Das gemeingefährliche Sarrazin-Virus

Die Wut nach unten als Projektion gesellschaftlicher Missstände und persönlicher Abstiegsängste

Von Esra Ayse Onus

Ich bin eine türkischstämmige Migrantin, die in Soest in Westfalen geboren ist. Ich bin 28 Jahre alt und Kind der ArbeiterInnenklasse, des Prekariats und der Unterschicht. Die Grundschule habe ich in einem kleinen Dörfchen namens Oestinghausen besucht, in Soest bin ich mit dem über-ehrgeizigen Einsatz meiner damaligen 16jährigen Schwester auf das Gymnasium gegangen und habe anschließend mit einem glatten Zweier-Abitur an der Universität Münster angefangen, zu studieren. Besonders Glück hatte ich im Gegensatz zu den meisten gleichaltrigen türkischstämmigen Jugendlichen, weil ich eine engagierte und besorgte Schwester hatte, die sich mit ihren damals 16 Jahren energisch für mich gegen die mächtige Schulempfehlung, „Hauptschule geeignet, Realschule vielleicht geeignet, Gymnasium nicht geeignet“, durchsetzte und dafür mit semi-juristischen und emotionalen Anstrengungen sorgte, dass ich trotz aller schulrechtlichen Blockaden auf das Gymnasium kam. Sie wurde selbst aus dem ungerechten deutschen Bildungssystem selektiert und musste selbst unter geistig-seelischen Torturen auf die Hauptschule gehen. Außer einer Heirat hatte sie wegen ihrer miserablen Schullaufbahn keine rosigen Zukunftsaussichten. Was meine Eltern nicht kannten, erkannte sie und wollte mir ein solches jämmerliches und diskriminierendes Bildungsschicksal und Trauma, das sie leibhaftig erlebte, ersparen. Nur ihr habe ich meinen zufällig glimpflich ausgehenden Bildungsweg zu verdanken, niemandem sonst. Weder einem besonderen Genpool rassistischer Selektionsergüsse, noch einer politisch und gesellschaftlich propagierten Chancengleichheit, die in sich schon reinste und größte Schikane ist.
Zugegeben auch wenn ich es egozentrisch finde, meine Lebensgeschichte und -erfahrungen an dieser Stelle zitieren und damit in den Vordergrund stellen zu müssen, möchte ich dennoch signifikante Erfahrungen aus meinem noch relativ jungen Leben kurz skizzieren, um meine momentane Gedankenwelt im gesellschaftlich angespannten und schrecklichen Klima zu beschreiben. Denn ich bin seit einigen Tagen sehr verwirrt und unruhig und halte mich gedanklich mit soziopolitischen Schreckensszenarien auf. Ich wollte mich dieser Debatte und den ganzen beabsichtigten, medialen Wirkungen und Suggestionen entziehen, doch das ist ob man will oder nicht, längst nicht mehr möglich. Man kann sich dieser gemeingefährlichen Diskussion nicht mehr entziehen. Wo solche laut ausgesprochenen Meinungen und als wahr angenommenen Erkenntnisse hinführen, zeigen uns Geschichtsbücher hinlänglich und ausgiebig. Anscheinend ist es zu viel verlangt, zu erwarten, dass Menschen fähig sein könnten, aus zerstörerischen, barbarischen und dunklen Zeiten der Menschheitsgeschichte zu lernen.
Wovon die ganze Zeit die Rede ist, ist wahrscheinlich klar: Sarrazins menschenfeindlichen Äußerungen, die erschreckende, gesellschaftlich breite Zustimmung bekommen, unverständlicher weise auch mit dem Vorwand des Grundrechtes auf freie Meinungsäußerung Amnestie gegen verdiente Verurteilungen genießen. Und das mit solch einer Vehemenz, die sogar auf hinweisende Gefahren solcher verlautbarten Gedankengänge überzogen verächtlich reagiert, dass Grund zur Besorgnis besteht. Das Land der DichterInnen und DenkerInnen ist trauriger Weise zum wiederholten Male dabei, in eine Falle gelockt zu werden, aus der es nur schwer zurückfinden würde. Will sagen, dieser gefährliche Weg verwirft den kompletten Gedanken der humanistischen und universell gedachten Errungenschaften, die geistig und körperlich schwer erkämpft wurden. Eben solche Grundsatzprämissen wie Gleichheit, Gerechtigkeit, Pluralismus, Toleranz, Freiheit sind gerade dabei, über Bord geworfen und mit unnützen, nationalistischen und sozialdarwinistischen Gedanken substituiert zu werden, die Menschen in wir/sie, in Religionen, Nationen, Eigenkapitalquote und sonstigen konfliktträchtigen Kategorien selektieren. Die barbarischen Auswirkungen solcher willkurlichen Selektionen sollten wie gesagt hinlänglich bekannt sein…

Von brauchbaren Genen und anderen Abscheulichkeiten

Vor drei Jahren trug ich ein Kopftuch. Mittlerweile bin ich froh, das nicht mehr zu tragen. Nicht weil ich mich jetzt besonders frei und gesellschaftlich integriert fühle. Sondern weil ich mich nicht mehr getraut hätte, mich mit einem gesellschaftlich verächtlichen Stigma- und Wiedererkennungszeichen in der hiesigen Gesellschaft zu zeigen. Sarrazins Gedanken sind furchtbar erniedrigend, rassistisch und menschenverachtend. Zu wissen, dass mehr als 50, ja sogar 60-70 Prozent der deutschen Bevölkerung seine Aussagen für richtig, berechtigt oder diskussionswürdig erachten, finde ich emotional wie rational unerklärlich und unerträglich. Ich fühle mich in der Öffentlichkeit nicht mehr wohl. Ich fühle mich wieder fremd. Und nicht mehr nur so bekanntlich fremd, dass ich im Wissen leben könnte, in einer pluralen, offenen und toleranten Gesellschaft zu sein, sondern dass schwache Fremde und wehrlose Minderheiten in einer Zeit der wirtschaftlichen und politischen Krise wieder dafür herhalten müssen, wirkungsvolle Objekte der verantwortlichen Schuld- und Sündenbock-Zuschreibungen von gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Miseren zu sein. Der gesellschaftliche Spaltungsprozess scheint aufzugehen. Und das beinahe perfekt. War er nun gewollt, geplant oder zufällig? Meine ganz persönliche Meinung ist, dass er von bestimmten Interessengruppen gewollt, zumindest kalkuliert gewesen war. Und das ist angesichts dieser Lage unverantwortlich und fahrlässig.
Das Medien-Unternehmen Bertelsmann zeigte sich bekanntlich auch während des Faschismus in Nazi-Deutschland in der Verbreitung von Kriegspropaganda sehr erfolgreich. Fest steht, dass der Mediengigant diese Stärke nicht verlernt hat und den Vertrieb von gesellschaftlicher Hetz- und Aufstachelungspropaganda nach wie vor sehr gut beherrscht.

Das Alibithema schlechthin: Unterdrückung der Frau im Islam

Gegen eine Aufteilung der Menschen in Nationalitäten, Religionen oder sonstigen selektierenden Gruppierungen war ich zeitlebens allergisch und rebellisch. In meiner Kindheit und Jugend fühlte ich mich in so genannten geschlossenen und frauenfeindlichen Kreisen, unwohl, unterdrückt, eingeengt und aussortiert. Ich merkte nach meinem persönlichen Ausbruch vor drei Jahren aus meinem scheinbar geschlossenen muslimischen Kreis aber sehr schnell, dass die freie hiesige Gegen- und Mehrheitsgesellschaft genauso merkwürdig strukturiert gewesen ist, dass auch dort keine wie angenommenen und erwarteten humanistischen und universellen Maßstäbe basierend auf Respekt, Freiheit, Toleranz und Menschenrechte herrschten, sondern das zwischenmenschliche Mit- bzw. Gegeneinander von mehr oder weniger rigoros egoistischen, wirtschaftlichen und kühlen Erwartungshaltungen geprägt waren. Deutsche Leitkultur? Fehlanzeige. Mehr eine kapitalistische bzw. neoliberale Leitkultur, in der jede/r nur solange gut und wichtig war, in der er/sie im das ganze Leben bestimmenden Verwertungsprozess eine unhinterfragte funktionierende und rentable Rolle einnahm. In meiner Freiheitsodyssee bzw. Emanzipation einer bilderbuchähnlichen, muslimischen Frau erlebte ich die größte Farce und Enttäuschung, die mich nicht in die Selbstverwirklichung und Freiheit führten, sondern direkt auf die Straße setzten und von dort aus ins allgegenwärtige gesellschaftliche Elend der mittellosen, erniedrigten und verachteten Randgruppen stürzten. Ich musste eine sehr lange Weile den Preis für meinen freiheitlichen Willen in einer erniedrigenden Situation der unterschiedlichsten Abhängigkeiten und seelischen und körperlichen Ausbeutungen bezahlen, die in den meisten Situationen schlimmer und entwürdigender wogen, als die mir bekannten Unterdrückungsmechanismen in meinem ehemaligen familiären und sozialen Milieu.

Wenn nun in Feuilletons, öffentlichen Debatten und sonstigen gesellschaftlichen Bereichen über den Islam und die Muslime gestritten wird und dabei Argumente wie Frauenrechte vorgeschoben werden, um einseitig den Islam für frauenrechtliche Problematiken zur Rechenschaft zu ziehen, dann weiß ich mittlerweile, dass nicht die Frauen das wahre Anliegen sind, sondern die rechtspopulistische oder neokonservative Zuspitzung des bizarren gesellschaftlichen Spannungsfeldes, indem fragwürdige und existierende Probleme nicht ernsthaft der Beschreibung, Analyse und / oder Behebung willen, sondern alleine, des Populismus willen in einer unhaltbaren ebenso uninteressierten Problemlage missbraucht und instrumentalisiert werden. Und in solchen wie in allen sinnlos faschistoiden Debattiervorhaben sollen sich alle noch so verantwortungs-, gewissenslosen, karriere- und geldgeilen Medien-Egomanen profilieren, die dem meinungshungrigen Publikum die stereotypesten, schauderhaftesten und geschmacklosesten Polemiken aufheizen und servieren können.
Dank der schwierigen Erfahrungen, die ich persönlich machen musste, habe ich ein gemäßigtes und relativiertes Bild bekommen. Ich habe relativ schnell erkannt, dass es sinnlos und falsch ist, meinen ganz persönlichen Leidensweg zum Dogma zu erheben, wie etwa vermeintliche VerteidigerInnen der Aufklärung, gleich Necla Kelek, dieses notorisch zu tun pflegen. Genauso sinnlos und falsch ist es, diese Problemlage alleine mit kulturalistischen Unterschieden zu erklären versuchen, um eine Kultur über die andere siegen zu lassen, um im Ergebnis des kulturellen Rankings alle sozioökonomischen Gesichtspunkte unter den Tisch fallen zu lassen.
Und obwohl es in dieser Schieflage hauptsächlich um sozioökonomische Aspekte geht, die eklatanten gesellschaftlichen Probleme zu erklären, wird dieser Gedanke rigoros missachtet und ignoriert. Alle müssten und sollten eigentlich wissen, dass die gesellschaftlichen Konflikte nicht in kulturellen Unterschieden begründet liegen, nicht die Probleme zwischen Deutschen und Muslimen, Europäern und Orientalen sind, sondern nur die zwischen Reichen und Armen, Besitzenden und Besitzlosen, zwischen Oben und Unten, zwischen Herrschenden und Unterdrückten, zwischen Gewinnern und Verlierern. Diese Konfliktlinie ist leider längst nicht tradiert und überholt, sondern gerade wieder en vogue, so en vogue, dass dieses nicht so reflektiert werden soll und als links-reaktionär ins geistige Abseits gedrängt wurde, damit gleichzeitig über alle wichtigen wirtschaftlichen Problemen in der Gesellschaft hinweggesehen werden können.
Was also derzeit der wütende Mainstream in alarmierender Manier und kaschierten Faschismen zum Ausdruck bringt, ist das Spiegelbild zu dem, was auch in unteren Minderheiten-Milieus in vielleicht genau demselben Anteil gedacht und gelebt wird. Ein solches problematisches und komplexes Thema durchdringt man aber nicht, indem man in anachronistischen Denkschablonen insistiert, die nicht an der Wahrheit sondern an gefährlicher Austragung irgendwelcher fragwürdiger emotionaler Aggressions- und destruktiver Konfliktpotenziale interessiert sind.

Alle Menschen sind in meinem Denken und gesellschaftlichen Handeln gleich, genauso wie ich es bewundernd in der Erklärung der Menschenrechte gelesen habe und von philosophischen und von etlichen ethischen Idealen und Wertemaßstäben beseelt bin, die von solchen Größen und Weltbürgern wie John Locke, Jean-Jacques Rousseau, Hegel, Feuerbach, Immanuel Kant usw. begründet wurden – um nur einige ganz spontan zu nennen. Solche Vordenker und Vorfahren waren für mich stets die geistigen Größen und Wegweiser dieser westlichen Welt, in der ich geboren und aufgewachsen bin. Meine literarische und ästhetische Bewunderung gilt weiterhin Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller. Die Meisten ihrer Werke sind eine nicht mehr wegzudenkende Bereicherung in meinem Leben und ich bin froh, sie im Original verstehend lesen und genießen zu können. Dieses wahre Glück hat und erkennt nicht jeder Mensch. Und ich will mehr: Mehr Sprachen sprechen, damit die Welt verstehen, die Ungerechtigkeiten und weltlichen Ungereimtheiten sehen, die Ursachen forschen, mehr DenkerInnen und DichterInnen aus anderen Räumen und Gedankenwelten kennenlernen und den geistigen Horizont erweitern. Wenn es mir entgegen meiner Bescheidenheit und Mittellosigkeit möglich ist, auch da direkt aktiv und helfend eingreifen, wo in meiner unmittelbaren Nähe Not und Elend stillschweigend herrschen und regieren.

Lange Rede kurzer Sinn: Fatale und menschenfeindliche Kategorisierungen und Schlussfolgerungen von gesellschaftlichen Problemen haben noch nie für erstrebenswerte und vorbildliche Vorgehen in der Geschichte gesorgt. Man tut gut daran, die Geschichte vor allem in solchen hitzigen und eindimensionalen Diskursen immer im Hinterkopf zu behalten. Denn:

Geäußerte Menschenfeindlichkeit ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen

Und dieses von Sarrazin in Gang gesetzte Verbrechen ist salonfähig geworden. Was gegen die Ausbreitung dieses Verbrechens hilft, weiß ich derweil leider nicht, aber eine ehrliche Öffnung des eigenen Lebens für andere Menschen ohne sie in Schablonen und Erwartungshaltungen zu pressen, die richtigen AufklärerInnen der Menschheit nochmals und immer wieder richtig und verstehend zu lesen, sich kritisch mit allen Glaubensinhalten und Prophetengeschichten auseinanderzusetzen, ihre verblüffend ähnlichen Dogmen und Entwicklungsgeschichten zu rezipieren, die Lebenswirklichkeiten der Menschen mit all ihren Facetten zu erfassen, aufeinander zu zugehen und das eigene private und soziale Leben mit universellen positiven Werten, Traditionen und Unterschieden zu pluralisieren und die positive Vielfalt zu pflegen und auszuleben, sind spontane Ideen, die mir dazu einfallen. Das schwierige ist stets wie in allen Belangen und Problemen, friedliche und fortschrittliche Lösungen zu finden, das leichte ist, Polemiken zu verbreiten und Schuldzuschreibungen zu äußern, natürlich am einfachsten und unproblematischsten diejenigen für schuldig zu sprechen, die sich nicht wehren und öffentlich wirksam äußern können. Die subalternen Gruppen dieser Gesellschaft, eben Migranten, Hartz IV-EmpfängerInnen, BildungsverliererInnen usw., die wehr- und machtlos in Not und Elend ausharren müssen, und weder eine gescheite und vernünftige Lobby haben, noch es sich irgendwie in ihrer Rolle der Geächteten leisten können, sich zu äußern, weil ihre Worte, Gedanken und Gefühle nicht interessieren. Sie werden von herrschenden Interessen überschattet und in noch schwächeren Einzelgruppen partiellisiert, um im Zweifelsfall gegeneinander ausgespielt werden zu können. Das altbekannte kapital- und herrschaftsgesteuerte Spielchen eben, das soeben in vollen Zügen ausgelebt wird.
Wehret den Anfängen – mit Vernunft, Verstand, Humanismus und Aufklärung!

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10 Antworten auf „Das gemeingefährliche Sarrazin-Virus“


  1. 1 Tobias 07. September 2010 um 8:57 Uhr

    Der Text ist sehr schön, da er die ökonomisierte und neoliberale Wirklichkeit nicht als Emanzipation idealisiert, wozu etwa antiislamische und antideutsche Gruppen neigen, die so die blinden Flecken der bürgerlichen Gesellschaft nur reproduzieren, anstatt in wirkliche Selbstkritik einzutreten. Vielmehr wird in dem Artikel aufgezeigt, dass die versprochenen westlichen Werte in der Realität gar nicht existieren jedenfalls nicht in der Form ihrer substanziellen Realsierung im Alltag der Menschen. Hier zählen in der Praxis ganz andere Werte, nämlich einfach die wirtschaftliche Durchsetzungsfähigkeit. Dennoch hält die Autorin an den vernünftigen und humanistischen Ideen fest und rekuriert sogar auf das Land der Dichter und Denker. Diese werden aber nicht nationalistisch gedeutet, sondern gleich in einen Zusammenhang mit den Dichtern und Denkern anderer Kulturen gebracht. Eine gerade für den ganzen „Klassismus-Diskurs“ unglaublich erfrischende Sache, dass hier endlich auch mal der Inhalt der Bildung gestreift wird, nicht immer nur die formale Analyse des Ausschlusses von Bildung oder die wertfreie Propagierung von Aufstiegschancen. Der Text ist eine seelische Erleichterung nach jahrelanger bildungssoziologischer Fixierung im Diskurs um soziale Ungleichheit im Bildungssystem. Wahrscheinlich könnte man sogar einem Goethe oder Schiller auf irgend eine Weise Klassismus unterstellen, was aber ans Absurde grenzen würde, stattdessen baut die Autorin eine humane Identifikation mit der Bildungstradition und den in ihr vermittelten Werten auf.
    Die Autorin verbindet die biographische soziologische Analyse mit der Eigensinnigen und geistigen Inhaltsebene der Bildung. Damit ist sie sowohl über die linke Ideologiekritik also auch über die bürgerliche Halbbildung und Abspaltung der Kultur von gesellschaftspolitischen Inhalten hinaus.

    Der Text spiegelt auch eine authentische soziale Erfahrung wieder, die reflektiert und durchgearbeitet wird und verharrt daher oft im Subjektiven, was ihn aber interesssant macht. Die Autorin gibt ihre kritische Haltung, die sie einst gegenüber der geschlossenen muslimischen Welt, aus der sie ausbrach, entwickelte, nicht auf und tritt in eine kritische Reflexion der bürgerlichen Kälte, des Primats der Ökonomie und der Mehrheitsgesellschaft ein. Als eine, die gleichsam aus einer anderen kulturellen Welt kommt, durchschaut sie die unbefragte und reflexhafte Praxis der Selbstverwertung, die die Basis aller Integration ist. Sie geht aber auch nicht zu einem rein materialistischen Diskurs über, sondern fordert indirekt die Erfüllung der versprochenen Werte wie Toleranz, Menschlichkeit, Gerechtigkeit, Freiheit. Der Text ist, so meine ich, auch ziemlich typisch für eine arbeiterliche Theoriebildung, da die subjektiven sozialen Erfahrungen den Ausgangspunkt für eine Analyse bilden und es sich nicht um „kalte“ Wissenschaft mit dem Ansproch absoluter Objektivierbarkeit oder Subjektlosigkeit handelt. Ein Arbeiterkind empfindet an einer nur feststellenden Wissenschaft ein Unbehagen, da die Wissenschaft ihrem identitätsbildenden Gehalt und ihrem Wahrheitsanspruch nach ernst genommen und zum Medium der Deutung der wirklichen sozialen Erfahrungen werden soll.
    Für diese Reflexionsform gibt es bislang kaum eine anerkannte Form, weder die wissenschaftliche Arbeit noch ein essayistischer Artikel. Dies aber ohne Notwendigkeit – natürlich könnte man auch wissenschaftliche Arbeiten anerkennen, die zwischen biographischer Erfahrung und ihrer soziologischen Deutung oszilieren und die eigene geistige Entwicklung vor dem Hintergrund biographischer Erfahrungen deuten und diese Deutung dann wieder rückbeziehen auf die eigene Biographie – dies ist der hermeneutische Zirkel einer arbeiterlichen Kultur. Typisch ist auch das Bestehen auf die Realisierung von Werten, das kenne ich von mir selbst und ich frage mich immer, woher dieser Idealismus kommt, den man ja besseren Wissens an den Tag legt, wenn man sich etwa mit der Marx’schen Analyse der kapitalistischen Gesellschaft beschäftigt hat. Offensichtlich spüren die Arbeiterkinder, die in die geistige Sphäre vorstoßen den ungeheuren Wert der philosophisch-literarischen Tradition und empfinden – im Gegensatz zum Bürgertum – deren gegenwärtige Relevanz und Lebendigkeit. Aber vorsicht! Gerade weil in der Praxis und eigentlich in allen menschlichen Beziehungen, sogar in den allerprivatesten Beziehungen, die ökonomische Anpassungs- und Leistungsfähigkeit die einzige Rolle spielt – was die Bürgerlichen wissen aber nicht verraten – ist das idealistische Arbeiterkind immer auch gefährdet. Also ruhig Blut, schauen wie die Realität wirklich ist in der bürgerlichen Gesellschaft und Reflektieren, dass die Realisierung der universalistischen Werte als wirkliche soziale Form des Zusammenlebens erst in einer nachkapitalistischen Gesellschaftsform möglich sein wir. Eine Einsicht, die durchaus auch mit Trauer einhergeht, weil ja die in der Schule und Kultur vermittelten Werte zunächst als unmittelbar realisierbar geglaubt wurden.

    Ein anderes Thema des Textes ist die Analyse der politischen Machtverhältnisse. Der Rassismus und die Konstruktion ungleichwertiger Menschenrgruppen wird als Herrschaftsstrategie des gegeneinander Ausspielens verschiedener Teile der Arbeiterklasse erkannt.

    Eine mögliche Praxis wäre die Mitarbeit in linken Organisationen, die sich gegen die Kapitalinteressen stellen. Ob das eine Alternative für die reflektierenden und analysierenden Arbeiterkinder ist, sollte in einem anderen Artikel einmal thematisiert werden.

  2. 2 Oleg 07. September 2010 um 17:00 Uhr

    UNMÖGLICH ZU LESEN … sorry.

    Georgia in 12px und kaum Zeilenabstand. Wen wollt ihr quälen. Hätte gerne DIESE BLEIWÜSTE gelesen, doch es geht einfach nicht. Sorry.

  3. 3 Administrator 07. September 2010 um 20:58 Uhr

    Hallo Oleg,
    mit „STRG +“ kannst du in der Regel die Bildschirmseite vergrößern. (Mit „STRG –“ gehts wieder kleiner.)

  4. 4 Olaf 08. September 2010 um 7:40 Uhr

    Wow, großartiger Text! Ich bin begeistert. Grüße

  5. 5 Graf von Heinrichsburg-Westfelde 08. September 2010 um 15:02 Uhr

    Sehr schön wäre es gewesen, wenn Goethe und Schiller nicht nur genannt werden, sondern man formuliert hätte, worin deren Humanitätsgehalt besteht. Ansonsten wirkt es so, als werfe man mit diesem Kulturgut um sich und ist dann eigentlich nicht anders als die Bildungsbürger. Auch dass „Ich“ ist etwas überstrapaziert. Wenn man von universellen Menschenrechten und Gleichheitsvorstellungen schreibt, dann ist es ja nicht nur die Autorin, die diese hat, sondern sie teilt sie mit vielen anderen Menschen, das hätte mehr betont werden müssen, sonst wirkt es etwas egozentrisch. Ich hoffe diese Kritik hilft bei dem ansonsten interessanten Text, der ein Licht auf die wirklichen Zustände in der Mehrheitsgesellschaft und den Verfall von Moral und Sittlichkeit wirft. Immerhin sind auch an Anklänge einer Versöhung mit der deutschen kulturellen Tradition der Dichter und Denker wenigstens benannt, die gegenüber der Wirtschaftsdiktatur und deren Werteindifferenz vermutlich ein weitaus humaneres Potential in sich trägt. Damit meine ich keinen Nationalismus, sondern eine Wertschätzung der geistigen Traditionen im deutschsprachigen Kulturraum. Es ist eine Art intuitiver Hinweis, wenn die Autorin sagt, dass statt deutscher Leitkultur ja nur die neoliberale Wirtschaftskultur herrscht.

  6. 6 claudia 17. September 2010 um 15:10 Uhr

    Ich schließe mich Olaf an. Ein ganz wunderbarer Beitrag,
    sehr berührend und, leider!!!, sehr, sehr wahr.
    Sie spricht mir aus der Seele und ich bin sehr froh,daß es
    solche Menschen noch gibt.In der Tageszeitung findet man solche
    Stimmen nicht.Leider. Ich denke, daß wird schon seine „Gründe“ haben.
    Könnte ich eigentlich abbestellen.
    Unerträglich finde auch ich derzeit bestehenden gessellschaftlichen Mißstände( die zunehmende Spaltung von Reich
    und Arm, die umgekehrte „Robin Hood“ Manier, die Raff, Macht-und
    Geldgier der o.Z.T., die Sprach, Stimmlosigkeit der Armen)
    Sehr erschrocken bin ich über die Zustimmung der Bevölkerung über die Äußerungen Sarrazins. Seine Verachtung gilt in erster Linie der Unterschicht, egal, ob deutsch oder mit ausländischen Wurzeln, und wie einst bei Westerwelle werden diese Gruppen
    (dort waren dies dann Geringverdiener gegen Hartz 4 Empfänger) aufeinader“gehetzt“. Ein Mensch wie Sarrazin ist in meinen
    Augen krank und kann leider auch, das wissen wir, sehr gefährlich werden !

  7. 7 Carl 24. September 2010 um 15:11 Uhr

    Könnt ihr dies bitte bloggen? Denn ich denke es ist wichtig!

    Sarrazin nicht in der Lage Korrelation zu interpretieren!

    Sarrazin schreibt in seinem Buch mehrmals, zum Beispiel auf S. 93: „Unter seriösen Wissenschaftlern besteht heute zudem kein Zweifel mehr, dass die menschliche Intelligenz zu 50 bis 80 Prozent erblich ist.“

    In der in einer Fußnote angegeben Quelle jedoch steht: „Die hohen Langzeitstabilitäten in der Intelligenzleistung, die bereits in der frühen Kindheit um r = .50 betragen und ab der späten Kindheit auf über r = .80 ansteigen, sprechen für das Vorliegen eines stabilen Persönlichkeitsmerkmals“

    r ist jedoch keine Angabe für Prozent bei r handelt es sich um die Korrelation nach Spearman.

    Eine Korrelation nach Spearman von r = .50 bedeutet aber, dass ein Merkmal zu 25 Prozent (!) nicht 50 Prozent durch eine Variable zu erklären ist. Der IQ ist also selbst nach Sarrazins Quellen nicht zu 50 bis 80, sondern zu 25 bis 64 Prozent erblich.

    Nicht zu fassen. Unser Bundesbankvorstand versteht nicht, was eine Korrelation ist. Das weiß doch jeder Erstsemester!

    Quelle: Volker Eichener, Professor für Politikwissenschaft und Rektor der EBZ Business School – University of Applied Sciences, Bochum

    http://www.rohmert-medien.de/immobilienbrief/analyse-die-seltsamen-methoden-des-thilo-sarrazin,108286.html

  8. 8 Carl 24. September 2010 um 16:00 Uhr

    Dieser Fehler, r als Prozentangabe statt als Korrelation zu intepretieren, ist Sarrazin nach Angaben von Eichner anscheinend auch an anderen Stellen mehrmals unterlaufen. Das beieinträchtigt natürlich die Aussagekraft eines Buches, das angibt sich auf Statistiken zu stützen, ganz gewaltig, wenn der Autor die einfachsten Grundlagen der Statistik nicht versteht.

    Es wundert mich, dass das bei dem ganzen Medienrummel vorher noch keinem aufgefallen ist. Wahrscheinlich wohl, weil Journalisten von Statistik oft selbst keine Ahnung haben.

  9. 9 Andreas 24. September 2010 um 16:37 Uhr

    Hallo Carl,

    ich werde den Text oben unter deinen Namen bloggen. Danke!

    Andreas

  1. 1 Dishwasher Spezial: Sarrazin-Debatte « Dishwasher Pingback am 13. September 2010 um 14:24 Uhr
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