Howard Zinn: Klassenbewusst aufwachsen

Von Andreas Kemper

2006 besuchte ich in New York eine Veranstaltung, in der verschiedene bekannte Menschenrechtsaktivist_innen Texte vortrugen aus der Geschichte der Vereinigten Staaten. Diese Texte hatte Howard Zinn zusammengestellt, der Autor von „Eine Geschichte des amerikanischen Volkes“. Es waren vergessene Texte von aus dem Alltagsbewusstsein verdrängten Kämpfen, beginnend mit der Gewalt von Kolumbus gegen die Arawak-Indianer_innen, über die Kämpfe gegen Sklaverei, Kämpfe der Frauenbewegung, Erzählungen aus den Stonewall-Riots und den Anti-Vietnamkriegs-Aktivitäten. Mir ging es so wie den vielen anderen im Saal, ich war sehr berührt. Im Folgenden zitiere ich eine Passage aus Howard Zinns Autobiographie „Schweigen heißt Lügen“, in der er von seinem klassenbewussten Aufwachsen in Brooklyn erzählt.

Howard Zinn ist am 27. Januar 2010 gestorben. Durch Zufall entdeckte ich gestern seine Autobiografie, die vom Nautilus Verlag 2010 herausgegeben wurde (Howard Zinn: Schweigen heißt lügen. Autobiografie, Hamburg 2010: Nautilus) und habe es ohne zu zögern gekauft und die anschließenden Stunden mit lesen verbracht.
Auf der Website des Verlages findet ihr mehr Infos. Eine Passage aus dem Kapitel „Klassenbewusst aufwachsen“ behandelt seine Geschichte als Arbeiterkind. Mit freundlicher Genehmigung des Verlages Edition Nautilus gebe ich sie im Folgenden wieder. Andere Passagen sind genauso lesenswert, bspw. seine Kämpfe als Hochschulprofessor gegen den konservativen Universitätsdirektor. Sehr gerne würde ich das ganz Buch abschreiben. Das wäre eine unnötige Arbeit. Kauft es euch oder leiht es euch aus, es lohnt sich wirklich. Ich habe den folgenden Abschnitt ausgewählt, weil es in den deutschen Medien momentan üblich ist, Eltern aus den unteren Schichten zu bashen.

„Mein Vater wollte der Fabrik entkommen und wurde Kellner, bei Hochzeiten zumeist, manchmal auch in Restaurants. Er trat der Kellnergewerkschaft, Ortsgruppe 2, bei. Die Gewerkschaft übte eine starke Kontrolle aus, doch am Silvesterabend, wenn zusätzliche Kellner benötigt wurden, durften die Söhne von Mitgliedern, die ‚Juniors‘ genannt wurden, mit ihren Vätern arbeiten.
Auch ich kellnerte, hasste aber das Ganze: den von meinem Vater geborgten, schlecht sitzenden Smoking an meinem schlaksigen Körper, die Ärmel absurd kurz (mein Vater war 1,62 Meter, ich mit sechzehn 1,82 Meter groß); die Art, wie die Chefs die Kellner behandelten, denen ein paar Hähnchenflügel zugestanden wurden, bevor sie losmarschierten, um den Gästen Roastbeef und Filet Mignon zu servieren; die Kostüme und albernen Hüte der Gäste, die zum Jahresbeginn ‚Auld Lang Syne‘ sangen, während ich in meiner Kellnerkleidung herumstand, zusah, wie mein Vater mit erschöpften Gesicht die Tische abräumte, und mich nicht auf das neue Jahr freuen konnte.
Als ich zum ersten Mal auf ein Gedicht eines gewissen e. e. cummings stieß, verstand ich nicht, warum es mich so sehr berührte, wusste aber, dass es irgendein verborgenes Gefühl ansprach:

mein vater durchlief die schicksale der liebe
jene des seins und der gaben des gebens,
jeden morgen aus jeder nacht singend
mein vater aus tiefen sich schwingend …

Sein Name war Eddie. Er zeigte seinen vier Jungen stets seine Zuneigung und lachte gern. Er hatte ausgeprägte Gesichtszüge, einen muskulösen Körper und Plattfüße, die eine Folge der langen Kellnertätigkeit waren, wie behauptet wurde, doch wer konnte sich dessen schon sicher sein. Seine Kellnerfreunde nannten ihn ‚Charlie Chaplin‘, weil er beim Laufen die Füße nach außen drehte – er meinte, er könne so die Tabletts besser balancieren.
In den Jahren der Depression fielen die Hochzeitsfeiern weg, es gab wenig Arbeit, und mein Vater wurde es leid, im Gewerkschaftshaus herumzuhängen, Karten zu spielen und auf einen Job zu hoffen. Er arbeitete als Fensterputzer, fliegender Händler, Straßenverkäufer von Krawatten oder als Arbeiter der Work Projects Adeministration im Central Park. Als Fensterputzer riss ihm einmal der Haltegurt, und er fiel von der Leiter auf die Betonstufen eines Eingangs zur U-Bahn. Ich war vielleicht zwölf und erinnere mich noch daran, wie er blutend in unsere kleine Wohnung gebracht wurde. Er war schwer verletzt und meine Mutter verbot ihm, weiter Fenster putzen zu gehen.
Mein Vater hat sein ganzes leben lang hart gearbeitet und sehr wenig verdient. Ich habe mich stets gegen die blasierten Behauptungen von Politikern, Medienkommentatoren und Unternehmensvorständen gewandt, in Amerika könne man reich werden, wenn man nur hart genug arbeite. Dieser Behauptung zufolge war der Arme arm, weil er nicht hart genug arbeite. Ich wusste, dass dies eine Lüge war, eine Lüge über meinen Vater und über Millionen andere, Männer und Frauen, die härter arbeiteten als sonst jemand, härter als die Herren der Finanzwelt und der Politik, härter als sonst jemand, wenn man zugibt, dass es eine Schufterei ist, einer unangenehmen Arbeit nachzugehen.
Meine Mutter Jenny arbeitete und arbeitete, ohne überhaupt entlohnt zu werden. Sei war eine rundliche Frau mit einem hübschen, ovalen russischen Gesicht – wirklich eine Schöhnheit. Sie war im sibirischen Irkutsk aufgewachsen. Während meine Vater seine Stunden ableistete, musste sie Tag und Nacht arbeiten, sich um die Familie kümmern, dafür sorgen, dass etwas auf den Tisch kam, putzen und die an Masern, Ziegenpeter, Keuchhusten, Mandelentzündung oder an was auch immer leidenden Kinder zum Arzt oder ins Krankenhaus bringen. Uns sie musste sich um die Finanzen kümmern. Mein Vater war nur vier Jahre zur Schule gegangen und konnte nicht besonders gut lesen oder rechnen. Meine Mutter hatte die siebte Klasse absolviert, doch ihre Intelligenz hätte für weit mehr gereicht. Sie war der geistige Kopf der Familie und deren Stütze.“
(Howard Zinn: „Schweigen heißt Lügen. Autobiografie“, Hamburg 2010: Edition Nautilus, S. 219-221)

Soweit der Abschnitt. Howard Zinn erzählt weiter von seinen ersten Büchern, die er verschlang und von seinen Eltern, die zwar selber kaum lasen, ihn aber in seinem Lesen unterstützten, von seiner ersten Demo-Erfahrung, wo er von der Polizei bewusstlos geschlagen wurde und zum Kommunisten wurde. Seine Erfahrung als Werftarbeiter und Soldat im Zweiten Weltkrieg, wo er ein wirklicheres Bild von der Sowjetunion entdeckte: „Doch die Desillusionierung über die Sowjetunion minderte nicht meinen Glauben an den Sozialismus, genauso wenig wie die über die Regierung der Vereinigten Staaten meinen Glauben an die Demokratie abschwächten.“ (S.237f.)

Fazit: „Schweigen heißt Lügen“ ist ein spannendes, berührendes, erdendes Buch. Was sollte man auch anderes erwarten von dem Historiker einer Geschichte von unten, der als Arbeiterkind seine eigene Geschichte schreibt.

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2 Antworten auf „Howard Zinn: Klassenbewusst aufwachsen“


  1. 1 Carl 03. April 2010 um 10:34 Uhr

    Das Gedicht ist schön :)

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