Neue IGLU-Auswertung: Arbeiterkinder werden benachteiligt

Eine neue Auswertung des statistischen Materials der Internationalen-Grundschul-Lese-Untersuchung bestätigt die Benachteiligung von Arbeiterkindern bei der Gymnasialempfehlung. Seit IGLU 2001 gibt die Kultusministerkonferenz diese Fragestellung nicht mehr in Auftrag und schweigt entsprechend konsequent zum aktuellen Befund einer Diskriminierung von Arbeiterkindern.

Tanjev Schulz von der Süddeutschen Zeitung, der der Bericht vorliegt, schreibt zur sozialen Selektion:

Der neue Iglu-Bericht unter Federführung des Dortmunder Schulforschers Wilfried Bos belegt außerdem erneut den Einfluss der sozialen Herkunft auf die Schulkarriere der Kinder. Arbeiterkinder haben es bei gleicher Intelligenz und gleicher Leseleistung fast dreimal so schwer, von Lehrern für ein Gymnasium empfohlen zu werden, wie Kinder aus der Oberschicht. Im Saarland und in Sachsen ist der Einfluss der sozialen Herkunft besonders groß; dort sind die Aussichten für Arbeiterkinder mehr als viermal geringer. Auch Hessen und Bayern schneiden bei dem Wert, der sich auf Daten von 2006 bezieht, vergleichsweise schlecht ab. In Berlin, Bremen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen gibt es dagegen, wenn Intelligenz und Leseleistungen der Schüler berücksichtigt werden, keinen Effekt der sozialen Herkunft auf das Lehrerurteil. Tanjev Schulz, Klassengröße ist unbedeutend, Süddeutsche Zeitung, 19.04.2010

Bei Spiegel-Online heißt es:

„Die Wissenschaftler sehen frühere Forschungsprojekte bestätigt, wonach Kinder von Führungskräften deutlich größere Chancen haben als Arbeiterkinder. Die Chance ist rund viermal größer, wenn man die Empfehlungen der Lehrer vergleicht, und noch etwas größer, wenn die Eltern gefragt werden. Die Unterschiede zwischen den Bundesländern sind beträchtlich. Im Saarland, in Hamburg und in Hessen bestehe „eine besonders enge Koppelung mit der sozialen Herkunft der Kinder“.
In einem zweiten Schritt berechneten die Bildungsforscher, inwieweit sich die Herkunft auswirkt, wenn Kinder gleiche Fähigkeiten und Leseleistungen aufweisen. In diesem Fall sei die Chance für ein Kind aus höheren Schichten im Bundesdurchschnitt immer noch rund dreimal größer, dass es zum Gymnasium geschickt wird“ Lernleistungen hängen nicht von Klassengröße ab, Spiegel Online, 17.04.2010

Zudem heißt es dort:

Unter Federführung des Dortmunder Schulforschers Wilfried Bos wurden zahlreiche weiterführende Untersuchungen vorgenommen, unter anderem über den Zusammenhang von sozialem Status der Eltern und der Empfehlung für den Besuch eines Gymnasiums – entgegen der Iglu-Studie 2001 war diese Betrachtung von den Kultusministern für den Bundesländervergleich nicht mehr in Auftrag gegeben worden.

Dieses Ergebnis, welches die Soziale Selektion wieder einmal bestätigt, scheint die KMK tatsächlich nicht zu interessieren. In einer aktuellen Pressemitteilung wird zwar auf die IGLU-Auswertung eingegangen, allerdings nur auf das Ergebnis zur Klassengröße und nicht auf die Diskriminierung von Arbeiterkindern. Brisant ist die Auswertung vor allem für den Hamburger Schulkampf. Hamburg ist eines der drei Länder, in denen die Übergangsempfehlungen für ein Gymnasium am stärksten mit der Sozialen Herkunft gekoppelt sind. Obwohl bereits eine ältere Auswertungen der IGLU-Studie zu dem Schluss kamen, dass der „Elternwille“ noch ungerechtere Effekte nach sich zieht als die ungerechte Lehrerentscheidungen, setzte die Organisation „Wir wollen lernen“ bereits durch, dass die geplante Schulreform den „Elternwillen“ nicht antastet. In einem Volksentscheid soll darüber abgestimmt werden, ob es bei der frühen sozialen Selektion bleibt.

Alte Auswertung von 2008


Hintergrund zu Lehrer- versus Elternentscheidungen aus IGLU-Studie 2006

Mindestpunktzahl (Lesekompetenz) für den Übergang zum Gymnasium nach Ansicht …
(Werte von 2001 in Klammern)

… der Lehrer der Kinder … der Eltern der Kinder
Kinder aus der
oberen Dienstklasse
537 (551) 498 (530)
Kinder von un- und
angelernter Arbeitern und
Landarbeitern
614 (601) 606 (595)

(Handreichung zur IGLU 2006-Pressekonferenz
Download am 28. Dezember 2007)

Erläuterung:
Kinder der vierten Klasse brauchen für eine Gymnasialempfehlung durch die LehrerInnen 537 Punkte, wenn sie Kinder aus der oberen Dienstklasse sind. Sie brauchen aber 614 Punkte, wenn ihre Eltern ungelernte ArbeiterInnen sind. Die Eltern aus den oberen Dienstklassen würden ihre Kinder mit einem Wert von 498 Punkten auf ein Gymnasium schicken und damit weit unter dem Schwellenwert der LehrerInnen. Auch ungelernte Arbeiter würden ihre Kinder eher aufs Gymnasium schicken, als dies LehrerInnen empfehlen würden (606 versus 614 erbrachte Punkte). Aber zum einen ist dieser Wert näher am LehrerInnen-Wert und zum anderen richten sich ArbeiterInnen oft nach Lehrerempfehlungen, während Eltern aus den sogenannten „besseren Kreisen“ sich oftmals über Lehrerempfehlungen hinwegsetzen.

Die neue Studie liegt der Kultusministerkonferenz und einigen Zeitungen vor, ist aber noch nicht veröffentlicht. Wir werden ausführlich berichten, sobald uns die Auswertung vorliegt.

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3 Antworten auf „Neue IGLU-Auswertung: Arbeiterkinder werden benachteiligt“


  1. 1 Administrator 26. April 2010 um 17:16 Uhr

    Wie hier zu erfahren ist, wird die Studie erst Mitte Mai veröffentlicht.

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