Standesbewusste Chefärzte im Hamburger Schulkampf

Von Andreas Kemper
47 „Ärzte in verantwortlichen Positionen“ haben sich rotzfrech in den Hamburger Schulkampf eingemischt. Sie missbrauchten das Arzt-Patienten-Verhältnis durch eine Aufforderung an ihre Patient_innen, im Volksentscheid gegen die gemeinsame sechsjährige Grundschule zu stimmen. Da in anderen Ländern keine sechsjährige Grundschule existiere und da angeblich die meisten hochqualifizierten Ärzte

„sich für ihre Kinder Gymnasien mit Schwerpunkten (altsprachlich, bilingual, musisch usw.) möglichst ab Klasse 5 wünschen“

würde die Schulreform den Gesundheitsstandort Hamburg schwächen.

Dreist ist hier nicht nur die bewusst in Kauf genommene Zerstörung des Vertrauensverhältnisses, sondern auch die Selbstverständlichkeit, mit der davon ausgegangen wird, dass die Kinder von „hochqualifizierten Ärzten“ von der Grundschule zum Gymnasium wechseln. Eigentlich sollte nicht der Berufsstand der Eltern entscheiden, auf welche Schulen die Kinder gehen, sondern die sogenannte „Begabung“ der Kinder. Mit dieser Begabungsideologie wird schließlich das dreigliedrige Schulsystem legitimiert. Wir können uns gerne darauf einigen, dass sowas wie Begabung nicht festgestellt werden kann oder soll. Aber dann bitteschön ist die gesamte Schulselektion abzuschaffen. Es ist geradezu ekelhaft, mit welch ungebrochener Selbstverständlichkeit diese Ärzte davon ausgehen, dass ihre Nachkommen ein Gymnasium besuchen, bzw. zu besuchen haben, ob die Kinder wollen oder nicht, ob sie geeignet sind oder nicht. Nicht mal die wildeste Vererbungslehre aus dem Umfeld rechtsextremer Eugeniker von „Mankind Quarterly“ würde eine derart reinrassige 1:1 Vererbung von „Begabung“ untermauern. Hier zeigt sich einfach nur schamloser Standesdünkel.

Es ist erfreulich, dass der Hamburger Schulkampf diese unterschwelligen Standesdünkel und Klassismen endlich ans Licht bringt – das glaubt einem sonst ja keiner, dass diese Einstellungen tatsächlich massiv vorhanden sind. Wir dürfen gespannt sein, was noch so kommt.

Vielleicht sollte die Ärzteschaft einmal – statt Standesprivilegien sichernd unverschämte Briefe an Patietenten zu schreiben – über eine Selbstverpflichtung nachdenken, wie sie die American Psychological Association in ihrer „Resolution of Poverty and Socioeconomical Status“ (Resolution zu Armut und sozioökonomischen Status) formulierte.
Zur Ehrenrettung des Ärztestandes haben sich inzwischen über 120 Hamburger Ärzt_innen von dem Brief distanziert:

Nicht in unserem Namen

Wir, die unterzeichnenden Ärztinnen und Ärzte sind empört über den sogenannten „Aufruf der Hamburger Ärzteschaft gegen die Einführung der Primarschule“!

Wir distanzieren uns von den 47 Ärzten und deren Veröffentlichung. Diese Gruppe gibt nicht die Meinung aller Hamburger Ärztinnen und Ärzte wieder.

Leider ist nichts von der sozialen Verantwortung, die unser Berufsethos mit sich bringt, zu lesen – statt dessen eine elitäre Abgrenzung, damit die Kinder gutsituierter Kaufleute und Ärzte weiterhin unter sich bleiben, statt weitere 2 Jahre im bekannten Klassenverband gemeinsam zu lernen.

Evidenz basierte, wissenschaftlich belegte Studien zeigen eindeutig, dass längeres gemeinsames Lernen zu den messbar besseren Ergebnissen für alle führt. Wenn wir in der Medizin Evidenz-basiertes Handeln fordern, sollten die Reformgegner dies auch für die Erziehungswissenschaften gelten lassen

Es ist nicht hinzunehmen, dass diese Kollegen das Vertrauensverhältnis zwischen ihren Patientinnen und Patienten missbrauchen, um ihre elitären Ziele zu verfolgen.

Wir, unter denen viele Eltern schulpflichtiger Kinder sind, möchten vor allem den leitenden Ärzten unter den Reformgegnern den Hinweis geben, dass eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen und familienfreundliche Arbeitszeiten in den Krankenhäusern den Zuzug junger Kolleginnen und Kollegen sichern und fördern würde. Hier sind auch die Ganztageskonzepte der Schulreform im Sinne der Familienfreundlichkeit zu nennen.
Wir brauchen nicht nur für unsere eigenen, sondern für alle Kinder den bestmöglichen Bildungszugang.

Nicht der „Gesundheitsstandort Hamburg“ ist in Gefahr – dem Bildungsstandort Hamburg haben die 47 Kollegen mit ihrer reformfeindlichen Aktion einen schlechten Dienst erwiesen!

Dieser Brief findet sich hier: Nicht in unserem Namen


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3 Antworten auf „Standesbewusste Chefärzte im Hamburger Schulkampf“


  1. 1 Irene 15. Mai 2010 um 11:14 Uhr

    Hier was Komisches zum Thema, von der bayerischen Kabarettistin Monika Gruber in der Rolle einer Wiesn-Kellnerin (ab 2:30 min, zur Sache ab ca. 5:00)
    http://www.youtube.com/watch?v=q4UjJUP6K7E

  2. 2 Andreas 27. Mai 2010 um 18:04 Uhr

    Eine aktuelle Studie von Medizinsoziologen fand heraus, dass Hauptschule krank macht. „Verantwortung“ scheint für die 47 Ärzte „in verantwortungsvollen Positionen“ sehr merkwürdig definiert zu sein. Hauptschule macht krank

  1. 1 Twitter Trackbacks for Standesbewusste Chefärzte im Hamburger Schulkampf « Dishwasher [blogsport.de] on Topsy.com Pingback am 13. Mai 2010 um 15:20 Uhr
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