Die politische Linke und die Arbeiter (und studierenden Arbeiterkinder)

Von Tobias Fabinger

Da ich gerne theoretische Überlegungen zu Papier bringe, die leider nicht alle für meine Magisterarbeit verwertbar sind, aber mir dennoch relevant erscheinen, nutze ich mal unser Forum hier, um eine Diskussion anzustoßen. Diese Überschussproduktion an Theorie und die Reibungsverluste, die dabei entstehen, sind übrigens für Arbeiterkinder typisch, wie ich mal in einem interessanten Buch zur akademischen Biographie von Arbeiterkindern las. Man möge mir verzeihen, dass ich hier ein Thema anspreche, das einige als sehr speziell empfinden werden, dass aber vielleicht bei einigen Wenigen, die Erfahrungen mit der politischen Linken haben, zu Aha-Erlebnissen führt. In guter Tradition unserer Zeitung wird es etwas soziologisch, wobei dies nicht künstlich komplizieren soll, sondern hoffentlich einiges erklärt oder zumindest Denkanstöße gibt.

Doch nun zum eigentlichen Thema: So mancher, der aus einer Arbeiterfamilie stammt oder sich selbst in einer arbeiterlichen beruflichen Situation befindet bemerkt, dass er benachteiligt ist, und dass etwas in der bürgerlichen Gesellschaft nicht stimmt. Er fängt an nachzudenken und wird politisch links, stellt die herrschenden politischen und ökonomischen Machtverhältnisse in Frage – zurecht, sind es doch diese Verhältnisse, die den Arbeitern und ihre studierenden oder nichtstudierenden Kindern viele Chancen auf Entfaltung vorenthalten. Dieses Engagement kann soweit gehen , dass sich das „proletatrische“ oder herkunftsmäßig proletarische Subjekt einer linken Gruppierung oder Partei anschließt oder bei entsprechenden Interessen linke kritische Positionen im Feld der Wissenschaft besetzt. Nun stößt man auf folgenden Widerspruch, und darauf möchte ich eigentlich hinaus: Jede Form linker Politik oder kritischer Wissenschaft ist in der bürgerlichen Gesellschaft auch immer ein Ringen der Subjekte um statusmäßige Positionen im sozialen Feld. Das Zur-Geltung-Bringen linker Inhalte oder wissenschaftlicher Positionen ist unmittelbar verknüpft mit Statuskämpfen in einem bürgerlich strukturierten sozialen Feld – wie könnte es auch anders sein, leben wir doch in einer bürgerlichen Gesellschaft. Zur Erklärung des Hintergrundes dieser Analyse: Die Begriffe, die ich hier verwende stammen von dem Soziologen Bourdieu. Das politische und wissenschaftliche Feld sind zwar sehr unterschiedlich, aber ich nenne sie hier zusammen, weil beide ein mögliches Medium der Emanziaption der Arbeiter sein können – das eine praktisch, das andere auf der Ebene des Bewusstseins, auf der Ebene der gesellschaftlichen Bewusstwerdung.

Wem das hier zu abstrakt ist, ein Beispiel: Jemand möchte die sozialen Interessen der benachteiligten unteren Schichten vertreten, baut aber genau darauf seine politische Karriere auf, die ihm Status und Anerkennung in der bürgerlichen Gesellschaft sichert. Diese Analyse lässt sich natürlich im Sinne der Realpolitik dialektisch umkehren: „Aber es ist doch gut, wenn diese Position in etablierten Bereichen, wo es nunmal um Macht geht, artikuliert werden“ – Das mag sein, aber soll die dialektische andere Seite auch nicht vergessen werden und eben auch das soziale Feld, in dem sich der bürgerliche Habitus besser durchsetzen kann als der proletarische.

Diese Machtverhältnisse im sozialen Feld sind gleichsam der Schatten, der die Subjekte immer begleitet und in diesem „Dunkel des gelebten Augenblicks“ sind sie sich selbst nicht immer über diese Machtkämpfe und die ihnen zugrundeliegende soziale Struktur des Habitus bewusst. Alles ein bißchen kompliziert und verwickelt, aber die sozialen Verhältnisse sind in der Tat so komplex, dass sie oft nur mithilfe solcher Verwindungen auf den Begriff zu bringen sind. Das Ergebnis dieser sozialen Statuskämpfe aber spürt das proletarische Subjekt sehr wohl konkret und kennt die Auswirkungen: Es hat in linken Organisationen nichts zu sagen und das leider kleine Feld der kritischen Wissenschaft ist ausnahmslos von „bürgerlichen“ Wissenschaftlern besetzt. Es ist wie bei Hase und Igel, diejenigen die das offizielle Bildungskapital (Prof. Dr.) haben oder das politische Kapital oder eben den dominanten bürgerlichen Habitus beherrschen (wissenschaftlich gesagt: ihn immer wieder durch ihre Praxis strukturieren und bestätigen), sind immer schon da, während unser proletarisches Subjekt sich abmüht und nicht so recht vorankommt. Wieviele Arbeiter und Angestellte – und es gibt auch in diesem Milieu Menschen mit hoher politischer Bildung und rhetorischen Fähigkeiten sitzen etwa für die Linke im Parlament, ganz zu schweigen von der SPD, die wie alle wissen, längst keine Partei der sozialen Milieus der Angstellten und Arbeiter mehr ist? Wie viele Wissenschaftler, die die soziale Ungleichheit in Deutschland erforschen oder die subtilsten Nuancen der Bourdieusches Habitusanalyse, die auch hier zu grunde liegt, erforschen, kommen aus Arbeiterfamilien? Die bürgerliche Gesellschaft und das Feld der sozialen Macht ist immer schon da, ein gleichsam gesellschaftlich Unbewusstes, dass sich, um hier mal das Marx Zitat in einen anderen Kontext zu setzen „hinter dem Rücken der handelnden Subjekte“ vollzieht.

Diese Tatsache hat verschiedene Auswirkungen: Die Arbeiter und Angestellten (ich spreche hier von nichtakademischen Angestellten mit mittleren und niedrigen Einkommen) fühlen sich nach wie vor im politischen System nicht repräsentiert, die Wissenschaft ist ihnen ohnehin fern, sucht aber von sich aus auch nicht den Kontakt und inszenierte etwa außeruniversitäre akademischen Bildungsprojekte. Der hier beschrieben Prozess soll auch nicht als Totalisierung erscheinen, hier und da schaffen es proletarische Subjekete sich durchzusetzen. Aber insgesamt gilt doch: In den zentralen gesellschaftlichen Herrschaftsbereichen der Wissensreproduktion (Wissenschaft) und der politischen Repräsentation (Politik) sind sie nur sehr wenig vertreten, daher bilden sich ihre Interessen auch nicht ab. Anders als manche Bourdieu-Esoteriker, die die Möglichkeit verändernder Praxis und einer Veränderung der Machtverhältnisse zwischen den Klassen (oder, für die Gemäßigteren: zwischen den sozialen Milieus) verneinen, weil die Theorie keinen Ausweg andeutet, bin ich durchaus der Meinung, dass diese Machtverhältnisse sich umstrukturieren lassen.

Gerade linke Organisationen und Wissenschaftler sollten die soziale Sensibilität aufbringen, und die soziale Logik dieser Statuskämpfe kritisch reflektieren. Was die Politik betrifft: Wenn das gelänge, gäbe es tatsächlich wieder eine starke Arbeiterpartei, die 40-50% der Bevölkerung repräsentieren kann und von diesen auch gewählt würde. Man muss die „Tore“ der politischen Linken, die derzeit von individuellen Statusinteressen bestimmt sind, nur öffnen wollen. Aber will man es?
Zudem können die proletarischen Subjekte auch innerhalb von Organisationen, die scheinbar oder wirklich ihre Interessen vertreten, sich über ihre Lage im sozialen Feld bewusst werden und Gegenstrategien entwickeln und möglicherweise aus eigener Kraft eine wenigstens teilweise Veränderung der Machtverhältnisse im sozialen Feld des Politischen herbeifühen.
Im Bereich der Wirtschaft, um ihn hier als Dritten zu nennen ist die Hierachie zwischen den Klassen ja ohnehin schon formal geregelt, in den anderen Feldern erscheint es auf den ersten Blick merkwürdig, dass sich die Arbeiter so selten durchsetzen und schließlich „bürgerliche“ Wissenschaftler ihnen die Welt erklären oder sie in der Partei, die sie vertritt, bestenfalls Wahlkampfplakate kleben dürfen. Das Problem der Aufhebung der Klassengesellschaft ist nicht so einfach zu lösen. Dieser Artikel richtet sich eher an einen kleinen Leserkreis, der sich darin vielleicht wiedererkennt, ist aber wohl auch für andere interessant, die sich Gedanken zum Verhältnis von sozialen Milieus, politischer Repräsentation und kritischer Wissenschaft machen. Was ich versucht habe, hier zu unmreißen, trifft nicht nur auf Parteien oder die Wissenschaft zu, sondern eigentlich auf den gesamten Bereich der Zivilgesellschaft, auch auf Nichtregierungsorganisationen. Um so wichtiger ist ein Praktisch-politischer oder auch pädagogischer Ansatz, der nicht nur die Ebene der Forderungen und Inhalte der Zivilgesellschaft sieht, sondern auch die sozialen Machtverhältnisse, die erst zu ihrer Artikulation führen. Bislang gibt es nur ein diffuses Klassenbewusstsein und eine Verunsicherung der proletarischen Subjekte hinsichtlicher ihrer Artikulations- und Einflussmöglichkeiten in der Zivilgesellschaft. Aber genau dort müssen – ich sage es jetzt etwas pathetisch – „wir“ uns auch durchsetzen, ohne einer eindimensionalen bürgerlichen Karriere zu verfallen, die oftmals mit der Aufgabe der eigenen Identität einhergeht.
Für die historisch interessierten unter den Lesern noch ein Bonbon zum Abschluss: Es sollte zu denken geben, dass die großen Führer der Arbeiterbewegung – Marx, Luxemburg, Lenin, alle bürgerlicher Herkunft waren. Ob da vielleicht insgesamt was schief gelaufen ist und die Geschichte der Arbeiterbewegung auch von einer idealisierten Sicht auf das Proletariat geprägt war – oder von einer bürgerlich-modernistischen Ideologie unter linkem Vorzeichen? Wie auch immer: Die Menschen, die von der bürgerlichen Gesellschaft benachteiligt werden, haben ihr politisches Bewusstsein noch nicht gefunden. Durch eine Vielzahl von kritisch-proletarischen Öffentlichkeiten, die gemeinsame Interessen der differenzierten Arbeiterklasse herausarbeiten – vom studierenden Arbeiterkind bis hin zum jugendlichen Migranten im sozialen Brennpunkt oder eben dem klassischen Arbeiter – kann ein solches politisches Bewusstsein und die Neukonstituierung eines proletarischen politischen Subjekts entstehen – ohne die Differenzen künstlich und dogmatisch vereinheitlichen zu wollen – sondern in interessanten vielgestaltigen kommunikativen Austauschprozessen.

Tobias Fabinger

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9 Antworten auf „Die politische Linke und die Arbeiter (und studierenden Arbeiterkinder)“


  1. 1 Carl 28. Mai 2010 um 23:05 Uhr

    Das finde ich sehr schwer zu verstehen.

  2. 2 Prolet 28. Mai 2010 um 23:17 Uhr

    Wenn du statusmäßig punkten willst, ja, dann solltest du das auf jeden Fall rauslassen aus deiner Magisterarbeit… die aber wahrscheinlich ähnlich grausam ist.

    „Wie viele Wissenschaftler, die die soziale Ungleichheit in Deutschland erforschen oder die subtilsten Nuancen der Bourdieusches Habitusanalyse, die auch hier zu grunde liegt, erforschen, kommen aus Arbeiterfamilien?“

    Müssen/sollten die aus solchen Familien kommen, um sowas zu erforschen? Akademisch gebildete „Arbeiterkinder“ reden auch nicht weniger dummes Zeug. Das hat aber was mit der Ausbildung zu tun, nicht mit der Herkunft.

  3. 3 Andreas 29. Mai 2010 um 0:56 Uhr

    @Prolet

    Tobias hat ja geschrieben, dass es nicht um eine „Totalisierung“ geht.

    Beim fzs, also dem „freien zusammenschluss der studentInnenschaften“ hatten wir vor Jahren mit einer 2/3 Mehrheit durchgesetzt, dass in der Satzung, bzw. der Geschäftsordnung für die Mitgliederversammlung anonym die soziale Herkunft festgestellt werden soll. Wir wollten feststellen, wer die Studierendenschaft politisch repräsentiert. Dieser Beschluss wurde – obwohl verbindlich – meines Wissens nie umgesetzt.

    Es lässt sich also zunächst einmal festhalten, dass die Studierendenschaft, die ja zentral gegen Benachteiligung kämpft, bzw. dies auf ihre Fahnen geschrieben hat, sich massiv dagegen sperrt, die soziale Herkunft in der politischen Repräsentation zu reflektieren, bzw. überhaupt auch nur anonym feststellen zu lassen. Warum?

    Dass das Sein das Bewusstsein bestimmt, wird gerne ausgeblendet, wenn es um verantwortliche Positionen geht. Dass akademisch gebildete Arbeiterkinder auch nicht weniger dummes Zeug reden, halte ich für wahrscheinlich. Aber es ist ebenso wahrscheinlich, dass sie Fragen haben, die im wissenschaftlichen Feld eher nicht gestellt werden. Und Forschung beginnt ja nunmal mit Staunen und Fragen.

  4. 4 Carl 30. Mai 2010 um 9:41 Uhr

    Ich habe das jetzt zum vierten Mal sehr aufmerksam gelesen (das von Tobias) und leider verstehe ich es immer noch nicht.

    Ihr solltet euch mal ein bißchen allgemeinverständlicher ausdrücken. Man versteht hier oft nur jedes zweite Wort und das nervt.

    Nicht jeder hat den gleichen Studienschwerpunkt. Ist das Systemtheorie oder was?

    Zu deinen Überlegungen selbst kann ich aus genau diesem Grund nichts sagen. Vielleicht sind sie klug, sogar genial – aber was hat man denn davon, wenn es kein Schwein versteht? Das Thema selbst, Arbeiter und die Linke, finde ich spannend.

  5. 5 Tobias 03. Juni 2010 um 20:16 Uhr

    Eine kurze Antwort: Selbstverständlich haben Arbeiterkinder eine andere Perspektive auf wissenschaftliche Themen. Das lässt sich auch begründen. Die sozialen Erfahrungen, die sie machen, in der Familie und auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen – dort oft Ausgrenzungserfahrungen – sind selbst oft das Ausgangsmaterial des Erkenntnisprozess. Das Soziale ist im Körper, wenn man so will „in der Persönlichkeit“ gespeichtert und beeinflusst auch die Fragerichtung und den Erkenntnisgang. Etwas wissenschaftlicher kann man auch davon sprechen, dass Arbeiterkinder einen anderen „hermeneutischen Ausgangspunkt“ haben. Eben deshalb fällt es ihnen oft schwerer, sich mit der bürgerlichen Wissenschaft zu identifizieren, weil diese von allen sozialen Erfahrungen abstrahiert. Daher kann man zugleich an der bürgerlichen Uni auf höchstem inhaltichen Niveau über ein Thema sprechen, sogar über die Analyse von sozialer Ungleichheit, ohne dass die Subjekte in der Lage sind, diese Analyse an ihren unmittelbaren Erfahrungsbereich, also an die sie selbst unmgebende soziale Welt zurückzubinden. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass alle Arbeiterkinder, die ich kenne und die es in den Wissenschaftsbetrieb geschafft haben, dort sowohl ein Unbehagen empfinden als auch andere Fragestellungen einbringen. Auch aus Sicht der Kritischen Theorie etwa – die nicht unbedingt die Klassenverhältnisse expliziert – ist klar, dass die Selbstreflexion der Wissenschaft hinsichtlich der sozialen Machtverhältnisse in denen sie selbst als Praxis der Reproduktion von Wissen steht, auch die Inhalte verändert, zumindest sie in eine lebendige Beziehung zu praktischen Fragen gesellschaftlicher Gestaltung setzt. Dies ist auch der Grund dafür, dass etwa Bourdieu die „scholastische“ Wissenschaft und die „Akademismen“ kritisiert, weil diese einen Habitus ausbilden, der sich durch die Ferne von Prozessen der gesellschaftlichen Gestaltung, also der „Praxis“ definiert – der typische (bürgerliche) akademische Gelehrte eben.

    Zur Verständlichkeit des Artikels: Dieser Artikel ist ein Experiment. Ich selbst finde die verständliche Vermittlung von Wissenschaft wichtig und bemühe mich darum. Aber auch ein solcher Artikel kann sich ja mal in einer Zeitung der studierenden Arbeiterkinder finden. Es ist lohnenswert sich zum Beispiel mal mit einer Einführung in den Habitus-Begriff zu beschäftigen. Hierzu sei folgendes Buch empfohlen: Beate Krais; Gunter Gebauer: Habitus.

    Tobias

  6. 6 Der_Arbeiter 04. Juni 2010 um 23:39 Uhr

    Der Text wie er geschrieben ist habe ich erst nach mehrmaligen lesen verstanden. Dem Inhalt kann ich aber ohne weiteres zustimmen und finde ihn wirklich interessant auch wenn er am Anfang schwer zu verstehen ist. Jedenfalls finde ich es gut das sich „Akademiker“ auch mal darüber Gedanken machen… anstatt nur über Arbeiter zu reden und das kann ich auch bestätigen versuchen die Macher dieser Seite auch mit den Arbeitern zu reden und das verdient eine ordentliche Portion Respekt heben sie sich doch damit von der Klischeelinken deutlich ab und gehen sie neue Wege.

    Im übrigen… wann kommt der neue Dishwasher?… ich will mindestens 1000 Exemplare für Arbeiterkinder in ganz Deutschland :-)

    PS: Euer Projekt und eure erste Ausgabe kam bei meiner Gewerkschaftsjugend sehr sehr gut an!

    Macht ja weiter und ja nicht unterkriegen lassen aber schreibt auch bitte einfacher^^

    MFG

  7. 7 Carl 05. Juni 2010 um 11:32 Uhr

    Das freut bestimmt die Macher dieser Seite :) und mich persönlich auch, obwohl ich eigentlich nicht zu Dishwasher-Team gehöre.

    Meinen Vater freut diese Seite auch, insbesondere dieses Thema. Er hat jedoch den Artikel ebenfalls nicht verstanden. Ich habe gedacht, vielleicht könnte ich ihn mal interviewen zu dem Thema, denn er war mal in der Anti-AKW-Bewegung aktiv und hat Einiges zu berichten darüber. Unter anderem, dass die Akademiker in dieser Bewegung oft dem Vorurteil anhängen, nur Akademiker würden sich für diese Thematik interessieren.

    @Dishwasher Mitarbeiter: Dass so viele die Texte erst nach mehrmaligen Lesen verstehen, kann man ja auch als Kompliment betrachten. Immerhin sind sie es anscheinend wert mehrmals gelesen zu werden :)

    PS: Anti-AKW-Bewegung ist die Bewegung gegen Atomkraft.

  8. 8 Administrator 07. Juni 2010 um 15:32 Uhr

    Anwort von Tobias

    Das wäre sehr interessant, mal die Erfahrungen von Deinem Vater zu hören, Carl. Und an Der_Arbeiter: Du kennst wohl dieses Thema aus eigener Anschauung, oder? Wie empfindest Du z.B. die Politiker in den Medien?
    Ich bin übrigens noch kein „vollwertiger“ Akademiker, da ich den Studienabschluss noch nicht habe. Der Stress mit Studiengebühren, Jobben usw. hat die Sache ganz schön verzögert. Daher sehe ich auch, wie locker manche poltische Aktionen organisieren können, wenn die den Rücken frei haben.

    Ok, hier nochmal von mir eine Art Kurzzusammenfassung: In Parteien und Sozialen Bewegungen treffen Menschen mit unterschiedlicher sozialer Herkunft aufeinander. Nun ist es zwar so, dass viele Menschen zu Beginn „selbstlos“ Politik machen, aber irgendwann hat auch das politische Engagement berufliche Auswirkungen. Viele Menschen sind Hauptamtliche in Parteien, Mitglieder eines Parlaments auf Kommunal,- Landes,- oder Bundesebene oder arbeiten in einer Nichtregierungsorganisation. Ich war in einer NGO und zwei Parteien Mitglied, in einer Partei davon sehr aktiv. Meine Erfahrung ist, dass die akademischen Mittelschichten oft Karriere machen, während die Arbeiter an der Basis bleiben oder oft aufhören, weil ihnen die politischen Abläufe zu unehrlich sind. Der Widerspruch besteht darin, dass das eben auch in Parteien geschieht, die sich offiziell für „die kleinen Leute“ oder für Migranten einsetzen. Bei den Grünen ist dieser Effekt sehr stark, eigentlich finden sich bei denen keine Arbeiter. Aber die Tendenzen gibt es auch bei der Linken. Vielleicht liegt es auch an dem sehr „bürgerlichen“ Münster, von dem aus ich schreibe und in im Ruhrgebiet sieht es anders aus. Trotzdem gibt es eben die Tendenz: Die einen für den Landtag, die andern fürs Plakate kleben. Mir wäre eine Partei am liebsten, wo vielleicht 50% der Aktiven und derer, die Parteiämter besetzen, Arbeiter sind oder eben so eine Herkunft haben. Warum? Erstens ist es eine Sache der Gerechtigkeit, zweitens können nur die Arbeiter und Angestellten die sozialen Verhältnisse, in denen sie leben auch wirklich beurteilen. Nur auf dieser Basis kann es echte politische Lösungen geben. Letztlich sollte man Arbeiter dazu anregen, sich mehr poltische zu engagieren und sich, wenn jemand daherkommt und „gebildet“ redet und sehr selbstbewusst ist, nicht gleich verunsichern zu lassen, sondern sich selbst die Bildung anzueignen.
    Diese ganzen Begriffe, die ich den Artikel verwendet habe, wie „soziales Feld“ und „Habitus“ stammen wie schon gesagt aus der Soziologie. Sie können die sozialen Abläufe zwischen den Menschen sehr gut erklären, finde ich, auch wenn sie erst mal kompliziert erscheinen. Das „Feld“ ist einach der Bereich, in dem die Menschen aufeinandertreffen und in dem es eine bestimmte „Logik des Handelns“ gibt. Ein „Feld“, wie zum Beispiel die Universität – wenn etwa Studenten im Seminar zusammensitzen – kann nach der Logik des „bürgerlichen Habitus“ funktionieren: Also souveräner Fremdwortgebrauch, Anspielungen auf klassische Musik beim Gespräch mit dem Professor, selbstbewusstes und lockeres Auftreten. „Habitus“ will auch sagen, dass die Menschen ihre soziale Herkunft kaum überspielen können. Die ist im Körper „gespeichert“, in der Art zu sprechen, ist im Verhalten zum Beispiel gegenüber Bildung.
    Zur Politik wäre noch zu sagen, dass die SPD vielleicht bis Anfang der 70ger Jahre über 100 Jahre lang eine Partei war, in der viele Arbeiter auch Parteiämter hatten. Dies hat sich völlig geändert. Die Arbeiterbewegung ist erstens stark geschrumpft und hat eben wenig poltischen Einfluss. Die Partei die Linke ist eine Art „Versuch von oben“ – also von Parteieliten aus Ost und West – einige Forderungen der Arbeiterbewegung zu rekonstruieren. Mal sehen obs klappt – ich bin skeptisch. Ich möchte hier übrigens keine Politik mit dem Artikel machen, sondern nur meine Einschätzung zum politischen Feld und zu den Möglichkeiten für Arbeiter sich darin durchzusetzen, referieren.
    Mein Abschlussplädoyer: Wir brauchen eine starke demokratische Kraft, eine soziale Opposition, die mehrheitlich von Arbeitern getragen wird und die – soweit das möglich ist – ehrliche und authentische Politik macht. Lasst uns damit anfangen!

  9. 9 Dirk 11. Juni 2010 um 10:13 Uhr

    ich bin selber ein arbeiterkind und studiere an einer „linken“ fakultät und ich denke die exemplare der druckausgabe sollten eben nicht den arbeiterkindern in die hand gedrückt werden die studieren, sondern gerade den kindern aus „(bildungs)bürgerlichen verhältnissen“. denn dort wird zu wenig über die eigene position reflektiert, arbeiterkinder sind sich meist sehr sehr bewusst über die herkunft und position. gerade in den linken kreisen habe ich eher die erfahrung gemacht, dass es gut ist mal darüber geredet zu haben, mehr aber auch nicht. oder die latente existenz einer art von „positiver“ diskriminierung aufgrund meines arbeiterhuntergrundes (diese ist allerdings mehr als oberflächlich und manchmal fühlt man sich eher als forschungs- oder beobachtungsobjekt, denn als subjekt). Zum Text selbst. Soweit man von Bourdieu etwas versteht liest sich der Text halb so schlimm, obwohl man es hätte mit sicherheit eleganter ausdrücken können.

    es reicht nun meines erachtens nach auch nicht, eine starke demokratische (Arbeiter)kraft als soziale Opposition zu etablieren (bei dir klingt es, als ob du nach einer neuen arbeiterpartei schreist). Wie du selbst sagst, ist gerade der Bereich der wissensproduktion und -reproduktion in Universitäten, Schulen, Zeitungen etc. von weißen, heterosexuellen, (bildungs)bürgerlichen männern dominiert und solange sich nicht auch in diesen Zentren etwas bewegt, wird sich politisch und gesellschaftliche auch nichts bewegen. Problematisch ist eben, dass ein „(bildungs)bürgerlicher“ weißer student selten ernsthafte bemühungen anstrebt, diese verhältnisse zu verändern und es nicht nur ein „ausflug“ in die „protesterfahrung“ und „-organisierung“ ist um ein wenig den bisher so tadellosen lebenslauf ein wenig aufzupeppen. daher halte ich es eigentlich schon fast für notwendig nicht nur quoten für frauen und „migranten“ in diesen gebieten festzulegen (vor allem universitäten, ihre lehrstühle, studienplätze, verwaltungsapparate etc.)sondern eben auch quoten über die soziale herkunft. denn erst wenn an diesen orten tatsächlich auch arbeiterkinder eine ausreichende präsenz besitzen, kann sich eine ernstzunehmende interessenvertretung bilden und der habitus an universitäten könnte sich diversifizieren.

    PS: entschuldigt meine groß und kleinschreibung. ich kann mich immer nicht entscheiden, ob ich (im netz) komplett klein schreibe oder nicht und dann kommen solche texte halt dabei heraus.

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