Alltagsrassismus und institutionelle Diskriminierung im Bildungssystem – oder: Warum wir ungleich gemacht werden
Von Tobias Fabinger
Zunächst einmal möchte ich folgendes Szenario umreißen: Vergleichen wir zwei sehr unterschiedliche Bildungseinrichtungen. Schauen wir uns zunächst in einem „berufsvorbereitenden Lehrgang“ um. Das sind Maßnahmen, die Jugendliche durchlaufen, welche zumeist Realschul-, Hauptschul- oder gar keinen Schulabschluss haben und die nach ihrem Schulabgang keine Ausbildungsstelle gefunden haben. Das Ziel ist, ihre „Ausbildungsreife“ herzustellen. Zehntausende von Jugendlichen werden jedes Jahr durch solche Maßnahmen geschickt; hier soll die Reparatur dessen stattfinden, was das Schulsystem „verbockt“ hat. Schaut man sich hier um, sieht man einen Anteil von vielleicht 80% (geschätzt) von Jugendlichen mit Migrationshintergrund oder auch so genannte „Russlanddeutsche“. Gehen wir nun durch eine andere Bildungseinrichtung: Die Uni Münster. Schauen wir uns dort im Bereich Rechtswissenschaft um. Im Studiengang Jura werden wir nur sehr wenige junge Leute mit Migrationshintergrund finden – und wir müssen sie von den ausländischen Studierenden, die zumeist aus bildungsnahen Familien in ihren Heimatländern kommen, unterscheiden. Wir müssen die paar Studierende mit Migrationshintergrund mit der Lupe suchen, ein vom sozialen Habitus und der ethnisch-kulturellen Herkunft sehr einheitliches Bild gestaltet sich in den Hochschulfächern mit hohem Prestige. Was ist da passiert?
Doch bevor wir der Ursachenanaylse nachgehen, noch zwei Erfahrungsberichte, zwei Geschichten, die sich an der Uni Münster wirklich so zugetragen haben. Die erste Geschichte: Eine Studentin mit eher „mitteleuropäischem“ Aussehen und leichtem Akzent wird von einer deutschen Mitstudentin im Zuge einer Gruppenarbeit im Seminar in ein freundliches Gespräch verwickelt. Die deutsche Studentin fragt nach, ob denn die ausländische Kommilitonin vielleicht aus Dänemark käme. Als diese berichtet, dass sie aus einem osteuropäischen Land kommt, erstirbt das Gespräch und die deutsche Studentin wendet sich ab. Eine andere Geschichte: Eine ausländische Studentin gibt eine Hausarbeit ab, die mit der Note vier bewertet wird. Gleichsam als Experiment wird dieselbe Hausarbeit einige Semester später beim gleichen Professor von einer deutschen Studentin abgegeben. Die Bewertung lautet: Note eins. Diese Geschichten verdeutlichen: Es gibt eine geheime Bewertungsskala, eine Voreinschätzung, die in die Note mit einfließt oder die auf das Anknüpfen von Freundschaften wirkt.
Viele ausländischen Studierenden – oder Studierende mit Migrationshintergrund – kennen das Gefühl an der Uni Münster als Menschen zweiter Klasse behandelt zu werden. Da hilft auch keine noch so oft wiederholte offizielle Betonung des internationalen Charakters der Uni Münster. Geschichten dieser Art gibt es viele. Wer sich umhört und einmal ein wenig „nachforscht“, der wird überrascht sein, dass viele ausländische Studierende oder solche mit Migrationshintergrund in einer ganz anderen sozialen Welt leben als die deutschen Kommilitonen. Diese Beispiele zeigen eins: Es gibt „unbewusste“, nicht verstandene ausgrenzende Strukturen und soziale Prozesse. Dieselben Prozesse der Vorurteilsbildung wirken auch bei der Selektion im Bildungssystem.
Entsprechende Studien zeigen, dass Jugendliche mit Migrationshintergrund und aus Arbeiterfamilien im Bildungssystem besonders benachteiligt sind. Oft überschneiden sich beide Ungleichheitsdimensionen, da sich in Deutschland ein großer Teil der „Arbeiterklasse“ aus den ehemaligen Arbeitsmigranten („Gastarbeitern“) und ihren Nachkommen zusammen setzt. Es sei noch mal daran erinnert, dass der UNO-Sonderbeauftragte für Bildung, Munoz, Deutschland aufgrund dieser im Grunde rassistischen Selektion bereits mehrmals anmahnte, weil im deutschen Bildungssystem die Menschenrechte nicht eingehalten würden. Zurück zu den Ursachen: Welche gesellschaftlichen Tiefenschichten sind es, die diesen alltäglichen Rassismus reproduzieren? Es handelt sich um gegenseitige Verstärkung von Rassismus in den Medien und dem so genannten „Alltagsdiskurs“. Über nichteuropäische Gebiete wird stets nur Katastrophisches berichtet – Naturkatastrophen oder politische Instabilität – so entsteht das Bild fehlender zivilisatorischer Kompetenz der „farbigen Völker“. Auch Antislamismus ist in der Medienwelt weit verbreitet. Der offene Rassismus ist vom Kulturalismus abgelöst worden, der Islam wird als vormoderne minderwertige Kulturform angesehen, was auf die Menschen aus diesem Kulturkreis zurückstrahlt. Auch hierzu gibt es mittlerweile interessante Studien und Aufsätze, etwa von Christoph Butterwege, der den medialen Rassismus untersucht hat. Dieser mediale Rassismus, zu dem auch der Mythos von den „Parallelgesellschaften“ gehört, korrespondiert mit dem Alltagsdiskurs. Wie kann es Parallelgesellschaft geben, befinden sich doch auch alle Menschen auf unserem Staatsgebiet und sind durch geschäftlichen und andere soziale Verhältnisse natürlich mit der Gesellschaft verbunden. Das Bild von der „Parallelgesellschaft“ schließt die Migranten von vorneherein aus und macht sie zu etwas Anderem, Unzugehörigem. Eine Art Grenze zwischen uns und den Anderen entsteht durch so einen medialen Diskurs, der wiederum das Verhalten im Alltag beeinflusst.
Beim Alltagsdiskurs handelt es sich um eine Selbstermächtigung: Die weißen, deutschen, „normalen“ sind leistungsfähig, zivilisatorisch fortgeschritten, aufgeklärt, friedlich usw. während der Fremde geheimnisvoll, undiszipliniert und zivilisatorisch rückschrittlich ist. Das eigene Selbstbild wird durch das negative Fremdbild von den nichtintegrierbaren rückständigen Ausländern erhöht und idealisiert. Dies sind Selbst- und Fremdbeschreibungen, unbewusste Imagines (psychologisch wirksame Bilder), die im Kolonialismus des 19.Jahrhunderts zur Blüte kamen, deren Ausprägungen sich aber schon früher finden, auch in der Philosophie etwa bei Hegel und Kant. Die (mittel)europäische Kulturgeschichte ist vom Rassismus durchdrungen, dies muss man zur Kenntnis nehmen, auch wenn man diese Tradition schätzt und anerkennt.
In diesen sozial- und kulturpsychologischen Prozessen, die auch in der Gegenwart wirken, bilden sich materielle Machtverhältnisse ab. Natürlich haben die „autochthonen“ Deutschen oder solche, die ihnen ähneln, ungleich mehr Macht und einen viel besseren Zugang zu Hochschule, Wissenschaft, Verwaltung und Politik. Und wer gibt seine Macht schon gerne ab? Hat schon mal jemand einen türkischstämmigen Gymnasiallehrer gesehen? Gibt es so gut wie nicht, Einzelne sind die Ausnahme, gerade im Bereich der höheren Bildung herrscht fast absolute ethnisch-kulturelle und schichtspezifische Homogenisierung. Aber gerade aus dem Milieu der gebildeten Mittelschichten gehen doch immer wieder progressive antirassistische Ideen hervor? Das ist die Doppelmoral. Wer von den grün-alternativen Gutmenschen hat schon einen Freund mit Migrationshintergrund oder überhaupt Kontakt zu dem Milieu? Ja, einzelne Menschen mit Migrationshintergrund schaffen es immer wieder, sich zu etablieren, aber es geht um die überwiegende Mehrheit und deren soziale Abschottung. Ins Parteiporgramm kann man viel schreiben. Die Strategien der Selbstbehauptung der sich selbst als „normal“ konstruierenden Bevölkerungsmehrheit sind „unbewusst“, es handelt sich um soziale Vorgänge, die man soziologisch beschreiben muss. Insofern soll hier kein unmittelbarer Vorwurf des rassistischen Verhaltens konstruiert werden, wohl aber der Vorwurf einer fehlenden Auseinandersetzung mit dem Thema. Der Alltagsrassismus ist gleichsam der blinde Fleck der Gesellschaft, niemand ist Rassist und doch wirkt der Alltagsrassismus.
Ein wissenschaftlicher Zugriff auf das Problem des diskriminierenden Bildungsystems, sei hier kurz zusammen gefasst: Ein tief greifender Erklärungsansatz der Selektion im Bildungssystem und der Zuweisung der Jugendlichen Migranten vor allem auf Hauptschulen haben Gomolla/Radtke geliefert: Institutionelle Diskriminierung. Auch hier ist niemand offen rassistisch und doch setzt sich eine rassistische Logik im Handeln der Institution Schule durch. Die Pädagogik betrachten Gomolla/Radtke systemtheoretisch, als System, das Sinn generiert. Das bedeutet, dass die Selektionsentscheidungen sinnvoll pädagogisch begründet werden müssen. Die Begründung für die Selektion auf die Hauptschule lautet stets wohlwollend: Das Kind kann hier besser gefördert werden. Das System Pädagogik erkennt seine selektive Funktion nicht und begründet die Selektion sinnvoll, eben nach der immanenten Logik des pädagogischen Denkens. Ein weiteres diskriminierendes Moment im Schulsystem: Einzelne Fächer oder Kompetenzen haben ein zu hohes Gewicht, sie dienen ebenfalls der Selektion. So hat etwa die Deutschnote hat einen zu großen Einfluss auf Selektionsentscheidungen. Deutschkenntnisse können nachgeholt werden, hochintelligente Leute, die vielleicht gute Informatiker würden, werden durch das Kriterium „Deutsch“ aussortiert und diskriminiert. Zugleich findet keine wirksame Förderung statt. Einzelne Selektionskriterien und eben die pädagogische Sinnkonstruktion der „Förderung“ spielen zusammen. Die Hauptthese von Gomolla/Radtke: Die Differenz ist nicht von Anfang an vorhanden, sie wird durch das Schulsystem erst hergestellt, eine ethnische Differenz mit jeweils spezifischen Zuschreibungen wird hier erst konstruiert. Eine Ursache liegt natürlich auch darin, dass das Schulsystem insgesamt eine selektive Funktion hat und also überhaupt Kriterien für die Selektion finden muss. Die Konstruktion der ethnischen Differenz geht also aus der Systemlogik der Schule und ihrer gesellschaftlichen Funktion als Teilsystem der Zuweisung von Statuspositionen überhaupt erst hervor.
So kommt es, das man auf der Hauptschule vor allem die „Schwarzköpfe“ findet, wie sie sich im Jargon der Jugendlichen der „niedrigen sozialen Herkunftsmilieus“ selbst nennen. Eine ganze Reihe von ihnen könnte auf den Gymnasium sein, doch nun geht die Diskriminierung weiter. Einmal auf der Hauptschule, werden sie dort keinen „potentiellen Raum“ (Winnicot) für höhere Bildung vorfinden. Stets spiegelt ihnen das Schulsystem zurück, dass sie im besten Fall für praktische Tätigkeiten geeignet seien und dass eine Ausbildungsstelle bereits das fast unerreichbare Ziel darstellt.
Im Alltagsrassismus sind sie sich alle gleich, die deutsche Mehrheitsgesellschaft, ob nun Konservative, Grüne oder Linke. Vielleicht wird so mancher „bildungsferne“ autochthone Deutsche im gesellschaftlichen Nahbereich, wo der Habitus als „strukturierende Struktur“ wirksam wird, sogar weniger rassistisch sein, da er, im Gegensatz zu den „kulturellen“ alternativen Milieus Menschen mit Migrationshintergrund zum Beispiel aus betrieblichen Zusammenhängen kennt, während die anderen auf ihrer abgehobenen Mittelschichtsinsel ihren biologisch angebauten Rucola knabbern und über die interkulturelle Gesellschaft ihre Promotion schreiben.
Das heißt nicht, dass sich ich Migranten nicht auch durchsetzen könnten. Ausgrenzung und Integration sind dialektische Prozesse. Mit Selbstbewusstsein und immer wieder kehrender Selbstbehauptung können auch Menschen mit Migrationshintergrund weit kommen, auch wenn sie es viel schwerer haben als die autochthone Bevölkerung.
Eine Strategie gegen den Alltagsrassismus bzw. eine Umstellung der Schulkultur ist eine komplexe Angelegenheit. Teams von Betroffenen, soziologisch gebildeten und Menschen mit sozialer Sensibilität müssten solche Strategien entwickeln. Menschen mit Migrationshintergrund brauchen Foren und Medien, wo sie sich äußern können, damit die Mehrheitsgesellschaft das Problem überhaupt begreift. Die grenzdebilen „Politiker“, die uns in den Parlamenten vertreten, begreifen das Problem nicht. So wird das krisenhafte und von Rassismus geprägte Verhältnis zwischen den kulturell unterschiedlich geprägten Menschen in unserer Gesellschaft weitergehen. Es sei denn, wir nehmen die Lösung dieses Problems als aktive und selbstbewusste Bürger einer demokratischen Republik selbst in die Hand.
Wie könnten Lösungsansätze aussehen? Vergessen wir die Parteipolitik, von da ist nichts zu erwarten. Die Lösung liegt also im bürgerschaftlichen Engagement und in der (Alltags)kulturellen Sphäre. Die Gesellschaft braucht eine Supervision, eine Art kollektiver Selbstreflexion ihres unbewussten bzw. strukturellen Rassismus. Dies kann durch Bildungs- und Kulturarbeit geschehen. Supervision bedeutet auch, dass die Betroffenen zu Wort kommen und ihre Sicht artikulieren können. Die Migranten müssen ihre Erfahrungen artikulieren können, während die Mehrheitsgesellschaft das soziale Leid, das mit der Ausgrenzung und Benachteiligung verbunden ist, verstehen sollte. Es handelt sich im Wesentlichen um einen Bildungsprozess der Mehrheitsgesellschaft. Schon bei manchem „autochthonen Deutschen“ habe ich ein Aha-Erlebnis beobachtet, als ihm die Realität der Ungleichheitsdimensionen bewusst wurde. Strukturelle Maßnahmen sind nötig – vielleicht Migrantenquoten für höhere Schulen, Hochschulen und die Verwaltung, entsprechend ihrem Bevölkerungsanteil? Warum nicht, sogar der konservative Sarkozy hat es in Frankreich so gemacht. Aber die Quoten alleine genügen nicht, es bedarf, wie gesagt, eines kollektiven Bildungsprozesses, der Ausbildung einer „soziologischen Literalität“, einer sozialen Kompetenz, die die sozialen Prozesse der Ungleichheitsentstehung wahrnehmen und praktisch verändern kann.
Wer einen proletarischen Habitus hat und auch Migrationshintergrund, der hat zurzeit in der Sphäre der höheren Bildung, also etwa an der Uni, mit ständigen Vorurteilen und Ausgrenzungserfahrungen zu rechnen. Dies will bearbeitet und verarbeitet sein. Ein ausländischer Studierenden mit bürgerlich-akademischer Herkunft (es sei ihm gegönnt, hier werden keine Dichotomisierungen konstruiert, es soll nur die soziale Logik aufgezeigt werden) wird sich leichter an der Uni integrieren können, als ein deutscher Studierender aus dem proletarischen Milieu und mit Migrationshintergrund. Gut, dass es das Referat für finanzielll und kulturell benachteiligte Studierende gibt. Kommt vorbei, lasst uns drüber reden und haltet durch. Irgendwann haben wir die sozial geschlossene Uni verändert und geöffnet.
Dieser Artikel ist auch abgedruckt im Dishwasher Nr.2 Juni 2010
2 Antworten auf „Alltagsrassismus und institutionelle Diskriminierung im Bildungssystem“