Master für Reiche – Raster für Arme

Traurige Gedanken in einem Seminar / Sommersemester 2006

Von Esra Ayse Onus

Ich würde gerne eine Bemerkung anbringen, aber ich traue mich irgendwie nicht! Es ist halb 12. Eine intensive Diskussion über Studiengebühren ist wieder mal entfacht. Im Seminarraum zeichnet sich eine breite Zustimmung zur Einführung von Studiengebühren ab, vom Dozenten ganz zu schweigen, seine lang ersehnte Vorstellung von Harvard-ähnlichen Gebührensätzen kann man von seinen leicht dollarisierten Augen ablesen. Die Kühle in den Blicken der Kommilitonen und das Scheininteresse des Dozenten an wirklichen Studi-Problemen verbieten mir, jegliche Kommentierung vorzunehmen. So ruhen und gedeihen meine feigen Gedanken in mir.
Ja, verdammt nochmal, ich habe Angst vor stöhnenden Stimmen und gering schätzenden Blicken, vor Unverständnis, Sarkasmus und abwinkenden Antworten. Ich bin – jedenfalls auf dem Campus – eine Minderheit in der Minderheit. Eine Studentin aus einer Arbeiterfamilie mit Migrationshintergrund! Ich will nicht der Subjektivität frönen und meine Situation und Empfindungen thematisieren, mich outen und bestätigt bekommen, dass man mir meine Probleme ja sowieso ansieht…

So schließe ich langsam meine geistigen Augen und lasse das Seminar und seine Diskussion in der Wirklichkeit zurück. Ich tauche in meine Gedankenwelt ein, gebe mich meinen gedachten, in jener Geisteswelt flüssigen Gedanken hin und springe von einem Gedanken zum nächsten. Manchmal offenbaren sich die Gedanken so, als sollten sie ausgesprochen und mit anderen geteilt werden:

Dass die Welt in all ihren sozial begrifflichen Aspekten ungerecht ist, wissen alle gewissermaßen a priori schon. Dass unsere Gesellschaft in diesem Sinne auch nicht gerade gerecht strukturiert ist, ist irgendwie kein Rätsel, mehr ein natürliches Selbstverständnis. Ich will und kann in diesem Zusammenhang keine soziologischen Deutungsmuster anbringen. Aber wenn Gesellschaft und Bildung in einem Kontext betrachtet werden, ist es auch wirklich nichts Phänomenales, gravierende Probleme festzustellen. Dass das dreigliedrige Schulsystem – als Beispiel – einem sozioökonomischen Selektionsprinzip zugute kommt, dürfte den Meisten klar sein. Jedenfalls ist die Zusammensetzung der Hauptschüler ein gesellschaftlicher Spiegel der Unterschicht, genauso wie es sich mit Gymnasiasten und Oberschicht verhält. In der Realschule finden sich jeweils die Besten der Unterschicht und die Schlechtesten der Mittelschicht in einer ambivalenten Symbiose zusammen. Was Gesamtschulen gesellschaftlich repräsentieren, ist mir noch nicht ganz klar, aber egal…
Es geht um Studiengebühren und die Diskussion ihrer sozialen (Un)Verträglichkeit. Die gesamtgesellschaftliche Perspektive kann dabei nicht ganz weglassen werden: Schon jetzt sind Kinder aus Arbeiter- bzw. Hartz IV-Familien im akademischen Umfeld eher die Ausnahme. Denn die soziale Herkunft determiniert im Groben und Ganzen den Bildungsgang.
Ist doch logisch! Wenn deine Eltern reich sind, räumen sie dir um jeden PREIS jeden besten Weg zur Bildung frei. Garantiert wirst du frühzeitig mit Literatur und Wissen konfrontiert, bekommst jeden Tag eine adäquate Zeitung zu Gesicht, fährst in deinem Leben in mindestens drei verschiedenen Kontinenten in Urlaub und kannst somit ohne großen Eigenaufwand über ein Allgemeinwissen verfügen, das ein Arbeiterkind im Idealfall nur erlangt, wenn es ein Genie ist. Denn dieses lernt Bildung so gut wie nie kennen, allemal nur als Laster; das Lesen von Literatur ist ihm anstrengend, weil es erst in der Schule ein Buch in die Hand bekommt. Während Clara von Bonzenhaus ehrgeizig vor der Einschulung bereits alle Buchstaben schreiben und lesen und im Rechnen die Zehner- und Hunderterreihen rauf und runter addieren und multiplizieren kann, kommt ihr Klassenkamerad Luca Arm ganz schön ins Stocken, wenn es an Buchstaben und Zahlen denkt. Schon im zartesten Alter kann der Bildungsgang eines jeden Kindes mit höchster Genauigkeit vorhergesagt werden. Dieser Umstand wurde dank PISA Ergebnisberichte von Politik und Gesellschaft endlich auch offiziell zur Kenntnis genommen: Dass die Bildungschancen eines Menschen ausschließlich von seiner sozialen Herkunft abhängen! Im Klartext lautet das: „Hast du was, lernst du was!“ oder im Descartes’schen Sinne („Cogito, ego sum!“) stark abgewandelt „Ich habe, also denke ich!“. Bildung ist nach wie vor der Luxus einer auserwählten und privilegierten Elite, die sich in dieser Schicksalsgesellschaft in Hab und Gut zusammengefunden hat. Der Rest bleibt von diesem Luxus namens Uni-Abschluss verschont. Wieso so zynisch?

Auch wenn Bildung und Wissen in diesem Kontext dasselbe meinen wollen, meinen sie doch was ganz anderes. Bei der Diskussion gegen die Einführung von Studiengebühren ist nicht der Gedanke unerträglich, dass Wissen einer breiten Gesellschaftsschicht vorenthalten wird; denn Wissen hat schon längst seine eigentliche Quintessenz verloren. Worum es eigentlich geht, ist die Chancengleichheit im Erwerb einer angemessenen und chancenreichen Qualifikation, die man momentan durch ein Studium erreichen kann. So bitter die Wahrheit auch ist, man kann bei der vehementen Ablehnung von Studiengebühren auf das Argument von Bildung als allgemeines Gut und Recht zurückgreifen, aber dass man dabei die Gefahr der Selbsttäuschung läuft, sollte einem auch klar sein. Studiengebühren werden zweifellos für eine gesellschaftliche Etablierung und Prestigesteigerung des Studiums sorgen, denn je teurer und unzugänglicher die Universität wird, desto wertvoller und qualitativer wird sie nach außen hinwirken. Außerdem werden nur noch Reiche jedenfalls finanziell sorgenfrei ein Studium aufnehmen und bis zum Master ohne quälende und massige Aushilfsjobs zu Ende studieren. Der Rest wird es sich unzählige Male überlegen, ob er überhaupt ein Studium aufnehmen soll. Die Ärmsten der Armen werden sowieso durch das Raster fallen und so gut wie nie nach oben in die höhere Etage der Gesellschaft ankommen. Denn war bis heute die soziale Ungerechtigkeit noch so gerecht, dass auch unter unwahrscheinlichen Bedingungen sich ein Arbeiterkind in die Universität verirren konnte, so wird sich die Situation nach der Einführung von Studiengebühren natürlich komplett verändern: Im universitären Bereich werden dann so gut wie keine Arbeiterkinder mehr zu sehen sein, und wenn doch, dann höchstens als Maler oder Reinigungshilfe. Es zeichnet sich in meiner Vorstellungswelt jetzt schon eine Utopia ab: Die Elite verweilt unter sich fern von jeglichem sozialen Abschaum. Herrlich!

Die Sitzung naht ihrem Ende zu. Mein viertelstündiges Brainstorming über Studiengebühren hat mich wie in allen sozialpolitischen Diskussionsthemen aus der noch erträglichen Realität in die Frustration geführt.
Die armen Armen, die den reichen Reichen gegenüber in jeder Situation unterlegen, macht- und stimmlos sind, sind es auch in der Entscheidung über die Einführung von Studiengebühren. Denn nur wer es sich leisten kann, die geforderte Summe an Studiengebühren zu bezahlen, wird sich dafür cool und lässig einsetzen, d.h. Studenten, die Studiengebühren gutheißen, stammen aus reichen Familien. Und wenn diese Entscheidung die gegenwärtigen Bedingungen berücksichtigen würde, würde man so eine sozioökonomische Falle wie Studiengebühren nicht ernsthaft als Zugangsvoraussetzung in die Bildungs- und Wissenslandschaft bauen, damit Reiche zum Master kommen und Arme durch das Raster fallen..

Nachtrag: Dieser Artikel wurde 2006 ursprünglich für den Semesterspiegel [Studierendenzeitung aus Münster, TD], geschrieben, aber ohne Begründung nicht veröffentlicht. Damals war die Einführung von Studiengebühren ein aktuelles Thema, das – so dachte ich – zentraler Gegenstand von Debatten im marginalisierten studentischen Polit-Milieu sein müsste. Heute – nach der Einführung von Studiengebühren – steht jedenfalls in Nordrhein-Westfalen die Abschaffung der Studiengebühren in der politischen Diskussion, was immerhin ein sehr kleiner Trost für Studierende, die auf jeden Cent angewiesen sind, sein würde.

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2 Antworten auf „Master für Reiche – Raster für Arme“


  1. 1 Carl 07. September 2010 um 23:06 Uhr

    Hi,
    wisst ihr eigentlich, ob sie nun wirklich abgeschafft werden sollen in NRW? Ich hörte nämlich, dass man es aus Kostengründen doch nicht tun will.
    An meiner Uni ist zum Glück die breite Mehrheit gegen Studiengebühren (hängt aber natürlich auch vom Fach ab). Ich fühle mich oft recht priviligiert, dass ich eines dieser angeblichen „Laberfächer“ studiere, denn das hat dazu geführt, dass ich wenigstens anständige Kommilitonen habe. Ich weiß von den BWL-Studenten, dass das bei ihnen ganz anders ist.

  2. 2 Administrator 08. September 2010 um 11:29 Uhr

    Ja, die Studiengebühren sollen abgeschafft werden. Soweit ich weiß gibt es zwischen LINKE und SPD/GRÜNE einen Streit um den Zeitpunkt der Abschaffung. Die LINKE ist für einen früheren Zeitpunkt.

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