Statusangst

Von Andreas Kemper
Markus machte uns darauf aufmerksam, dass im aktuellen Spiegel ein Interview mit dem Soziologen Wilhelm Heitmeyer (Bielefeld) abgedruckt worden ist und meinte, das wäre doch was für uns. Ja, ist es. Heitmeyer organisiert die auf zehn Jahre angelegte Studie zur „gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeit“. Im Spiegel-Interview äußert er sich sehr unmissverständlich zur Feindlichkeit gegenüber Langzeitarbeitslose.

Bereits in der Ausgabe „Deutsche Zustände Bd 6″ von 2008 sprach Heitmeyer davon, dass sich unsere Gesellschaft von einer Marktwirtschaft zu einer Marktgesellschaft ändere. Damit meinte er, dass Menschen immer stärker nach ihrer Verwertbarkeit, nach ihrem Arbeitsnutzen beurteilt würden. Behinderte, arbeitslose und obdachlose Menschen würden stärker als zuvor abgewertet. Heitmeyer im Spiegel-Interview vom 03. April 2010 (Markus Grill: Kapitalismus. „Wutgetränkte Apathie“. Interview mit Wilhelm Heitmeyer, SPIEGEL Nr. 14, 3.4.2010):

Heitmeyer: Wir können belegen, dass die Mittelschicht seit Einführung von Hartz IV massive Angst hat. Das führt dazu, dass Mitmenschen vor allem nach ihrer Nützlichkeit bewertet und damit auch abgewertet werden. Der autoritäre Kapitalismus hat es geschafft, seine Verwertungskriterien ohne Widerstand der ganzen Gesellschaft überzustülpen.
SPIEGEL: Woran machen Sie das fest?
Heitmeyer: Wenn Menschen heute jemand kennenlernen, lassen sie sich häufig von einem Nutzenkalkül leiten, also der Frage, was nützt mir dieser oder jener Kontakt? Fast 80 Prozent sagen, dass sie rational abwägen, was ihnen bestimmte Kontakte bringen. Das ist Kälte.

Ein ähnlicher Trend lässt sich auch in den Hochschulen feststellen. Nicht nur die Struktur der Hochschulen wird immer mehr den Wirtschaftserfordernissen angepasst oder übernimmt deren Formen. Auch in der Millieustruktur hat sich eine Verbetriebswirtschaftlichung der Studierenden durchgesetzt. Das „alternative Milieu“ ist weitgehend verschwunden. Es gilt, schnell und effektiv und für sich alleine die besten Abschlüsse zu erreichen.

Seit der Studie von 2008 hat die Wirtschaftskrise zugenommen und ebenso der Vermögensabstand der Armen und der Reichen. Die Wut in der Bevölkerung über den realen und befürchteten sozialen Abstieg habe zugenommen. „Wir haben es mit einer wutgetränkten Apathie in der Bevölkerung zu tun.“ Dies sei äußerst gefährlich. Zum einen drohe unser „demokratisches System zu verrotten“, da diejenigen, die sich von der Wirtschaftskrise am meisten bedroht fühlten, keine politischen Partizipationsmöglichkeiten sehen, da auf „die kleinen Leute“ eh nicht gehört werde; zum anderen würden Sündenböcke gesucht, mehr als die Hälfte der Bevölkerung glaube inzwischen, dass an der Wirtschaftskrise diejenigen mitschuldig seien, die vom Sozialstaat lebten:

Heitmeyer: Im Gegensatz zu früher, wo es unter anderem gegen Schwule, Muslime oder Ausländer ging, geraten jetzt Langzeitarbeitslose ins Visier. 47 Prozent der Menschen sind der Ansicht, dass ‚die meisten Langzeitarbeitslosen nicht wirklich daran interessiert sind, einen Job zu finden‘. 57 Prozent sagen, es sei ‚empörend, wenn sich Langzeitarbeitslose auf Kosten der Gesellschaft ein bequemes Leben machen‘. Gegen keine Gruppe finden sich in der Gesellschaft so viele Vorurteile wie gegen Menschen, die schön länger keine Arbeitsstelle mehr haben.

Zu ähnlichen Ergebnissen kam die Studie Sinus-Studie „Diskriminierung im Alltag“ im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle des Bundes vom letzten Jahr. Pikant daran: sie konstatierte mit expliziter Hervorhebung dieses Ergebnis im ersten Teil der Studie und widmete sich dann im zweiten Teil den Diskriminierungsformen, die vom Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz geschützt sind und dazu gehören nicht klassenspezifische Diskriminierungsgründe wie Arbeitslosigkeit, Soziale Herkunft oder Obdachlosigkeit. Da die Europäischen Antidiskriminierungsrichtlinien diese Diskriminierungsformen nicht nennt, werden sie schlicht übergangen, was natürlich zu Verzerrungen der Ergebnisse führt. Wie wir bereits berichteten, lässt die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nun zu „Diskriminierung an Hochschulen“ forschen, ohne die Diskriminierungserfahrungen von Arbeiterkindern zu berücksichtigen, da Soziale Herkunft nicht im Gleichbehandlungsgesetz erwähnt wird, was natürlich auch politische Gründe hat. Dabei wäre es spannend herausfinden, ob die Kälte, die Statusangst, von der Heitmeyer spricht, auch im Hochschulalltag greift und welche Konsequenzen dies für Arbeiterkindern hat. Schon lange ist bekannt, dass Statusangst bzw. die Angst vor Deklassierung eine der Hauptursachen für Amokläufe ist. Aber trotz der medialen Aufmerksamkeit, die Amokläufe nach sich ziehen, wird die Sozialisation in der Mittelschicht nicht problematisiert, man spricht lieber über Computerspiele als über Abstiegsängste.

Siehe auch:
* Michael Hartmann: Deutschlands Eliten haben sich radikalisiert in: DIE ZEIT, 06.04.2010
* Kommentar von Ulrike Hermann „Soziale Gerechtigkeit. Die Mittelschicht betrügt sich selbst“ in Spiegel-Online (8.4.2010)

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