Der AStA als Mittelschichtsverwalter – Wer repräsentiert die Studierenden?

Von Andreas Kemper

Diese Frage kam während eines Vortrages von Michael Hartmann auf. Es ist zu befürchten, dass in den Gremien und Selbstverwaltungsorganisationen der Studierenden überdurchschnittlich viel Akademikerkinder sitzen. Die Studierenden werden repräsentiert durch Studierendenvertretungen wie bspw. den ASten. Der Großteil dieser Studierendenvertretungen ist zusammengeschlossen im „freien zusammenschluss der studentInnenschaften“ (fzs). Diese Organisationen sperren sich gegen eine anonyme Erhebung der Zusammensetzung nach sozialer Herkunft. Ein schlechtes Omen.

Wir hatten vor einigen Jahren während einer Mitgliederversammlung des fzs mehrere Satzungsänderungsanträge eingebracht, um diese Mitgliederversammlung arbeiterkinderfreundlicher zu gestalten. Die Anträge fanden zwar die Mehrheit, aber nur ein Antrag erreichte die zur Satzungsänderung notwendige Zweidrittelmehrheit. Fortan hieß es in der Satzung:

Die Sitzungsleitung stellt zu Beginn der Sitzung die soziale Zusammensetzung der Mitglieder entsprechend der sozialen Herkunftsgruppen anonym fest, gibt diese der Mitgliederversammlung bekannt und zu Protokoll.

Super Sache. Eigentlich. Dummerweise wurde – meines Wissens nach – kein einziges Mal die Zusammensetzung nach sozialer Herkunft erhoben. D.h. einmal wurde sich auf diesen Passus berufen und es wurden die Verteilung der Mitgliederversammlung nach potentiellen Diskriminierungsmerkmale erhoben, bspw. die Geschlechterverteilung und andere Merkmale – allerdings ausgerechnet nicht die soziale Herkunft. Eine Anfrage, die ich mehrmals per Telefon und E-Mail gestellt hatte zur Frage, ob denn während der letzten sieben oder acht Mitgliederversammlungen wenigstens einmal satzungsgerecht die soziale Herkunft ermittelt wurde und mit welchem Ergebnis, blieb bislang leider unbeantwortet.

„Allgemeine Studierenden Ausschüsse“ (AStA) sind nach ihrem Entstehungskontext als eine Art von Klassenrepräsentaten zu verstehen. Genau vor hundert Jahren fanden in verschiedenen Hochschulstädten wie bspw. Leipzig klassenspezifische Kämpfe um den Repäsentationsstatus der Studierenden statt. Bis dahin wurden Studierende durch schlagende Verbindungen repräsentiert, deren Mitglieder aus den sogenannten höheren Schichten stammten. Die „Freistudenten“, die eher der Mittelschicht angehörten, erhoben Anspruch auf eine allgemeine Repräsentanz. So zitiert Hans-Ulrich Wipf im Kapitel „Klassenbewegung der Nichtinkorporierten“:

„Der Freie Student vertritt sich im akademischen Leben selbst und wird durch niemand anderes vertreten. Die allgemeinen akademischen Interessen der Freien Studenten kann jedoch der einzelne nicht wahrnehmen. Daher wird in jedem Semester ein fünfgliedriger Ausschuss (das Präsidium) von einer allgemeinen Versammlung der Freien Studenten […] gewählt. Dieser Ausschuss erhält den Auftrag, die allgemeinen Interessen der Nichtinkorporierten nach bestem Wiessen und Gewissen zu wahren.“1

Schließlich setzten sich die Allgemeinen Studenten-Ausschüsse gegen die Vertretungen durch die Korporierten durch. Momentan scheinen die ASten ihr 100jähriges Jubiläum zu versäumen. Dies wäre schade vor allem auch im Hinblick der Entwicklung der studentischen Repräsentanz. Bis in die 1970er Jahre hinein blieb das Modell der Allgemeinen Ausschüsse bestehen – wenn man von der Nazizeit absieht. Erst Mitte oder Ende der 1970er Jahre erfuhr die Allgemeine Repräsentanz Modifikationen durch die Neuen Sozialen Bewegungen. Frauen, Schwule, Lesben, ausländische und behinderte Studierende forderten autonome Referate, eigene Vollversammlungen und Wahlen. Die Mittelschichtsorientierung der Studierendenvertretung, wie sie durch die Freistudentschaft vor hundert Jahren konzipiert wurde, wird bis heute jedoch nicht in Frage gestellt. Autonome Arbeiterkinderreferate wurden nie eingeführt, sieht man mal von den Referaten in Münster und Wien ab. Im Gegenteil – vor hundert Jahren war den Freistudenten ihre Klassenherkunft noch bewusst: sie führten einen emanzipativen Kampf gegen die Korporierten aus den herrschenden Klassen und leisteten caritative Arbeit für Wohnungs- und Obdachlose. Wer heute wen repräsentiert: wir wissen es nicht

  1. Satzungen der Leipziger Finkenschaft (Freie Studentenschaft), Leipzig 1902, § 1, in: Hans-Ulrich Wipf: Studentische Politik und Kulturreform. Geschichte der Freistudenten-Bewegung 1896-1918, Schwalbach/Ts, 2004, S. 38ff [zurück]
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1 Antwort auf „Der AStA als Mittelschichtsverwalter – Wer repräsentiert die Studierenden?“


  1. 1 Tobias 03. August 2010 um 21:09 Uhr

    Es ist wahr, die Mittelschichtorientierung der ASten ist gespenstisch. Es ist kaum möglich, sozialpolitische Themen so anzusprechen, dass sie eine echte Relevanz für die Studierenden, gerade auch für die benachteiligten Studierenden gewinnen. Alles bleibt seltsam in einem abstrakten, symbolischen Raum. In der Tat haben es arbeiterliche Studierende bislang nicht geschafft, sich politisch zu organisieren und ihre Interessen wahrzunehmen. Ein solches Projekt sollte gestartet werden. Zum Teil gibt es diesen „Klassenkonflikt“ auch auf der Ebene der Hochschullisten. Kommen Studierende mit einem Arbeiterhintergrund in die bürgerlichen alternativen oder linken Hochschulgruppen, so werden sie dort nicht lange bleiben. Sollten Arbeiterkindern nicht einmal versuchen eine eigene Hochschulliste aufzustellen, durchaus mit einem allgemeinpolitischen Anspruch? Dies ist nämlich notwendig, um Einfluss im AStA zu gewinnen.

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