Auf der Bildungsstreik-Demo, die heute (09.06) in Münster im Rahmen des bundesweiten Bildungsstreiks stattfand, äußersten sich zum ersten mal studierende Arbeiterkinder als eigene Gruppe. Das Thema Soziale Selektion ist ein Hauptthema des Bildungsstreiks und immer wieder wird eine Aufhebung der selektiv wirkenden Hürden gefordert, im Mittelpunkt steht dabei die Forderung nach Abschaffung der Studiengebühren. Allerdings haben sich diejenigen, die von den Selektionsprozessen an der Hochschule besonders betroffen sind, noch nicht als eigene erkennbare Gruppe geäußert. Zumeist bestimmen Studierende die Bildungsproteste, die mehr soziale und finanzielle Ressourcen haben. Wie alle sozialen Bewegungen ist auch der Bildungsstreik sehr mittelschichtorientiert, was keine Bewertung, sondern nur eine Feststellung ist. Die studierenden Arbeiterkinder vertrat heute der Referent für finanziell und kulturell benachteiligte Studierende des AStA der Uni Münster, Tobias Fabinger. „Wir brauchen eine Universität, an der die unterschiedlichsten Menschen studieren können, auch wenn sie aus Arbeiterfamilien kommen oder Migrationshintergrund haben“, fasste Tobias Fabinger die Zielvorstellung der Arbeiterkinder zusammen. Einmal die eigene Interessenlage herauszuarbeiten und sich beim Bildungsstreik miteinzuklinken, empfehlen wir zur Nachahmung den studierenden Arbeiterkindern auch an anderen Orten.
Ich habe mich kurzzeitig an ein paar Aktionen beteiligt und leider kann ich dass bestätigen, dass das sehr mittelschichtsorientiert war.
Nicht mal von den Zielen, sondern vom Habitus her.
Ich fand es unglaublich traurig , wie manche Leute den Bildungsstreik meiner Meinung nach genutzt haben für ihre Interessen der Selbstdarstellung.
Lieber Carl,
vielen Dank für Deinen Beitrag! Was ich im Bildungsstreik wahrnehme ist also keine Einbildung Ich weiß von vielen studierenden Arbeiterkindern, dass sie der Bildungsstreik nicht anspricht. Meine Zielvorstellung: Das Leitungsgremium des Bildungsstreiks muss von der sozialen Herkunft her heterogen zusammen gesetzt sein. Für mich als AStA-Referent ist diese Auseinandersetzung eine Gratwanderung. Natürlich will ich den Bildungsstreik unterstützen, sehe aber, dass ich mit dem spezfischen Blick der realen sozialen Interessen der Studierenden, die nicht aus der akedemischen Mittelschicht kommen, kaum eine Chance habe, mich durchzusetzen. Vielleicht bekommen wir hier eine Diskussion hin! Bitte beteiligt Euch! Bitte unterstützt mich auch dabei, die Interessen der Arbeiterkinder noch stärker politisch zu vertreten und auch öffentlich z.B. beim Bildungstreik zu artikulieren!
Wirklich kein Klischee und auch nicht bös gemeint gegenüber denjenigen, die die nicht immer leichte Arbeit der Bildungsstreikorganisation machen: Viele Studierende müssen jobben und können manchmal auch deswegen nicht auf Protestaktionen gehen. Auch die Themen werden oft zu „utopisch“, zu distanziert und zu „idealistisch“ referiert. Man muss beim Bildungsstreik immer an die realen Interessen und die Erfahrungswelt der Studierenden anknüpfen.
Tobias
Es ist natürlich ein wichtiger Einwurf, dass nicht alle Organisatoren des Bildungsprotestes an ihrer Selbstdarstellung interessiert sind und viele diese Arbeit auch mit einem hohen Maß an Idealismus betreiben.
Trotzdem gibt es meiner Meinung nach diese Fehlentwicklungen, die dazu führen, dass viele Studierende (insbesondere Arbeiterkinder) sich von der Bewegung nicht repräsentiert fühlen.
Interessant finde ich, dass es das anscheinend schon vor zwanzig Jahren gab diese Phänomene. Denn mein Vater, der war in der Anti-AKW-Bewegung. Unserer Erfahrungen sind derartig ähnlich!
Einige Punkte sind mir aufgefallen. Das ist nur meine persönliche Meinung. Bitte nicht als verabsolutierend sehen.
1. Als erstes ist mir die Sprache aufgefallen. Diese ist oft extrem kompliziert, unverständlich und verschachtelt. Sorry, Tobias, ich meinte nicht dich – auch wenn ich das bei dir schon mal angesprochen habe.
Man kriegt also das Gefühl, dass man wohl anscheinend dumm ist, weil man nämlich Null versteht, worum es überhaupt geht, also was die Person einem überhaupt sagen wollte.
Ich habe es zu ein paar Gelegenheiten angesprochen, bei einigen Leuten, die sich so ausdrücken und die haben dann nach einiger Zeit durchscheinen lassen, dass die mich für dumm halten.
2. Außerdem ist mir aufgefallen, dass man, wenn man mal keine Zeit für etwas hatte, als „Lauwarmer“ galt. Ich konnte an einigen Terminen wegen meines Nebenjobs nicht teilnehmen und sah mich dem Vorwurf ausgesetzt, ich würde „nur ans Geld“ denken.
Das fand ich wirklich ärgerlich – diesen Vorwurf von Leuten zu hören, die komplett von ihren Eltern finanziert werden.
3. Außerdem ist da noch ein weiterer Punkt, den ich auch gerne ansprechen möchte, obwohl er zum Teil auch in die persönlichen Rechte eines Menschen eingreift.
Jeder Mensch hat ja einen bestimmten Habitus, wie er sich gibt. Es ist natürlich total wesentlich, dass jeder Mensch seine Persönlichkeit so präsentieren kann, wie er will. Das ist sogar unser Grundrecht auf Meinungsfreiheit.
Jedoch driftet der Habitus einiger Personen in ihren selbstgehäkelten veganen Juteklamotten ein wenig in Richtung Sekte. Ich habe gemerkt, dass viele Leute, insbesondere Arbeiterkinder, davon auf eine subtile Art und Weise angenervt waren.
Bin gespannt auf die Erfahrungen von Euch Anderen.
Lieber Carl,
Eine Rückmeldung von mir: Das deckt sich alles mit meinen Erfahrungen und mit meinem Unbehagen am Bildungsstreik. Danke! Du hast das sehr gut auf den Punkt gebracht. Zu den einzelnen Punkten: Mehrmals habe ich den Hauptaktivisten des Bildungsstreiks gesagt, dass die Arbeiterkinder, die ich kenne, während der Streiktermine oft jobben müssen! Ich weiß nicht genau, ob man mir das geglaubt hat.
Die alte Ungerechtigkeit: Politik kann nur machen, wer den Rücken frei hat, einigermaßen sicher finanziert ist – eine privilegierte Situation, die die Sicht auf die realen sozialen Probleme oft verstellt. Also: Die Bildungsstreikforderungen müssen realer, lebensnaher formuliert werden. Ein Beispiel: Jemand hat viel Arbeit im Bachelor-Studium, muss jobben, sich dann noch im Freizeitbereich im sozialen Mileu der Uni einigermaßen einfinden. Und dann kommt die hochidealistische „klassisch-bürgerliche“ Forderung nach „Selbstbestimmt Lernen“ – einfach so, quasi aus dem Nichts – „Selbstbestimmt“ lernen. Wie wäre es denn mit weniger angstfrei, etwas besser abgesichert und vor allem: etwas akzeptierter lernen. Das wäre schon sehr viel.
Exkurs:
Bildung enthält immer Momente von Fremdbestimmung, die Sachautorität des Professors kann auch gut sein, didaktische Vorstrukturierungen sind durchaus sinnvoll. Vollkommen „selbstbestimmte“ Bildung endet in der Beliebigkeit, bleibt im Subjektiven, oft in Vorurteilen stecken.
Die Argumentationsweise der Bildungsstreikorganisatoren kann man analysieren, auch „klassentheoretisch“: Es ist der bürgerliche Idealismus – also eine Idee unvermittelt zur Realität, die uns da mal wieder entgegenschlägt – vorbei an den realen Problemen und Gestaltungsmöglichkeiten. Kein Wunder, das Arbeiterkinder da genervt sind, und wie – geben doch die bürgerlich-dominierten ASten zum Teil eine ganze Menge Geld für die Moblisierung, bilden die eben dargestellte idealistische Meinungsführerschaft und verstehen es nicht, die Interessen der Arbeiterkinder zum Ausdruck zu bringen. Das kann schon sein, dass da Arbeiterkindern gennervt sind.
Aber eben als Spießer, der noch nicht in Australien war und auch nicht im Bioladen kaufen kann, der aber einfach will, dass SEINE sozialen Interessen vertreten werden und nicht die idealistisch-utopischen Konstrukte. Ein zugespitzter Widerspruch also: Alternativ, freiheitlich-hippie angehaucht, alles locker in selbstbestimmten Workshops, aber: total elitär und ohne es eine Spur zu merken (oder doch?) ausgrenzend bis zum geht nicht mehr.
Zum Thema „linksalternativer Habitus“: Der linksalternative Habitus strahlt ebenfalls die Geschlossenheit eines bürgerlich-alternativen Milieus aus. Meine Güte, das „konventionell“ gekleidete „Normalo-Arbeiterkind traut sich doch gar nicht, sich dazuzusetzen. Da fühlt man sich ja automatisch als Spießer
Der Gegenentwurf: Konventionelle Leute, die nicht ganz so „cool“ und „links“ sind, aber ein handfestes, materielles, gleichsam gewerkschaftliches Interesse der Studierenden zum Ausdruck bringen.
Nochmal: Ich will hier nicht die Arbeit von engagierten Leuten schmälern. Der Bildungstreik trägt das Thema Studiengebühren immer wieder in die Presse, das ist ja auch schon was. Die Aktivisten meinen es mit ihren Bildungsutopien durchaus ernst, auch wenn sie für die wirklichen sozialen Probleme oftmals einen blinden Fleck haben. Aber da das „Genervtsein“ und die fehlende Identifikation mit dem Bildungstreik bei Arbeiterkindern ein weit verbreitetes Phänomen ist, müssen sich die Hauptakteurinnen des Bildungsstreiks den Spiegel vorhalten lassen. Denn ihre Hauptforderung ist ja Aufhebung der sozialen Selektion im Bildungssystem. Noch ein Gedanke: Vielleicht ist es für Arbeiterkinder wirklich besser, ihre knappen Resourcen für den Studienerfolg zu nutzen. Der Bildungsstreik kann auch eine Verführung sein. Man verliert bei starkem Engagement einige Semester, die sozial Abgesicherten können es sich leisten, das Arbeiterkind gefährdet sich dadurch. Arbeiterkinder werden erst beim Bildungstreik mitmachen, wenn die politischen Forderungen inhaltich genauer und in einer real umsetzbaren Perspektive formuliert werden.
Tobias
Das sehe ich in Teilen komplett anders. Die Studieninhalte sind oftmals weit von der Realität der „Arbeiterschicht“ entfernt und sind im Studium selten mit der Lebensrealität verknüpft. Deshalb muss der Punkt „Selbstbestimmtes Lernen“ für Arbeiterkinder eigentlich ein ganz zentrales Thema sein.
Natürlich kann man als Arbeiterkind sagen: „Ich habe Erfolg mit dem Lernen „Wie in der Schule?“ Denn dabei bin ich nicht weniger schlecht oder besser als die übrigen Studierenden aus bürgerlichen Haushalten. Doch dann kommt der Bruch mit dem realen Leben wohlmöglich erst viel später. Ob das eine gute Perspektive ist, wage ich zu bezweifeln.
Und ob es Sinn macht, sich ausgerechnet über die Studierenden (auch der Arbeiterkinder) zu beschweren, die diesen Bruch zwischen Studienalltag und realem Leben außerhalb des Elfenbeinturm schon gemacht oder erkannt haben?
Darüber kann natürlich nicht hinwegtäuschen, dass der Bildungsstreik keine konkreten Lösungsstrategien aufbringt z.B. deutlich darstellt, was mit einer Demonstration konkret erreicht werden soll.
Andererseits wurde durch den letztjährigen Bildungsstreik erreicht, dass die Anwesenheitspflichten langsam aber sicher wieder aufgehoben werden und stärkt damit vor allem auch Studierende, die neben ihrem Studium arbeiten müssen und sich zu finanzieren. Da sie flexibler werden in der Arbeitszeitgestaltung.
Grüße