Erfahrungsbericht: Sie merken nicht, wie bürgerlich das eigentlich ist

Von Fatih
Erfahrungsbericht 2

Meine Noten waren nur durchschnittlich, weil ich neben der Schule arbeiten musste. Ich halte mein Abi eigentlich für eine gute Leistung. Doch ich musste feststellen, dass ich kein Einziges der Fächer studieren konnte, die mich interessierten. Über das Loswahlverfahren hatte ich aber doch noch Glück. Mein erstes Studienfach war leider nichts für mich. Das zweite war schon besser.

Ich bin in eine WG gezogen. Da hätte ich gerne ein Bücherregal im Wohnzimmer gehabt, denn ich hatte inzwischen viel zu viele Bücher um sie alle in einem Raum zu lagern und meinen Mitbewohnern ging es ähnlich. Sie schmissen sogar Bücher weg (was für ein Schock für mich!).
Meine Mitbewohner wollten kein Regal. Als wir darüber diskutierten erzählten sie Geschichten davon, wie ihre Eltern sie mit ihren Bücher genervt hätten. Einer meiner Mitbewohner hatte einen Vater, der Lehrer war und ihn Gedichte auswendig lernen ließ. Zu diesem Zeitpunkt habe ich mich zum ersten Mal als Prollo gefühlt. Meine Eltern konnten mich nicht mit ihren Büchern nerven, weil sie nicht lesen. Das fand ich beschämend. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl aus schrecklichen, abartigen, verarmten Unterschichtsverhältnissen zu kommen.

Dieses Gefühl hatte ich später noch oft. Zum Beispiel, wenn ich mich unglücklich ausdrücke, uns jemand mir unter die Nase reibt, dass was ich gerade gesagt habe, nicht politisch korrekt ist und genau weiß wie ich es gemeint habe. Wenn ich zum Beispiel über psychisch Kranke sage, dass sie psychisch krank sind… und nicht „erkrankt“ oder „krank geworden“, dann ist das für mich das Gleiche… und wenn dann jemand darauf besteht, dass es aber so heißt und nicht so… dann habe ich das Gefühl er benutzt die Sprache um mir zu zeigen, dass ich nichtswürdig bin… oder denkt er wirklich, dass ich schlecht bin, nur weil ich ein bestimmtes Wort benutze?

Ein Arbeiter würde sich unter Linken bestimmt fremd fühlen, denn sie mögen zwar Arbeiter, aber eher von Ferne, als Klasse. Wenn er ihnen aber als Person gegenüberstünde, weiß ich nicht, ob sie gut zurecht kämen. Es sind eigentlich nur Kleinigkeiten, die die Schichten unterscheiden, aber die können eine große Wirkung haben. Zum Beispiel trinke ich gerne Tee, wie ich es bei meinen Eltern gelernt habe. Ich lade Freunde ein, es gibt auch Kuchen und Süßigkeiten. Zuhause haben wir unsere Gläser oder Tassen auf kleine Spitzendecken gestellt. Ich finde das schön. Ich weiß aber, dass alle Studenten Spitzendecken und Kuchen lächerlich finden. Deswegen habe ich die Zierdecken, die mir meine Mutter geschenkt hat, ganz hinten im Schrank.
Ich bin wütend, wenn sie immer alles (Spitzendeckchen, Kuchen, sich nicht ständig zu besaufen oder zu kiffen) spießig und bürgerlich finden und dabei gar nicht merken, wie bürgerlich das eigentlich ist.

Ja, so ist das Leben halt :)

Siehe auch: Fatihs Erfahrungsbericht 1

Share and Enjoy:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • del.icio.us
  • email
  • Wikio




kostenloser Counter