Warum Sarrazin noch in der SPD ist

Von Andreas Kemper

Vor einigen Monaten gab es gegen Sarrazin aufgrund seines Lettre-Interviews ein Parteiausschlussverfahren. Der Politikwissenschaftler Gideon Botsch hatte in einem Gutachten zu Sarrazin mitgeteilt, dass Sarrazins Äußerungen im Lettre-Interview „eindeutig rassistisch“ seien und sich dabei auf die Rassismus-Definition von Albert Memmi berufen. Hierzu äußerte sich die Landesschiedskommission folgendermaßen:

„Wenn nach Memmi die Grundlage des Rassismus in der nachdrücklichen Betonung tatsächlicher oder fiktiver biologischer Unterschiede zu sehen ist, so trifft dieser Sachverhalt auf die Position des Antragsgegners gerade nicht zu. Seine Kritik erstreckt sich nämlich nicht nur auf diverse Migrantengruppen, welche er der Unterschicht zurechnet und denen er mangelnden Integrationswillen vorwirft, sondern sie bezieht sich in gleicher Weise auf diejenigen Teile der deutschen Bevölkerung, die – seiner Ansicht nach – ebenfalls nicht am normalen Wirtschaftskreislauf teilnehmen.“Entscheidung der Landesschiedskommission S.7

Sarrazins Äußerungen waren also nach Meinung der Schiedskommission nicht rassistisch, weil Sarrazin auch der deutschen Unterschicht vorwarf, unveränderbar dumm und kriminell zu sein.

„Gemäß den Mendelschen Gesetzen…“

Gemäß der Rassismus-Definition Memmis ist aber Sarrazin auch biologistisch-rassistisch gegenüber der deutschen sogenannten „Unterschicht“. So ließ sich aus dem Lettre-Interview bereits entnehmen, was er am Freitag, 27.08.2010, nochmals in der BILD breittrat:

Für jedes Kind erhalten die Eltern [aus der sogenannten „Unterschicht“, A.K.] 322 Euro monatlich als vom Staat garantiertes soziales Existenzminimum. Dies ist ein maßgeblicher Grund dafür, dass die Unterschicht deutlich mehr Kinder bekommt als die mittlere und obere Schicht. Für einen großen Teil dieser Kinder ist der Misserfolg mit ihrer Geburt bereits besiegelt:
Sie erben 1. gemäß den Mendelschen Gesetzen die intellektuelle Ausstattung ihrer Eltern und werden 2. durch deren Bildungsferne und generelle Grunddisposition benachteiligt.
Die Probleme einer verfestigten und nicht ausreichend in den produktiven Kreislauf integrierten Unterschicht überlagern sich zudem mit den ungelösten Integrationsproblemen eines großen Teils der Migranten aus der Türkei, Afrika sowie dem Nahen und Mittleren Osten. (BILD, 27.08.2010, Vorveröffentlichung aus seinem Buch: „Deutschland schafft sich selbst ab“)

Sie ignorieren damit die Geschichte der Sozialdemokratie, in deren Reihen über lange Jahre Eugenik und Rassenhygiene verbunden wurde, Rassismus gegen Schwarze und „Lumpenproletariat“ gleichermaßen hochgehalten worden ist. Dies kann man nicht nur der Sozialdemokratie vorwerfen, angelegt sind solche rassistischen Sichtweisen bereits in der Definition des „Lumpenproletariats“, wie sie von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert wurden.

Sozialdemokratie und Sozialismus der Rasse

Einige Sozialdemokrat_innen und Sozialist_innen vertraten lange vor dem Aufkommen des Nationalsozialismus Positionen, wie sie auch von Thilo Sarrazin vertreten werden. Mit eugenischen Konzepten wandten sie sich sowohl gegen die „Kolonialvölker“ als auch gegen die heimische Unterschicht. Dieser Rassismus ließ sich nicht auf einen ethnischen Rassismus reduzieren, die „Schwachen und Missratenen“ wurden sowohl in den „anderen Rassen“ als auch im eigenen „Volk“ entdeckt. In dem Kapitel „Die sozialistischen Eugeniker“ seines Buches Wulf D. Hund: Rassismus. die soziale Konstruktion natürlicher Ungleichheit, Münster 1999 1. Auflage, beschreibt Wulf D. Hund die Ideologie verschiedener Verfechter der Rassenhygiene aus den Reihen der Sozialdemokratie. Beispielsweise zitiert er Karl Kautsky:

In Deutschland stellte Karl Kautsky, maßgeblicher Theoretiker der Sozialdemokratie, ein Kapitel über „Rassenhygiene“ an den Schluß seiner Abhandlung über „Vermehrung und Entwicklung in Natur und Gesellschaft“. Dort vertrat er wie selbstverständlich die Auffassung, daß in den Gesellschaften seiner Gegenwart die „Entartung der Menschheit … beängstigende Fortschritte“ machte. Das läge zwar einerseits an den Auswirkungen von Kapitalismus und Ausbeutung. Nicht zuletzt wirkte hier aber auch eine Tendenz, die „immer mehr die Rasse zu verschlechtern droht(e): die zunehmende Ausschaltung des Kampfes ums Dasein, die wachsende Möglichkeit auch für die Schwächlichen und Kränklichen, sich zu erhalten und fortzupflanzen“. Dem wäre letztlich nur dadurch entgegenzuwirken, „daß alle kränklichen Individuen, die kranke Kinder zeugen könn(t)en, auf die Fortpflanzung verzichte(te)n“. (S. 97)

Thilo Sarrazin scheint hier nur eine Neuauflage dieser Ideologie zu stricken – allerdings im vollen Bewusstsein der Konsequenzen dieses Denkens, welches in Deutschland zum Nationalsozialismus führte.
Wulf D. Hund schreibt zum „Sozialismus der Rasse“:

Der Sozialismus der Rasse behauptete die alle anderen Bestimmungsfaktoren dominierende Bedeutung einer organisch konzipierten und Generationen übergreifenden fortdauernden Lebenseinheit. Sozialistische Eugenik war der Versuch, die angeblich gesunden und hochwertigen Teile der Arbeiterklasse dadurch dieser vermeintlichen Einheit zuzurechnen, daß ihr gegenüber eine Gruppe von Minderwertigen und Untermenschen erst konstituiert, dann denunziert und schließlich zur Ausmerzung bestimmt wurde.

Sie bediente sich dabei einer überkommenen Strategie der Differenzierung, die ursprünglich zur Begründung und Legitimation des natürlichen Ursprungs sozialer Ungleichheit und politischer Herrschaft entworfen worden war. Die ideologische Reduktion gesellschaftlicher Deklassierung auf biologische Minderwertigkeit wurde nicht zurückgewiesen, sondern in der Hoffnung akzeptiert, sich durch Teilnahme an der rassistischen Ausgrenzung als gesellschaftlich auffällig oder unangepaßt definierter Gruppen selbst den Status der Höherwertigkeit zusprechen zu können.

Die Verbindung sozialistischer und eugenischer Argumente vermeinte das dadurch zu erreichen, daß sie diesen Status im Medium physischer Gesundheit und psychischer Leistungsbereitschaft als Tüchtigkeit biologisch bestimmte und dessen Verortung in den unteren Klassen sozial als Ungerechtigkeit oder Fährnis verstand. Dazu konnte sie sich eines auch in der Arbeiterbewegung verbreiteten Paroxysmus der Arbeit bedienen, der aus den historischen Klagen über das parasitäre Leben der Reichen, der von der Arbeitswertlehre kanonisierten Bedeutung der Arbeit für den Wohlstand der Nationen, dem in Teilen der Arbeiterbewegung konservierten zünftigen Stolz auf die Qualifikation der eigenen Tätigkeit und nicht zuletzt der im Zeitalter des Stahls und der Maschine mit der Kritik der Entfremdung einhergehenden Glorifizierung der Naturbeherrschung ein mystifiziertes Bild vom Adel der Arbeit und vom heroischen Arbeitertum entwarf.

Die Entschlossenheit, mit der dabei gesunde Vollmenschen von Entarteten, rassetüchtige Werktätige von untermenschlichen Parasiten geschieden wurden, hatte zwar den mit aller rassistischen Ausgrenzung verbundenen Effekt der ideologischen Integration. Doch erklärt das noch nicht die Wut, mit der der soziale Abfall aus Versagern und Nieten verfolgt wurde. Sie ist am Beispiel rassistischer Projektion nach außen als proletarischer Selbsthaß beschrieben worden. In der Verachtung angeblich Minderwertiger, Untüchtiger, Parasiten und Asozialer kommt er nicht minder stark zum Ausdruck. Gleichzeitig verdeutlicht er die Ambivalenz rassistischer Identifikation. Die Überwindung der eigenen Deklassierung durch eine zu Lasten als fremdartig oder abartig deklarierter Gruppen scheinbar gelungene Zurechnung zur Gemeinschaft enthält immer auch die Anerkennung dieser Deklassierung. (S. 108f.)

Ein selbstkritischer Blick in die sozialdemokratische Geschichte hätte zum sofortigen Ausschluss Sarrazins führen müssen. Wurde er nicht rausgeworfen, weil die Schiedskommission nicht den Zusammenhang von Rassenhygiene, Rassismus und Eugenik kannte? Schlimmer noch: kannten sie diese Linie in der Arbeiterbewegung und sahen sie diese noch immer als legitime Fraktion in der Sozialdemokratie? Oder hat Sarrazin damit gedroht, bei Rauswurf eine eigene Partei zu gründen?

Nachtrag 1, 30.08.2010: Neues Parteiausschlussverfahren

Das SPD-Präsidium will nun einen zweiten Anlauf starten, Sarrazin aus der SPD zu werfen. Diesmal argumentieren sie sinnvollerweise mit dem Begriff der Rassenhygiene. Der SPD-Vorsitzende Gabriel begründete den neuen Anlauf damit, dass Sarrazin mit seinen Thesen über genetische Dispositionen und die Vererbung von Intelligenz und Bildungsbereitschaft eine rote Linie überschritten habe. Mit „Begriffen nahe der Rassenhygiene“ stelle sich Sarrazin außerhalb sozialdemokratischer Werte. (FTD, 30.08.2010) So hätten sie auch schon nach dem Lettre-Interview argumentieren können.

Nachtrag 2, 30.10.2010: Sozialdemokratische Genetik

Der Dishwasher war wieder mal ein wenig schneller, aber auch die ZEIT-online hat jetzt entdeckt, dass die Sozialdemokratie in den 20er Jahren Rassenhygieniker in ihren Reihen hatte und bis in die jüngste Zeit in Schweden Eugenik-Programme etabliert hatte. Dass das Elterngeld aus Skandinavien abgeschaut wurde, ist daher kein Zufall. Erschreckend ist allerdings, dass ein Kreisverband der SPD Gunnar Heinsohn zu einem Vortrag eingeladen hat. Hier der Link zum Artikel von Franz Walter: Sarrazin-Thesen. Sozialdemokratische Genetik

Nachtrag, 03.09.2010: Sarrazins Vordenker
Auch die taz sieht nun die lange Tradition der Eugenik in der SPD: Cord Riechelmann: Wissenschaftler und Eugeniker. Sarrazins Vordenker, taz vom 02.09.2010

„Sarrazin hat nämlich recht, wenn er behauptet, er bewege sich mit seinen Thesen in einer Linie der sozialdemokratischen Tradition und er sei deshalb kein Nazi. […] Die sozialdemokratische Traditionslinie, auf der Sarrazin sich bewegt, hat Anfang des vergangenen Jahrhunderts der Mediziner und Professor für Sozialhygiene in Berlin, Alfred Grotjahn (1869-1931), begründet. Grotjahn saß für die SPD von 1921 bis 24 im Reichstag. Er hat entscheidend an den gesundheitspolitischen Maßgaben der SPD in der Weimarer Republik mitgearbeitet und mit seinem 1926 erschienenen Lehrbuch „Die Hygiene der menschlichen Fortpflanzung. Versuch einer praktischen Eugenik“ die wesentlichen Thesen Sarrazins vorbereitet.“

Nachtrag 3, 06.09.2010: Klaus von Dohnanyis Verteidigung

-> siehe auch: „Definieren Sie Rassismus, Herr Dohnanyi!“
Klaus von Dohnanyi, ehemaliger erster Bürgermeister Hamburgs und SPD-Mitglied, verteidigt Sarrazin und würde ihm auch in einem Schiedsgericht beistehen. Mit Sarrazin teilt Dohnanyi also mehr als die“gehobene Herkunft“. Hier Auszüge aus seiner Verteidigungsrede:

„Ist sein Buch jetzt das „Outing“ eines Rassisten und Rechtsradikalen? Nein. Sarrazins Grundthese ist einfach. Er ist der Auffassung – und begründet das sehr ausführlich –, dass Deutschland Gefahr läuft, seine geistigen Eliten einzuschmelzen, weil diese selbst zu wenige Kinder bekommen, während Gruppen, die sich bisher nicht durch Arbeit und Leistung hervorgetan haben (manche Deutsche oder Teile von Migranten) mehr Kinder bekommen und so das Leistungsniveau der Nation langfristig absenken könnten.“

Diese Grundthese wäre nicht zwingend rassistisch, sondern nur zynisch, wenn sie sich auf die Tatsache beschränken würde, dass Akademikerkinder deutlich mehr Chancen haben, in die sogenannte „Elite“ aufzusteigen, als sogenannte „Unterschichtskinder“. Aber es geht weiter, wie auch Dohnanyi feststellt:

„Sarrazins Behauptung, dass es besondere, kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen gibt, kann heute niemand mehr mit Sachkenntnis bestreiten. Die amerikanische Enzyklopädie der Sozialwissenschaften nennt das social race: „soziale Rasse“. Sarrazin sieht nun bei Teilen islamischer Gruppen eine Ablehnung der Integration und darin Gefahren für unsere Bildungs- und Leistungsgesellschaft. Integration sei auch eine „Bringschuld“. Falsch?“

„Besondere kulturelle Eigenschaften von Volksgruppen?“ Das klingt äußerst merkwürdig. Was soll das sein? Und was soll der Hinweis auf „social race“? „Race“ hat im us-amerikanischen Kontext eine andere Bedeutung als „Rasse“ im deutschen. Googelt man nach „Sozialer Rasse“, so erfährt man etwas über Angora-Kaninchen, Islandpferde und Pappilonzucht. „Rasse“ impliziert im Deutschen biologistische oder quasi-biologische Zuschreibungen. Noch aber bleibt Dohnanyi bei „kulutrelle Eigenschaften“, aber der Text geht weiter:

„Sarrazin hat für seine Thesen auch „biologische“ Argumente angeführt. Er beruft sich auf eine gewisse Vererblichkeit von Intelligenz. Falsch?“

Ja, falsch, Herr von Dohnanyi. Man kann sich noch über individuelle Vererblichkeit von Intelligenz streiten. Dass sogenannte „Volksgruppen“ Intelligenz vererben, ist falsch. Aber natürlich macht es Sinn, von „sozialen Rassen“ zu sprechen, wenn man so etwas wie die „kollektive Vererbung von Intelligenz“ zu sehen glaubt.

„Er meint, dass sich das unzureichende Bemühen einer Volksgruppe (oder einer sozialen Gemeinschaft) um Bildung und Erfolgsstreben langfristig auf das messbare Intelligenzniveau dieser Gruppierungen auswirken kann.“

Nicht ganz richtig, wenn schon, dann „langfristig auf das messbare „vererbliche“ Intelligenzniveau auswirkt“. Das klingt nach Lamarckismus: Eigenschaften gehen ins Erbgut über; oder nach einer „Entartungs“– und „Dekadenz-/Degenerierungstheorie“; dabei dachte ich bislang, Sarrazin würde vulgärdarwinistisch-eugenisch argumentieren, dass also die „Negative Auslese“ eine Gruppe von Menschen mit einer vererbbar niedrigen Intelligenz entstehen lasse, die sich aber überproportional vermehre, also zu einer dysgenischen Entwicklung führe, der man zum Wohle des Volkes eugenisch entgegenwirke müsse. Was daran schlecht ist? Sozialeugenik ist menschenverachtend.

„Und in einem Interview, nach eventuell genetischen Anteilen der Intelligenzvererbung gefragt, meinte er unter Hinweis auf wissenschaftliche Veröffentlichungen in den USA – inzwischen zu seinem eigenen Bedauern –, dass auch die Juden (die in seinem Buch nur Bewunderung wegen ihrer Intelligenz erfahren) vermutlich eine etwas andere (also überlegene) Genstruktur aufweisen könnten. Rassismus?“

Ja. Rassismus. Er bedauert den Satz mit dem „Juden-Gen“, weil damit die Stimmung plötzlich umschlug. Die New York Times berichtete, dass ein deutscher Bundesbank-Vorstand von Basken- und Juden-Gene sprach. Bis dato wusste Sarrazin sehr wohl zu vermeiden, Begriffe wie „Entartung“ und „Eugenik“ zu vermeiden. Er hat nicht den Inhalt seiner Aussage bedauert, sondern dass er nun doch dort gesehen wurde, wo er steht. Es klingt übrigens so, als würden sie seinen Satz nicht bedauern, Herr von Dohnanyi.


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21 Antworten auf „Warum Sarrazin noch in der SPD ist“


  1. 1 Der Generalsekretär 25. August 2010 um 10:15 Uhr

    Na ja, na ja, na ja…

    Eine etwas arg polemische Vermutung, die da am Schluss gezogen wird. Man kann der SPD viel vorwerfen, Aganda 2010 usw., das tu ich auch ganz gerne und vehement.

    Aber die Überlegung, dass da vielleicht noch so ein paar „Rassen-SozialistInnen“ in Funktionen sitzen, ist doch sehr aus der Luft gegriffen. In der damaligen Zeit dürfte man in jeder Partei noch solche Denke gefunden haben, weil es irgendwo auch noch Kolonial/Imperialzeit war und man andere Mensche“völker“ per se für minderwertig hielt.

    Dass Sarrazin nicht hochkant aus der SPD fliegt, hat meiner Ansicht nach ganz andere Gründe. Man will aus ihm keinen politischen Märtyrer machen. Wenn er geschmissen wird, dann dröhnt er rum, man habe ihn mundtot machen wollen, man würde ihn klammheimlich ins politische Abseits schießen wollen, usw. Schon mal darüber nachgedacht?

    Rote Grüße,
    der Generalsekretär

  2. 2 Andreas 25. August 2010 um 10:32 Uhr

    Hi Generalsekretär,

    naja, Helmut Schmidt hat Sarrazin verteidigt und zwar genau die Passagen, wo es um gruppenspezifische Vererbung von Intelligenz ging. Er hätte auch einfach sagen können, dass er sich zu diesem Kerl nicht äussert.

    Norbert Bolz hat ja bereits auch ohne Rauswurf die Floskel „Sarrazin-Syndrom“ erfunden. Sarrazin ist bereits ein Mätyrer – jenseits aller Realität. Er darf angeblich bestimmte Dinge nicht sagen und sagt sie auf 400 Seiten in einem Buch, das von BILD bis SPIEGEL promotet wird wie kein anderes. Es ist egal, diese Anti-Political-Correctness-Maschinerie läuft mit oder ohne Rauswurf.

    Ich weiß nicht, inwiefern noch rassehygienisches Denken in der SPD vorhanden ist, ob Sarrazin dort isoliert ist oder nicht auch klammheimlich-lautstarke Anhänger_innen hat. Tatsächlich scheint aber die Landesschiedskommission nicht die rassenhygienisch-rassistischen Verstrickungen in der Geschichte der Sozialdemokratie zu kennen, sonst hätte sie nicht eine so merkwürdige Begründung geschrieben.

    Darüber nachgedacht, dass sie aus ihm keinen Märtyrer machen wollen, habe ich auch. Ich schrieb ja, dass sie möglicherweise auch Angst vor einer neuen rechten Partei haben könnten, die für ein bestimmtes Klientel der Sozialdemokratie attraktiv werden könnte.

  3. 3 solid 30. August 2010 um 22:13 Uhr

    “ … angelegt sind solche rassistischen Sichtweisen bereits in der Definition des „Lumpenproletariats“, wie sie von Marx und Engels im Kommunistischen Manifest formuliert wurden.“

    So ein Unsinn. Immer mehr Menschen müssen vom Müll (den „Lumpen“) dieser Gesellschaft leben – ‚Pfandflaschensammler‘, ‚Mülleimerdurchsucher‘ oder ‚Schnorrer‘ ist doch keine rassistische Beschimpfung, sondern die Wahrheit über eine ärmliche Resteverwertung, zu der Menschen genötigt sind. „Lumpenproletariat“ ist das Kürzel für die Kritik an der Armut, die aus der Produktion einer „Reservearmee“ (Arbeitslose) folgt. Dass Marx oder Engels mit „Lumpenproletariat“ eine biologistische Sortierung von Menschen gemeint hätten, stimmt nicht.

  4. 4 Andreas 30. August 2010 um 22:40 Uhr

    Hi solid,

    dass Marx und Engels mit Lumpenproletariat eine biologistische Sortierung von Menschen gemeint haben, wollte ich überhaupt nicht sagen. Ein großer Verdienst von Marx und Engels ist ja, dass sie solche Biologisierungen nicht mitmachen.

    Aber das „Lumpenproletariat“ wurde von Marx und Engels nicht besonders freundlich gekennzeichnet. Wulf D. Hund schreibt dazu:

    Allerdings enthielt der Begriff auch frühzeitig eine Option, die sich später biologistisch ausbauen lassen sollte. Sie klang bereits im Kommunistischen Manifest an, das das Lumpenproletariat zur „passive(n) Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft“ erklärte. Um weniges später schrieb Stephan Born in der Verbrüderung über die Unmöglichkeit, „die Klasse der Gesellschaft, welche durch Laster und Verbrechen auf den Namen Mensch kaum mehr Anspruch machen kann, wieder aufzurichten und zu nützlichen Geschöpfen zu erheben“. Als schließlich Engels und Kautsky das arbeitsame moderne Proletariat vom nicht arbeitenden antiken Lumpenproletariat abgrenzten, griffen sie zu dessen Kennzeichnung auf das Bild der „Parasiten“ zurück, die „nicht nur ohne Nutzen, sondern sogar von Schaden für die Gesellschaft“ wären.

    Hund: Rassismus, S. 103

    Wir sollten Marx und Engels nicht heroisieren. Sie haben sehr wichtige Grundlagen erarbeitet, hatten aber an einigen Punkten auch Schwächen. Wie sollte es anders sein?

  5. 5 solid 31. August 2010 um 12:55 Uhr

    Es geht nicht um Heldenverehrung. Nur weil dein Schluss von Marx auf „Rassismus“ verkehrt ist, muss niemand Engels oder Kautsky verehren:

    „angelegt sind solche rassistischen Sichtweisen bereits in der Definition des „Lumpenproletariats““

    Die Bezeichnung Lumpenproletariat drückt weder eine rassistische Sicht aus, noch ist diese in der Benennung „angelegt“. Selbiges gilt übrigens für die Spezialdemokraten: Dass die sich mit dem Verfahren des Parteiausschlusses schwer tun, hat mit einer Förderung Sarazinscher „Theorie“ wenig zu tun – normalerweise halten sich nämlich auch SPDler mit ihrem (national motivierten) Rassismus zurück.

  6. 6 Andreas 31. August 2010 um 14:40 Uhr

    Hi solid,

    ich habe hier einen Artikel gefunden, der – beim ersten Überfliegen – sehr differenziert zu sein scheint:

    Thomas Lühr: Ausgrenzung, Ausbeutung und die Wiederkehr der Proletarität. Entsteht in der Bundesrepublik eine „neue Unterklasse“?

    Zitate von Marx und Engels zum Lumpenproletariat finden sich hier:

    Marx-Forum/Marx-Lexikon: Lumpenproletariat

    Spannend an Lührs Beitrag finde ich die Unterscheidung zwischen „Lumpenproletariat“ und „Pauperismus“ bzw. die Differenzierung, die Herkommer macht zwischen dem „Lumpenproletariat“ welches sich aus deklassierten Kleinbürgern eines weitgehend noch feudalen System zusammensetzt und der modernen „Reservearmee“, die der Kapitalismus hervorbringt.

    Dennoch sind biologistische Formulierungen wie „passive Verfaulung der untersten Schichten der Gesellschaft“ problematisch. Und auch die Bezeichnung von Menschen als Parasiten, wie sie sich bei Engels/Kautsky in der Beschreibung der Ökonomie der römischen Kaiserzeit findet:

    Diesen gegenüber standen die freien Proletarier, aber nicht arbeitende, sondern Lumpenproletarier. Auf der Arbeit der Proletarier beruht heute in immer steigendem Maße die Gesellschaft, sie werden für deren Bestand immer unentbehrlicher; die römischen Lumpenproletarier waren Parasiten, nicht nur ohne Nutzen, sondern sogar von Schaden für die Gesellschaft und daher ohne durchgreifende Macht.

    Friedrich Engels/Karl Kautsky: Juristen-Sozialismus

    „Angelegt“ ist eine rassenhygienische Interpreation des marxistischen Begriffs „Lumpenproletariat“ nicht aufgrund des Begriffs, sondern aufgrund biologistischer Definitionen wie „Verfaulung“ und „Parasiten“.

    Damit will ich Marx keinen Klassenrassismus unterstellen. Aber es ist wichtig, bestimmte Vokabeln auch zu kritisieren, wenn diese eugenische Denkmuster anschlussfähig machen.

    Zur Sozialdemokratie: ich habe nicht gesagt, dass sie Sarrazins Eugenik bewusst fördern wollen – außer Helmut Schmidt vielleicht, der explizit die Vererbungstheorie Sarrazins verteidigte, und Renate Schmidt vielleicht noch, die das Elterngeld propagierte, weil angeblich zu wenig Akademikerkinder geboren würden – sondern dass sie sich dem rassenhygienischem Zweig in der sozialdemokratischen Geschichte nicht bewusst waren, als sie Sarrazin unsinniger vom Vorwurf des Rassismus freisprachen.


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  7. 7 solid 03. September 2010 um 15:52 Uhr

    „biologistische Formulierungen wie „passive Verfaulung der untersten Schichten der Gesellschaft““

    Nicht jeder Vergleich mit biologischen Vorgängen ist Rassismus. Ob man die Armen, die auch heute noch zum gesellschaftlichen Ballast gemacht und erklärt werden, nun „Paupers“ oder „Lumpensammler“ nennt, oder die unerwünschten Nebenwirkungen des Kapitalismus mit einer chemischen Zersetzung beschreibt, macht für den Fakt, dass es dysfunktionale Armut gibt, keinen Unterschied.

    Zu kritisieren ist an dem Biologismus „Verfaulung“ zuerst die Vorstellung, dass es eine den gesellschaftlichen Kapitalertrag störende Armut gebe, die auf den Verfall, auf die Unrechtmäßigkeit der Eigentumsordnung hinweise. Wer eine Gesellschaft mit biologischer Degenaration vergleicht, abstrahiert nicht nur von den Subjekten und Machtverhältnissen, der hält Geschichte für einen quasinatürlichen Prozess. Der Fehler von Engels – und manchmal auch von Marx – liegt also in einem Historismus.

  8. 8 solid 03. September 2010 um 16:12 Uhr

    P.S.: Der Sarrazin benutzt übrigens „Verfaulung“ für den gegenteiligen Schluss. Der will mit seinen biologischen Übergängen doch nicht sagen, dass wirklich Deutschlands letztes Stündlein schlage, weil er ein paar Dumme nach nationalen Kriterien sortiert hat. Der will auch nicht beweisen, dass eine Endzeit des Kapitalismus in Deutschland angesagt sei. Der will als Bestseller-Mahner auftreten und der biologisch zurechtgelegten „Störung“ zu Leibe rücken, weil er darin die Leistungs- also Konkurrenzfähigkeit seines Vaterlands gefährdet sieht.

  9. 9 Graf von Heinrichsburg-Westfelde 03. September 2010 um 16:23 Uhr

    Der Klassismus der Marxisten liegt woanders, nicht unbedingt im vermeintlichen Biologismus hinsichtlich der Sicht auf das Lumpenproletariat. Mir scheint das auch eher eine Beschreibung zu sein und eine politische Analyse. Wenn man an die SA denkt, so rekrutierte sich diese zum Teil aus dem „Lumpenproletariat“, Marxens politische Analyse ist also richtig. Allerdings besteht die Gefahr, dass nur diejenigen als wertvoll angesehen werden, die eine Funktion im revolutionären Prozess haben, also die gut integrierten Arbeiter. Die Bürgerlichkeit des Marxismus besteht darin, dass er eine nur abstrakte, letztlich funktionale Sicht auf das Proletariat hat. Dieser Prozess stellt sich heute verschärft dar. Solid, SDS, Die Linke, sind Organisationen die zunehmend von bürgerlichen Mittelschichten geführt werden. Die Sicht auf das Proletariat ist idealisiert. Es ist nicht wünschenswert, dass so eine marxistische bürgerliche Elite zu einer neuen herrschenden Klasse im Sozialismus wird. Klassenbewusstsein kann sich nur von denen artikulieren, die die unterdrückte Klasse sind, wer das erreichen möchte kann Hilfsmittel bereitstellen und versuchen diesen Prozess pädagogisch-politisch zu stimulieren. Parteikarrieren von marxistischen Bonzen führen uns nicht in den Sozialismus nur zu Hummer und Almhütten für einige Funktionäre.

  10. 10 soli 03. September 2010 um 17:16 Uhr

    „versuchen diesen Prozess pädagogisch-politisch zu stimulieren“

    Den Fehler meinte ich: Es stimmt zwar, dass Arbeiter ohne ein Klassenbewusstsein an ihrer Lage nichts ändern werden, aber das gilt nicht nur für die. Eine „Stimulation“ irgendwelcher „Prozesse“ folgt der geschichtsgläubigen Vorstellung, auf einen (historisch notwendigen) Ablauf Einfluss nehmen zu wollen – dazu passt dann natürlich auch das pädagogische Ideal der Manipulation.

  11. 11 Graf von Heinrichsburg-Westfelde 03. September 2010 um 18:53 Uhr

    Eine Bewusstwerdung der Klassenlage ist noch nicht Ausdruck eines historisch notwendigen Ablaufs. Es geht mir in dem Beitrag darum, dass eine Vertretung der Arbeiter durch bürgerliche Funktionäre, auch wenn sie links sind oder gar Marxisten problematisch ist. Es gilt – auch in Parteien – Strukturen so zu gestalten, das Arbeiter mehr Einfluss bekommen. Wir sprechen ja über die Bürgerlichkeit von Marx. In der kritischen Sozialphilosophie ist eigentlich unbestritten, dass Marx Ansatz ein bürgerlicher Ansatz ist. Er geht von der Gesellschaft der Freien und Gleichen aus und projiziert das in eine bürgerlich-sozialistische Zukunft. Wie die andere, humane Gesellschaft nun aussehen möge – Sie überschreitet sicherlich auch den bürgerlichen Horizont von Marx. Es ist übrigens kein Wunder, dass sowohl die bürgerlichen 68ger als auch die heutigen Edellinken des SDS sich mit Marx identifizieren können. Als Adliger sehe ich diese Bürgerlichkeit von Marx übrigens sehr deutlich.

  12. 12 soli 04. September 2010 um 14:33 Uhr

    „In der kritischen Sozialphilosophie ist eigentlich unbestritten, dass Marx Ansatz ein bürgerlicher Ansatz ist.“

    Und in der unkritischen Sozialphilosophie? Zum Glück konnte Marx das Elend der Philosophie und die Philosophie des Elends schon damals kritisieren.

    „Als Adliger sehe ich diese Bürgerlichkeit von Marx übrigens sehr deutlich.“

    Diese Sichtweise muss angeboren sein, Herr Hochwohlgeboren. Wie äußert sich denn die Krankheit? Ist es schon ein Symptom, als Blaublütiger „Bürgerliches“ zu sehen? Wie deutlich sieht man denn so als jemand, der glaubt „Adliger“ zu sein? Es gibt auch Menschen, die halten sich für Napoleon!

  13. 13 Graf von Heinrichsburg-Westfelde 07. September 2010 um 5:59 Uhr

    Lieber Soli,

    Ihre Antwort hat mich zum Lachen gereizt, dafür vielen Dank! Wirklich, sie ist sehr lustig und ich meine das jetzt durchaus anerkennend. Einen ersten Hinweis auf meine vielleicht etwas exzentrisch anmutende Argumentation mag sein, dass Adorno, den man ja mit Fug als Fortdenker von Marx bezeichnen kann, eine Schwäche für adlige Damen hatte. Das ist nicht meine Erfindung, Sie können das in seiner zahlreichen Biographien lesen oder von mir aus, wie man es heute tut, googlen. Nun aber lassen wir die Scherze beiseite und mich ein wenig improvisieren, vor allem im Hinblick auf die kritische Sozialphilosophie. Dabei möchte ich einige Begriffe eben jenes Adorno verwenden und behaupten seine Perspektive ist weniger bürgerlich als die von Marx.

    Der Arbeiter ist gegenüber der Identität des Kapitals und der Warenproduktion das Nichtidentische. Die Materialität des Arbeiters als die wertschaffende Arbeit geht im Begriff der mit Wert ausgestatteten Ware nicht auf. Er wird dem Tauschwert seiner Arbeitskraft entsprechend entlohnt, so ist die Identität des Tauschverhältnisses hergestellt – die verdrängte Nichtidentität aber bedeutet hier auch die Nichtanerkennung der Mehrarbeit, die der Arbeiter über das ihm entlohnte hinaus geleistet hat, um dem Wert der Ware den Mehrwert hinzuzufügen, über den dann schließlich das Kapital verfügt. Eine Anerkennung der Arbeit als wertschaffende Größe und ihre Entlohung im Sinne eines gleichen – nicht eines ungleichen gegenüber der Arbeitskraft warenförmigen Tauschs impliziert völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse, die ich nicht unbedingt mit dem Begriff „Emanzipation“ bezeichnen möchte. Eher trifft der Terminus „Anerkennung“, vielleicht auch „Reziprozität“ oder aber konkrete, materielle auf wechselseitiger Anerkennung auch in den ökonomischen Austauschverhältnissen basierende Freiheit. Es ist durchaus unklar, wie man nun in eine solche Gesellschaft gelangt. Eine emanzipative Revolutionstheorie projiziert die Erfahrung der bürgerlichen Revolution – die Durchsetzungsstrategie des bürgerlichen Subjekts als Loslösung von Abhängigkeitsverhältnissen und die Negation der zuvor bestehenden Herrschaft auf die Arbeiterklasse als Ganzes. Es soll nun so etwas wie eine kollektive Emanzipation möglich sein. Da es unwahrscheinlich ist, dass die Arbeiterklasse als Ganzes handelt, wird sie bei diesem Emanzipationsmodell von den Spezialisten ihrer Emanzipation vertreten. Die Folge waren logischerweise stets so genannte realsozialistische Erziehungsdiktaturen. Meine These nun: Diese Erziehungsdiktaturen sind selbst ein Ausdruck bürgerlichen Denkens, welches im Marxismus fortdauerte. Kehrt nicht in den stalinschen Schauprozessen irgendwie Robbespierre mit seinen Guillotinen wieder? Oder in den inhumanen Passagen Brechts, der die Opfer der Revolution rechtfertigt ebenfalls die bürgerliche abstrakte Negation und Emanzipation gegenüber dem konkreten Menschen?

    Nun weist Adorno darauf hin, dass man sich die befreite Gesellschaft nicht einfach als „Fortschritt“ oder als immer weiter fortschreitenden Produktionszusammenhang vorstellen kann – etwa als Überschreiten des Sozialismus zum Kommunismus durch Produktivkraftentwicklung und dann immer weiter, vielleicht bis zur einer Star Trek Gesellschaft, die Raumfahrt unternimmt. Das sind selbst Bilder des „Stillstands im Fortschritt“, Bilder der ewigen Weiterentwicklung und Erhöhung technischer Verfügungsgewalt. Die versöhnte Gesellschaft wäre so etwas wie der Ausstieg aus dieser bürgerlichen Fortschrittsidee und die Anerkennung des Nichtidentischen als eben das, was sich der Identität des Fortschritts entzieht, wenn nicht gar unter ihm zerrieben wird. Verstehen Sie mich nicht falsch, damit meine ich nicht, dass die Möglichkeiten der technologischen Produktivkraft ungenützt blieben, sie würden nur aus dem Kontext der Fortschrittsidee herausgenommen und entfalteten vielleicht ihrerseits ganz neue Möglichkeiten, die kein Fortschritt wären, aber vielleicht sowas wie das Nichtidentische der Technik. Die von Andreas angeführte sozialistische Sozialeugenik ist ja auch Ausdruck der sozialdemokratischen Fassung der Marx’schen Fortschrittsidee – Die Gesellschaft soll immer produktiver, gesünder, schöner und stärker werden – dabei ist die Eugenik ein Hilfsmittel. Marxistischer Kommunismus und Sozialdemokratie – zwei Seiten der selben Medaille.

    Nun zum Adel: Er ist in die Schuld verstrickt, dass er seine Privilegien und geistig-kulturellen Aktivitäten – auch durch Mäzenatentum – nur durch die Ausbeutung des allergrößten Teils der Bevölkerung erreichen konnte. Auf dem Stand niedriger Produktivkraftentwicklung wurden damit aber ein Modell der Humanität eintwickelt, das Modell eines Menschen, der um seiner selbst Willen da ist und sich nicht durch seine Nützlichkeit rechtfertigen muss. Diese relative Zweckfreiheit kam auch in einer hoch entwickelten wenn auch zugegebenermaßen sehr elitären Geisteskultur zum Ausdruck. Sie unterscheidet sich jedoch von der bürgerlichen Kultur durch ein wichtiges Kriterium: Sie legte keinen Wert auf unmittelbare ökonomische Nützlichkeit, gerade darüber definiert sich ja der Bürger und die bürgerliche Sozialdemokratie.

    Dieses Moment des zweckfreien, spielerischen Menschentums (denken wir an Schiller und die Bedeutung des Spiels oder an den Anthropologen Plessner – der Mensch ist ein spielerisches nicht festgelegtes Wesen) soll nun allen Menschen zugute kommen. Diese Lebensform kann allen Menschen zugänglich gemacht werden, nicht nur einer kleinen Minderheit, wie einst zuvor.

    Die bürgerlichen Nützlichkeitsvorstellungen sind im Stande hoch entwickelter Produktivkräfte unwahr. Aber wer kann über den Zustand der bürgerlichen Nützlichkeit hinaus denken, da doch fast alle ihn verinnerlicht haben, eben bis in die feinsten Verästelungen ihres Denkens? Doch nur einer, der nicht bürgerlich ist. Marcuse war der Meinung, das in der „eindimensionalen Gesellschaft“ gerade die Randgruppen, also die Lumpenproletarier die Möglichkeit der Humanität verkörpern, weil sie als einzige in das System der ökonomischen Nützlichkeit nicht integriert sind – Marcuse wies eine gewissen Affinität zur Hippiebewegung auf, die ja ähnlich dachte und etwa zeitgleich mit seiner Rezeption auftrat. Was ist Ihnen lieber? Der Proletarier einer sozialistischen Gesellschaft, der letztlich auch nur verwertbare Arbeitskraft beim Fortschreiten in den Kommunismus ist – denken Sie an die extremste Ausformung dieses Prinzips in der Phase der Herrschaft Stalins in der Sowjetunion und der gewaltsam durchgesetzten Industrialisierung – oder der arbeitende und spielerische Mensch einer Gesellschaft, die dieses nichtfortschrittliche, zweckfreie, sich nicht rechtfertigen müssende Moment, welches wie problematisch und schuldhaft auch immer einst der Adel verkörpert hat, ebenfalls zu ihrem Prinzip gemacht hat – für alle Menschen.

    Daher besteht die Bürgerlichkeit von Marx bei Anerkennung seiner richtigen Analyse in der Fortschrittsidee, welche ihm zugleich zu eigen ist. Diese Fortschrittsidee stiftet eine unter Umständen kaum weniger gewaltvolle Identität als die kapitalistische Produktionsweise es tut.

    Sie sehen, das alles ist sehr dialektisch und ein wenig Humor sollte auch dabei sein. Dieses zweckfreie Moment des Nichtverwertens kommt übrigens auch im Verhältnis zur Natur zum Ausdruck. Eine befreite Gesellschaft hätte wohl auch eine andere Sicht auf die Tiere und auf die Natur überhaupt und würde sie nicht nur unter Nützlichkeitskriterien beurteilen. Innere Natur des Menschen, die sich – neben den Notwendigkeiten auch spielerisch und zweckfrei entfalten könnte korrespondierte dann mit dem Eigensinn auch der äußeren Natur. Kommen wir nun mal zurück zum Ausgangsthema, dem sozialen Rassismus und dem Lumpenproletariat. Aus Sicht einer bürgerlichen – und sei es eine revolutionäre – Zweckorientierung ist das Lumpenproletariat dann sowas wie das Bild einer unnützen Natur oder eines ungeregelten gleichsam nichtintegrierten naturhaften Daseins des Menschen. In dem Zitat von Engels und Kautsky, welches Andreas anführt und in dem die Lumpenproletarier als Parasiten bezeichnet werden, kommt vielleicht sowas wie der bürgerliche Hass auf das Nichtidentische zum Ausdruck.

    Noch eine Bemerkung, die sie möglicherweise auf die Palme bringt, wie man so schön sagt. Horkheimer sah im Geist, also im spontanen Verhalten zu den Gegenständen – nicht in ihrer nützlichen Zurichtung – die dialektische Fortdauer des Adels in der bürgerlichen Gesellschaft. Auch der geistige Mensch erkennt die Unwahrheit der bürgerlichen Fortschrittsidee – denken sie doch mal an den Steppenwolf von Hermann Hesse.
    Marcuse, der Steppenwolf, die Hippies, der Adel, die Lumpenproletarier und die bohémienhaften Denker, das Nichtidentische und die Schönheit der Natur diesseits ihrer Verwertung, das Spiel und die Freude, die nichtintegrierbaren Kids aus den Unterschichten, die trotzdem zuweilen auch ganz schön viel Spaß haben und so herrlich unbürgerlich sind – seien Sie ehrlich, ist es nicht schön, dass es das alles gibt? Sie Schelm, Sie kleiner ernster Sozi :-)

  14. 14 soli 07. September 2010 um 7:32 Uhr

    „der Adel, die Lumpenproletarier und die bohémienhaften Denker (…) seien Sie ehrlich, ist es nicht schön, dass es das alles gibt?“

    Jetzt soll ich vor lauter Romantik auch noch den Fortschritt von Armut und Atombombe „schön“ finden? Sicher nicht.

    Für die Adorno-Kritik brauche ich etwas Zeit.

  15. 15 soli 07. September 2010 um 19:12 Uhr

    Lassen wir den Adorno ruhn, das führt zu nichts.

    „Eine Anerkennung der Arbeit als wertschaffende Größe und ihre Entlohung im Sinne eines gleichen – nicht eines ungleichen gegenüber der Arbeitskraft warenförmigen Tauschs impliziert völlig andere gesellschaftliche Verhältnisse, die ich nicht unbedingt mit dem Begriff „Emanzipation“ bezeichnen möchte.“

    Wer hat das Problem, dass Arbeit nicht ausreichend als wertschaffend anerkannt würde? Was der Wert der Ware Arbeitskraft ist: MEW 23, 181ff. Es ist ein großer Irrtum zu glauben, Marx habe ungerechte Entlohnung angeprangert – der hat schon den Tausch kritisiert!

  16. 16 Carl (geborener Graf Koks von der Gasanstalt) 07. September 2010 um 23:00 Uhr

    Danke für die interessante Information.
    Ich hatte ähnliches schon über die skandinavischen Sozialdemokratien gehört. Es gibt da ein Buch „Eugenics and the Welfare State“ darüber.

  17. 17 Graf von Heinrichsburg-Westfelde 08. September 2010 um 15:14 Uhr

    „Kri­tik am Tausch­prin­zip […] will, daß das Ideal frei­en und ge­rech­ten Tauschs, bis heute bloß Vor­wand, ver­wirk­licht werde. Das al­lein tran­szen­dier­te den Tausch.“ (Adorno: Negative Dialektik, S.150)

    Ich denke schon, dass es sich lohnt, sich auf Adorno einzulassen. Undzwar deswegen, weil er (und auch Marcuse) die Undurchdringlichkeit des Vergesellschaftungszusammenhangs deutlich machen, aber eben nur, wenn man sich auf die geistige Erfahrung dieser Philosophie einlässt. Ich gebe zu, dass ist schwerer Stoff, aber es lohnt sich.

    Noch was: Wollen wir nicht lieber diskutieren, wie wir so ein paar Sachen, die der Marx da wollte, in die Praxis umsetzen? Ich warte auf Vorschläge!

  18. 18 Linksradikaler 09. September 2010 um 0:30 Uhr

    Natürlich ist das Problem, dass die Arbeit des Arbeiters nicht vollständig als wertschaffender Arbeit anerkannt wird. Dieser seltsame Graf hat in seiner Analyse durchaus recht. Wir glauben doch alle, dass der Unternehmer das Wirtschaftssubjekt ist und der eigentliche wertschaffende sei. In diesem gesellschaftlichen Mythos bilden sich tatsächlich objektive politökonomische Verhältnisse ab. Lest doch mal genau…:-) Was den Adorno betrifft, so ist seine „Transzendierung“ des ungerechten Tausches so eine Art Maßstab, den er hier einführt, um die tatsächliche Ungerechtigkeit des im Kapitalismus obwaltenden ungerechten Tauschverhältnisses mit den derzeit existierenden real wirksamen Kategorien zu kritisieren. Also: in der ökonomischen Nichtanerkennung der wirtschaftlichen Leistung des Arbeiters bildet sich auch ein Herrschaftsverhältnis des Kapitals über die Arbeit ab. Es geht nicht um die „Lohnhöhe“, sondern um die objektive Einbehaltung des Mehrwerts in der kapitalistischen Produktion.

  19. 19 soli 11. September 2010 um 11:26 Uhr

    „Wir glauben doch alle, dass der Unternehmer das Wirtschaftssubjekt ist und der eigentliche wertschaffende sei.“

    Die, die Marx verstanden haben, offensichtlich nicht.

    „in der ökonomischen Nichtanerkennung der wirtschaftlichen Leistung des Arbeiters bildet sich auch ein Herrschaftsverhältnis des Kapitals über die Arbeit ab. Es geht nicht um die „Lohnhöhe“, sondern um die objektive Einbehaltung des Mehrwerts in der kapitalistischen Produktion.“

    Es ist nicht nur ein Themenwechsel, wenn kapitalistische Ausbeutung in ein Anerkennungsproblem umgedeutet wird. Wer sich nämlich über ungerechte Ausbeutung beschwert, der will das Erpressungsverhältnis gerecht gestalten. Das Widersinnige daran: Kapitalistische Armut und zugehörige Herrschaft sind doch funktional. Würde der Mehrwert nicht bei jedem Handschlag mitproduziert und „einbehalten“, wäre es doch gar keine (Tausch-)Wertproduktion.

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