Brauchen wir proletarische Elternräte?

Von Andreas Kemper

Ich habe mir gerade noch einmal die Studie über Wiesbadener Grundschulen angeschaut, die bestätigt, dass Lehrer_innen sich in den Schulformempfehlungen gegenüber Arbeiterkindern diskrimierend verhalten.
Bei dieser antiquierten Diskriminierung gegenüber Arbeiterkindern stellt sich die Frage, ob nicht eine Idee aus der Weimarer Republik aufgegriffen werden sollte: Proletarische Elternräte, die bei diesen ungerechten Schulformempfehlungen und der diskriminierenden Praxis korrigierend eingreifen könnten. Schließlich zeigen Studien wie die aus Wiesbaden, dass Arbeiter noch am gerechtesten die Leistungen der Schüler_innen einschätzen können. Hier die entsprechenden Ergebnisse zu den Wiesbadener Schulen:

Schulübergänge in Wiesbadener Schulen

Bildungswünsche der Eltern

Von der Grundschule zur/zum …

… Hauptschule … Realschule … Gymnasium … Gesamtschule
Unterschicht 8% 27% 21% 43%
Oberschicht 0% 2% 82% 16%
Entgegen noch bestehenden Stigmatisierungen wünschen sich auch 92% der Eltern aus der sogenannten „Unterschicht“ nicht mehr die Hauptschule als Schule für ihre Kinder. Sie wünschen sich überwiegend, dass ihre Kinder die Gesamtschule besuchen.

Bildungsempfehlung der Lehrer_innen

Von der Grundschule zur/zum …

… Hauptschule … Realschule … Gymnasium … Gesamtschule
Unterschicht 32% 31% 14% 23%
Oberschicht 1% 8% 81% 11%
Während nur 8% der Eltern aus der sogenannten „Unterschicht“ ihre Kinder gerne auf der Hauptschule sehen möchten, würden Lehrkräfte ein Drittel der Kinder aus dieser Schicht auf die Hauptschule verweisen.

Realisierte Übergänge

Von der Grundschule zur/zum …

… Hauptschule … Realschule … Gymnasium … Gesamtschule
Unterschicht 11% 27% 15% 47%
Oberschicht 0% 3% 82% 15%

Darstellung in einer Grafik:
Wünsche der Eltern / Bildungsempfehlungen der Lehrer_innen / realisierte Übergänge

Von der Grundschule zur/zum …

Wunsch/Rat/Realisierung … Hauptschule … Realschule … Gymnasium … Gesamtschule
Schulübergang
Kinder aus
der Unterschicht
Wunsch der Eltern:
Rat der Lehrkräfte:
Realisierung:
8%
32%
->11%
27%
31%
->27%
21%
14%
->15%
43%
23%
->47%
Schulübergang
Kinder aus
der Oberschicht
Wunsch_der_Eltern:
Rat_der_Lehrkräfte:
Realisierung:
0%
1%
->0%
2%
8%
->3%
82%
81%
->82%
16%
11%
->15%

Eltern aus den Unterschichten wünschen sich für ihre Kinder deutlich seltener Schulübergänge zur Hauptschule und deutlich häufiger Schulübergänge zum Gymnasium und zur Gesamtschule. Sie wünschen sich häufiger als Eltern aus anderen Schichten (insbesondere der Oberschicht) die Schulform Gesamtschule für ihre Kinder.

In dieser Studie wurde auch der Notenspiegel der Kinder nach Schichtherkunft und der Lehrerempfehlung für den Schulübergang in Bezug gesetzt. Es heißt dort:

Betrachtet man z. B. die Durchschnittsnote 2,0, dann variiert die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung zwischen 75,5 Prozent in der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe und 96,5 Prozent in der höchsten. Bei schlechteren Noten werden die sozialen Unterschiede noch größer: So divergieren die Wahrscheinlichkeiten einer Gymnasialempfehlung bei Durchschnittsnote 2,5 zwischen 19,5 Prozent und 70 Prozent, je nach dem, ob das Kind der niedrigsten oder der höchsten Sozialschicht zugehört. (S.45)

Ähnlich wurde auf mit der Realisierung des Schulübergangs verfahren:

Die Übergangswahrscheinlichkeiten auf ein Gymnasium sind vor allem bei schlechteren Noten noch stärker schichtabgängig als die Wahrscheinlichkeiten einer Bildungsempfehlung für das Gymnasium. Bei der guten Durchschnittsnote 2,0 variiert die Wahrscheinlichkeit eines Gymnasialübergangs noch in ähnlicher Größenordnung wie die Wahrscheinlichkeit einer Gymnasialempfehlung: zwischen 73,0 Prozent (75,5 Prozent bei der Bildungsempfehlung) in der niedrigsten Bildungs- und Einkommensgruppe und 96,5 Prozent (ebenfalls 96,5 Prozent bei der Bildungsempfehlung) in der höchsten Bildungs- und Einkommensgruppe. Bei schlechteren Noten erhöhen sich die Abstände deutlich: So divergieren die Wahrscheinlichkeiten eines Gymnasialübergangs bei Durchschnittsnote 2,5 zwischen 36,5 Prozent (19,5 Prozent bei der Bildungsempfehlung) und 85,5 Prozent (70 Prozent bei der Bildungsempfehlung) zwischen der niedrigsten und der höchsten Sozialschichtposition. (S. 52)

Wer diese Ergebnisse auf eine Anomalie der hessischen Schulen in Wiesbaden verstanden wissen will, dem ist leicht entgegenzuhalten, dass die Hamburger LAU-Studie vor einigen Jahren zu ähnlichen Ergebnissen kam. Im internationalen Grundschulvergleich (IGLU/PEARLS) wurden auf die ganze Bundesrepublik bezogen Daten erhoben und ausgewertet. Auch hier wurde bereits zweimal die These bestätigt, dass Kinder aus Arbeiterfamilien eine sehr viel höhere Punktzahl in Testergebnissen erbringen mussten, um eine Gymnasialempfehlung zu erhalten:


Lehrer- versus Elternentscheidungen

aus: IGLU-Studie 2006

Mindestpunktzahl (Lesekompetenz) für den Übergang zum Gymnasium nach Ansicht …
(Werte von 2001 in Klammern)

… der Lehrer der Kinder … der Eltern der Kinder
Kinder von un- und
angelernter Arbeitern und
Landarbeitern
614 (601) 606 (595)
Kinder aus der
oberen Dienstklasse
537 (551) 498 (530)

(Handreichung zur IGLU 2006-Pressekonferenz
Download am 28. Dezember 2007)

Erläuterung:
Kinder der vierten Klasse brauchen für eine Gymnasialempfehlung durch die LehrerInnen 537 Punkte, wenn sie Kinder aus der oberen Dienstklasse sind. Sie brauchen aber 614 Punkte, wenn ihre Eltern ungelernte ArbeiterInnen sind. Die Eltern aus den oberen Dienstklassen würden ihre Kinder mit einem Wert von 498 Punkten auf ein Gymnasium schicken und damit weit unter dem Schwellenwert der LehrerInnen. Auch ungelernte Arbeiter würden ihre Kinder eher aufs Gymnasium schicken, als dies LehrerInnen empfehlen würden (606 versus 614 erbrachte Punkte). Aber zum einen ist dieser Wert näher am LehrerInnen-Wert und zum anderen richten sich ArbeiterInnen oft nach Lehrerempfehlungen, während Eltern aus den sogenannten „besseren Kreisen“ sich oftmals über Lehrerempfehlungen hinwegsetzen.

Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, ob man nicht den Schulkonferenzen in den Grundschulen Proletarische Elternräte beiseite stellt, denn diese scheinen objektiver die Leistungen der Kinder er- und bemessen zu können als Lehrer_innen oder Eltern aus privilegierten Schichten. Dieser Vorschlag ist nicht ganz ernst gemeint. Die Lösung besteht natürlich in der Abschaffung des gegliederten Schulsystems.


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3 Antworten auf „Brauchen wir proletarische Elternräte?“


  1. 1 Entdinglichung 01. September 2010 um 16:18 Uhr

    das Problem ist, dass eine Forderung nach Proletarischen Elternräten ohne eine starke ArbeiterInnenbewegung vollkommen im luftleeren Raum schwebt und daher derzeit illusorisch ist

  2. 2 Andreas 02. September 2010 um 14:16 Uhr

    Ja, daher war die Forderung auch nur halb-ernst gemeint.

  1. 1 Gibt es eine Eugenik-Debatte? « Dishwasher Pingback am 14. September 2010 um 12:34 Uhr
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