Erfahrungsbericht: „Die Bauernstimme“ oder „Schulden macht man nicht“

von Bernd Hüttner

Die Rüben- und Kartoffelernte war zu meiner Kindheit ein gesellschaftliches Ereignis, denn eine große Gruppe von Menschen ist daran beteiligt, die Oma, Nachbarinnen und deren Kinder arbeiteten gemeinsam auf dem Acker. Die Kartoffeln werden nach Größe sortiert, immer wieder werden die Körbe weiter vorgerückt, das trockene Kraut vom Opa auf dem Feld verbrannt, was diesen beißenden, nebligen Qualm erzeugt. Abends, wenn es schon ziemlich kalt und auch schon fast dunkel ist, fährt man auf dem Wagen nach Hause. Nach dem Vesper werden die Kartoffeln oder die Rüben noch von uns Kindern im Licht der einzigen Glühbirne des Kellers abgeladen, während die Erwachsenen im Stall sind.
Regelmäßig wurde geschlachtet. Das Schwein wird in einem Holzbottich enthaart und abgeschabt, dann wird es am Frontlader aufgehängt und zerteilt. Die Augen kullern über den Hof. Dann stank die ganze Küche Tage lang nach Fett. Ekelhaft.
Die ganze Familie ist beim Heu machen. Es ist drückend heiß und die “Bremsen” sind groß. Welche Geräte oder Maschinen wir dabei haben, weiß ich leider nicht mehr, aber es ist auf jeden Fall vor der Flurbereinigung in unserer Gemeinde, da unten am Feld noch ein kleiner Bach verläuft und wir auf einem ziemlich steinigen Feldweg dorthin fahren. In den Bach wurden die mit Handtüchern umwickelten Bier- und Saftflaschen gelegt.
Im Gedächtnis geblieben ist mir auch meine Verwunderung, warum man um 11 Uhr schon ein Kotelett essen kann. Aus verwandtschaftlicher Hilfe – oder Pflichtgefühl? – mäht mein Vater seinem Schwiegervater immer das Getreide mit seinem Mähdrescher – auf den er ziemlich stolz ist und der für uns Kinder ein sehr interessantes Objekt war. Dazu muss sich mein Vater, da der Mähdrescher ja langsam fuhr, schon rechtzeitig auf den Weg machen – und damit er nicht Hunger bekommt, hat er, bevor er los fuhr, ein Kotelett gegessen, das dann extra für ihn gebraten wurde.
Bis heute sind Gerüche mit Ereignissen verknüpft und lösen Erinnerungen bei mir aus. Neben dem Heugeruch, den ich noch heute mag und in sehr schöner Erinnerung habe, ist mir zum Beispiel der Geruch des verteufelt klebrigen Harzes an meinen Händen nach der Waldarbeit im Gedächtnis. Den Geruch von frisch gesägten Holz liebe noch heute. Ich erinnere mich weniger an den Geruch von Mist oder Mistbrühe (was vielleicht auch besser so ist), sondern eher andere. Zum Beispiel den Geruch von Zementstaub und Schweiß in den orangefarbenen Autos des Baubetriebes, mit denen mein Vater während der Zeit, in der er noch „nebenbei“ in einem Baubetrieb arbeitete, immer zum Mittagessen nach Hause kam. Ein anderer Geruch ist der penetrante, der beim Klauenschneiden entsteht. Sonntag morgens, denn da hatten die Söhne Zeit, wurden den Kühen die Klauen geschnitten. Während mein Vater schwitzend den Fuß der Kuh festhielt, schnitten wir mehr oder minder geschickt die Klauen. Diese Mischung aus menschlichem Schweiß und den vielfältigen Gerüchen des Stalls ist mir noch in Erinnerung, und auch das sehr gute Gefühl unter der Dusche danach.
Vieles, was in den jetzt in den vielen Büchern zum Dorf in den 1950er Jahren sehr schön und auch beschönigend beschrieben wird, gab es auch in dem Haushalt, in dem ich aufgewachsen bin: Den Holzherd mit dem ”Schiff”, in dem das heiße Wasser war; die Ringe mit verschiedenem Durchmesser auf der Ofenplatte über dem Feuer; die Wassertöpfe, die am Boden mit Kalk verkrustet waren; die Nudeln die selbst gemacht und dann auf Backbrettern zum Trocknen ausgelegt wurden.
Heu wurde zum Trocknen auf diese dreieckigen Böcke gelegt, die man aufklappen und zusammenlegen konnte – ein Aufwand, der heute unvorstellbar ist. Kartoffeln wurden für die Schweine extra auf einem Holzfeuerkessel gekocht – was aber immerhin den Nebeneffekt hatte, dass ich mit der Oma Kartoffeln mit Butter und Salz essen konnte.
Die Vorratshaltung war zu meiner Kindheit noch sehr weit verbreitet. Es wurde Apfelsaft und Most in einer Mosterei in unserem Dorf gemacht, sogar Eier wurden in dieses glibberige Zeug eingelegt, von dem ich heute weiß, dass es Wasserglas heißt. Kraut wurde eingestampft und dann das kreisrunde Holzstück, das das Kraut zusammendrückte, mit einem dicken Stein beschwert. Erdbeeren, Kirschen, Äpfel und Birnen wurden in Weckgläsern eingemacht.
Als ich klein war, gab es noch viele kleine Handwerker im Dorf. Wenn ich mir vorstelle, dass es damals in meinem Ort unter anderem einen Friseur, Metzger, Tante-Emma-Laden oder einen Schuster gab, eine eigene Tankstelle und zwei Schmieden! Dass unser Jauchefass und unser Viehanhänger im Dorf hergestellt wurden. Interessant war es auch immer, wenn es zum Mahlen zum Müller in den Nachbarort ging. Dieser Müller hatte etwas geheimnisvolles an sich, war kugelrund und in der Regel mit Mehl bestäubt.
Aber gab es nur die Arbeit auf dem Feld oder bei den Tieren? Nein, es gab auch anderes. Ich hatte immer das Gefühl, dass die Landwirtschaft zwar sehr wichtig war, aber nicht das ganze Leben ausfüllte, meinen Eltern anderes auch wichtig war – was mir wiederum als Kind gut getan hat. Andererseits habe ich es nie vermisst, dass wir nicht in Urlaub gefahren sind. Ein beliebtes Familienritual neben den mir in unangenehmer Erinnerung gebliebenen Besuchen bei mir den unsäglich alt wirkenden Verwandten, waren die Sonntagsausflüge, in der Regel verbunden mit einem ”Einkehren”, dem familiären Verzehr von Wiener Schnitzel mit Pommes und Spezi.
Natürlich finden Kinder nicht alles toll, was die Erwachsenen wollen, das war auch bei mir so. Zum Beispiel fand ich die selbst genähten Kleider nie so schön wie meine leibliche Mutter oder meine Tante, die sie hergestellt hatten. Als ich älter wurde, gingen mir die unzähligen ”wie ist/war das Wetter”-Gespräche, die die Erwachsenen untereinander führten, unsäglich auf die Nerven, ich fand sie, so meine feste Einschätzung, „oberflächlich“. Niemand hatte mir erklärt, dass dies dazu diente, ein Gespräch mit Nachbarn oder Bekannten anzufangen und den Zusammentreffenden Raum gab zu zeigen, ob man gerade an einem Gespräch Interesse hatte oder nicht. Hinzu kommt, das weiß ich heute, die große Bedeutung des Wetters für das bäuerliche Wirtschaften.
In den Jahren von 1940 bis 1990 gibt es in der deutschen Landwirtschaft mehr Veränderung, als in den 500 Jahren zuvor. Diesen Wandel haben die Bauern und Bäuerinnen ohne großes Murren mitgemacht, ich und meine Familie waren mittendrin. Das passende Bild dazu stammt von meinem Vater, der beeindruckt erzählt, dass er vor einigen Jahren an den Bodensee gefahren sei und auf der ganzen Strecke dorthin keinen einzigen Traktor gesehen habe.
Die Familie auf einem Bauernhof ist eine soziale und eine ökonomische Einheit, sie ist eine Familie und eine zusammen arbeitende Gruppe, Arbeitsplatz und Wohnort sind, wie fast sonst überall anders, nicht räumlich getrennt. Die Arbeitsbesprechung für die Familie findet am Mittagstisch statt. Die Kinder erleben von Anfang an, wie ihre Eltern arbeiten, wie sie Maschinen bedienen und die Erwerbsarbeit sind sicht- und im wahrsten Sinne begreifbar. Der Nachteile ist das feste Gebunden sein an die Bedürfnisse der Tiere, die den Tagesablauf und damit auch die Wochenenden strukturieren. Vieles an bäuerlichem Denken, das ich als Kind erlebt habe, war noch vom traditionellen, auf Eigenproduktion gerichteten und deshalb bargeldlosen Wirtschaften geprägt. Es gab zwar jetzt viele Maschinen, bis hin zu Heugebläse und Heubelüftung, während in den 50er Jahren noch Pferde die Regel waren, und es gab auch Strom und genügend Bargeld, aber das alltägliche Denken und Verhalten war noch durch die ”alten” bäuerlichen Ansichten, die nicht mehr in die Gegenwart passten, bestimmt. Statt die Einnahmen zu erhöhen, oder etwas schönes zu kaufen oder motivierendes zu machen, wurde eher gespart.
So waren auch bei uns Wasser- und Stromsparen und kurze Telefonate hoch angesehen, da diese weniger Geld kosten. Meine Familie, die einmal den ersten Trecker im Dorf gekauft hatte, musste mit der Entwertung ihrer Arbeitsleistung und der ihrer vielfältigen Kenntnisse fertig werden. Sie und ich mussten damit zurechtkommen, dass die Gesellschaft die Arbeit von Bauern nicht mehr so schätzte, wie es einmal war, dass ein Wagen voller Holz aus dem Wald – auf den mein Opa und mein Vater immer so stolz waren – fast nichts mehr Wert war.
Die Agrarsoziologie beschreibt dies als „Die Bauern am Rande der Gesellschaft“, und so habe ich mich, am stärksten im Gymnasium, auch oft gefühlt. Es ist nicht schön, mit nach Stall stinkenden Haaren zur Schule zu müssen und der Wasserverbrauch nach dem Stalldienst wurde zu einem Konfliktthema. Ich spürte die Abwertung, der die bäuerliche Landwirtschaft ausgesetzt war, sehr wohl. Meine bewusste positive Zuwendung zur Landwirtschaft erfolgte erst dann, als ich mich der Volljährigkeit näherte. Durch einen Schulwechsel zum beruflichen Gymnasium wurden zum einen meine Noten besser, zum anderen fand ich dort endlich Freunde und Freundinnen , die selbstbewusste Bauernkinder waren – und trotzdem oder deswegen ihre Eltern für die Bedingungen, unter denen sie ihre Schweine hielten, kritisierten. Nach dem Abitur machte ich ziemlich bewusst meinen Zivildienst auf einem biologisch-dynamisch bewirtschafteten Milchviehbetrieb.
Natürlich habe ich mich auch durch Theorien und politische Interessen vom Dorf abgrenzen müssen, bin durch Kleidung, Haarlänge und Aufkleber aufgefallen, war in meiner Gemeinde einer der wenigen Boykotteure der Volkszählung 1987, stellte mich mit Friedensplakaten an die Straße, wenn die Militärkolonnen zu den herbstlichen Manövern vorbei fuhren. Ich schenkte meinen Eltern schon Anfang der 1980er Jahre ein Abonnement der agraroppositionellen „Bauernstimme“, das sie noch heute haben, und freute mich, dass sie als Bauern die Grünen wählten. Ich wollte und musste mich von den anderen absetzen, und habe mich dabei sicher auch manches Mal durch meine politische Radikalität selbst überhöht. Später lernte ich dann, dass die soziale Kontrolle in studentischen Wohngemeinschaften nur anders war, als die des Dorfes, dem ich ja entfliehen wollte.
Das menschliche Maß, das unserer Familie, so denke ich zumindest, immer wichtig war, spielt gesellschaftlich eine zusehends geringere Rolle. Es sollten nur noch Wachstum und Investitionen etwas gelten. Aber das haben wir nicht mitgemacht. Viele Gespräche, an die ich mich erinnere, drehten sich um die Milchkontingentierung, die sinkenden Schweinepreise oder den Weg des Wachstums, den andere Bauern in unserem Dorf einschlugen. Diesen Weg wollten meine Eltern nicht mitgehen. Sie ging einen anderen: 1983, fünf Jahre nach seiner zweiten Heirat, ist mein Vater nicht aus der Landwirtschaft, sondern aus seiner nervlich und körperlich anstrengenden außerlandwirtschaftlichen Erwerbstätigkeit ausgestiegen und hat sich voll auf Feld, Stall und Wald konzentriert. Dies ging nur, weil der Betrieb in der Vergangenheit solide geführt worden war (”Schulden macht man nicht”, so eine Leitlinie). Meine Eltern konnten noch bis zum Jahr 2000 voller Elan Landwirtschaft betreiben, wenn auch mit einer abnehmenden Zahl von “Mitarbeitern”:
1987 zog ich nach Konstanz und auch die Mithilfe meines Bruders Ralph ging immer weiter zurück. Die Hofnachfolge stand für mich nie zur Debatte. Mein Vater hätte es vielleicht schon gerne gehabt, dass mein Bruder den Hof übernimmt, aber Ralph hatte damals noch mehr Distanz zur Landwirtschaft als ich und unser Betrieb war mit seinen 15 Hektar viel zu klein, als dass davon eine Familie hätte leben können.
Ich hatte etwas Sorge, ob mein Vater den Ausstieg aus dem aktiven Erwerbsleben zwanzig Jahre später gut überstehen würde. Ist es doch nicht leicht, vor einem leeren und verstaubten Stall zu stehen. Nicht nur ich fürchtete, die Arbeit würde ihm fehlen, und bin deshalb sehr froh, dass er diesen Umschwung gut verkraftet hat und seine viele freie Zeit jetzt sehr genießen kann.
Mein Vater hat einmal gesagt, sein ganzes Leben sei ein ”Kampf mit dem Erdreich” gewesen, im direkten Bezug in der Landwirtschaft und im übertragenen Sinne in seiner Tätigkeit auf den vielen Baustellen.
Meinem Vater ist leider vieles, was ich mache und gemacht habe, was mir wichtig ist und wofür ich viel Energie aufgewendet habe und aufwende, ziemlich fremd geblieben – was ich schade finde. Er stellt die Nähe zu mir darüber her, dass er mir – und mittlerweile voller Stolz seinen Enkeln – im Wald seine Arbeit zeigt, oder mit ihnen mit dem Trecker spazieren fährt. Mit meiner Mutter kann ich viel besprechen, sie kennt die akademische Welt, spricht auch gerne über politische, psychologische und pädagogische Themen. Viele meiner Freunde und Freundinnen erzählen, sie könnten mit ihren Eltern, die aus der Generation der Kriegskinder stammen, gar nicht reden.
Ich bin überzeugt, dass meine bäuerliche Kindheit Ausgangspunkt und Fundament meines Lebens und Teil der Wurzeln meiner Auffassungen ist, was für mich manches Mal eine Last ist, mir aber mindestens genauso oft Kraft und Ruhe gibt. Das bedrückende und traurige fühle ich, wenn ich merke, was mir fehlt, wofür erst recht angesichts unserer Familiensituation damals keine Zeit war, oder wo das Wissen, wie man es anders oder besser machen kann, einfach fehlte oder dafür schlicht keine Zeit war. Dass in meiner Kindheit die Norm des „Was sollen die anderen Denken?“ stark war, führt dazu, sich vom Urteil anderer abhängig zu machen, was ich heute als Hindernis für mich ansehe.
Es ist eine prägende Erfahrung, in einer Umgebung aufzuwachsen, die so groß und vielfältig ist. Mir stand als Kind die ganze Umgebung unseres Dorfes zur Verfügung. Als Kind hatte ich Möglichkeiten z.B. die Natur zu erfahren oder Dinge zu sehen und mitzuerleben, von denen Kinder an meinem jetzigen Wohnort Bremen nur träumen können. Den meisten Kindern fehlt heute eine solche Erfahrung und die Kindergärten und Schulen machen extra sogenannte „Projekte“, damit die Kinder überhaupt einen Schweißapparat oder eine Kaulquappe sehen und anfassen können. Wir bauten uns eine Moto-Cross-Strecke rund um den Misthaufen und die Werkstatt, die wir stundenlang mit unseren Fahrrädern befuhren und in den gefährlichen Kurven mit Strohballen ausstatteten.
Ich war auch nie zu wagemutig, was auch aus meiner Geschichte herrührt. Das liegt vor allem daran, dass ich als Kind sehr unter der bäuerlichen Schweigekultur gelitten habe, positive Bestätigung oder Lob gab es nie, dies führte dann erst meine Stiefmutter ein, wie sei auch die Prügelstrafe abschaffte, da war ich aber schon 12 Jahre alt. Ich fühle heute, dass ich oft ein einsames und auch trauriges Kind war. Ich war immer intellektuell hungrig, schon früh einer der besten Kunden in der Stadtbibliothek und wurde dann zuerst als Bücherwurm, später als „Theoretiker“ klassifiziert. Als ich 10 oder 11 war, las ich immer bei der Nachbarin die wöchentliche Fernsehzeitschrift und den monatlichen „Best of Readers Digest“ komplett durch, was anderes gab es nicht. Später war ich immer ganz beschwingt, wenn die neue Schülerzeitung erschienen war – und werde heute manchmal ganz traurig, wenn ich sehe, welche schönen Bücher, Zeitschriften und Hobbys meine Kinder haben – solche hätte ich auch gerne gehabt.
Ehrgeiz oder Karriereorientierung fehlt mir ziemlich, wie auch meinem Bruder. Oft ist es ja so, dass Bauern eigentlich ehrgeizig sind und Menschen besonders ehrgeizig werden, wenn sie einen sozialen Aufstieg anstreben. Den habe ich jetzt zwar erreicht, indem ich einen akademischen Beruf ausübe und in einem Haus mit Garten in einer Großstadt. Die Verwirklichung meiner Interessen war mir immer wichtiger als die „Karriere“ oder ein hohes Einkommen. Bauern sind aus berechtigtem Grund eher bedächtig, ist doch gewagtes Verhalten angesichts ihrer Abhängigkeit vom Wetter und vom Glück im Stall ein nur begrenzt kalkulierbares Risiko. Manches Mal sind sie auch unterwürfig, kaum in der Lage für ihre Interessen einzutreten – auch ich habe heute manchmal ein Problem damit Konflikte zu führen, Kritik anzunehmen und beides auszuhalten. Öffentliches Reden musste ich erst mühsam lernen und noch heute schreibe ich im Beruf lieber, als dass ich rede. Mein Vater schimpfte zum Beispiel immer am Küchentisch über die Politiker, worauf dann meine Stiefmutter nur trocken meinte: „Das hören die in Stuttgart nicht“. Sich politisch oder gar in einer Partei zu engagieren, das gab es nicht. Meine Eltern sind zu Zeiten meiner Jugend aktive Mitglieder der Dorföffentlichkeit gewesen, durch den Zuzug meiner Stiefmutter kam es dann zur im Vergleich zu allen umliegenden Dörfern sehr späten Gründung des Landfrauenvereines in unserem Dorf und sie war dann fast 20 Jahre dessen Vorsitzende.
Ich habe mich immer in unzähligen politischen Aktivitäten engagiert, in Jugendzentren, linken Zeitschriften und politischen Kampagnen. Ich übernahm auch gerne im klassischen Ehrenamtsbereich Verantwortung, sei es in einer Lebensmittelkooperative oder als Vorsitzender der Krabbelgruppe meiner Kinder, wo wir als Vorstand und Laien einen Etat von 150.000 EUR verantworten mussten. Die Orte dieses Engagements sind auch auch die Orte, an denen ich meine Freunde und Freundinnen kennen lernte und kennen lerne.
Andere kulturelle Techniken wie Urlaub machen oder Hobbys musste ich erst erlernen, und habe damit heute noch Schwierigkeiten. Noch heute geht es mir so, wenn ich um die Fütterungszeit irgendwo herumlaufe, dass ich denke, müssen diese Leute denn nichts arbeiten, oder zumindest nicht jetzt in den Stall?
Ein halbwegs fester Rhythmus was Essen angeht, ist mir wichtig, und ich muss schmunzeln, wenn ich dann in Erziehungsratgebern lese, wie wichtig regelmäßiges, gemeinsames Essen für Kinder und eine Familie ist, ja dass sie sich über das gemeinsame Essen und Reden auch herstellt.
Hegen und pflegen, sorgen und kümmern sind für mich sehr wichtige Werte, wenn ich für sie die richtige Umgebung finde und sie dann zu meinen Bedingungen leben kann. So macht mir die “Arbeit” mit und für meine beiden Kinder in der Regel Spaß und ich hab dabei die Ruhe weg. Ich bin als Vater auch oft selbstsicherer, als meine in einem sozialdemokratischen 68er-Lehrerhaushalt aufgewachsene Frau als Mutter. So war es für mich auch keine große Frage Ende der 1990er Jahre den Hausmann zu geben, und damit die klassische Rollenverteilung umzudrehen. Damals war das noch lange nicht so verbreitet wie heute: Ich war ein Geschlechterpionier, nicht nur im Babyschwimmkurs der einzige anwesende Vater. Ich und meine Frau versicherten uns während dieser Jahre, dass keiner den Job des anderen machen wolle. Umso glücklicher bin ich, dass ich dann mit über 40 Jahren noch meinen Traumberuf erreichte und nun in meinem studierten Fach nicht mehr, wie die ganze Zeit vorher, ehrenamtlich, sondern bezahlt arbeiten kann. An meinem Arbeitsplatz kann ich relativ selbständig arbeiten, habe eine hohe Zeitsouveränität, muss aber auch oft am Wochenende oder abends arbeiten, was eine gewisse Flexibilität ermöglicht, die zwar wichtig ist, wenn man Kinder hat, aber familiäre Absprachen erfordert, die permanent zu überprüfen sind und auch zu Konflikten führen.
Mein Weg in den Beruf war lang. In meine Entscheidung, Politik zu studieren, haben mir meine Eltern nicht hineingeredet, meine Mutter unterstützte mich, mein Vater, der mich wohl lieber bei einer Bank oder einer Behörde gesehen hätte, tolerierte sie. Ich brauchte etwas, um mich an die Universität zu gewöhnen. Längere Zeit lebte ich in einem kleinen Holzhäuschen, wo wir mit Holz heizten, das ich im Konstanzer Stadtwald auf einem Flächenlos einsammelte, ja, wir hielten sogar Gänse – und simulierten so etwas „Landwirtschaft“, während ich mich an der Universität mit marxistischer Staatstheorie, öffentlichen Finanzen und kritischer Soziologie beschäftigte. Für meinen Weg vom Abitur bis zum ersten unbefristeten Arbeitsplatz brauchte ich, auch wegen der Kinder, 21 Jahre. Das allermeiste, was ich heute im Beruf brauche, habe ich nicht an der Universität gelernt, sondern in politischen Gruppen und Projekten.
Nach fünf Jahren Studium fand ich durch die Fortsetzung des Studiums in Bremen wieder zurück zur Landwirtschaft und zum ländlichen Raum, wenn auch nur im Kopf und am Computer. Nach meinem Diplom habe ich einige Zeit etwas Geld mit meiner Tätigkeit für verschiedene Öko- und Bauernmärkte verdient, wo mir mein theoretisches Wissen und meine Authentizität im Umgang mit den MarktbeschickerInnen viel geholfen hat. Ich war stolz, wenn ich erzählte, ich sei auf dem Bauernhof aufgewachsen.
Die Professorin, bei der ich 1994 an der Universität Bremen meine Diplomarbeit in Politikwissenschaft schrieb, meinte, es sei in meiner Arbeit deutlich die Trauer über einen Verlust zu spüren. Nun ist eine Diplomarbeit nicht der Ort, an dem man normalerweise Gefühle äußert, und ich denke, ich habe es auch nicht getan, aber die Professorin hatte wohl ein feines Gespür dafür. Sie vermutete, ich würde in meiner wissenschaftlichen Arbeit über die Agrarumweltpolitik der EU über den Verlust einer gewohnten Umgebung trauern.
Aber kann ich als Verlust den Wandel, um das Wort „Untergang“ zu vermeiden, der bäuerlichen Landwirtschaft erfahren? Warum sollte ich etwas als Verlust ansehen, was ich bis ich 18 war, als langweilig, eher eng, bedrückend und als zu überwindend angesehen habe?
In einer Stadt wie Bremen ist es schwierig, seinen Lebensunterhalt mit „der Landwirtschaft“ zu verdienen, es steht fest, dass ich beruflich damit nichts mehr zu tun haben werde. Ich schreibe gelegentlich noch über die Landwirtschaft, den ländlichen Raum und ihre Geschichte, kann meinem Sohn unseren Bauernhof zeigen und mit ihm Landwirtschaftsausstellungen im Bremer Umland besuchen.
Modernisierung und Individualisierung sind in sich widersprüchlich, es gibt eben nicht einfach nur mehr Freiheit, wenn man sich aus traditionellen Verhältnissen löst. Meine Biographie ist durch meine familiären Umstände geprägt, ich versuche immer wieder, diese als Fundament statt als Ballast anzusehen. Meine Erinnerungen bleiben mir auf jeden Fall.

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9 Antworten auf „Erfahrungsbericht: „Die Bauernstimme“ oder „Schulden macht man nicht““


  1. 1 Carl 15. Juni 2010 um 18:39 Uhr

    Hallo,
    heute wurde so viel Interessantes und Kontroverses geschrieben. Ich weiß gar nicht, wo ich zuerst antworten soll.

    Ich habe Verwandte, die auch Landwirte sind und habe etliche Wochenenden und Sommer dort verbracht. Zwar bin ich eine ganze Ecke jünger als du und ich habe den Wandel der Landwirtschaft mitgekriegt und habe schon damals gehört, dass die Alten sagen es ist nicht mehr wie früher. In den neunziger Jahren jedoch, als die meisten meiner Erinnerungen sich ereigneten, schien die die Lebensweise der Bauern ewig zu sein.
    Die Geschichten, die mir erzählt wurden, von meinen Verwandten, von vor hundert Jahren, von vor fünfzig Jahren, sie waren seltsam zeitlos.

    Es ist sehr schwer, Erinnerungen in Worte zu fassen, weil das eine Zeit war, bevor ich gebildet war oder Texte schrieb.

    Ich erinner mich noch an die Feuer zu Ostern und Johannis und die „Jungfrauenversteigerung“, an Erdbeeren mit Schlagsahne, an die Maistreiche, die Hochzeiten und den Tanz mit Bankett den es danach jedes Mal gab. An die Mädels, die sich gegenseitig bunte Bänder ins Haar flochten.

    Ich erinner mich, wie wir bei der Arbeit sangen und uns gegenseitig Scherze zuriefen.

    Ich erinner mich auch an Gerüche, Gerste mein Lieblingsgeruch und Haargel. Haargel, der typische Landgeruch für mich, denn jeden Sonntag machten meine Verwandten sich fein für die Kirche und es sollte ja keiner sagen, dass sie ungepflegt wären.

    Wenn ich aber einen zusammenhängenden Text darüber schreiben sollte, wäre ich überfragt.

    Es hat mich gefreut deinen Text darüber zu lesen und zu hören, dass du es eher als Fundament als als Balast ansiehst. So geht es mir auch mit vielem.
    Für so viele Erinnerungen habe ich keine Worte. Ich weiß nur, dass sie auf eine seltsame Art und Weise schön sind und dass wir uns damals so unendlich nah standen, so nah wie ich später meiner Familie nie wieder war und auch keinem anderen Menschen jemals wieder gewesen bin (mit Ausnahme m einer Freundin und baldigen Frau).

    Im Nachhinein erscheint es mir eine einfachere und glücklichere Zeit in einer einfacheren und glücklicheren Welt.

  2. 2 Bernd 16. Juni 2010 um 5:37 Uhr

    Mein Text stammt aus dem Buch „Boden unter den Füssen. Bauernsöhne erzählen ihre Geschichte“, herausgegeben von Ulrike Siegel (Landwirtschaftsverlag Münster 2009). Ulrike Siegel hat auch drei Bücher mit Texten von Bauerntöchtern publiziert.

  3. 3 Bernd 18. Juni 2010 um 8:13 Uhr

    Ich stelle hier noch gerade und erst recht nach der Lektüre von http://dishwasher.blogsport.de/2010/05/28/die-politische-linke-und-die-arbeiter-und-studierenden-arbeiterkinder/ das Manuskript meiner Autorenbiografie zu dem Artikel ein, Stand Mai 2009). Im Buch ist das dann auf ein Drittel gekürzt erschienen, dafür enthält der gedruckte Artikel auch einige Fotos :-)

    Der 1966 geborene Bernd Hüttner wächst in Nordwürttemberg auf einem bäuerlichen Gemischtbetrieb auf. Seine leibliche Mutter stirbt, als er neun Jahre alt ist – die neue Mutter kommt aus der „Stadt“ und gab für ihre zweite Heirat den Beruf als Grundschullehrerin auf. Seinen Zivildienst macht er auf einem Bio-Milchviehbetrieb, danach studiert er Verwaltungswissenschaft in Konstanz/Bodensee und ab 1992 Politikwissenschaft in Bremen. Danach arbeitet er Teilzeit in verschiedene Projekten im Bereich Landwirtschaft und Regionalentwicklung. Hüttner hat zwei Kinder, für die er auch bewusst und lange in Erziehungszeit war. Seit seiner Jugend ist Hüttner in der undogmatischen radikalen Linken engagiert, er publiziert regelmäßig in Zeitschriften und Internetangeboten, macht Tagungen und Bücher und hält Vorträge. Seit 2007 organisiert er beruflich politische Bildung, als Regionalmitarbeiter Bremen und Koordinator des Gesprächskreises Geschichte der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Er ist parteilos, aber Mitglied der Historischen Kommission beim Parteivorstand der LINKEN.

  4. 4 Bernd 19. Juni 2010 um 6:22 Uhr

    Ich habe zum Thema „radikale Linke und Alltag“ weitere Texte publiziert. Da wäre http://www.copyriot.com/diskus/05-3/text06.htm und dann der Text „When I´m 44 – Kinder, Altwerden und das linke Leben“ in arranca! #33: Andere Umstände – zwischen Rebellion und Rente (http://arranca.org/ausgabe/33), der ist aber noch nicht online.

  5. 5 Carl 28. Juni 2010 um 13:49 Uhr

    @ Bernd: Wo finde ich denn das Manuskript deiner Autobiographie oder habe ich das übersehen?

  6. 6 bernd 15. Januar 2011 um 15:03 Uhr

    hallo Carl
    meine Autorenbiografie steht hier auf dieser Seite – eine Autobiographie ist was anderes, die gibt es nicht (noch nicht, mal sehen :-) )

  7. 7 Ingo de Austria 21. September 2011 um 22:28 Uhr

    Hallo!
    Der Text gefällt mir sehr gut, nicht zuletzt weil ich auch ein Bauernkind bin.

  8. 8 Lara 30. Mai 2012 um 8:17 Uhr

    Sehr schöner Artikel. Danke dafür. Komme selber vom Dorf.
    Aber ein kleiner Tipp: Ein wenig Formatierung im Text verbessert das Lesen – war teilweise ganz schön anstregend so ganz ohne Zwischenüberschriften und Absätzen ;)
    LG aus Hamburg

  1. 1 die glucke gratuliert: 10 Jahre berührende Bücher über Bauernkinder | dieglucke Pingback am 10. November 2013 um 11:26 Uhr
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