Wechselwirkende Ungleichheiten

Über Gabriele Winker und Nina Degeles „Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“

Von Andreas Kemper

Der Begriff „Intersektionalität“ kommt aus dem us-amerikanischen Sprachgebrauch („Intersection“) und bedeutet wörtlich Überschneidung. Gemeint ist damit die Überschneidung von Unterdrückungen und Diskriminierungen. Beispielsweise kann eine türkische Frau in Deutschland diskriminiert werden, weil sie eine Frau ist und weil sie aus der Türkei kommt. Sie kann sich aber auch in ihrer Identität als Türkin diskriminiert fühlen, ohne dass sie auf Kategorien wie Geschlecht und Rasse zurückgreift oder sich mit anderen Frauen oder mit anderen von Rassismus betroffenen Menschen verbunden zu fühlen. Für die Diskriminierungsforschung stellt sich die Frage, ob sich Kategorien von Diskriminierung benennen lassen, und wie diese sich in medialen Diskursen und in der persönlichen Identitätsbildung ausdrücken.

Mehr Farbe im „Race & Gender-Bild“

Gabriele Winker und Nina Degele haben 2009 eine Arbeit vorgelegt, die mit einem Mehrebenenmodell (Struktur, Repräsentation, Identitätsbildung) die Untersuchung von Diskriminierung und Unterdrückung ermöglicht „Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleichheiten“ führt nicht nur in die in Deutschland noch weitgehend unbekannte Intersektionalitätstheorie ein, sondern bietet eine wissenschaftliche Methode der Entschlüsselung von Erfahrungen der Alltagsdiskriminierung, die sie an einem Beispiel darstellen. Ihren Ansatz vergleiche ich gerne mit der modernen Vierfarbdrucktechnik. Wie eine Druckmaschine mit den vier Farben Hellblau, Purpur, Gelb und Schwarz alle Farben drucken kann, so gehen Gabriele Winker und Nina Degele davon aus, dass zur Erklärung der Herrschaftsstruktur die vier Kategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper ausreichen. Mit den entsprechenden Herrschaftsverhältnissen Klassismus, Heteronormativismus, Rassismus und Bodyismus lassen sich sowohl in den Medien (Repräsentation) als auch im persönlichen Erleben (Zugehörigkeit, „Verortungsarbeit“) die Vielfalt der unterschiedlichsten Diskriminierungsformen strukturell erklären. Um diese vielfältigen Aus- und Abgrenzungsmechanismen im Alltag „farbgetreu“ erklären zu können, beherzigten sie nicht nur Chuck Barones Aufruf „Bringing classism more full into the race & gender picture“ sondern fassten mit der Kategorie „Körper“ die Herrschaftsverhältnisse zusammen, die sich über angeblich körperliche Unzulänglichkeiten wie Alter, Gesundheitszustand oder Behinderung legitimieren.

Reproduktionsfragen: Feministische Kapitalismusanalyse

Gabriele Winker und Nina Degele kommen aus der feministischen Forschung, gehen aber nicht vom Patriarchat als grundlegende Herrschaftsstruktur aus, sondern vom Kapitalismus. Das ist überhaupt das beste, was der Analyse sozialer Ungleichheiten passieren kann, wenn der Wissensfundus und das Handwerkzeug des Feminismus zur Untersuchung des kapitalistische System mit herangezogen wird. Klassische Kapitalismusanalysen konzentrieren sich zu sehr auf Fragen der Produktion. Der bürgerliche Feminismus hingegen entkoppelte Reproduktionsfragen von der politischen Ökonomie. Gabriele Winker und Nina Degele hingegen machen die Notwendigkeit eines Systems der ökonomischen Profitmaximierung, sich selber als Struktur zu reproduzieren, zum Ausgangspunkt ihres Intersektionalitätsansatzes. Diese Reproduktion findet auf drei Ebenen statt:

  • der Reproduktion der Arbeitskraft
  • der symbolischen Reproduktion der sozio-ökonomischen Verhältnisse und
  • der Reproduktion der individuellen Zugehörigkeit

Die Strukturkategorien Klasse, Geschlecht, Rasse und Körper werden im kapitalistischen System durch die Notwendigkeit der Wiederherstellung der Arbeitskraft hergestellt. Die Differenzierung in diese Strukturen ist wichtig, um die Erfordernisse nach flexiblem Arbeitszugriff, Lohndifferenzierung und unbezahlter Reproduktionsarbeit zu gewährleisten. Winker und Degele führen dies konkret aus.
„ … eine gesamtgesellschaftliche Verbilligung der Ware Arbeitskraft [lässt sich] auf unterschiedliche Art und Weise realisieren, nämlich durch:

  • flexibilisierten Zugang und entsprechende Zugangsbarrieren zum Arbeitsmarkt – über Erwerbslose (Klasse), stille Reserve (Geschlecht), Arbeitserlaubnisse (Rasse) und Altersbegrenzungen (Körper)
  • Lohndifferenzierung über schlecht bezahlte Erwerbsarbeitsangebote bei hoher Erwerbslosigkeit (Klasse), Abwertung von Frauenarbeit (Geschlecht), schlecht bezahlte Einstiegsjobs für MigrantInnen ohne gesicherte Aufenthalts- und Arbeitserlaubnis (Rasse) sowie Abwertung der Kompetenz älterer Menschen (Körper)
  • kostenlose Reproduktionsarbeit durch primär Frauen in vorwiegend heterosexuellen Familien (Geschlecht) sowie Eigenverantwortung für die individuelle Gesundheit (Körper), kostengünstige Reproduktionsarbeit über illegalisierte Migrantinnen (Rasse) für Haushalte mit entsprechend hohem Einkommen“ (S. 52)

Repräsentation und Identität

Gestützt wird diese Herrschaftsstruktur durch „hegemonial abgesicherte Begründungen“, die vermeintliche Gruppenunterschiede mit (Ab-)Wertungen besetzen und als biologisch vorgängig oder als gottgewollt verewigen. Zu unterscheiden ist also die Struktur-Ebene der Reproduktion der Arbeitskraft von einer Ebene der Legitimation. Gabriele Winker und Nina Degele beziehen sich u.a. auf Judith Butler, die „auf die Wirkmächtigkeit von Diskursen, insbesondere auf die Kraft von sich ständig wiederholender und zitierender Praxis“ (S. 54) verweise. Das Subjekt werde „dazu aufgerufen, sich im Rahmen der Ökonomisierung des Sozialen als ‚Unternehmer seiner selbst‘ [Foucault, Die Geburt der Biopolitik, 2006] zu entwerfen“ (ebd.) Die Diskurse bieten eine Spaltung zwischen „Wir“ und „die Anderen“ und „daran wiederum hängen andere bewertete Differenzierungen wie etwa modern/vormodern, Zentrum/Peripherie, zivilisiert/unzivilisiert, Weiß/Schwarz, rational/emotional, triebbeherrscht/triebhaft, vernunftgeleitet/instinktgeleitet [Eikelpasch/Rademacher, Identität, 2004].“ (S.55)
Während also auf der Strukturebene vier Kategorien auszumachen sind, findet sich auf der Repräsentationsebene eine Vielzahl von Entwürfen und Abgrenzungen. Diese mittlere Ebene ist strukturbildend durch die Rechtfertigung von Ungleichheiten und auch identitätsbildend durch die Schaffung von Sicherheitsfunktionen, sie vermittltet also nicht nur die Ebenen der Gesellschaftsstruktur und der Identitätsbildung, sondern gestaltet sie mit.
Als dritte Ebene benennen Winker und Degele die Sphäre der Identitätsbildungsprozesse. Diese ist geprägt durch eine „Verunsicherung der sozialen AkteurInnen“. „Verunsicherung“ ist dabei ein eher harmloser Ausdruck. Die derzeitige Wirtschaftskrise zieht nach Wilhelm Heitmeyer ein hohes Maß an „Statusangst“ nach sich, welches zu massiven Abwertungen derjenigen führt, die als „ökonomisch nutzlos“ wahrgenommen werden und von denen sich zunehmend abgegrenzt wird. Die Autorinnen betonen, dass bei den Selbstverortungsprozessen und Identitätskonstruktionen zwei Motivationen zum Tragen kommen: die Veminderung der Unsicherheit „durch Ab- und Ausgrenzung von Anderen, und zweitens um die Erhöhung von Sicherheit durch Zusammenschlüsse und eine verstärkte Sorge um sich selbst“ (S. 61). Geradezu hellsichtig erscheint diese Aussage angesichts des gerade stattfindenden Schulkampfes in Hamburg.

Ausgangspunkt: Handelnde AkteurInnen

Gabriele Winker und Nina Degele ergänzen ihre Gesellschaftsanalyse durch Pierre Bourdieus Konzept, welches er mit „Praxeologie“ beschreibt. Nach Bourdieu entwickeln Menschen ihrer gesellschaftlichen Position entsprechend einen Habitus, der als strukturierende Struktur zu verstehen ist. Bourdieu hat auf der dieser Grundlage eine Methodologie des Verstehens entwickelt, welche in Frankreich, Deutschland und Österreich in groß angelegten Untersuchungen über das „Elend der Welt“, bzw. etwas weniger pathetisch ausgedrückt, über die „Zumutungen und Leiden im Alltag“ verwandt wurde. Winker und Degele übernehmen für ihre Forschungsmethode Bourdieus Praxeologie. Durch die soziale Praxis beeinflussen die AkteurInnen die Ebene der Identitätsbildung, die diskursiven Ebene und die Gesellschaftsstruktur und sie verbinden diese drei Ebenen durch diese Praxen. Gleichzeitig bilden diese Ebenen den Rahmen für soziale Praxis. Mit ihrem „Praxeologischen Intersektionalitätsansatz“ gehen sie von handelnden AkteurInnen aus und entwickeln ein Modell von Wechselwirkungen. „Denn Herrschaftsverhältnisse (wie Klassismen, Heteronormativismen, Rassismen und Bodyismen) materialisieren sich in Strukturen, sind aber gleichzeitig von Menschen gemacht.“

Wechselwirkungen

Der hintere Teil des 160 Seiten umfassenden Buches widmet sich der Darstellung ihrer entwickelten Forschungsmethode. Es werden ausgehend von den sozialen Praxen der AkteurInnen mit vielen Beispielen die Wechselwirkungen der drei Ebenen dargestellt und ein Acht-Schritte-Modell zur wissenschaftlichen Untersuchung mit einem Anwendungsbeispiel erläutert. Auch wenn dieser Abschnitt sich eher an SoziologInnen wendet, verdeutlichen die vielen Beispiele auch fachfremden LeserInnen wie Diskriminierungen auf den drei Ebenen wechselwirken.

Fazit

Gabriele Winkers und Nina Degeles Buch „Intersektionalität. Zur Analyse sozialer Ungleicheiten“ ist allen zu empfehlen, die sich mit Diskrimierungen theoretisch und/oder praktisch beschäftigen. Insbesondere vor dem institutionell bedingt eingeschränkten Horizont der Antidiskriminierungsstelle des Bundes und dem gebetsmühlenhaft nachgeplapperten Satz „Diskriminierung ist das, was im AGG als Diskriminierung bezeichnet wird“, ist Winkers und Degeles Buch intellektuell befreiend und anregend. Es ist zu hoffen, dass es ähnlich intensiv diskutiert wird, wie seinerzeit die Broschüre „3:1“ von „Klaus Viehmann und GenossInnen“ mit dem „Triple-Oppression“-Ansatz. Wünschenswert wäre zudem, dass es sowohl den Diskriminierungsdiskurs für eine Kapitalismuskritik öffnet, als auch ÖkonomiekritikerInnen für Diskriminierungsprobleme sensibilisiert. Diese Wechselwirkung wäre bitter nötig, gerade in Deutschland, wo Klassismus und Bodyismus unbekannte Fremdworte sind.

Intersektionalität

Gabriele Winker / Nina Degele:
Intersektionalität
Zur Analyse sozialer Ungleichheiten
transcript-Verlag
Bielefeld 2009
13,80 Euro


Dieser Artikel ist auch abgedruckt im Dishwasher Nr.2 Juni 2010

Siehe auch: Interview mit Gabriele Winker und Nina Degele zu ihrem Buch Intersektionalität


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