Die Klassenfrage jetzt enttabuisieren

von Tobias Fabinger

Der Sozialphilosoph Theodor W. Adorno, der maßgeblichen Einfluss auf die Studentenbewegung Ende der 60ger Jahre hatte, aber auch das kulturelle Klima in Deutschland insgesamt prägte, sprach von einer „neurotischen Angst vor Marx“. Eine neurotische Angst ist eine irreale Angst, eine Angst vor einem Phantasma. Wieso aber besteht diese Angst, sich mit den Theorien von Karl Marx auseinanderzusetzen, sind sie doch hochrational argumentierende Gebilde und kein Teufelswerk? Die Antwort ist einfach: Weil sie an ein gesellschaftliches Tabu rühren, nämlich an die Erkenntnis der Klassengesellschaft. Diese Erkenntnis ist, wie Adorno ebenfalls festgestellt hat, der bürgerlichen Gesellschaft gleichsam peinlich, weil sie sich ja als Gesellschaft der Freien und Gleichen definiert.
Zunächst umreiße ich die klassische marxistische Klassentheorie, um dann zu fragen, welche Bedeutung diese Theorie in der Gegenwartsgesellschaft und in der Perspektive des Grundgesetzes und des demokratischen Verfassungstaates haben kann. Auch soll nach ihrem Erklärungswert für die Ungleichheit der Chancen im gegenwärtigen Bildungssystem gefragt werden.

Die marxistische Theorie – auch nach Marx im 20. Jahrundert, etwa bei Antonio Gramsci – bezeichnet das Proletariat als subaltern – also als nachgeordnet, randständig. Während das Bürgertum integriert ist, also im Kernbereich der Gesellschaft agiert, wird der Proletarier lediglich herangezogen, weil man seine Arbeitskraft braucht. Die gesellschaftliche Integration über den Verkauf der Arbeitskraft als Ware an den Arbeitgeber ist allerdings immer prekär. Außerhalb dieser gesellschaftlichen und im Kapitalismus auch individuellen Nutzung – für die Gewinninteressen des Unternehmers – spielt der Arbeiter keine Rolle. Die bürgerliche Öffentlichkeit, die Wahrnehmung der öffentlichen Aufgaben, Kunst und Kultur und der etablierte außerökonomische Bereich werden vom Bürgertum beherrscht. Der Arbeiter dagegen ist in der bürgerlichen Öffentlichkeit unsichtbar. Die „Subalternität“ des Proletariats liegt also in dessen Stellung im Produktionsverhältnis begründet, als diejenigen, deren Arbeitskraft für die Erzeugung eines „Mehrwerts“ (Mehrwert gegenüber dem Wert der in der Produktion eingesetzten Ressourcen) herangezogen wird. In einer kapitalistischen Gesellschaft hat dabei immer ein privates Kapital (ob nun als Kleinbetrieb oder Aktiengesellschaft) die ganz reale Herrschaft als Kommandogewalt über die Arbeitskraft. Diese jahrhundertealte Erfahrung von Beherrschtwerden im Produktionsprozess und Subalternität im gesellschaftlich-öffentlichen Bereichen speichert sich im „körperlichen Gedächtnis“ des Proletariats und wird als Haltung und Mentalität wiederum in den Arbeiterfamilien vermittelt, um an dieser Stelle einmal den Bogen zu den neueren soziologischen Theorien zu spannen, die eben die Leiblichkeit und „Inkorporierung“ also Verkörperlichung der Klassenverhältnisse betonen.

Die Subalternität aufheben – Bildungsaufstieg und Sozialstaat

Nun stellt sich die Frage, was das mit unserer Gegenwartsgesellschaft zu tun hat, gar noch mit studierenden Arbeiterkindern. Zunächst: Ein Klassenwechsel ist möglich, undzwar in bestimmten historischen Phasen, wenn sich eine volkswirtschaftlich orientierte Bildungsplanung ernsthaft entschließt, einem gewissen Prozentsatz Arbeiterkindern den Zugang zu akademischer Ausbildung und den entsprechenden Berufsbereichen zu ermöglichen, einfach weil es eine Notwendigkeit des Überlebens der kapitalistischen Ökonomie – eine Notwendigkeit ihrer „Reproduktion“ – ist. Eine solche Phase gab es in den 70ger Jahren im Anschluss an die festgestellte „Bildungskatastrophe“ und die Modernisierung der Volkswirtschaft. In solchen Phasen kann es einigen Menschen, die aus der subalternen Arbeiterklasse kommen, tatsächlich gelingen, eine bürgerliche Integration und Anerkennung zu erreichen.

Die Subalternität der Arbeiter insgesamt kann zumindest gemildert werden, nämlich indem ihre prekäre Situation aufgehoben wird, indem es hohe Löhne, Arbeitsschutzgesetze, Kündigungsschutz und soziale Sicherungssystem gegen Arbeitslosigkeit sowie Rentensystem gibt. Diese sozialen Rechte sorgen für die bürgerliche Integration der Arbeiter – sie sind gleichsam ihr „Kapital“. Da die Arbeiter eben kein Kapital in der Höhe bilden könnten, dass sie davon leben, kann ihnen einen bürgerlich-kontinuierliche Existenz nur durch die Solidargemeinschaft und durch soziale Rechte gesichert werden. Die Subalternität ist aber nie ganz aufgehoben, sie bleibt eben aufgrund der Grundstruktur des Produktionsverhältnisses bestehen.
Dieser gesellschaftliche Grundwiderspruch kann ideologisch völlig zugedeckt werden, einfach indem behauptet wird – und man hört es auch heute oft – es gäbe keine Arbeiter.
Die bürgerliche Öffentlichkeit kann aber diesen Grundwiderspruch, der auch in besten sozialstaatlichen Zeiten besteht, auch im Sinne einer „Kritischen Theorie“ der bürgerlichen Gesellschaft artikulieren. Kritische Theorie – der oben zitierte Adorno ist einer ihrer Hauptprotagonisten – meint hier das kritische Bewusstsein von der Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft, die mit den integrierten bürgerlichen erfolgreichen Kapitalkräften eben immer auch als ihren Widerspruch die potentiell subalternen Proletarier mit produziert. Ein Widerspruch, den schon der Philosoph Hegel als Grundstruktur der bürgerlichen Gesellschaft erkannte.
In Zeiten eines gut ausgebauten Sozialstaates und hoher Löhne kann sich die Arbeiterklasse durchaus mit ihrer Subalternität abfinden. Sie lebt dann zwar in einer Entfremdung von der Gesellschaft und nach wie vor von Kunst, Kultur und Bildung, aber eben auf der Basis einer relativen sozialen Sicherheit und kontinuierlichen Lebensplanung, die man für revolutionäre Experimente nicht gefährden will. Nach Abendroth, einem marxistisch orientierten Staatsrechtler, ist das Grundgesetz genau der Kompromiss zwischen den Klassen, der dem Proletariat soziale Sicherheit und bürgerliche Integration ermöglicht – und die Perspektive einer friedlichen sozialökonomischen Transformation der kapitalistischen Produktionsverhältnisse im Rahmen der Beibehaltung und Ausweitung der politischen Freiheitsrechte.

Die Subalternität und ihre Auswirkungen auf die Bildungsbiographien der Arbeiterkinder

In der Grundschule sitzen alle Schüler noch zusammen in einer Klasse, egal welche soziale Herkunft sie haben. Mit welchem Recht können die Schüler aus Arbeiterfamilien als „subaltern“ bezeichnet werden? Das gleiche gilt für die gymnasiale Oberstufe. Hier sind zwar schon weniger Arbeiterkinder, aber es ist ein immer noch beachtlicher Prozentsatz. Und im Studium? Das sind es noch weniger. Der Bildungstricher verdünnt sich nach oben eben immer mehr. Und ganz breit ist er in den Bereichen, in denen sich die Integrationsprobleme häufen, etwa in berufsvorbereitenden Lehrgängen, wo Jugendliche ohne Ausbildungsplatz sind. Da sind es etwa 95% Arbeiterkinder. Die Statistiken, die immer wieder angeführt werden, wollen gedeutet sein. Im bürgerlichen Bildungssystem macht sich bemerkbar, dass es ein Integrationsproblem in der bürgerlichen Gesellschaft gibt: Die Kinder der subalternen Arbeiter können nicht ohne weiteres integriert werden – was nicht an ihnen liegt, sondern eben an der Grundstruktur der Produktionsverhältnisse, die sich hier, im Bildungssystem, indirekt zeigen. Die Arbeiterkinder tragen ihre Subalternität also in das bürgerliche Bildungssystem hinein, wo sie, je höher sie kommen, einem immer stärkerem Anpassungsdruck und einer immer höheren Wahrscheinlichkeit der Selektion unterliegen. Das Bildungsystem geht nun nicht etwa auf diese unterschiedlichen gesellschaftlichen Voraussetzungen der Schüler ein und bearbeitet sie pädagogisch – was im Sinne kritischer Bildungsprozesse höchst reizvoll wäre – sondern ignoriert diese unterschiedlichen Voraussetzungen und legt formale und vor allem bürgerlich geprägte Maßstäbe an.

Die bürgerliche Integration der Arbeiterkinder ist für diese mit immer mehr psychischen Kosten verbunden, weil die materiellen und kulturellen Rahmenbedingungen ihr entgegen laufen. So steigen die Arbeiterkinder an verschiedenen Stellen aus dem Bildungssystem einfach aus und finden sich mit ihrer Subalternität ab. Während die bürgerlich-akademische Sozialisation und ihr oftmals abgesicherter materieller Hintergrund mit einem immer besseren Integrationsgefühl einhergehen – die entsprechenden Jugendlichen entwickeln sich in den Bereich hinein, aus dem sie ja schon kommen und nehmen ihre selbstverständliche bürgerliche Berufsrolle wahr, spürt das Arbeiterkinder immer stärker seine Subalternität – je höher es im Bildungssystem kommt. Die Fremdheitserfahrung von Arbeiterkindern im bürgerlichen Bildungsystem decouvriert also die Subalternität des Proletariats überhaupt. Nun kann es für die studierenden Arbeiterkinder zu einer Zerreißprobe kommen: Die gelungene bürgerliche Integration vor Augen, werden doch zugleich die psychischen Kosten für den Weg dorthin immer höher. Das Geld fehlt und will beschafft werden und je schlechter die materiellen Rahmenbedingungen für das Studium sind, um so mehr muss sich das Arbeiterkind hinsichtlich seiner Persönlichkeit gleichsam umstrukturien, um in den Status der bürgerlichen Integration zu gelangen und einen unbeugsamen Willen entwickeln. Selbst wenn das gelingt, kann sich die Subalternität auch an späteren Punkten der Biographie bemerkbar machen, auch nach dem Studienabschluss, etwa in prekären akademischen Beschäftigungsverhältnissen.

Wirklich gesellschaftlich integriert sind eigentlich nur die Kapitalbesitzer und diejenigen, die ihre bürgerlich-akademische Stellung, ihren hohen Status und ihre herrschaftsfunktionale Berufstradition von Generation zu Generation weiter vererben. Die anderen, die früher mit dem Begriff „Arbeiterklasse“ bezeichnet wurden, haben mit permanenter Prekarität und mit einem unsicheren Status der Integration zu kämpfen. Dieses Integrationsproblem, welches die kapitalistischen Produktionsverhältnisse mit sich bringen, verschärft sich noch, wenn der Sozialstaat abgebaut wird, wenn also den Arbeiter ihre sozialen Rechte als Voraussetzung ihrer bürgerlichen Integration entzogen werden. Arbeiter, die Hartz 4 beziehen, werden dann zunächst gezwungen, ihr „kleines Häuslein“ zu verkaufen und müssen schließlich auf den modernen Sklavenmärkten der Zeitarbeit bei Strafe des Entzugs ihrer Hartz 4 Bezüge ihre Arbeitskraft zu Niedrigstlöhnen verkaufen. Kurz: Die neoliberale Wirtschafts- und Sozialpolitik ist im Kern eine grundgesetzwidrige Reproletarisierung weiter Teile der Bevölkerung, die zuvor durch soziale Rechte und kleine Eigentumsbildung bürgerlich integriert war.
Die von nahezu allen Parteien mitgetragene neolibale Wirtschafts- und Sozialpolitik kündigt den Klassenkompromiss den Grundgesetzes auf und liefert die Arbeiter wieder einer nahezu vollkommenen Subalternität aus. Somit ist friedlicher aber entschiedener und offensiver verfassungstreuer Widerstand unbedingt nötig.

In der Situation des Abbaus des Sozialstaates und der öffentlichen finanzierten Bildung wird es für Arbeiterkinder immer schwerer sozial aufzusteigen. Selbst die Integration über eine abgeschlossene Berufsausbildung ist für viele nur schwer erreichbar. Sogar in diesem Bereich macht sich die Wirksamkeit von bereits geleisteter beruflicher Integration durch die Herkunftsfamilie bemerkbar – oder, etwas an der zeitgenössischen Soziologie orientiert – das soziale und kulturelle Kapital. Wer es als Arbeiterkind an die Universität geschafft hat – unter all den schwierigen Bedingungen und Hürden im Bildungsbereich – bei dem kann eine ungewöhnlich hohe Begabung und Leistungsfähigkeit angenommen werden. Nun aber schlägt die bürgerliche Gesellschaft mit unerhörtem Zynismus zu: Trotz höchster Leistungsfähigkeit und Begabung – Arbeiterkinder haben sich aus einer sehr schwierigen Situation an die Spitze des Bildungssystems vorgearbeitet – treten nun weitere Ausschlussmechanismen in Kraft. Die Subalternität macht sich bemerkbar, sie ist ja, wie die neuere Soziologie festgestellt hat, im Körper, im Umgang mit der Handungspraxis überhaupt, gleichsam gespeichert. Eine bürgerliche Integration über die sozialstaatlich abgesicherte Lohnarbeit ist – wie schon umrissen – für Arbeiter kaum mehr möglich. Für die Arbeiterkinder ist diese Integration – etwa in Form eines abgeschlossenen Studium und einer gesicherten akademischen Berufsposition – ebenfalls äußert erschwert.

Konkret-utopischer Ausblick: Materielle Bedingungen für die gesellschaftliche Integration aller Bevölkerungsschichten schaffen

Sagen wir, wir hätten einen Anteil von etwa 50% von Studierenden, die aus den beiden unteren sozialen Herkunftsgruppen kommen – was etwa dem Anteil dieser arbeiterlichen sozialen Milieus an der Gesamtbevölkerung betrifft – was wäre zuvor geschehen? Die bürgerliche Integration der Arbeiter wäre gestärkt worden. Soziale Rechte, Kündigungsschutz, öffentliche Rentenversorgung, ausreichende Sozialtransfergelder im Falle der Arbeitslosigkeit hätten auch den Kindern bessere Entfaltungsmöglichkeiten beschert, weil es in der Familie angstfreier und entspannter zugeht. Die Subalternität – wieder modern soziologisch: bildungsferne wäre kein Tabuthema mehr gewesen, sondern die Schulen würden sich auf die unterschiedliche Sozialisation der Schüler einstellen. Die bürgerliche Gesellschaft hätte sich darüber aufgeklärt, dass sie im Kern eine Klassengesellschaft ist – und dieser materielle Kern ist das Produktionsverhältnis, was eben zu den Rollen als bürgerlich Integrierter und Subalterner führt. Eine solche Gesellschaft wäre auf dem Weg die substantielle Gerechtigkeitsvorstellung des Grundgesetzes ernst zu nehmen und auch materiell umzusetzen. Eine Aufteilung der Bevölkerung in Integrierte und Subalterne ist mit dem Grundgesetz nicht vereinbar, die derzeitigen Parteien, die aufgrund der neoliberalen Wirtschafts- und Sozialpolitik eine solche (latent im Kapitalismus angelegte) Spaltung herbeigeführt haben, sind verfassungswidrig. Was also tun? Die Arbeiterklasse, heterogen, soziologisch vorhanden aber ohne Bewusstsein von sich selbst, muss lernen, sich zu organisieren, zu analysieren und politische Perspektiven zu entwickeln. Ähnlich wie bei der Emanzipation des Bürgertums vom Feudalismus und Adel wird die Arbeiterklasse sich von der herrschaftlichen Grundstruktur der kapitalistischen Produktionsverhältnisse emanzipieren. Dem Marxismus ist recht zu geben, wenn er sagt, dass wir uns immer noch in dieser Übergangssituation befinden, er ist aber eben auch nur ein sehr grober Kompass. Die Aufhebung der Klassengesellschaft wird durch viele Auseinandersetzungen mit sozialpolitischen Fragen und einzelnen Politikfeldern, sowie vermittelt durch eine materielle Inkraftsetzung der Verfassungsnormen – also vermittelt durch viele demokratische politische Kämpfe stattfinden. Keiner Gruppe oder Partei darf dabei jemals wieder eine „historische Führungsrolle“ zugeschrieben werden, wie es die totalitäre Interpretaion der Marx’schen Klassenanalyse getan hat. Die Befreiung der Arbeiter aus dem Herrschaftsverhältnis des Kapitals und die Aufhebung ihrer Subalternität ist latent in der Dynamik der bürgerlichen Gesellschaft angelegt. Den Bildungsaufstieg von Arbeiterkindern kann man in diesem Kontext einer Emanzipation und gesellschaftlichen Integration sehen. Dies wäre auch eine Alternative zur Anpassung der Arbeiterkinder an die bürgerlich-akademische Welt und die Selbstaufgabe ihrer sozialen Identität. Diese Perspektive kann man aber nicht als Programm von oben fordern, sie wird nur durch die sich schrittweise und mühsam erfolgende Emanzipation der Arbeiterklasse insgesamt ermöglicht, die dann auch den Rahmen für einen nichtkonformistischen Bildungsaufstieg böte. Eine Situation ist denkbar, in der es „cool“ ist aus einer Arbeiterfamilie zu kommen und eine Anpassung an den bürgerlichen Habitus, in dem sich die bürgerliche Herrschaft sedimentiert, ziemlich uncool. Der Arbeiterklasse kommt die Aufgabe einer Humanisierung der Gesellschaft zu; sie muss diese Gesellschaft als ihre begreifen, die sie nach ihren Bedürfnissen verändern kann. Dabei geht es um demokratische Umgangformen, um gewaltfreie Kommunikation und um eine Kultur der gegenseitigen Anerkennung; kurz: Um den Verzicht auf den dominanten bürgerlichen Habitus, in dem sich die Herrschaft von Jahrhunderten abbildet und der für eine demokratische Gesellschaft nicht mehr zeitgemäß ist. Ob die studierenden Arbeiterkinder ihre akademische Bildung in den Dienst dieser humaniserenden historischen Tendenz stellen oder sich lieber in die bürgerliche Welt und kapitalistische Funktionalität hineinentwickeln wollen – denken wir nur an Initiativen wie „Arbeiterkind.de“, die genau das propagieren und dafür von Kanzlerin Merkel auch mit einem Preis bedacht wurden – das muss jedes studierende Arbeiterkind selbst entscheiden. Die Freiheit sich für die bürgerliche Gesellschaft und all die kulturindustriell vermittelten Bilder bürgerlicher Hegemonie zu entscheiden ist ein unbedingt zu schützendes Menschenrecht und nur auf seiner Basis ist eine Aufhebung der Klassengesellschaft überhaupt möglich. Dieser Artikel möchte aufzeigen, dass es hierzu allerdings Alternativen gibt, die vielleicht einfach zu wenig bekannt sind. Die neurotische Angst vor Marx und davor, die Klassengesellschaft beim Namen zu nennen, ist nicht nötig. Die Marx’sche Perspektive der Aufhebung der Klassengesellschaft kann in unserer Zeit in einen demokratischen und menschenrechtlich begründeten Rahmen gestellt werden – etwa auch in den Rahmen einer Diskussion über das Menschenrecht auf Bildung.

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5 Antworten auf „Die Klassenfrage jetzt enttabuisieren“


  1. 1 Defi Soz 11. Juni 2010 um 8:17 Uhr

    In Deinem Beitrag finde ich den Umgang mit einigen Begriffen sehr fragwürdig. Besonders: Subalternität, Gesellschaft, Bürgertum, Integration, Bildung.

    Kurz meine Kritik:
    „Subaltern“ meint zwei verschiedene Sachverhalte. Einmal einen Zustand des Untergeordnetseins – ist eine Frage der Markt- und Machtverhältnisse.
    Dann eine Haltung, die einer hat, der sich freiwillig oder aus Gewohnheit oder aus Mangel an Kompetenz unterordnet.
    Ich denke, das wird von Dir mehr oder weniger bewusst vermengt. Wenn es sich ändern soll, muss es konkretisiert werden. Also die Frage gestellt werden: was trage ich durch mein Verhalten, meine Einstellung, meine Ängste und Abhängigkeitsbedürfnisse zu meiner Subalternität bei.
    ( Beobachtet man den „Bildungsweg“ von Arbeiterkindern, sei es zum „erfolgreichen“ Aufstieg, oder zum Abbruch, zur Prekarisierung – dann sieht man auch, dass mit „Subalternität“ nur ein Teil der „Bildungs“– oder „Aufstiegshemmnisse“ beschrieben wird. Andere wären: Solidaritätsverpflichtungen gegenüber der Herkunft, die Vereinsamung im Laufe des „Bildungsprozesses“ und Anderes.)

    „Gesellschaft“ ist natürlich ein gefährlicher Begriff. Im Kapitalismus ist das „Geld das reale Gemeinwesen“, was die Gesellschaft zusammenhält. Um es herum bilden sich Milieus, Gruppen, Schichten, Klassen. Der Staat, seine Rechtsformen, mögen zwar irgendwo von den wirtschaftlichen Bewegungen und Strukturen unabhängig sein, sind aber doch von diesen Bewegungen auch abhängig und auf diese bezogen.
    Das bedeutet, dass „Integration“ in die Gesellschaft und in die „bürgerliche Öffentlichkeit“ gar nicht wirklich möglich ist, weil abhängig von ökonomischen, nicht gesellschaftlichen Prozessen. „Bürgerliche Öffentlichkeit“ ist immer exklusiv, will Privilegien, nicht Gleichheit, ist immer desintegrativ.

    „Bildung“ ist ein fetischisierter Begriff. Was soll er bedeuten?
    - Abgrenzung gegenüber Unbildung, Unterschicht?
    - Technokratisches Spezialwissen in letztlich abhängigen Positionen?
    - Ein bestimmtes Freizeitverhalten, „Kultur“, Aufenthalt in bestimmten Zirkeln?
    - Politisches Wissen, Bewusstsein, soziales Verhalten, Selbstbestimmungsfähigkeit, Streitfähigkeit?
    - Erwerb von Fähigkeiten und Kompetenzen, um in demokratischen Verhältnissen zu arbeiten und sein Leben zu gestalten?

    Dein Traum ist – so interpretiere ich – die Herstellung eines gewissen Milieus, in dem es für Arbeiterkinder möglich ist, seine Erfahrungen und Gefühle mit anderen zu teilen, jenseits der frustrierenden Erfahrungen in einer „bürgerlichen“ Umwelt.
    Ich denke, das mag zwar wohltuend sein, am Ende bleibt aber die Erfahrung, dass man, will man „erfolgreich“ sein, entweder doch gezwungen wird, die Ungleichheitsverhältnisse zu reproduzieren oder man eben scheitert, erfolglos bleibt, in Probleme stürzt, in welcher Formen auch immer.

  2. 2 Carl 11. Juni 2010 um 8:42 Uhr

    Uff…
    Ich würde sagen, dass man nicht unbedingt zu seiner eigenen Subalternität beitragen muss, sich vielleicht selbst nicht mal als „subaltern“ oder unsichtbar definieren muss, um es zu sein. Es ist vielleicht einfach etwas, das deiner Rolle zugeschrieben wird.

  3. 3 Tobias 11. Juni 2010 um 14:19 Uhr

    Zunächst zu Deiner Bemerkung, Carl:
    Interessant, wenn das so ist wie Du sagst, dann kann das Subjekt da nicht ohne weiteres ausbrechen, durch individuelle Wilkür. Umgekehrt kann die Einsicht in die Objektivität der Strukturen die „Subalternen“ entlasten. Ein ganz wichtiger Gedanke, auch für das Fikus-Referat in Münster: „Es liegt nicht an Euch, es ist keine psychologische Frage. Vielleicht kann grade dadurch eine Entspannung eintreten, die dann doch wieder die Integration verstärkt. Die Frage ist: wie funktioniert diese Rollenzuschreibung, von der Du sprichst? Was sind das für soziale Prozesse? Mit dem Habitus-Begriff kann man auch nicht alles erklären, meine ich. Hast Du dazu eine Idee?

    Und zu den Kritischen Anmerkungen. Vielen Dank dafür, die Erkenntnis lebt aus der Diskussion:

    Zum Bildungsbegriff:

    Zunächst: Bildung ist in der Erziehungswissenschaft auch ein wissenschaftlicher Begriff. Eine erste Definition könnte lauten: Bildung ist ein reflektiertes Selbst- und Weltverhältnis. Es ist äußert lohnenswert einen kritischen zeitgemäßen Bildungsbegriff zu umreißen, doch ist das Thema des Aufsatzes kein bildungstheoretisches. Adorno etwa gibt in der „Theorie der Halbbildung“ eine solche dialektische und kritische Bestimmung, er kritisiert den Bildungsbegriff, bezieht sich aber eben auch auf ihn. Auch aktuelle Autoren setzen sich natürlich mit der Substanz der Bildung auseinander und was wir hier machen, eine sehr eigenständige Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Verhältnissen hat ja nun auch Momente von Bildung. Bildung nur als den Fetisch zu begreifen, der er in der politischen Debatte tatsächlich ist, heißt, seine gesamte bildungstheoretisch bestimmbar Substanz zu ignorieren. Natürlich kann auch jemand, der Desintegrationerfahrungen macht dadurch gebildet werden, nämlich durch kritische Reflexion und Aufarbeitung. „Bildung“ ist ein geistiger Inhalt sowie eine soziale Sphäre und in dem Aufsatz geht es eher um die soziale Sphäre. Die Arbeiterbewegung hatte lange eine eigene Bildungs- und Kulturtradition, die leider verloren gegangen ist. Auch dies ist vielleicht eine Möglichkeit, um eine Alternative zu den bürgerlich strukturierten Bildungsinstitutionen eine Alternative zu entwickeln.

    Zur gesellschaftlichen Integration:

    Gesellschaftliche Integration ist nicht nur ökonomisch bestimmt. Wer etwa in der politischen Öffentlichkeit agiert, ist nicht im Bereich der Ökonomie. Diese Sicht halte ich für eine mögliche aber zu reduzierte Marx-Interpretation. Seit Marx wurde die Analyse der bürgerlichen Gesellschaft weiter entwickelt. Man muss diese Weiterentwicklung nicht teilen und kann durchaus auf einer „ökonomistischen“ Sicht bestehen. Dies aber heißt, viele Veränderungen, Klassenkompromisse und durchgesetze Emanzipation zu ignorieren, sowie gesellschaftliche Wirklichkeitsbereiche wie Politik oder die Lebenswelt auszublenden.

    Ich schlage einen komplexeren Integrationsbegriff vor, als den rein materialistisch-ökonomischen. Integration setzt Geld voraus, ohne Zweifel, ohne die materielle Ebene geht gar nichts. Aber sie spielt sich auch auf der Ebene von Identitätsbildung und Interaktion ab. In der demokratischen politischen Öffentlichkeit mache ich völlig anderen Identitätsbildungs- und Interaktionserfahrungen als in einer Diktatur, obwohl das ökonomische System des Kapitalismus dasselbe sein kann. Ein Arbeiter kann sogar trotz ökonomischer Integration, in anderen Bereichen nicht integriert sein, zum Beispiel wenn er jetzt eine Ausstellungseröffnung in einer Kunstgalerie besuchen würde und dort auf den „bürgerlichen Habitus“ trifft. Ein solcher Prozess der Interaktion und der wechselseitigen Identitätsbildung in der Sphäre der kulturellen Kommunikation wäre erst herzustellen, müsste eigens bearbeitet werden. Dies nur ein Beispiel, für Hintergrund des Integrationsverständnisses in dem Aufsatzes.

    Zudem: Ich nehme die bürgerliche Gesellschaft ihrem normativen Anspruch nach, alle miteinzubeziehen ernst, und das scheint mir auch richig. Das Wahlrecht für Frauen wurde durchgesetzt, weil die Gleichheitsnorm schon da war. Es war nicht möglich ihre Ausweitung zu verhindern. Wieso soll nicht die bürgerliche Gleichheitsnorm solange ausgeweitet werden, bis auch materiell alle Diskriminierungsformen aufgehoben sind – und das Antidiskriminierungsgesetz geht ja schon in die Richtung. Anzuknüpfen wäre hier vor allem an Habermas, der diese Argumentation entfaltet.

    Wäre es besser einen Kapitalismus mit Rassismus, Patriachart und ohne betriebliche Mitbestimmung zu haben? Ist das wirklich kein Unterschied zu einer bürgerrechtlichen Regulation des Kapitalismus, die bis hin zu seiner Aufhebung reichen kann? (Ich erinnere an das antikapitalistische Ahlener Programm der CDU von 1947, als allgemein der Zusammenhang von Kapitalismus und Faschimus in der Öffentlichkeit gegenwärtig war.

    Zudem: Zwischen kapitalistischer Gesellschaft und demokratischer Öffentlichkeit gibt es eine entscheidende Differenz. Kapitalismus kann auch sehr gut mit Diktatur funktionieren, wie etwa das Beispiel des Pinochet-Regimes in Chile zeigte.

    Zur „Vermenung“ der Dimensionen der Subalternität

    Defi Soz, zu Deiner Analyse, ich darf zitieren:

    “ ‚Subaltern‘ meint zwei verschiedene Sachverhalte. Einmal einen Zustand des Untergeordnetseins – ist eine Frage der Markt- und Machtverhältnisse.
    Dann eine Haltung, die einer hat, der sich freiwillig oder aus Gewohnheit oder aus Mangel an Kompetenz unterordnet.“

    Es hängt eben beides dynamisch zusammen: Die Markt- und Machtverhältnisse sowie die Haltung oder der „Kompetenzmangel“ beeinflussen sich gegenseitig, gehen eine Wechselwirkung ein. Deswegen haben wir nicht lauter gleiche bürgerliche Individuuen, die nur unterschiedlichen ökonomischen Machtverhätnissen unterliegen, sondern eben auch Menschen, deren ökonomischer Ohnmacht mit einem seit Generationen herangebildeten sozialen Habitus der „Unterordnung“ einhergehen. Beides verstärkt sich wechselseitig und eine gesellschaftliche Emanzipation der Arbeiter spielt sich sowohl auf der objektiv-ökonmischen Ebene als auch auf der habituellen Ebene ab. deine Kritischen Anmerkungen führen aber dazu, dass ich einiges explizieren muss und das ist gut.

    Sehr gut finde ich folgenden Hinweis: Arbeiterkinder unterliegen bestimmten Entwicklungsprozessen und natürlich ist zum Glück nicht nur die Prekarisierung denkbar: Ihre „Solidaritätsverpflichtungen gegenüber der Herkunft und die Vereinsamung im Laufe des „Bildungsprozesses“ sind zwei ganz wichtige Hinweise, wenn es um die detailierte Erfassung der akademischen Sozialisation von Arbeiterkindern geht. Aber vielleicht kann man diese auch „abgeleitete sozialpsychologische Phänomene“ interpretieren, die eben im Zusammenhang mit einer grundlegenden „Subalternität“ stehen. Es geht also nicht nur um die Schaffung einer angenehmen von Akzeptanz geprägten Umgebung, sondern diese ist nur möglich, wenn sich die sozial-ökonomischen Herrschaftsverhältnisse insgesamt ändern – das in etwa versuchte ich ja zu sagen.

    All diese Fragen können übrigens in unserer Studiengruppe, die interdisziplinär ist (Soziologie, Pädagogik) diskutiert werden, Man kann dort auch Leistungsnachweise erwerben, aber auch einfach so teilnehmen. Die Studiengruppe startet im nächsten Semester. Genaue Termine werden noch bekannt gegeben. Vor dem Start wird es einige öffentliche Veranstaltungen geben.

  4. 4 Tobias 11. Juni 2010 um 15:42 Uhr

    Nochmal zu Carl: Das ist eine total interessante Fragestellung. Wie funktioniert eine diskriminierende Rollenzuschreibung? Ich werde sie als Thema in die Studiengruppe mit aufnehmen und auch einen Aufsatz schreiben und mir ein paar Gedanken dazu machen.

    Eine diskriminierende Rollenzuschreibung ist ein soziales Phänomen, kein psychologisches. Das heißt, sie liegt in der Logik des sozialen Prozesses – Sozio-Logie, muss soziologisch beschrieben werden. Weder den diskriminierenden Subjekten, noch dem diskrimierten Subjekt sind normalerweise diese sozialen Prozesse bewusst. Der eine sagt „die Reden nicht mit mir und sind arrogant“, die anderen denken „der gehört nicht zu uns, weil er komisch wirkt, die falschen Sachen anhat usw.“ Gut, also wie genau funktionieren die sozialen Prozesse, die zu diskriminierenden Rollenzuschreibungen führen?

    Und noch was: Wenn es so ist, wie Du schreibst, Carl, dann lässt sich die Diskriminierung auch nicht psychologisch aufheben – was viele Programme zur antirassistischen Bildung versuchen (um ein Beispiel aus einem andern Bereich zu nennen), sondern eben nur politisch, durch die Veränderung der Machtverhältnisse, die sich in dem sozialen Prozess manifestieren.

  5. 5 Defi Soz 11. Juni 2010 um 19:10 Uhr

    Ich möchte meinen „Ökonomismus“ verteidigen. Daran bemisst sich auch die Frage der Integration.
    Kurz gesagt: die Arbeitsverhältnisse definieren die gesellschaftliche Stellung eines Menschen, seine Identität, sein Selbstgefühl und gesellschaftliche Freiheit. Hier entscheidet sich auch wirkliche Demokratie.
    Klar, dass der Freizeitbereich – jenseits der 8 Stunden, die kein Tag sind – nicht unwichtig sind, aber doch mehr kompensatorisch ist zum Arbeitsleben. Politische Diktatur wäre nur das Sahnehäubchen auf die Diktatur durch die ökonomischen Verhältnisse oder im Betrieb, bei der Arbeit.
    Und schaue ich mir „Politik“ an, kann ich das zum Kulturbetrieb, zur öffentlichen Unterhaltung, zum Theater zählen. Schaue ich mir das Niveau der politischen Entscheidungen, ihre Reflektiertheit an, so ist das keine rationale Diskussion, keine liberale, sondern eine manipulierte Diskussion. Wirkliche Entscheidungen – sei es Schweinepestimpfung, Rentenfinanzierung, Umweltschutz, Bildungsziele, Produktionsziele usw. usw. – werden von einem vorteilsorientierten und Vorurteile und Ängste benutzenden „Bürgertum“ durchpropagiert. (Letztes Beispiel: Griechenland)
    Gut, man lässt uns noch leben. In irgendwelchen abseitigen Seminaren dürften wir etwas sagen. Und uns Illusionen machen, wie frei wir sind. Frei für eine resonanzlose Seminararbeit, Dissertation etc.
    Will sagen: In dem Versuch, aus seiner Klasse aufzusteigen, macht das Arbeiterkind die Erfahrung, mit seinen (klein)bürgerlichen Konkurrenten nicht mitzukommen. (Spätestens dann, wenn es um berufliche Karriere geht, nach dem subalternen Schülerverhältnis – so schon die Erkenntnis von H. Ortmann.) Es empfindet sich als „defizitär“ und bringt doch aus dieser Erfahrung einen Vorsprung von politischem Bewusstsein mit, von Dir „Reflexion von Desintegrationserfahrungen“ genannt. Ob es zu „Klassenbewusstsein“ wird, ist eine andere Frage. Das hängt ab von definierbaren Alternativen.
    Da dies düster aussieht konfrontieren wir uns einfach mit der Aussichtslosigkeit einer Bildungslaufbahn, machen den Betrug sichtbar.

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