Kapitalismuskritik ohne Nebenwiderspruch

Von Kendra Eckhorst

„Ihr könnt an Queers und Feminist_innen nicht vorbei“, lautete eine politische Ansage an die kapitalismuskritische Bewegung. Nicht Tauschwert oder Fetischcharakter standen im Mittelpunkt des Events „Who cares?“, das Anfang März in Berlin zur Diskussion über Queerfeminismus und Ökonomiekritik lud. Die Frage „Wer kümmert sich um wen und zu welchen Konditionen?“ stand im Zentrum und ging weit über das immer noch klassische Verständnis der Kapitalismuskritik hinaus, die häufig nur den Antagonismus von Arbeit und Kapital gelten lassen will. Geschlecht, Rollenerwartungen, Begehren und Herkunft wurden auf diesem Event der Unsichtbarkeit entrissen und aus unterschiedlichsten Aspekten betrachtet und auseinander genommen.

„Wie sieht der Zusammenhang zwischen Geschlechterbildern und gesellschaftlichen Umbrüchen aus?“ lautet eine Frage. Als Antwort kommt eine historische Erzählung über Dorfstrukturen zu Zeiten der russischen Revolution. Dicht an dicht, auf Stühlen und auf dem Fußboden sitzen die Menschen. Nebenan läuft ein Vortrag über „Anders leben und wirtschaften im queerfeministischen Alltag?“. Reindrängeln ist unmöglich. Auch dieser Raum ist überfüllt.

Zeitweise 600 Menschen diskutierten über Queerfeminismus und Ökonomiekritik auf dem Event „Who cares?“, angepeilt waren optimistisch 400. Mit „Geil!“ und „Das war fett!“ kommentieren die Macher_innen das Event, das gewollt keine Konferenz war. Nach fast zweijähriger Vorbereitungszeit standen 27 Veranstaltungen auf dem Programm, die aus verschiedenen Ecken und mit verschiedenen Methoden fragten, wie Queerfeminismus und Ökonomiekritik zusammen zu denken sind. Nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch. Feminist_innen, Queers, Sozialarbeiter_innen und Forscher_innen saßen zusammen auf den Podien und im Publikum und mühten sich, gemeinsame politische Forderungen zu formulieren. Ein ausgesprochenes Anliegen des Vorbereitungskreises, das mehr noch als Inhalte vermitteln, einen Raum für Austausch, Vernetzung und solidarische Bündnisse schaffen wollte.

Ganz bewusst wurde im Vorfeld kein Ökonomiebegriff ausgegeben, der dann auf seine Tauglichkeit überprüft werden konnte. Vielmehr sollten die Teilnehmenden ihre Vorstellungen von Ökonomie mitbringen, sie auf den Tisch legen, auch um die Rollen von Expert-innen-Runde und Publikum zu durchkreuzen.
„Unser Ziel ist es, in der Mobilisierung und auf dem Event einen Raum zu öffnen, indem ein gemeinsamer Begriff von Ökonomie und Kapitalismus entwickelt werden kann. Einer, auf den sich feministische, queere und linke Gruppen gleichermaßen berufen, mit dem sie arbeiten und auf Grund dessen sie Bündnisse schließen wollen“, erklärt eine der Organisatorinnen. Auch dies ist ein Grund, statt des aufgeladenen Begriffs des Kapitalismus, den Begriff der Ökonomiekritik einzuführen, der erstmal offen anmutet und Anschlüsse bietet, zu verstehen wie gesellschaftliche Lebensgrundlagen geschaffen, entzogen und reproduziert werden. Die große Frage von Versorgung und Nichtversorgung von Menschen kristallisierte sich immer wieder heraus und somit: Wer versorgt wen?

Fragen nach Gewaltverhältnissen, Sexualitäten und Identitäten schließen sich hier an, die je nach Perspektive mitgedacht werden. Aber wie beziehen sie sich aufeinander und so auch die jeweiligen queeren, feministischen und linken Öffentlichkeiten?

Ob und wie diese Bündnisse entstehen und aussehen, wird sich erst in Zukunft zeigen. Aber ein Schritt über den eigenen Tellerrand wurde auf dem Event getan, um unterschiedliche Positionen, Identitäten und Praxen miteinander ins Gespräch zu bringen.
Entlang der drei Themenblöcke „Gewaltökonomien“, „Reproduktionsverhältnisse im 21. Jahrhundert“ und „Alternative Ökonomien und queere Lebensentwürfe“ trafen Mitarbeiter-innen von Beratungsstellen und Stadtteilinitiativen auf theoretische Aktivist_innen. Mit Marx und gegen Marx, für den feministischen Materialismus und für queertheoretische Perspektiven wurde diskutiert und auch ganz praktisch die Geschlechterverhältnisse im Einkommenssteuerrecht und die Arbeitsbedingungen von Haushaltsarbeiter_innen, Illegalisierten und Pflegearbeiter_innen analysiert.

„Was ist Reproduktionsarbeit?“ Diese Frage eines jüngeren Teilnehmers des Events kann erstaunlich anmuten, weist aber dennoch auf ihre Aktualität hin. Nach wie vor werden Tätigkeiten wie putzen, sich um Kinder kümmern oder waschen von alten Menschen schlecht bezahlt und als gering angesehen. Obwohl der Bedarf stetig zunimmt und diese Aufgaben immer weniger in der Familie aufgeteilt werden sollen. Fragen nach Sichtbarkeit, Bezahlung und Organisierung in der Haushalts- und Pflegearbeit sind somit wieder im Gespräch. Statt Work-Life-Balance à la Brigitte die Frage: Wer versorgt wen? Und zu welchen Bedingungen? Folgerichtig nahm der Umgang mit Reproduktionsarbeit einen Großteil des Events ein. Wie sehen die Arbeitsbedingungen im Pflegeheim oder die einer Tagesmutter aus? Warum werten die hier Arbeitenden ihre Arbeit selbst ab. Und warum streiken sie nicht gegen den moralischen Imperativ und für mehr Lohn? Die Antworten fallen nicht überraschend aus. Nach wie vor fehlt es an Berufsbildern und Qualifizierungsmöglichkeiten. Ein Vielfaches der Arbeit wird an nachbarschaftliche Einrichtungen oder migrantische Arbeiter_innen delegiert und verschwindet aus der öffentlichen Diskussion.

Einige Antworten konnten hier gegeben werden, die sich weit entfernt von dem großen Wurf einer Gesellschaftstheorie, im kleinen Rahmen und auf der praktischen Ebene abspielten. Damit die nicht zu kurz kommt, hatte die Vorbereitungsgruppe Beratungsstellen eingeladen, die die Fragestellungen mit ihren politischen Erfahrungen anreicherten. „Auch weil in der Sozialarbeit eine Unmenge an feministischem Wissen verborgen ist, das in der Geschichte der feministischen Bewegung stark institutionalisiert wurde in Projekten gegen Gewalt und in Selbsthilfeeinrichtungen“, sagt eine der Organisatorinnen.
So saßen beispielsweise die Anlaufstelle für undokumentierte Arbeit bei ver.di, ein Gewerkschafter aus der Assistenzarbeit oder feministische Beratungsstellen zu sexuellem Missbrauch oder Mädchenarbeit mit politischen Theoretiker_innen und akademischen Forscher_innen zusammen.

Wie Kämpfe von Umverteilung und Kämpfe um kulturelle Anerkennung kurzgeschlossen werden können, konnte selbstredend nicht gelöst werden. Aber über unterschiedliche Formate wie Erzählcafé, Workshop oder auch klassische Vorträge kamen wieder Szenen miteinander ins Gespräch, die ansonsten nur in ihrem eigenen Dunstkreis wahrgenommen werden. Praktisches und theoretisches Wissen wurde mitgebracht und ausgebreitet. Das sprach sogar eine Rentnerin an, die enthusiastisch über Utopien eines queerfeministischen Kommunismus mitdiskutierte. Auch über die Wahl der Räume in der „Werkstatt der Kulturen“ oder der „Manege“ in Neukölln wurden nicht nur linkspolitische Szenekenner_innen angesprochen. Das Anliegen, Queerfeminismus und Ökonomiekritik zu einem Thema zu machen, ist auf dem Event gelungen. Veranstaltungen, Publikationen und Kontakte werden bleiben und ausgebaut. Um dies zu forcieren, wäre ein weniger volles Programm besser gewesen und eine Abschlussveranstaltung, die die einzelnen Diskussionen und Forderungen bündelt, hätte das Event abgerundet.

Wie es weitergehen kann, diskutiert zur Zeit der Vorbereitungskreis, der das Event nachbereitet und eine Dokumentation der drei Tage erstellt. Was die „Herrschaftstechnik der Ambivalenz“ bedeutet, einer These mit der der Vortrag „Queertheoretische Perspektiven auf Prekarisierung“ schloss, kann hoffentlich auf einem nächsten Event diskutiert werden. Sei es von diesem Vorbereitungskreis oder von Queers und Feminist_innen aus Münster, Wien oder Hamburg.


Dieser Artikel ist auch abgedruckt im Dishwasher Nr.2 Juni 2010

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