Erfahrungsbericht

Von Matthias

Erfahrungsbericht No. 1

Es gibt in meiner früheren Heimatstadt zwei Gymnasien, das humanistische altehrwürdige (A.-Gymnasium) und das mathematisch-naturwissenschaftliche (B.-Gymnasium), das als Proletengymnasium galt. Die Schüler des humanistischen Gymnasiums hielten große Stücke auf ihre Schule. Sie hatten eine eigene Schulkleidung, ein Schullied und sie nannten sich nicht einfach A.-Schüler, sondern A.-ianer.
Diese Schule lag in einem relativ reichen Stadtteil. Als wir Kinder waren, hatten uns andere Kinder einmal verboten, die Straßen dieses Stadtteils zu benutzen. Da ich aber so gut wie nie dort war, machte ich kein Aufhebens darum.
Schon bald nach meinem Übertritt auf das B.-Gymnasium merkte ich, dass wir gehasst wurden. Unsere älteren Mitschüler warnten uns vor den Schülern des A.-Gymnasiums. Weil ich aber kein vorurteilsbeladener Mensch bin, gab ich nichts auf diese Warnungen. Auf unserem Schulweg mussten wir an dem humanistischen Gymnasium vorbei; dies ging nur so lange gut, wie sie nicht merkten, dass wir Schüler des B.-Gymnasiums waren. Als sie das herausfanden, wurden wir belästigt. Man rief uns zu, wir seien Proleten, unser Gymnasium sei kein „echtes“ Gymnasium, unsere Eltern würden alle von Sozialhilfe leben. Im nächsten Sommer spitze sich die Situation zu. Immer wieder kam es zu Auseinandersetzungen zwischen unseren Schülern und denen des A.-Gymnasiums. Anlässlich eines Sportfestes trafen wir auf die Schüler des A.Gymnasiums. Sie riefen uns zu, dass sie das Sportstadium als ihr Eigentum betrachten würden. Erst flogen die Beleidigungen hin und her und bald wären auch die Fäuste geflogen, hätten uns unsere Lehrer nicht gestoppt. In diesem Sommer gewann eine Mannschaft unserer Schule ein Fußballspiel und hatte zur Feier das Sportstadium mit Bannern festlich dekoriert. Ein paar Jungen unserer Schule kamen am nächsten Tag, um die Deko zu entfernen. Dabei entdeckten sie, dass man die Banner abgerissen und zum Teil verbrannt hatte. Natürlich hatten wir sofort einen nicht gerade fernliegenden Verdacht wer es gewesen sein könnte: Nämlich diejenigen, die das Stadium als ihr Eigentum betrachteten. In einer Unterrichtsstunde äußerten wir das gegenüber einem Lehrer. Er war zwar bereit, darüber mit uns zu reden, glaubte uns aber nicht, da wir keine Beweise für unsere These hatten. Außerdem sei das Verbrennen von Bannern nicht wirklich schlimm. Wir versuchten ihm klarzumachen, dass dies aus Hass auf unsere Schule geschehen war. Auf unsere Beschwerden, dass die Schüler des A.Gymnasiums uns schon lange in klassistischer Weise behandelten ging er nicht ein. Als die Schüler laut wurden und sich nicht den Mund verbieten ließen, beendete die Diskussion und drohte jeden der sich nicht benehmen könne ins Klassenbuch einzutragen.
Ein Mitschüler und Verwandter hatte sein Fahrrad in der Nähe des A.-Gymnasiums abgeschlossen. Als er wiederkam war es vollkommen zerstört. Natürlich weiß ich nicht, ob das die Schüler des Gymnasiums waren. Jedoch hat dies jeder vermutet.
Kurz danach verbaten uns die A.-Schüler die Straßenseite, auf der ihr Gymnasium war, zu benutzen, wenn wir an ihrer Schule vorbei gingen. Wir hatten inzwischen die Farbe rot als Symbol unserer Schule gewählt. Wann immer sie diese Farbe sahen rasteten sie vollkommen aus. Manchmal kamen sie auch zu unserer Schule, stellten sich vor ein Fenster und brüllten Beleidigungen hoch. Einmal standen sie dort und sangen ihr Schullied.

Dann tat ich etwas sehr Peinliches. Meine Familie ist in der Kirchengemeinde engagiert und einer meiner Cousins in der kirchlichen Friedensbewegung aktiv gewesen. Ihr wisst bestimmt, dass es heisst: „Wer irgend dich auf deinen rechten Backen schlagen wird, dem biete auch den anderen dar; und dem, der mit dir vor Gericht gehen und deinen Leibrock nehmen will, dem lass auch den Mantel. Und wer irgend dich zwingen wird, eine Meile zu gehen, mit dem geh zwei. Liebet eure Feinde, segnet, die euch fluchen, tut wohl denen, die euch hassen, und betet für die, die euch beleidigen und verfolgen“. Ich schloss also, dass es keinen Frieden geben könnte, so lange wir nicht auf sie zugehen und ich beschloss es selbst in die Hand zu nehmen. Ich wusste, dass sich nach der Schule noch immer einige Schüler des A.Gymnasiums auf dem Schulhof aufhielten. Zusammen mit einem anderen, jüngeren Cousin zog ich mich rot an. Ich setze mir das Käppi so auf, wie man es auf unserer Schule tat und ging zu diesem Schulhof. Wie erwartet regten sich einige der Schüler über die rote Farbe auf. Wir wurden aufgefordert das Käppi abzunehmen und auf der richtigen Straßenseite zu bleiben. Wie geplant sagte ich ihnen, dass wir nur mit ihnen reden wollten und jetzt auf ihren Schulhof kommen würden, bis dahin waren wir auch gekommen, aber dort machten sie uns rund, schlugen mir das Käppi vom Kopf. Unsere T-Shirts wurden uns heruntergerissen. Mein Cousin ist geflohen. Ich wäre auch gerne geflohen, das ging aber nicht, da mehrere von ihnen mich festhielten, um mich besser verprügeln zu können. Sie haben geprügelt und getreten und mich immer wieder von mir verlangt, dass ich nie wieder auf ihren Schulhof oder ihre Straßenseite kommen sollte. Auf meine Fragen, warum sie uns so hassen würden, haben sie mir nicht geantwortet. Ich lag inzwischen auf dem Boden, aber sie haben mich immer wieder hochgezogen um mich zu fragen, ob ich ihnen jetzt versprechen würde, nie wieder auf ihren Schulhof zu kommen. Schließlich versprach ich es. Sofort hörten sie auf und eines der Mädchen gab mir meine Sachen zurück. Es waren nämlich auch Mädchen auf dieser Schule. Die haben sich zwar nicht so benommen wie die Männer, hatten uns eigentlich nie belästigt und auch nicht mitgeprügelt. Andererseits schienen sie auch nicht viel besser zu sein, denn das Verhalten der Jungs schien ihnen ganz gut zu gefallen.
Ich bin also nachhause geschlichen. Sie riefen mir hinterher ich solle alle meine Freunde warnen. Mein Vater wollte zuerst, dass ich sie anzeige. Davon konnte ich ihn aber abhalten. In dem sich später ergebenden Gespräch über christliche Moral philosophierte mein Vater, dass diese zwar richtig sei, aber vor allem dann, wenn der andere ähnliche Wertvorstellungen hat nützlich; wenn der Gegner dagegen eine Hunnenhorde sei, sei sie weniger nützlich. Für dieses Problem haben weder mein Vater noch ich eine Lösung gefunden.
Ich war traumatisiert, machte einen großen Bogen um das A.-Gymnasium und tat alles um seine Schüler nicht weiter zu reizen. Ich war wütend, betete für sie, aber es kam nicht von Herzen. Die Schüler machten weiter wie bisher. Als ich einige Jahre später die Stadt verließ und die Schule wechselte existierte der Konflikt noch. Vielleicht gibt es ihn sogar noch heute.
Ein Erlebnis hatte ich aber noch. Ich traf, einige Zeit nach der gescheiterten Friedensmission, einen der Schüler wieder. Er war diesmal freundlich zu mir und fragte mich, ob ich mich noch an meine Frage erinnere, warum wir gehasst würden. Das musste ich bejahen. Er sagte: „Ich habe viel darüber nachgedacht und wusste es anfangs selber nicht. Du musst mal Darwin und Konrad Lorenz lesen. Das hat nichts mit dir zu tun“. Sprachs und drehte sich um und ging. Ich sagte gar nichts mehr, denn ich war sprachlos.

Viel später habe ich über einen Bekannten von der Uni einen Schüler des A.-Gymnasiums wiedergetroffen. Er war freundlich zu mir, erkannte mich noch und ich erkannte ihn und er sagte: „Jungs sind halt Jungs“. Das machte mich sauer. So habe ich es ihm später auch gesagt. Er hat sich bei mir entschuldigt. Seitdem kommen wir miteinander aus.

Ich glaube nicht, dass das alles schlechte Menschen waren. Wir waren ja alle noch Kinder. Zwölf, Dreizehn, Vierzehn waren wir. Kinder sind ja nicht von Natur aus so. Kindern muss man beibringen zu hassen. Es ist auch ungewöhnlich, dass ein vielleicht 14-jähriger Darwin kennt, wenn ihn keiner darauf hinweist. Mir war er nur ein Begriff, weil ich schon immer alles gelesen habe, was mir in die Finger fiel, aber auf wie viele Leute trifft das schon zu? Darwin kommt erst in der zehnten Klasse dran. Das muss der Einfluss ihrer Eltern gewesen sein.

Hier findet ihr weitere Erfahrungsberichte von Matthias:
Erfahrungsbericht No. 2
Erfahrungsbericht Nr. 3

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21 Antworten auf „Erfahrungsbericht“


  1. 1 Andreas 19. März 2010 um 14:36 Uhr

    Ja, sowas ähnliches kenne ich – auch wenn es in meinen Erfahrungen nicht zu körperlichen Überriffen gekommen ist.

    Wir verbrachten einmal mit unserer Realschulklasse zusammen mit einer Gymnasialklasse aus einer anderen Stadt eine Woche in einer Jugendherberge. Es verging kein Tag, wo sie uns nicht ihre vermeintliche intellektuelle Überlegenheit unter die Nase rieben. Nicht alle waren so drauf, bei einem gemeinsamen Abschlussfest verliebte sich ein Mädchen aus der Gymnasialklasse in mich, aber das ist eine andere Geschichte … Jedenfalls war das Verhalten der Gymnasiasten echt nervig.

  2. 2 Anja 19. März 2010 um 18:20 Uhr

    Hi, ich habe auch ein paar lustige Geschichten zu bieten: Woran erkennt man Arbeiterkinder? Dass sie im Gymnasium schneller Vokabeln lernen als alle andere aus Angst, sie werden von ihren Eltern abgehört. Nein im Ernst: Die Mutter meiner ebenfalls nicht betuchten Freundin und meine sprachen die Fremdsprachen, die wir lernen mussten, so scheußlich aus, dass wir in Panik lieber selber lernten. Hatte den Vorteil, dass selbständiges Lernen für uns keine leere Floskel blieb. Natürlich gab es an meiner Schule auch das Angebot von Sprachreisen. Mein Vater war froh: „Da musst Du nicht dran teilnehmen, Du bist ja gut in Englisch!“ Hätt ja auch ne Stange Geld gekostet. Also ging ich als einziger Volltrottel am schulfreien Tag zum Englisch-Wettbewerb, während meine Schulkameraden für das echte England Koffer packten. So kam es, dass ich immer noch davon träume, einmal die schottischen Highlands in natura zu sehen und durch Wales zu wandern. Manchmal denke ich, dass mein Vater mehr Geld für mich ausgegeben hätte, wenn ich ein Junge gewesen wäre.

  3. 3 Olaf 19. März 2010 um 22:10 Uhr

    Wow. Die Erfahrungsberichte sind ne gute Sache.

    Ich war durch Zufall A-ianer. Die Vorurteile gegenüber den anderen Gymnasiasten waren allgegenwärtig. Aber als Schüler kann man schlecht überprüfen, ob diese Urteile der Wahrheit entsprechen. Ich habe damals jedenfalls nie verstanden, woher sie kommen.

  4. 4 Tobias 21. März 2010 um 15:38 Uhr

    Ich finde diese Erfahrungsberichte auch unheimlich wichtig. Wenn mehr Menschen öffentlich über ihre sozialen Erfahrungen sprechen, kann sich die Gesellschaft ändern, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse dann überhaupt erst bewusst werden. Diese Idee steht hinter dem Projekt „Erfahrungsberichte“. Auch hat das Thema ja eine subjektive Dimension: Jeder macht andere Erfahrungen, sie sind ähnlich, aber nie ganz identisch. Und es kann guttun, sich das mal von der Seele zu schreiben. Ich habe schon vor vielen Jahren, lange bevor es dieses Projekt gab, mit zwei Freunden zusammen das Thema durch Zufall entdeckt. Wir haben quasie gemeinam, in Gesprächen unsere „Klassenerfahrung“ aufgearbeitet. Zur Schulzeit kann ich auch etwas beisteuern. Ich war auf einem der naturwissenschaftlichen „realistischen“ Gymnasien. Schon früh engagierte ich mich in der Schülervertretung. Es gab immer eine Clique von großbürgerlichen Mitschülern, die bereits sehr gebildet waren, von zu Hause aus sich mit Kunst, Literatur und Musik beschäftigten. Wenn es im Kunstunterricht darum ging, Bilder im Stile Max Beckmanns zu malen (war einmal eine Aufgabe) dann hatten die immer ne 1. Ich habe aus trotz bei solchen Aufgaben wilde Collagen gemacht, aber durch ein Referat über die Warenform der Kunst und eine marxistische Analyse der Werbung wieder alles rausgehauen. Diese Clique schaute auf mein politisches Engagement immer herab, es war gleichsam unfein für sie. Ich wiederum ärgerte mich als Schüler schon darüber, dass diese Personen die sozialen Verhältnisse so ausblendeten oder einfach nur zusahen, trotz ihrer Bildung. Erst Jahre später, als ich die Geschichte mal aufschrieb, merkte ich, wie mich diese subtile bürgerliche Nichtanerkennung verletzt hatte, auch dieser ganze kulturelle – und zum teil religiöse Dünkel. Wir hatten aber einen Lehrer, der über die Sozialisationsverhältnisse der Schüler bescheid wusste, ein alter 68ger und Marxist, der sich teilweise den Arbeiterkindern zuwandte und sie förderte. Ich glaube ohne den, wären in diesem extrem repressiven Gymnasium (von 100 Lehrern waren nur 3 oder 4 in der GEW, der Rest im Philologenverband) vor die Hunde gegangen. Sein Name ist Hans Jörg Holzamer und es gibt sogar einen Wikipedia-Eintrag über ihn. Ich möchte ihn hier mal nennen, weil ich glaube, dass viele Arbeiterkinder an dieser Schule ihre erfolgreichen Bildungskarrieren auch seiner pädagogischen Arbeit zu verdanken haben. Hier ein Gedanke: An dieser Schule waren es immer die bürgerlichen Schüler, die im Orchester, im Chor oder in der Theater AG waren. Ich konnte gut Gedichte und Satiren schreiben. Einmal trug ich eine öffentlich vor, aber das war schon gegen Ende der Schulzeit und ein Lehrer fragte mich, ob ich nicht in die Theater AG wollte. Ich hatte nicht den Nerv dazu, es war schon so sehr anstrengend an dieser Schule – nicht unbedingt inhaltlich, aber voh den sozialen Verhältnissen her. Auch war da eben die soziale Ferne, ich weiß noch, wie die „Bildungsbürger“ bei den Schulaufführungen brillierten. Um mich nicht falsch zu verstehen: Wenn man etwas unebdingt will, kann man sich durchsetzen, auch als Arbeiterkind. Aber viele Begabungen werden an den Schulen nicht gefördert, es können zwei Kulturen entstehen, auch an Gymnasien, die bürgerliche „Ingroop“, die sich mit kulturellen Praxen beschäftigen und die proletarischen Schülern, die andere Freizeitbeschäftigungen haben. Hier sind wir wieder beim alten Thema. Die Lehrerbildung. Die Lehrer müssen über solche sozialen Prozesse aufgeklärt werden und unsere Lehrer waren es nicht.

    Während an der Schule dieser unbewusste Ausschluss der proletarischen Schüler von den kulturellen Praxen vielleicht mit Kenntnis und gutem Willen aufgehoben werden kann – man hat ja alle Schüler beisammen und bewegt sich in einem relativ überschaubaren sozialen Raum – verschärfen sich diese Prozesse an der Uni. Ich würde gerne mal ein Theaterstück aufführen oder Hochschultheater mitgestalten – aber das hat hier schon eine so bürgerliche-geschlossen Ausstrahlung und wirkt so elitär, dass das von Vorneherein abschreckend ist. Ganz zu schweigen von der Interpretation der Stücke – auch hier spielen ja die sozialen Erfahrungen eine Rolle. Wir müssen und diesen kulturellen Raum nehmen und unsere sozialen Erfahrungen in die Interpretation von Theater, Kunst und Literatur einfließen lassen. Stellt Euch mal vor, man schreibt ein Stück über all die Themen, die wir hier besprechen und führt es an der Uni auf.
    Wer hat ähnliche Erfahrungen? Wie sieht es mit dem Zugang zu Kunst und Kultur aus? Wie können wir verändern, dass bei kulturellen Aktivitäten an Schulen und Unis zumeist bürgerliche „Ingroups“ entstehen?

  5. 5 Carl 21. März 2010 um 23:26 Uhr

    @ Admins: Habt ihr die Erfahrungsberichte von Anja und Tobias gefunden?

    @ Olaf: Hast du dich denn auch so benommen wie in dem Bericht?

    @ Tobias: Ich finde Kunst sehr interessant… und ich mag… soll ich mich trauen, das zu schreiben? Norman Rockwell. Ich weiß, ich weiß, er gilt normalerweise als Kitsch oder oft nicht mal als Künstler. Mögen tu ich ihn trotzdem. Warum soll man nicht auch mal etwas Schönes malen dürfen? Er war gleichzeitig auch sozialkritisch, hat sich zum Beispiel gegen Rassismus ausgeprochen. Hätte ich lieber nichts schreiben sollen?
    Außerdem mag ich Caspar David Friedrichs. Ich war vor ein paar Jahren in einer Ausstellung in Essen. Da hatten mich ein paar Freunde hingeschleppt. Auf dieser Kunstausstellung waren Leute aus allen Schichten, denn Essen ist mitten im Ruhrgebiet.
    Meiner Meinung nach war das sehr schön gemacht, die Bilder sehr schön präsentiert, in ganz schwarzen Räumen, zum Teil beleuchtet. Ich verstehe natürlich nicht so viel davon. Am besten gefallen hat mir eigenlich das „Kreuz im Walde“, die „gescheiterte Hoffnung“ und der „Wanderer über dem Nebelmeer“.
    Meine unwesentliche Meinung dazu.

    Mir kommt es eigentlich eher so vor, als ob es mit steigender Schicht immer weniger religiöse Leute gäbe und die religiösen, die ich kenne, sind auch nicht dünkelig und wenn doch, liegt es nicht an der Religion.

  6. 6 Tobias 22. März 2010 um 11:56 Uhr

    Lieber Carl,
    Deine Meinung ist sicher nicht unwesentlich. Es ist interessant, was Du schreibst. Die Grenze zwischen Kunst und Kitsch kann man ohnehin nicht ohne weiteres ziehen. Nach Bourdieu unterscheiden sich die sozialen Milieus ja grade auch im Kunstgeschmack. Ein Hip Hop kann viel authentischer sein, als so manche gewollte moderne Kunst. (Ohne jetzt was gegen die Moderne Kunst zu sagen)

    Es stimmt, Kunstaustellungen zum Beispiel im Ruhrgebiet (wo man ja in den letzten Jahren viel macht in dieser Richtung) ziehen viele Leute an. Das ist auch gut so und man sollte mehr „Bildergespräche“ machen, wo die Leute drüber diskutieren oder man ihnen kunsthistorisches Wissen vermittelt. Ich denke aber, es ist ein Unterschied, ob man wirklich „in der Kunst lebt“ und sich gut auskennt – und das als eine Art Geheimwissen benutzt – so wie ich meine, dass es bildungsbürgerliche Schichten machen, oder ob man nur mal in eine Ausstellung geht. Eine Aneignung der Kunst durch arbeiterliche Schichten steht noch aus. Das hieße, sie sich gemeinsam zu erschließen und mit ihrer Hilfe auch den Alltag und die politischen Verhältnisse interpretieren. Mit Sicherheit hängt die Interpretation der Kunst auch von den sozialen Erfahrungen ab, die man macht. Der „Wanderer über dem Nebelmeer“ von Caspar David Friedrich – kann sich da vielleicht das Arbeiterkind wiedererkennen, das den Bildungsaufstieg in der Einsamkeit des Berggipfels erlebt? Ich mag Caspar David Friedrich auch, aber wie bei Dir ist es immer eher ein zufälliger Zugang, ohne dass ich die Dinge genau in einen kunsthistorischen Zusammenhang einordnen könnte. Die Klassengrenze ist glaube ich da: Beherrscht und definiert man die Kunst oder lässt sich einfach nur von ihr anregen.

  7. 7 Carl 22. März 2010 um 13:46 Uhr

    Hallo,
    ich möchte die Admins auf eine Seltsamheit hinweisen. Ich wurde gerade mit „Willkommen zurück Tobias“ begrüßt (bei „Antwort hinterlassen“; als Name stand dort Tobias). Ich bin nicht Tobias, hätte aber seinen Beitrag editieren können. Das war, als ich mit Anonymouse gesurft bin, konnte meinen eigenen Beitrag dann übrigens nicht abschicken.

    Dann hätte ich eine Frage. Könnte der Wanderer über dem Nebelmeer in diesen Beitrag eingebunden werden, damit die Anderen sehen, worum es geht? Ich habe hier ein gemeinfreies Bild. http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Caspar_David_Friedrich_032.jpg

    Ich weiß etwas über die Interpretation dieses Bildes, weil ich mich darüber kundig gemacht habe. Tobias liegt eigentlich schon ziemlich richtig. Bevor ich aber alles schreibe, was ich darüber gelesen habe, möchte ich erst Anderen den Vortritt lassen. Vielleicht möchte jemand etwas dazu schreiben.

    Alle Interpretationen sind richtig. Friedrichs selbst hat seine Bilder, außer eines, das Kreuz im Gebirge, nie interpretiert.

  8. 8 Administrator 22. März 2010 um 13:51 Uhr

    Hi Carl,
    ich schicke das mal an den Seitenbetreiber weiter. Danke für die Info.

  9. 9 Administrator 22. März 2010 um 14:50 Uhr

    Caspar David Friedrich: „Wanderer über dem Nebelmeer“ 1818

  10. 10 Carl 22. März 2010 um 19:40 Uhr

    Vielen Dank!

  11. 11 Carl 26. März 2010 um 13:01 Uhr

    Hat keiner eine Meinung zu Friedrich?

  12. 12 Andreas 29. März 2010 um 20:31 Uhr

    Ganz spontan habe ich Assoziationen zu Petraca (in meinem ersten Seminar zur Philosophie der Renaissance spielte die Besteigung eines Berges eine große Rolle wegen philosophischer Standpunktverschiebungen) und zu Oben-Unten-Standpunkten. Wer oben ist, hat zwar einen Weitblick, erkennt aber nicht, was auf der Erde stattfindet, sondern das reale Leben ist vernebelt.

  13. 13 Carl 29. März 2010 um 21:13 Uhr

    Und es gehen die Menschen hin, zu bestaunen die Höhen der Berge, die ungeheuren Fluten des Meeres, die breit dahinfließenden Ströme, die Weite des Ozeans und die Bahnen der Gestirne und vergessen darüber sich selbst.

    Das ist schön. Petraca kannte ich nicht, aber er schreibt wirklich schön. Der Mensch ist das größte Wunder, das will er wohl sagen oder will er sagen, dass man sich selbst vergessen solle? Es hört sich sehr poetisch an.
    Weißt du noch mehr über ihn?

    Möchtet ihr noch etwas dazu sagen, oder soll ich mal die Biographie von Friedrich erklären?

    Mir fällt übrigens noch etwas zu dem, was Tobias gesagt hatte ein: Als wir in der Caspar David Friedrich- Ausstellung waren, was eine Bekannte, deren Vater Kunstlehrer ist, dabei. Sie konnte zu jedem Bild etwas sagen. Entstehungsgeschichte und sogar welche Farben verwendet wurden, welches Bild wo ausgestellt war, wie es von verschiedenen Kritikern betrachtet wurde. Einerseits ist das sehr interessant, aber andererseits auch nutzlos. Was fängt man mit diesem Wissen an?

    Ich selbst weiß ein paar Dinge über die Oper und Theater. Eigentlich nicht so viel, aber ein oder zwei Sachen schon (und sobald man das tut gilt man bei vielen schon als großer Theaterkritiker, aber dieser Ruf trifft nicht zu). Ich habe aber keine Ahnung, welc-he Oper, welches Stück wann uraufgeführt wurde. Opern höre ich mir eigentlich immer nur auf CD an oder sehe sie mir im Fernsehen an, weil ich mich nicht wirklich in einer Opernhaus traue.
    Beim Theater ist es etwas anderes. Daran habe ich viel Freude, aber ich würde nie auswendiglernen von wem welches Stück ist und was er damit sagen wollte. Ich verurteile das nicht. Das steht mir nicht zu, aber mir ist diese Betrachtungsweise sehr fremd.

    Moderne Kunst mag ich nicht besonders. Zwölftonmusik oder serielle Musik auch nicht. Ich will aber nicht rassistisch sagen, dass sei alles Schrott. Vielleicht fehlt mir auch einfach das tiefere Verständnis.

    Edit: Oh, Gott, wie peinlich. Ich sehe gerade, dass das nicht von ihm ist.

  14. 14 Carl 29. März 2010 um 22:17 Uhr

    Ich komme aus einer sehr musikalischen Familie. Fast jeder bei uns spielt ein Instrument, meistens ist es das Klavier. Ich selbst habe nicht viel Talent und kann nur ein bißchen klimpern. Da ich aber kein Talent hatte, hat sich auch nie jemand um meine weitere Ausbildung gekümmert. So ist das bei uns. Ich finde es aber ein bißchen schade. Viele meiner Kommilitonen sind von ihren Eltern gezwungen worden ein Instrument zu lernen. Hätten meine Familie mich auch gedrängt, könnte ich heute besser spielen.

    Eine „richtige“ musikalische Ausbildung in dem Sinne gab es bei uns auch nicht, denn niemand von uns hatte zum Beispiel einen Klavierlehrer. Wir haben es uns gegenseitig beigebracht. So gesehen würde ich es auch nicht als Hochkultur bezeichnen. Trotzdem habe ich einen Cousin, der sehr gut spielen kann.

    Meine Urgroßeltern haben sich gegen Ende ihres Lebens ein Klavier angeschafft. Sie waren damals klassische Arbeiter, aber sehr bildungsbeflissen und die Familie stand ganz gut da, weil ihre älteren Kindern auch schon verdienten. Sie haben gespart und schließlich konnten sie sich ein Klavier leisten. Es musste allerdings im Laufe der Familiengeschichte verkauft werden. Als wieder Geld vorhanden war, wurde ein neues gekauft, das später auch wieder verkauft werden musste.

    Meine Großeltern sind mit ihren Kindern oft zu einer Bühne gegangen, wo es verschiedene Aufführungen gab und weil sie sich den Eintritt nicht leisten konnten, haben sie nur zugehört.

    Diese Seite des Lebens damals findet sich nicht in den Schulbüchern. Man hört immer nur, dass die Leute sehr arm waren, aber von ihren kleinen Freuden einfach nichts. Was ich über die Industriearbeiter früher gehört habe, passt nicht zu dem Leben von der Familie meiner Mutter, die dieser Schicht angehörten.

    Meine Großmutter hat mir viel von dieser Zeit erzählt. In ihren Geschichten wird die Vergangenheit lebendig. Was wir in den Büchern lesen hört sich oft so an, als seien sie Tiere gewesen, die sich nur ums Fressen und Ficken gekümmert hätten. Aber das stimmt nicht.
    So haben Bildungsvereine gegründet, sie haben sich für Kunst interessiert und für Kultur. Sie haben sich um ihre Familie gekümmert. Gefressen und gefickt haben sie auch, aber so sind Menschen halt.

    Ich frage mich wohl immer, ob man in ein paar Jahrzehnten den neuen Schülergenerationen über das Leben der Armen im Jahr 2010 auch solche Märchen erzählen wird. Freilich manche Zeitung tut das schon heute, aber denen glaubt keiner, weil jeder sieht das es anders ist.
    Aus der Generation unserer Urgroßeltern sind nun aber schon alle tot und kaum noch einer da, um das richtigzustellen, was in den Schulbüchern Falsches steht.

  15. 15 Carl 03. April 2010 um 11:00 Uhr

    Es gibt übrigens zu diesem Bericht auch ein Kapitel in einem Buch („Vielleicht wäre ich als Verkäuferin glücklicher geworden“ von Gabriele Theling), wo sie beschreibt wie andere Kinder den Arbeiterkindern ebenfalls verboten haben, ihre Straßen zu benutzen.

    Mag keiner sonst hier Friedrich?

    Frohe Ostern wünsche ich euch allen!

  16. 16 Anonym 03. Mai 2010 um 18:23 Uhr

    Ich war hier auch schon mehrmals als Tobias angemeldet und bin ebenfalls nicht Tobias. Ich kann ebenfalls Tobias Beiträge editieren.

  17. 17 Anonym 03. Mai 2010 um 18:44 Uhr

    Heute kann ich anscheinend sogar die Beiträge von Tobias und Administrator editieren.
    Ich surfe nicht mit Anonymouse, komme aus der Nähe von Düsseldorf. Meinen Provider weiß ich leider nicht, da ich die Internetverbindung nicht eingerichtet habe. Könnte es sein, dass wir möglicherweise aus der selben Gegend kommen und deswegen die IP ähnlich ist?

  18. 18 Administrator 03. Mai 2010 um 18:47 Uhr

    Nochmals danke für die Hinweise. Ich werde nochmal den Seitenbetreiber informieren.

  19. 19 Anonym 03. Mai 2010 um 18:51 Uhr

    Der Provider ist übrigens die deutsche Telekom. Ich habe eben nachgefragt.
    Meine eigenen Beiträge kann ich nicht editieren, nur die von Tobias.

  1. 1 Erfahrungsbericht « Dishwasher Pingback am 20. März 2010 um 17:36 Uhr
  2. 2 Erfahrungsbericht « Dishwasher Pingback am 22. März 2010 um 17:17 Uhr
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