchzuarbeiten“. Dies wird irgendwann zum Abbau der Schuldgefühle führen.
Aber eben ohne, dass man die eigene Identität aufgibt, gleichsam experimentierend und sich langsam an den neuen sozialen Raum herantatsten. Hier gibt es, was die praktischen Methoden betrifft viel zu entdecken…
Aber nur wenn es nicht mehr geheim ist, kann es vielleicht anderen helfen.
Die politisch-öffentliche Dimension dieser persönlichen Entwicklungsprozesse ist übrigens nicht zu unterschätzen. Wäre das Problem bekannter – würden „bürgerliche Psychologen“ sich mit dem Problem beschäftigen – aber sie können es ja nicht wissen, wie Du auch andeutest – dann wäre der Verarbeitungsprozess schon leichter. Der Weg in die bürgerlich-akademische Welt ist für Arbeiterkinder viel schwerer, er führt womöglich durch diese Schuldgefühle hindurch. Ich meine aber, dass diese Entwicklung in einer reifen Persönlichkeit münden kann, die eine Art erweitertes Bewusstsein über die soziale Verhältnisse hat und dennoch mit den „inneren“ (und dann auch äußeren) Eltern versöhnt ist. Und genau solche Leute brauchen wir in Politik, Beratung, Wissenschaft, Verwaltung usw. Wenn mehr Menschen, die ihre soziale Erfahrung des „Klassenwechsels“ bewusst aufgearbeitet haben, politische und gesellschaftliche Verantwortung haben, kann es zu einer Humanisierung der Gesellschaft kommen.
Eine aus meiner Sicht sehr inhumane Möglichkeit der Persönlichkeitsentwicklung sei hier aber auch noch angedeutet. Arbeiterkinder können die Schuldgefühle und Trauer auch verdrängen und sich – psychoanalytisch gesprochen – „mit dem Angreifer identifizieren“. Das heißt in einer Art übertriebenem Realismus übernehmen sie die bürgerlichen Normen und praktizieren diese besonders rigide. Wir dürfen nicht vergessen, dass eine der arbeiterfeindlichsten Regelungen – nämlich Hartz 4 – durch Rot-Grün beschlossen wurde – also durch aufgestiegene Arbeiterkinder an der Spitze in Gestalt von Kanzler und Außenminister. Es gibt sicher auch viele weniger prominente Beispiele.
Ein weiterer sozialpsychologischer Effekt, der in der Interaktion auftritt: Als Arbeiterkind wird man zumeist in der bürgerlichen Welt durchaus als kompetent angesehen – die anderen wissen zunächst ja nicht, das man Schuldgefühle hat. Irritierend ist vielleicht die Unsicherheit, die manchmal durchscheint. Sie wird aber – so meine Erfahrung – als weit weniger dramatisch wahrgenommen, als man selbst es glaubt. Also einfach weitermachen und eben auch mal trotz Schuldgefühle und Unsicherheit agieren! Das Ergebnis und auch die Wahrnehmung durch Andere wird normalerweise gut sein. Ein Sicherheitsgefühl, oder auch das Gefühl „das steht mir zu“ stellt sich womöglich erst nach längerer Zeit ein, vielleicht am Anfang der beruflichen Praxis immer nur zeitweise. Es ist eben der Konflikt, den man mit sich auszutragen und zu bearbeiten hat.
Auch sollte man in Form eines „Rollenspiels“ mal andere Verhaltensmuster ausprobieren – nicht immer nur gutmütig, sozial und „aufopfernd“ oder „dienend“ zu sein, wie es die arbeiterliche Sozialisation nahelegt. Vielleicht mal einen Tag lang den Bürgerlichen spielen, dominant und fordernd auftreten und die Regeln definieren
Jetzt habe ich hier ziemlich viel Geheimwissen aus meiner pädagogischen Praxisforschung verraten
Vielleicht melden sich noch andere, die ähnliche Erfahrungen haben. Ich bin gespannt.
Wir machen übrigens im Mai/Juni genau zu dem Thema eine Reihe mit drei Workshops in Münster. Der genaue Termin wird noch bekannt gegeben. Falls Du Zeit hast, bist Du herzlich eingeladen, vor allem auch zu dem Workshop „Berufseinmündung von akademisch gebildeten Arbeiterkindern“
„Auch sollte man in Form eines „Rollenspiels“ mal andere Verhaltensmuster ausprobieren – nicht immer nur gutmütig, sozial und „aufopfernd“ oder „dienend“ zu sein.“
Soll man denn böswillig, asozial, eigennützig und herrschsüchtig sein?
Ich finde das eigentlich gut, wenn man das nicht ist.
Lieber Carl,
Da hast Du recht, das ist eine Gratwanderung. Man soll nun nicht ins gegenteilige Verhaltensmuster fallen. Aber man kann sich auch durchsetzen, ohne böswillig und herrschsüchtig zu sein. Und genau darum geht es. Wenn man in der Sozialisation gelernt hat, bei bestimmten Themen zurückzustecken oder auch „der Klügere gibt nach“, oder „es ist unhöflich, auf seiner Meinung zu bestehen“, dann kann es durchaus befreiend sein, diese Grenze mal zu überschreiten. Es geht also um Durchsetzungsfähigkeit, nicht im Herrschsucht. Durchsetzungsfähigkeit auch, indem man authentisch ist und einfach sagt, was man denkt.
Dieses Problem, nicht sagen was man denkt, ist mir leider vollkommen unbekannt.
Im Gegenteil: Ich nehme eigentlich nie ein Blatt vor den Mund, auch dort, wo ich es eigentlich sollte.
Ich bin nicht unhöflich, aber ich könnte wirklich taktvoller sein. Ich sehe es nicht ein, mich einer herrschenden Meinung einfach so anzupassen, wenn ich sie selbst nicht so empfinde… und hinterher ärger ich mich dann, dass ich nicht meine dumme Fresse gehalten habe.
Als Kind war ich extrem schüchtern, leider hat sich das gelegt.
Daher würde ich mir wünschen, ich wäre ein bißchen diplomatischer. Das hat noch keinem geschadet. Leider widerspricht es meiner Natur. Ich wurde taktlos geboren und werde taktlos sterben und zu meinem Unglück ist meine halbe Familie so…
Merin Vater meinte letztens zu mir, ich solle mal ein bißchen demütiger sein, dann würden mich die Leute besser leiden können. Nett, das gesagt zu kriegen. Es ging darum, dass ein paar Kommilitonen, mir sagten ich gehöre nicht an die Uni. Mein Vater meinte, das würde halt passieren, wenn man großkotzig täte und dabei keinen Benimm habe, denn bevor man andere Leute über etwas belehrte müsse man erst ein Musterbeispiel an gutem Benehmen sein. Ich habe meine Kommilitonen nicht über gutes Benehmen belehrt. Es ging um etwas vollkommen Anderes. Vater meinte aber, dass die Leute sich im allgemeinen für die Meinungen von Menschen, die sich nicht zu benehmen wissen, nicht interessieren.
Erstens: Papa, wenn ich keinen Benimm habe, dann ist es wohl deine Schuld. Wer hat mir denn den keinen Benimm beigebracht, hä? Du und Mama, ja, richtig. Kann mich nicht erinnern, jemals andere Eltern gehabt zu haben. Also wart ihr das wohl….
Zweitens: Ich kann mich benehmen… ein bisschen jedenfalls… und ich habe meinen Vater gefragt, ob ich mich in der Familie für gewöhnlich großkotzig benehme. Nein, tu ich nicht… aber er glaubt trotzdem, dass ich es gegenüber meinen Kommilitonen wohl täte sonst hätten die keinen Grund mir diese Dinge mitzuteilen.
Dann sagte er mir ich bräuchte zwei Dinge „Anmut und Demut“ und schon mag mich jeder leiden.
Nein. Nein. Nein. So einfach ist das wahrscheinlich nicht!?!?!?!
Demütiger könnte ich natürlich trotzdem werden. Anmut ist fürn Arsch. Man sieht schon, daran, dass ich das so schreibe, dass es mit meiner Anmut noch nicht weit fortgescghritten ist und wohl auch nie fortschreiten wird wegen dieser meiner festverwurzelten Meinung, dass Anmut wie schon gesagt für den Arsch ist.
„Mich beruflich selbst zu verwirklichen erscheint mir teilweise wie ein Verrat an meinen Eltern, denn ihre Arbeitsrealität hat kaum etwas mit Selbstverwirklichung und Spaß an der Arbeit zu tun.“
Hierzu möchte ich mich auch noch äußern. Mein Vater hat auch einen Beruf, den er sich nicht selbst gewählt hat und der ihm auch manchmal, wie er mir kürzlich noch erzählt hat, wenig Spaß macht, erlernt. Trotzdem hat er sein ganzes Erwachsenenleben in diesem Berufsfeld gearbeitet, denn etwas Anderes hat er halt nicht gelernt und als Familienvater nochmal alles hinzuschmeißen – das wäre leichtsinnig.
Ich bin mir sicher, dass er seinen Beruf trotzdem gut und gewissenhaft ausübt und von dem, was er erzählt, kann ich nur schließen, dass er sein Bestes gibt…
Meinem Vater aber war es wichtig, dass ich relativ frei wählen konnte… okay… relativ… denn ein paar Berufe, die nicht viel Geld bringen, die hat er mir verboten, aber das hat er nicht wegen sich selbst gemacht, sondern wegen mir. Wer hat es schon gerne, dass sein Kind später mal bettelarm ist?
Jedenfalls freut es ihn zu sehen, dass ich ein Studium habe und auch später wohl einen Beruf haben werde, in dem ich mich in gewisser Hinsicht jedenfalls theoretisch selbst verwirklichen könnte. Er wünscht mir das. Hat er auch immer wieder betont. Nur weil mein Vater sich nicht selbst verwirklichen konnte, muss er doch nicht seinen Kindern das Gleiche wünschen. Nein, mein Vater hat hart gearbeitet, damit wir es einmal besser haben.
Wenn wir es aber nicht besser hätten und auch alle in einem Job landen würden, den wir hassen würden, hätte mein Vater sich umsonst geopfert. Ich vermute, dass es viel schöner für meinen Vater ist, zu sehen, dass wir alle später mal mit unseren Berufen glücklich werden. Dann weiß er nämlich, warum er das getan hat. Nämlich für uns.
Der Job, den du hasst, kann auch ein Job sein, den du liebst, wenn du ihn für die Familie machst, die du liebst.