„Transferempfänger“ und „Bildungsferne“

Von Andreas Kemper

Noch immer fehlen kritisches Diskursanalysen, die sich mit der Konstruktion von klassistischen Bildern und Schlagworten befassen. Heute morgen habe ich mir zum zweiten Mal in dieser Woche eine BILD-Zeitung gekauft, da hier ein Vorabdruck von Thilo Sarrazins Buch „Deutschland schafft sich ab“ findet und entsprechende Bilder kosntruiert werden. Gestern hatte ich mich bereits hier zu der Frage geäußert, warum die SPD Thilo Sarrazin nicht rausgeworfen hat. Heute widme ich mich dem „Bildungskapitel“.

Die guten alten fünfziger Jahre …

Sarrazin schreibt zunächst über die gute alte Zeit, als er noch mit fünfzig anderen Schülern die Grundschule besuchte und die Aufnahmeprüfung im Gymnasium bestand. Auch dort seien fünfzig Schüler gewesen, er sei aber keinesfalls davon schockiert worden, dass beim Abitur nur 20 die Auslese geschafft hätten. Erst in der zweiten Häfte des Artikels widmet er sich der heutigen Bildungsproblematik, bzw. dem, was er für die Problematik hält: „Der Umgang mit den Bildungsfernen bleibt das Kernproblem einer jeden Bildungspolitik.“ Eigentlich sind es drei Gruppen, die problematisch seien: „Der Bezug von Transferleistungen für den Lebensunterhalt ist keineswegs mit Bildungsferne und Zugehörigkeit zur Unterschicht gleichzusetzen. Doch diese drei Größen haben erhebliche Schnittmengen.“ Im folgenden substantiviert er zwei dieser drei Gruppen: „Transferempfänger“/“Transferbezieher“ und „Bildungsferne“. Inwiefern er dann noch Menschen aus der Unterschicht als eigenständige Gruppe definieren möchte, bleibt unklar.

Welche Eltern beziehen Transferleistungen? – Alle!

Das erste Problem der Bildungspolitik sieht er darin, „dass in Deutschland rund 20 Prozent aller Kinder in Haushalten mit Transferbezug aufwachsen“. Eine glatte Untertreibung. Soweit ich weiß wachsen in Deutschland 100 Prozent aller Kinder in Haushalten mit Transferbezug auf. Dieser Transferbezug ist am größten bei den gutverdienenden Schichten, da diese neben dem Kindergeld noch 1.800 Euro Elterngeld monatlich erhalten. Betrachtet man nicht nur direkte Transferleistungen, sondern auch die indirekten Ressourcen, die der Staat zur Verfügung stellt, dann profitieren die Mittelschichten am stärksten von den Transferleistungen des Staates. Sarrazin meint, wenn er von „Transferempfängern“ spricht, Erwerbslose.

Am Geld würde die Erziehung auch bei „Transferbeziehern“ (also Erwerbslose) nicht scheitern, da das sozioökonomische Existenzminimum, das der Staat bezahlt, bei 322 Euro liege. Dass das Verfassungsgericht moniert hat, dass die Hart-IV-Regelungen unzureichend sind und dies bis zum Jahresende zu ändern sei, interessiert Sarrazin ebenso wenig wie Offensichtlichkeiten, dass die mit durchschnittlich 70 Euro veranschlagte Miete für ein 12qm-Zimmer einfach viel zu tief angesetzt sind. Welcher Studierende zahlt für sein 12qm-Zimmer in einer WG 70 Euro? Sarrazin jedoch sieht in diesen 322 Euro bereits ein Problem, weil ja Kinder eigentlich „seelisch reicher und materiell ärmer machen“ müssten. Bei „Transferempfängern“ (er meint Erwerbslose) sei diese Regel außer Kraft gesetzt. Er schreibt nicht, wo er diese Regel her hat. Meint er damit ein Naturgesetz? Jedenfalls scheint ihm dieses Außerkraftsetzen der Regel problematisch zu sein. Zudem kritisiert er, dass diese Budget frei zur Verfügung stünde. Und dies könnte eine Ursache dafür sein, dass „Transferempfänger“ (Erwerbslose) „überdurchschnittlich viele Kinder bekommen“. Daher müsse das Transfersystem umgebaut werden: mehr Sachleistungen für die Kinder, weniger Finanzleistungen für die Eltern.

Vom Erziehungsgeld für arme Kinder…
… zum Elterngeld für Mittelschichtseltern

Die Transferleistungen sind für die Kinder da und nicht für die Eltern? Hier schreibt er anscheinend deutlich gegen den Trend. Von Mitte der 1980er Jahre bis 2007 gab es das sogenannte Erziehungsgeld. Erziehungsgeld hieß Erziehungsgeld, weil es die Erziehung der Kinder unterstützen sollte. Es war sozialkompensatorisch angelegt. Das heißt, das Geld war für Kinder aus armen Haushalten gedacht. Es wurde zwei Jahre ausgezahlt und betrug 300 Euro monatlich. Von dieser Transferleistung profitierten nur die Kinder von sehr gut verdienenden Eltern nicht. Dann kam man Mitte dieses Jahrzehnts auf die Idee, diese Transferleistung umzustellen. Aus dem Blick geriet das Wohl der Kinder, es ging verstärkt um das Wohl der Eltern, bzw. der Mittelschichtseltern. Zum einen beklagte der Mittelschichtsfeminismus zurecht, dass sich zuwenig Väter um die Kinder kümmerten, zum anderen beklagten selbsternannte Deutschlandschützer, dass in Deutschland die Falschen die Kinder bekämen und da wir mehr Akademiker bräuchten, aber nur Akademikerkinder Akademiker werden könnten, müssten eben mehr Akademikerkinder geboren werden. Diese Elternbezogenheit schlug sich auch in den neuen Begriff nieder: Elterngeld statt Erziehungsgeld.

Sarrazin scheint sich also gegen diesen Trend zu stellen, wenn er sagt, dass die Transferleistungen für die Kinder und nicht für die Eltern da sein sollten. Nein, er ist natürlich voll im Trend. Denn es geht nur bei den Erwerbslosen um die Kinder. Erst kürzt man ihnen das Erziehungsgeld von 300 Euro monatlich von zwei Jahren auf ein Jahr und beschließt in der Regierung, auch diese 300 Euro ganz zu streichen. Und dann sollen die paar Cent, die die erwerbslosen Alleinerziehenden an „frei verfügbaren Budget“ hin- und herschieben können (es reicht ja doch nicht) von oben reglementiert werden. Wie denn bitte schön? Mit freien Bibliotheksausweisen für Bibliotheken, die geschlossen wurden, weil die Kommunen sparen müssen, weil die Unternehmen keine Steuern mehr zahlen wollen? Oder mit Lebensmittelkarten?

„… das sozioökonomische Existenzminimum unterschreiten!“

Sarrazin weiter: der Kita-Besuch vom dritten, spätestens vierten Lebensjahr wird bindend. Wenn dies mit einer Kostenfreiheit verbunden wäre, wäre dagegen nichts einzuwenden. Allerdings zeigt sich auch an diesem Punkt, dass Sarrazin überhaupt keine Ahnung von der Materie hat. Mit einem Jahr wäre ein Kita-Besuch für Kleinkinder wichtig, um gleiche Bildungschancen zu erreichen, nicht erst mit vier oder fünf Jahren.

Er fordert die Ganztagsschule und diese soll zumindest bei den größeren Kindern dafür sorgen, dass sie nur den Feierabend und das Wochenende mit der Familie verbringen. Begründung: sonst würden die Kinder aus den „bildungsfernen Schichten“ durch ein Übermaß an Medienkonsum benachteiligt. Sarrazin hat offensichtlich die Dimensionen der Bildungsbenachteiligung nicht richtig vor Augen: 24% der Nichtakademiker-Kinder beginnen nach der gymnasialen Oberstufe ein Studium. Den Eltern der 76% Nichtakademiker-Kinder vorzuwerfen, ihre Kinder würden nicht studieren, weil sie zuhause ein Übermaß an Medienkonsum zu erleiden hätten, ist genauso weltfremd wie sein Stolz darauf, dass er mit zehn Jahren „die gesamte biblische Geschichte rauf und runter“ kannte.

Zum Schluss dann nochmal die Sorte „Klartext“ vom „Klartext-Politiker Thilo Sarrazin“ (BILD), wie wir ihn gewohnt sind: „Die Eltern werden für jede unentschuldigte Fehlzeit mit empfindlichen Geldbußen belegt. Diese werden mit den Transferzahlungen auch dann verrechnet, wenn dadurch das sozioökonomische Existenzminimum unterschritten wird.“ Sowas ähnliches hatte er auch schon mal zu Hausaufgaben geschrieben.

Fazit: Billige Stammtischparolen jenseits der Bildungsforschung

Das wars. Das war alles, was Thilo Sarrazin zur Bildungspolitik zu sagen hat. Achja, Schuluniformen fielen ihm noch ein.

Spannend ist das ganze nur für eine Diskursanalyse. Ähnlich wie Heinsohn und Sloterdijk propagiert Sarrazin Begriffe wie „Transferempfänger“. Diese Bilderproduktion genauer zu untersuchen wäre interessant. Bildungspolitisch geben Sarrazins Stammtischparolen überhaupt nichts her.


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7 Antworten auf „„Transferempfänger“ und „Bildungsferne““


  1. 1 kronos 26. August 2010 um 7:43 Uhr

    Könnte man den Text bitte (noch)einmal bzgl. Satzbau überprüfen? Das scheint mir wie ein Schnellschuss, der mal eben ins Netz geworfen wurde, ohne noch einmal quer gelesen worden zu sein. Da fehlen Wörter oder gar Halbsätze. Nicht schön, das.

  2. 2 Administrator 26. August 2010 um 16:40 Uhr

    Stimmt, war mit der heißen Nadel gestrickt. Jetzt müsste es lesbar sein.

  3. 3 Hina 04. September 2010 um 14:14 Uhr

    Danke für diese durchaus interessante Analyse und Kritik der SarrazinTexte. Bitte mehr davon!

  4. 4 Carl 07. September 2010 um 23:34 Uhr

    Mir ist bei dem Diskurs auch noch Etwas aufgefallen…

    Kennt ihr das Buch von Eva Herman? „Das Eva Prinzip“? Nun ist Herman weder Rassistin noch Sozialdarwinistin, sondern eine verückte Christentante (ich bin selbst Christ, aber ihre Meinungen „die Opfer der Loveparade starben als Strafe für ihre Gottlosigkeit“ und so weiter, sind einfach nur schräg). Wie dem auch sei, ich habe Eva Herrman die gleichen Formulierungen gelesen, wie sie anscheinend auch bei Sarrazin stehen. Unter anderem stand auch bei Herman. Zitat: „Deutschland schafft sich ab“.

    Herman regt sich auch nie darüber auf, dass „die Falschen die Kinder bekommen“, wohl aber ist ihr Buch voller Empörung darüber, dass die „Richtigen“ keine bekommen.

    Kennt jemand das Buch? Interpretiere ich zu viel oder könnte es sein, dass Sarrazin bei Herman abgeschrieben hat?

  5. 5 Andreas 08. September 2010 um 11:52 Uhr

    Ich befürchte eher, dass die beiden bei den Gleichen abgeschrieben haben, nämlich bei Rindermann und Weiss. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sarrazin bei Eva Herman abgeschrieben hat.
    Möglich wäre eben auch, dass dieser Diskurs sich quasi „von selber“ ergibt. Als Materialist gehe ich davon aus, dass die gesellschaftlichen Umstände Diskurse erzeugen und Sarrazin und Herman sehen die Welt aufgrund ihrer Armuts-Ferne in einer bestimmten Weise, die biologistische und eugenische Grundannahmen plausibel macht. „Scholastisches Denken“ würde Bourdieu sagen, man könnte hinzufügen „Deutsch-Scholastisches Denken“. Wieder ein neues Wort geprägt: Deutschscholastiker!

  1. 1 Das Zitat der Woche « Glarean Magazin Pingback am 29. August 2010 um 10:00 Uhr
  2. 2 Arbeitslosigkeit und Schulschwänzen « Dishwasher Pingback am 26. September 2010 um 13:07 Uhr
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