Man fühlt sich ein bisschen unsichtbar.

Erfahrungsbericht von Ronny

Im Jahr 1999 macht das Ruderteam der Schule einen Ausflug auf der Lahn. Es sind wunderschöne Tage und wir genießen sie mit allen Sinnen. Zum Ausklang haben einige von uns Jungs Sketche vorbereitet. Mehr oder weniger zufällig fällt unsere Wahl auf „four yorkshire men“, der aber (schlechte Englischkenntnisse der Mitschüler) auf Deutsch vorgetragen werden muss.
Ich verkörpere den Obadiah, in der Originalversion bekannt für seinen breiten Yorkshire-Dialekt. Da kann es nicht schaden, wenn ich selbst auch Dialekt spreche denke ich; und mich auch bewege wie ein Arbeiter, denn das ist Obadiah wahrscheinlich ursprünglich gewesen.
Die Mitschüler und die betreuende Lehrer sind ganz begeistert.

Woher ich denn so gut Platt kann? fragt einer Lehrer.
Ja, das habe ich von meiner Mutter gelernt. sag ich.
Aber sonst spricht man das doch nur in der Arbeiterschicht.
Ja, da komme ich doch auch her.
Ja, wie?
Meine Mutter ist nur 16 Jahre alt gewesen, als ich geboren wurde und mein Vater auch nicht viel älter. Ich bin in einer Sozialwohnung aufgewachsen. Reicht das?
Und warum sprichst du dann auch Hochdeutsch?
Das hab ich in der Grundschule gelernt.
Und warum ich nicht im Knast bin, möchte einer meiner Teamkameraden gerne wissen.
Keine Ahnung. Was nicht ist, kann ja noch werden, tröste ich ihn.
Und dann erzähle ich noch wie ich, bevor wir in eine größere Wohnung zogen, die Hausaufgaben auf dem Klo gemacht habe, weil es der einzige ruhige Raum in unserer Wohnung war. Spätestens jetzt glaubt mir keiner mehr. Wer die Hausaufgaben auf dem Klo macht, schafft es nicht aufs Gymnasium. Das ist beschlossene Sache.

Dabei habe ich nie meine soziale Herkunft verschwiegen, aber keiner hat sie bemerkt. Man fühlt sich ein bisschen unsichtbar.

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Anm.: Damit ihr wisst, was „The Four Yorkshiremen“ ist, hier eine Version von Monty Python:

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2 Antworten auf „Man fühlt sich ein bisschen unsichtbar.“


  1. 1 Olaf 23. Juni 2010 um 10:53 Uhr

    Kurz aber prägnant, ich bin erstaunt aber auch froh, dass so viele verschiedene und doch immer wieder gleiche Erlebnisse hier auftauchen.

  2. 2 Tanja Abou 22. Juli 2010 um 11:20 Uhr

    „Spätestens jetzt glaubt mir keiner mehr“ – und dabei hat man nicht mal angefangen zu erzählen…

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