Erfahrungsbericht

Von Matthias

Erfahrungsbericht No. 2

Seit ich ganz klein bin, haben mich meine Eltern zur Arbeit angehalten. Ich habe sehr oft zum Beispiel bei Verwandten geholfen. Mit 16 hatte ich meinen ersten richtigen Job und habe seitdem immer neben der Schule und der Uni gearbeitet.

Als ich 16 war, hatte sich mein Vater noch nicht selbständig gemacht. Er hatte einen relativ gut bezahlten Job gehabt, aber wir hatten trotzdem nicht viel Geld, weil er Familienmitglieder finanziell unterstützte. Wir waren arm aber glücklich. Eigentlich war ich sogar damals, als wir nichts hatten, glücklicher als jetzt.
Dann wurde mein Vater gekündigt und musste einen schlechter bezahlten Job annehmen. Meine Schwester kam zur Welt und meine Mutter hörte deswegen mit ihrer Arbeit auf. Jetzt waren wir wirklich arm. Man hat das auch sofort gemerkt, weil wir uns nichts Neues mehr gekauft haben, sondern uns alles gebraucht besorgten. Wir haben sogar am Essen gespart. Gehungert haben wir nicht, aber es gab häufig Spaghetti oder Pellkartoffeln. Meine Mutter legte dann Blumen oder schöne Blätter, die sie daruaßen gefunden hatte auf den Tisch, damit es trotzdem nett aussah. Außerdem ist Hunger der beste Koch.
Trotzdem reichte das Geld hinten und vorne nicht. Ein Familienrat wurde abgehalten. Es wurde beschlossen, dass ich nach der Schule einen Job annehmen sollte und ich fing in einem Cafe an, in dem mein Vater den Inhaber kannte. Ausserdem habe ich mir Geld dazu verdient, indem ich bei Leuten im Garten half.
Wegen der Arbeit hatte ich nicht mehr viel Freizeit und in der Freizeit, die ich hatte, hatte ich andere Dinge vor als Hausaufgaben. Mein Notendurchschnitt sackte innerhalb eines Jahres von 1,5 auf 2,8. Das allein wäre nicht so schlimm gewesen, wäre ich nicht in einem Fach schon immer schlecht gewesen und jetzt von Nachhilfe abhängig. Nun musste ich die Nachhilfe von meinem eigenen Geld bezahlen und natürlich verdarb mir das wirklich den Tag. Ich hatte keine Lust auf Nachhilfe und noch weniger darauf sie auch noch selbst bezahlen zu müssen. Mein Unwillen blieb dem Nachhilfelehrer, einem Studenten, nicht verborgen. Er war eigentlich ganz nett und als er erfuhr, dass ich nebenher arbeite und unter anderem von diesem Geld die Nachhilfe bezahlt wird, machte er mir einen guten Tarif. Später übernahm ein Mann von unserer Kirchengemeinde die Kosten für die Nachhilfe. „So viel Fleiss muss belohnt werden“ war seine Rede.
Davon abgesehen hat mir die Arbeit gefallen. Ich arbeite gerne da, wo die Leute in ihrer Freizeit hingehen und gute Laune haben. Ich bin dadurch zum Mann geworden. Als ich jünger war hatte ich zwar auch gearbeitet, aber es war nicht bezahlt und ich hatte größtenteils Frauenjobs gemacht, wie Unkraut zu zupfen. Mein Vater ist sehr geschickt. Er kann alles mit seinen Händen. Ich habe oft daneben gestanden und ihn bei der Arbeit beobachtet, wollte ich es aber selbst tun, dann hat er mir oft das Werkzeug aus den Händen genommen, mich geknufft und einen Tolpatsch genannt. So ungeschickt habe ich mich angestellt. Meine jüngeren Cousins haben viele dieser Dinge schon lange vor mir gemacht. Mit 16 hatte ich schon befürchtet, er würde mich nie an die Männerarbeit ran lassen. Mit 16 ließ er mich einen Baum beschnieden „Lass mal sehen“. Ich stellte mich gut an. Seit dem Tag durfte ich alles tun.
Ich habe es genossen, einen neuen Status zu haben. Ich bin wie mein Vater durch die Wohnung gegangen, ohne mir die Schuhe auszuziehen, und bin nicht mehr dafür angemeckert worden. Nach der Arbeit setze ich mich in einen Sessel und griff nach den Zigaretten. Ja, wir aßen Spaghetti und Kartoffeln, aber hatten Zigaretten. Die Menschen sind nicht immer nur logisch einen kleinen Luxus braucht jeder. Mein Vater sah es wohl, aber nickte mir nur zu. Noch vor einem Jahr hätte es ein Donnerwetter gegeben. Abends saß ich oft mit den Männern aus meiner Familie zusammen und wir haben Bier getrunken und erzählt und gelacht. So hat die Arbeit mich stolz gemacht.
In der Kirche sprach der Pastor von ehrlicher Armut und mein Stolz wuchs noch mehr, denn ich fühlte mich angesprochen. Er sagte: „Der Mensch sieht die Kleidung und Reichtümer, aber Gott sieht das Herz“ und dass die Armut mit Anstand wie eine Krone sei. Manch einem Menschen mag das nichts bedeuten. Mir aber schon. Mir kam es vor, als hätte er zu mir ganz persönlich gesprochen.

Viel Stress war es aber auch. Ich blieb oft lange auf, weil ich trotz der Arbeit meine sozialen Kontakte nicht vernachlässigen wollte. Spät in der Nacht machte ich meine Hausaufgaben. Einmal bin ich in der Schule eingeschlafen. Der Lehrer haute – Peng – einen Zeigenstock oder das Klassenbuch oder irgendetwas vor mir auf den Tisch. Ich bin hochgefahren und die ganze Klasse hat sich köstlich amüsiert. Der Lehrer schickte mich daraufhin eine Karte zu holen. Als ich in dem Kartenraum ankam hatte ich vergessen welche, weil ich noch halb am Schlafen war. Da kam ich zur Klasse zurückgeschlichen und habe gefragt und jeder lag unter der Bank vor Lachen.

Meine Schwester ist inzwischen auf der Realschule. Da ist ein starkes Band zwischen uns. Ich glaube, dass ich ein verantwortungsbeusster Mensch bin. Die Leute schätzen das an mir. Deswegen bin ich froh, dass es so gekommen ist.

Hier findet ihr weitere Erfahrungsberichte von Matthias:
Erfahrungsbericht No. 1
Erfahrungsbericht No. 3

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2 Antworten auf „Erfahrungsbericht“


  1. 1 Erfahrungsbericht « Dishwasher Pingback am 20. März 2010 um 16:54 Uhr
  2. 2 Erfahrungsbericht « Dishwasher Pingback am 22. März 2010 um 17:19 Uhr
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