Der Ausschluss ist die Normalität

Von Andreas Kemper

Die Zahl ist bekannt: nur 24 Prozent der Schüler und Schülerinnen aus Familien ohne akademischen Hintergrund beginnen ein Studium. Nur 17 % der Schüler_innen mit einem Arbeiter als Vater beginnen ein Studium. Das Bildungssystem scheint also die sozialen Unterschiede nicht auszugleichen, sondern verfestigt den Normalfall, dass nämlich über Dreiviertel der Nichtakademikerkinder, dass mehr als Vierfüntel der Arbeiterkinder kein Studium aufnehmen. 83 Prozent der Arbeiterkinder beginnen kein Studium – das ist die Normalität und von dieser Realität müssen wir ausgehen, wenn wir fragen, wie einzelne Schüler und Schülerinnen für ein Studium gewonnen werden können.

Bezogen auf einzelne Abiturient_innen aus der Arbeiterschicht ist die Fragestellung nicht, welche Defizite vom Studium abhalten. Sondern verwunderlich ist doch viel eher, warum einige Arbeiterkinder überhaupt die Hochschul-Qualifikation entwickeln, wo doch ein ausgrenzendes System vorherrscht. Oder anders gefragt: weshalb hat das aussiebende, diskriminierende System bei dieser kleinen Minderheit von Arbeiterkindern nicht gegriffen.

Hier gilt es zunächst zwei Aspekte der Benachteiligung auseinander zu halten: die Benachteiligung außerhalb von Schule/Universität und die Benachteiligung in diesem Bildungssystem.

Arbeiterkinder werden in einem sozial benachteiligten Milieu geboren. Ihre Eltern haben in der Regel weniger soziales, kulturelles, ökonomisches Kapital. Sie leben in Viertel mit weniger Möglichkeiten zur Teilnahme in anerkannten Instiutionen von Bildung und Kultur: seien es Kitas vor Ort für unter Dreijährige, Stadtteilbibliotheken, Gesamtschulen, Gymnasien oder Musik- und Theaterangebote. Auch ihr Bekanntenkreis, Nachbarn, Freunde, Verwandte verfügen über geringes soziales, kulturelles, ökonomisches Kapital. Die Wahrscheinlichkeit zu erkranken ist höher, die Gesundheitsversorgung schlechter. Diese Benachteiligung hat noch gar nichts direkt mit dem Schul- und Bildungssystem zu tun. Aber es sollte klar sein, dass Arbeiterkinder bereits im Bildungssystem benachteiligt sind, wenn das Bildungssystem die ungleichen Startvoraussetzungen nicht kompensiert.

Im Bildungssystem selbst greifen jedoch weitere Benachteiligungen. Diskriminierungen werden im Schulsystem institutionalisiert. Eine Selektion nach der vierten Klasse in unterschiedliche Bildungssysteme, die zu unterschiedlicher Bildung und zu unterschiedlichen Bildungsabschlüssen führt korrespondiert hier mit Vorurteilsstrukturen von Lehrern und Lehrerinnen, die bei einer Durschnittsnote von 2,5 70% der Kinder reicher Eltern zum Gymnsasium empfehlen, aber nur 20% der Kinder armer Eltern, oder die von Kindern von ungelernten Arbeitern 614 Leistungspunkte erwarten, um ihnen eine Gymnsialempfehlung zuzugestehen, Kinder aus der höheren Dienstklasse aber bereits mit 534 Leistungspunkte für das Gymnasium empfehlen, was einen Leistungsunterschied von einem ganzen Schuljahr ausmacht. Das heißt, das Bildungssystem kompensiert nicht nur nicht den ungerechten „Start“nachteil, sondern es verschärft noch zusätzlich die Benachteiligung, in dem es institutionell und auf der Vorurteilsebene Arbeiterkinder diskriminiert.

Es ist davon auszugehen, dass alle Arbeiterkinder auf der einen oder anderen Weise von diesen Benachteiligungen betroffen sind. Wenn sie aber trotzdem zum Gymnsaium wechseln, in die gymnasiale Oberstufe gehen und Abitur machen und sich für ein Studium entscheiden, dann ist zu fragen, über welche Ressourcen sie verfügen, die die Benachteiligungen und Diskriminierungen unwirksam machen. Hatten sie untypisch günstige Startvoraussetzungen (bspw. eine ansprechende Stadtteilbibliothek in der Nachbarschaft), hatten sie fördernde soziale Kontakte (ein Freund oder eine Lehrerin), ein früh gewecktes Interesse an Lesen, eine außergewöhnlich Lernbegier oder ein starker Wille, „nicht das zu werden, was mein Alter ist“ oder eine Mischung aus diesen Ressourcen? Es sollte normal sein, dass Arbeiterkinder studieren, es ist aber nicht normal und daher sind die Arbeiterkinder, die ein Studium beginnen, auch nicht normal – was in einem positiven Sinn zu verstehen ist: sie verfügen über ein Surplus. Nicht unbedingt über eine größere „Begabung“, was immer das auch sein soll, sondern über bestimmte Möglichkeiten, die es ihnen erlaubten, das System der sozialen Selektion individuell zu konterkarieren. Diese Möglichkeiten können aus einer Aneinanderreihung von Zufällen bestehen oder durch eine kontinuierlich starke Ressource zustande gekommen sein.

Beim Wechsel zur Uni oder während des Studierens kann dieses je einzigartige Surplus der 17% der Arbeiterkinder, die studieren, plötzlich wegbrechen, während die allgemeinen Selektionsmechanismen weiterhin aktiv sind und sieben. Der Anteil der Studierenden mit einer sogenannten „niedrigen sozialen Herkunft“ macht beim Erststudium (ohne konsekutiven Master) noch 15% aus, beim postgraduellen Studium fällt er auf 12% und beim Promotionsstudium haben nur noch 9% eine niedrige Herkunft. Umgekehrt steigt der Anteil der Studierenden mit einer hohen sozialen Herkunft von 35% im Erststudium auf 39% im postgraduellen Studium auf 54% im Promotionsstudium.

Als ich mit dem Studium begann, tat ich dies mit der legitimierten Einstellung, dass ich als „begabtes Arbeiterkind“ schon meinen Weg machen werde. Es dauerte Jahre, bis ich diesen Mythos der „Begabtheit“ aufdröseln konnte. Es waren Zufälle: ein älterer Cousin, der als Eisbrecher als erster überhaupt aufs Gymnasium ging und später studierte und meinen Eltern zeigte, dass das geht und mit Anerkennung verbunden ist, ein Freund, mit dem ich viel diskutierte und dessen Mutter mich in die Stadtbibliothek mitnahm, eine frühe Politisierung und die Kontakte mit den studierten „Genossen“, die meine Begeisterung für theoretische Texte förderten, der frühe Tod meines Vaters, der als 14jähriger mit der Fabrikarbeit begann und mit Mitte 40 an Herzversagen starb und immer nur in der selben Fabrik gearbeitet hatte und bei mir neben der Wut auf das kapitalistische System auch eine Flucht aus dem Arbeitermilieu auslöste… Dies waren meine Ressourcen, die es mir ermöglichten, zu studieren. Die einzige Ressource, die mir beim Studium blieb, war die Lust auf Theorie – das war zu wenig, nach sechs Semestern brach ich mein Studium ab und nahm erst Jahre später wieder auf, als ich wusste, wofür ich einen akademischen Abschluss haben will.

Das Normale jedenfalls ist die unaufhörliche soziale Selektion – das Außergewöhnliche sind die eigentümlichen Ressourcen der Arbeiterkinder, die trotz Selektion studieren.

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