Erfahrungsbericht

Von Andrea

Ich komme aus Verhältnissen, die man heute als Prekariat bezeichnen würde:
Meine Mutter war Altenpflegehelferin, Putzfrau und die meiste Zeit arbeitslos. Sie war alleinerziehend, psychisch krank und alkoholabhängig.
Ich konnte aber bereits mit vier Jahren lesen und hatte am Ende der vierten Klasse in Bayern einen Notendurchschnitt von 2,0. Ich bekam eine Hauptschulempfehlung: Das Kind hat Stress mit dem Jugendamt, die packt das eh nicht.

Ich bin trotzdem auf das Gymnasium gewechselt, wo sich meine Noten natürlich
verschlechterten.

Ich hielt durch bis zur achten Klasse, doch dann unternahm meine Mutter (mal wieder) einen Selbstmordversuch und kam in die Psychiatrie.

Auf einem Ausflug erzählte ich das meinem Klasenlehrer. Er drehte sich von mir
weg und zu einer Mitschülerin um (mit Lehrer-Papa an der Schule) und fragte sie,
ob die Familie mit ihrem Adoptivkind zurecht käme.

Nach der achten Klasse wollte ich auf die Realschule wechseln. Meine Mutter
kümmerte sich nicht, so dass ich allein zur städtischen Realschule ging, um mich
dort anzumelden. Ich wurde abgewiesen, sie seien voll. So landete ich an der Hauptschule.

Ich machte den jahrgangsbesten Abschluss und besuchte noch die Freiwillige Zehnte Klasse, wo ich auch als Klassenbeste abschnitt.

Danach wechselte ich auf die Fachoberschule. Anschließend habe ich Übersetzungswissenschaften studiert.

Was ich mich nach all diesen Erfahrungen frage, ist, ab wann sich ein junger
Mensch zum Arschloch entwickelt.

Wir sollten etwa in der achten Klasse ein lateinisches Theaterstück aufführen
und ich meldete mich für eine Hauptrolle.

Ich wurde beharrlich ignoriert, bis sich meine Mitschülerinnen für mich einsetzen und der Lehrer einlenken musste.

Ich habe das dann im Übrigen auch sehr gut gemacht…

Aber, wenn Kinder bzw. Teenager noch einigermaßen solidarisch sind und ein
Gespühr für Ungerechtigkeiten haben,

ab welchem Alter entwickelt man sich zum Arschloch?

Wenn man als Mittelschichtsdepp erfolgreich studiert hat und meint, dass sei alles das eigene Verdienst?

Oder ist es auch hilflosigkeit? Wie geht man als Mittelschichtsdepp mit jemandem
um, der vielleicht nicht so gut sozialisiert ist?

Reagiert man dann automatisch mit Ablehnung?

Wieso habe ich mich Zeit meines Lebens (im Übrigen erfolgreich) darum bemüht,
diese „normalen“ Menschen zu verstehen und mich anzupassen und warum hat sich nie jemand die Mühe gemacht, mich zu verstehen?

Was mich heute noch ärgert, wenn ich etwa ein heikles Thema mit meinen durchaus gebildeten, netten, freundlichen Kollegen diskutiere, ist das diese Mittelschichtler sich heraus nehmen, sich ein Urteil zu bilden über Dinge, von denen sie partout keine Ahnung haben.

Etwa, der Umgang mit straffällig gewordenen Jugendlichen… Meine Kollegen sagen: Ja, die armen Kinder, die haben es nicht anders gelernt, die muss man betreuen, mit ihnen Theater spielen etc.

Ich sage: Warum ich es geschafft habe und andere nicht, weiß ich nicht. Aber:
Ich habe früh erkannt, dass ich für mich selbst Verantwortung übernehmen muss und das auch immer konsequent umgesetz. Und wahrscheinlich legt man an andere die Maßstäbe an, die man an sich selbst anlegt. Bei mir sind die sehr hoch. Und ich will einfach nicht akzeptieren, dass ein jugendlicher Straftäter mit pseudo-sozialromantischem Geschwafel entschuldigt werden soll.

Wenn jemand eine Straftat begeht, dann verhält er sich entgegen den gängigen Normen und Konventionen. Dafür muss er als Erziehungsmaßnahme konsequent bestraft werden. So einfach ist das. Im Knast kann man sich ja dann überlegen, ob man eine Theater AG gründet. Aber der Täter muss bestraft und die Gesellschaft geschützt werden – unabhängig von den Erfahrungen, die der Täter gemacht hat.

Ich glaube, dass gerade diese sozialromantische Verklärung die eigentlichen Probleme noch verschärft.

Anstatt die Ressourcen eines Kindes zu stärken, wird ihm gesagt: du armes Hascherl, bist ja so arm dran, wenn du scheiterst, verstehen wir das. Im Notfall behandeln wir dich dann psychiatrisch…

Nein, nein, nein!

LG

Andrea

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