„… in die Bildungsferne geboren“ Neues von Heinsohn

Von Anreas Kemper
Die WELT-Online hält es für notwendig, dass Herr Heinsohn seine Polemiken noch einmal wiederholen darf. Er nennt in seinem Gastkommentar vom 20.03.10 keine neuen Argumente, sondern wird noch perfider: die Hartz-IV-Mütter seien unschuldig. Sie würden durch die hohen Transferleistungen verführt und dann später vom Staat als Schlampen bezeichnet, weil sie das Geld annehmen (welche Leistungen eigentlich? Kindergeld kann er ja wohl nicht meinen, das wird schließlich mit dem ALG-II verrechnet, Elterngeld gibt es nur für ein Jahr und zwar nur ein Sechstel der Transferleistungen, die Gutverdienende erhalten). Besser also erst gar nichts geben?

Das Problem sei nach Heinsohn nicht der ALG-II-Bezieher, sondern der Mangel an Ingenieuren, der uns demnächst erwarten wird und der unsere Ernährung gefährdet. „Die Leistungsträger sterben aus“, so der Titel der Kolumne. Und der Mangel wird dadurch gelöst, dass es eine „Sozialnotversicherung“ geben soll, man dementsprechend nur noch 4-6 Jahre Sozialhilfe in seinem Leben bekommt. Dann ist Schluss. Das habe dann zur Folge, dass nur noch 2% „in die Bildungsferne geboren werden“ und nicht mehr 20%. Wer dann kein Brot hat, kann ja Kuchen essen.

Akademikermangel

Das „Institut für deutsche Wirtschaft“ legte diese Woche einen Bericht über den zu erwartenden Akademikermangel vor (wir berichteten). Dort wird nicht empfohlen, die Sozialhilfe auf 4 Jahre zu begrenzen, sondern ein bundesweites Stipendienprogramm einzuführen. Erscheint mir plausibler.
Auch dieses vielbeschworene „Aussterben der Akademikerinnen“, welches bei Heinsohn direkt in ein „Aussterben der Leistungsträger“ umgewandelt wird, ist ein Mythos (siehe Interview mit Rainer Hufnagel-Person), bekanntlich bekommen AkademikerInnen überdurchschnittlich viele Kinder. Mit deutlich falschen Zahlen (40% Akademikerkinderlosigkeit) wurde trotz Intervention der StatistikerInnen, auf die man sich bezog, Bundespolitik gemacht. Darüberhinaus wäre es absurd, durch eine Steigerung der Akademikerkinderquote die AkademikerInnenzahl erhöhen zu wollen mit der Begründung: unser Bildungssystem ist so gestrickt, dass es fast nur Akademikerkinder studieren lässt. Da macht wie gesagt auch das „Institut der deutschen Wirtschaft“ nicht mit.

Sozialeugenische Bilderproduktion

„Kinder werden in die Bildungsferne geboren“ – Es sind solche skurrilen Bilder, die uns durch WELT, BILD und FAZ mit „Experten“ wie Gunnar Heinsohn eingedroschen werden. Heinsohn spricht von „Leistern“ (einfaches Weltbild: Leister und Harzer), davon, dass 15 Prozent der Bevölkerung „nicht ausbildungsfähig“ seien (auch das sieht das Forschungsinstitut der deutschen Wirtschaft etwas anders: Kinder aus unteren Schichten werden systematisch benachteiligt und zwar schon im Alter unter drei Jahren (sozialgruppenspezifische Verfügung von Kitaplätzen)). Er spricht von einer „Lebenszeitverbeamtung auf Hartz IV“, von „Transferbabys“, von einer „Sozialnotversicherung“ (perfide hieran: „Sozialnot“ bezeichnet eine relative Armut im Gegensatz zur „Existenznot“, die die absolute Armut bezeichnet. Durch die „Sozialnotversicherung“ wird die Existenznot eingeführt, bzw. ausgeweitet. By the Way: wieso Versicherung? Zahlt jeder seine Sozialnotversicherung selber? Will da jemand Steuern sparen?), von „demografisch stabile Gesellschaft“ als oberstes Leitbild, dem sich alles zu beugen hat.

Heinsohns Funktion ist nicht die eines Wissenschaftlers, der mit einem Forschungsprojekt und eigenen Erhebungen und seriösen Auswertungen überprüfbares Wissen über die Gesellschaft mehrt. Vielmehr liefert er Bilder und sprachliche Neuschöpfungen, die geignet sind, die mit der Menschenwürde einhergehende sozialpolitische Gestaltungsfähigkeit zu unterbinden. „Transferbabys“ entmenschlicht nicht nur die Neugeborenen, sondern auch die Beziehung zu seinen Eltern. „In die Bildungsferne geboren“ entmenschlicht ebenfalls. Kinder werden von Müttern geboren, zur Welt gebracht. Die Wendung „in die“ macht aus der Geburt einen zielgrichteten Wurf. Kinder werden nicht in „die Kreissäle geboren“, sondern in „Kreissälen geboren“. Und schon gar nicht werden sie in die „Bildungsferne“ geboren. Der Begriff „bildungsfern“ ist problematisch genug. Seine Substanzilisierung erschafft einen quasi-geographischen Begriff, ein fremdes abgeschottestes Land. In der Diskriminierungsforschung wird von „Othering“ gesprochen, jemanden „anders“ machen, fremd machen. Mit dieser Bilder- und Wortgestaltung steht Heinsohn nicht allein, Sarrazin und Sloterdijk haben ähnliche Funktionen. Sarrazins „Unterschichtengeburten“ und Heinsohns „Transferbabys“ tun sich nicht viel. Die Unterschicht müsse „sich auswachsen“ formulierte Sarrazin und meinte „aussterben“, wie er auf Nachfrage bestätigte. Sloterdijk bringt in seinem „bürgerlichen Manifest“ Sarrazin und Heinsohn zusammen. Seine auf Platon, Nietzsche und Heidegger basierenden Menschenzuchtsphantasien lassen sich mithin kaum anders als sozialeugenisch lesen, auch wenn er dies vor zehn Jahren noch weit von sich wies. In diesem „bürgerlichen Manifest“ in der Zeitschrift Cicero zeichnet er ein simples Bild der Gesellschaft: hier die Leister, die Geber, die FDP, dort die Harzer, die Nehmer, die LINKE. Und dazwischen diejenigen, die nicht Manns genug sind – man könnte problemlos herauslesen: zu dekadent sind – sich für die Streichung der Steuern und der Sozialausgaben zu entscheiden.

DiskursforscherInnen und JournalistInnen könnten handeln

Wir haben es mindestens mit vier Problemen zu tun:
1. Eine Gruppe von sogenannten „Experten“ bastelt an einem sozialeugenischen Theoriegebäude und wirft sich hier gegenseitig neue Wortbildungen zu. Das Problem ist nicht der „Duktus“ oder die falsche Wortwahl. Die Wortwahl ist sehr gewählt und zementiert einen Gedankenkomplex, der klassenbiologisch und sozialeugenisch geprägt ist.
2. Bürgerliche konservative Zeitungen mit einer sehr großen Reichweite (WELT, FAZ, BILD und bildungsbürgerliche Zeitschriften wie Lettre International und Cicero) pushen diese absurden Forderungen und machen sie „salonfähig“.
3. Bürgerliche linksliberale Zeitungen bringen keine fundierten Kritiken. Den einzig guten Zeitungsartikel zu Sarrazins Lettre-Interview fand ich in der ZEIT.de Christian Staas: Schickes Ödland Großstadt. Christian Staas hat den Lettre-Artikel genau gelesen und richtig interpretiert:

„… es ging um den Niedergang dieser Stadt, um ihre Degeneration – auch wenn das Wort nicht fällt (dafür wimmelt es vor atemraubenden Begriffen wie ‚Unterschichtengeburten‘).“

Dieses böse Wort „Degeneration“ bzw. sein Pendant „Dekadenz“ erschien kurze Zeit später in einem ähnlichen Zusammenhang (Wir berichteten: „Dekadenz“ erweitert die Sozialeugenikdebatte). Aber wieder analysiert keine Zeitung Westerwelles mehrfach benutzte Vokabel „dekadente Erscheinungsform“ für die Linderung der Sozialen Selektion im Schulsystem im Zusammenhang mit der sozialeugenischen Debatte.
4. Wo bleibt die Diskursforschung, die Kritische Diskursanalyse? Die Methoden zur kritischen Analyse von Diskursen sind doch ebenso vorhanden, wie Lehrstühle und Publikationsmöglichkeiten. Diskursanalysen finden sich noch immer vorwiegend dort, wo es um Rassismen und Sexismen geht. Das ist wichtig. Aber was Sarrazin, Sloterdijk, Heinsohn und etliche weitere gern zitierte „Experten“ bringen, müsste doch ein gefundenes Fressen für jeden Diskursanalytiker sein. Tobias Fabinger wies hier bereits auf die Notwendigkeit einer Analyse eines Klassendiskurses hin. Fundierte und zeitnahe kritische Analysen könnten dann auch von Zeitungen aufgegriffen werden und erlauben es, nicht nur die Sarrazins und Heinsohns zu entmystifizieren, sondern auch die Publikationspraxis von WELT und FAZ und „Minderleister-Intellektuellen“-Blätter wie Cicero und Lettre nachhaltig in Frage zu stellen.

Nachtrag (23.08.2010): Thilo Sarrazin gibt nun ein Buch bei DVA (Bertelsmann) heraus. DER SPIEGEL und BILD promoten es.


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