Frühkindlicher Kita-Besuch hilft gegen Benachteiligung

Von Andreas Kemper
Pünktlich zum Start der Bildungsmesse „didacta“ in Köln legt das „Institut der deutschen Wirtschaft“ in Köln eine Studie vor, nach der sich Investitionen in frühkindliche Bildung lohnen. „Die Förderung der Kinder in den Jahren null bis sechs ist am wichtigsten“, sagt hierzu Professor Wassilos Fthenakis, Präsident des didacta-Verbandes. Wir hatten dieses Thema bereits vor wenigen Tagen, da eine weitere Studie zum Schluss kam, dass das BIP um zehn Prozent erhöht werden könnte, wenn der Staat leistungsschwächere Schüler_innen besser fördern würde. Frühkindliche Förderung ist wichtig, aber arme Familien können sich oftmals die Kita-Gebühren nicht leisten.

Frühkindlicher Kita-Besuch hilft gegen Benachteiligung

Schlusslicht der Kita-Betreuung für Kinder unter drei Jahren ist NRW. Nur 11,6 % der Kinder unter drei Jahren waren zum Zeitpunkt der Erhebung im März 2009 in einer Kita, wobei es in den anderen alten Bundesländern auch nicht viel besser aussieht. Hiervon waren die wenigsten Kinder aus ärmeren Familien. Lediglich in den Neuen Bundesländern sind durchgehend über 40% der Kinder unter drei Jahren in Kitas. In den alten Bundesländern stehen noch immer nicht genügend Kita-Plätze zur Verfügung. Zitat aus einer Studie vom Institut für deutsche Wirtschaft vom Januar 2010:

„Doch auch die Herkunft der Kinder ist häufig entscheidend: Mit zunehmendem Einkommen und Bildungsniveau der Eltern steigt auch die Kindergartenbesuchsrate. Untere Einkommensgruppen können sich die Kita oft schlicht nicht leisten. Manche Bundesländer haben zwar die Gebühren nach dem Einkommen gestaffelt, was bei ärmeren Familien zu einer Gebührenfreiheit führen kann; aber dieses Verfahren wird eben längst nicht bundesweit praktiziert.“

Dabei ist es gerade für den Bildungserfolg von Kindern aus den sogenannten „unteren Schichten“ besonders wichtig, dass sie bereits vor dem dritten Lebensjahr in Kindertagesstätten sind:

„Die Bildungsforschung zeigt, dass Grundschüler, deren Mütter nur über geringe Bildungsqualifikationen verfügten, ihre Chancen auf einen Wechsel an eine Realschule oder ein Gymnasium deutlich erhöhten, wenn sie bereits als relativ kleines Kind im Alter von drei oder vier Jahren in einen Kindergarten gegangen waren.“

Dies kann auch damit zu tun haben, dass Kinder mit Kita-Erfahrung später bessere kognitive Leistungen erbringen und seltener eine Klasse wiederholen müssen, wie ausländische Studien zeigen würden.

Bildungsrenditen in Deutschland

In der nun aktuell vorgelegten Studie „Bildungsrenditen in Deutschland“ vom 15. März 2010 heißt es auf Seite 11:

„Gelingt es durch einen Ausbau der frühkindlichen Förderung, den Effekt des Bildungshintergrundes der Eltern auf die Kompetenzen der 15-jährigen Jugendlichen auf das Niveau der Niederlande zu reduzieren, so ergibt sich aus den Wachstumseffekten der Höherqualifizierung und der steigenden Erwerbstätigkeit nach Abzug der Kosten ein Kapitalwert bei der investierenden öffentlichen Hand in Höhe von rund 170 Milliarden Euro“

Natürlich haben wir es hier, wie zuvor schon bei der Studie der Bertelsmannstiftung, mit einer Untersuchung zu tun, die nicht menschenrechtlich interessiert ist, sondern die Rendite für Unternehmen fokussiert. Es lässt sich mit diesen Zahlen hingegen gut argumentieren, wenn das Menschenrecht auf gute Bildung eingefordert wird. Zu berücksichtigen ist allerdings, dass gutverdienende Eltern stärker vom Ausbau des Kita-Netzes profitieren als Eltern mit geringen Löhnen oder Eltern, die arbeitslos sind, da die zeitliche Entlastung durch die Kitas sich bei gutverdienenden Eltern in höhere Löhne niederschlägt (freigewordene Zeit x Stundenlohn), oder mit den Worten der Studie ausgedrückt: „eine Reduzierung der Auszeit von 3 Jahren plus anschließender Teilzeittätigkeit auf ein Jahr mit anschließender Vollzeittätigkeit erhöht die interne Rendite eines Hochschulabsolventen um 1,6 Prozentpunkte und den Kapitalwert um mehr als 51.000 Euro.“(S. 129)
Interessant an dieser Studie, die sowohl Studiengebühren als auch das Bachelor/Master-Modell lobt, da beides zu einer kürzeren Studienzeit führe, sind die aufgelisteten Rentabilitäten des Studiums gegenüber Nicht-Studierenden, und zwar nicht nur die finanziellen Vorzüge:
Pro Person beträgt der Vermögensendwert im Alter von 65 Jahren gegenüber einer Person ohne abgeschlossene Berufsausbildung 162.300 Euro netto und mit Hochschulausbildung 456.500 Euro netto (S. 6). Aber wie gesagt, sind dies nur die finanziellen Vorzüge eines Studiums. Es kommen laut der IW-Studie hinzu (S. 7):

  • „Mit steigendem Bildungsabschluss steigen die Beschäftigungschancen, die Gefahr der Arbeitslosigkeit sinkt.
  • Dementsprechend sinkt der Anteil der Personen mit großen oder einigen Sorgen um den Arbeitplatz deutlich mit steigender Qualifikation.
  • Ebenso steigt die Zufriedenheit mit der Arbeit deutlich an. Zwei Drittel der Hochqualifizierten sind mit ihrer Arbeit zufrieden. Hierfür können zwei Gründe entscheidend sein: zum einen steigt das durchschnittliche Berufsprestige mit zunehmender Bildung, zum anderen verfügen zwei Drittel der Hochqualifizierten über eine hohe Autonomie beim beruflichen Handeln, verglichen mit 17 Prozent der Mittelqualifizierten und 7 Prozent der Geringqualifizierten.
  • Ferner nimmt mit steigender Bildung die Teilnahme an kulturellen Veranstaltungen, die sportliche Betätigung, das ehrenamtliche Engagement und das Interesse an Politik zu – letztendlich auch die allgemeine Lebenszufriedenheit und die Gesundheit.“
  • Wenn dem so ist, dann erklärt dies vielleicht den verbissenen Kampf um die Schulreform. Gut verdienende Akademiker_innen kennen die Vorzüge des Studiums, Nicht-Akademiker_innen können sie nur erahnen.

    Zunehmender Mangel an Akademiker_innen prognostiziert

    Problematisch wertet die Studie den entstehenden Akademiker_innen-Mangel. Während in den fünf Jahren zwischen 2010 und 2014 / 2015 und 2019 / 2020 und 2024 je 120.000 bis 130.000 nachrückende Akademiker_innen fehlen, wird dieser Akademiker_innenmangel ab 2025 aufgrund des Pillenknicks dramatisch: „Für den Zeitraum von 2025 bis 2035 wird es daher kaum möglich sein, bei gegebenen Strukturdaten genügend Absolventen von Hochschulen zu haben, um allein den demografischen Ersatzbedarf zu befriedigen.“(S. 121)
    Vor allem östliche Bundesländer werden von diesem Mangel betroffen sein. Die Studie empfiehlt daher ein nationales Stipendienprogramm, welches es erlaubt, über regional unterschiedlich hohe Stipendien die Studierendenzahlen an den Hochschulen zu lenken.

    Lösung Studiengebühren?

    Einen derart planwirtschaftlichen Gedanken lassen die Wissenschaftler_innen der Studie bei ihren Empfehlungen bei den Studiengebühren hingegen nicht zu. Hier werden Staaten wie die USA, die ihre Hochschulen nicht aus Steuergeldern, sondern aus Studiengebühren finanzieren, gleichzeitig als Konkurrent und als Vorbild gesehen. Da sich ein Studium amortisiert, suchen sich Studierende lieber eine gute durch hohe Studiengebühren finanzierte Hochschule und suchen sich nach dem Studium als Akademiker_innen einen Beruf in einem Land mit geringen Steuern. Daher müssen Studiengebühren hoch und Steuern gering sein. Leider fehlen bei diesen Überlegungen Differenzierungen nach sozialer Herkunft. Es ist gut möglich, dass „studierende Arbeiterkinder“ nicht dem oben prognostiziertem Bild des Durchschnittsstudierenden entsprechen – und von diesen „studierenden Arbeiterkindern“ wird der Staat und die Wirtschaft demnächst sehr viele benötigen.

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    2 Antworten auf „Frühkindlicher Kita-Besuch hilft gegen Benachteiligung“


    1. 1 KiTa-Klaaf » Blog Archiv » NRW Schlusslicht bei den Unterdreijährigen Pingback am 16. März 2010 um 19:28 Uhr
    2. 2 „… in die Bildungsferne geboren“ Neues von Heinsohn « Dishwasher Pingback am 20. März 2010 um 22:03 Uhr
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