Eltern geben der Schule schlechte Zensuren

Pressemitteilung 08.09.10 | 1. JAKO-O Bildungsstudie: Note „mangelhaft“ – Eltern geben der Schule schlechte Zensuren – Repräsentative Studie: 3.000 Eltern beurteilen das Schulsystem

Ohne Eltern geht es nicht: Mama oder Papa als Nachhilfelehrer, das ist eher die Regel als die Ausnahme in deutschen Familien. 94 Prozent der Eltern fühlen sich verpflichtet, sich intensiv um die schulischen Leistungen ihrer Kinder zu kümmern. Doch dieses Engagement geht auf Kosten des Familienlebens – und ärgert viele Eltern. Elternumfrage von Jacko-OZwei von drei Eltern haben das Gefühl, vieles von dem zu leisten, was eigentlich Aufgabe der Schule ist, ergab die „1. JAKO-O Bildungsstudie“. Für die repräsentative Untersuchung befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid bundesweit 3.000 Eltern mit Kindern zwischen 3 und 16 Jahren. Fazit der Studie: „Es besteht eine große Differenz zwischen dem, was Eltern von Schule erwarten und dem, was dort tatsächlich passiert“, erklärte JAKO-O Chefin Bettina Peetz bei der Präsentation der Studienergebnisse in Berlin.

Ob die Forderung der Eltern in Niedersachsen nach mehr Gesamtschulen, die nicht abreißende Debatte um die gescheiterte Schulreform in Hamburg, der Streit um die Gemeinschaftsschulen in Nordrhein-Westfalen oder die Frühförderung in Kitas: Das Thema Bildung bewegt – und das deutsche Bildungssystem steht in der Diskussion wie nie zuvor. Welchen hohen Wert Bildung hat, zeigt auch die JAKO-O Bildungsstudie deutlich: Für so gut wie alle Eltern ist sie das A und O. 99 Prozent der Mütter und Väter sind der Ansicht, dass eine gute Schulbildung wichtig für den späteren Lebenserfolg der Kinder ist, ergab die Untersuchung.

Chancengleichheit geht Eltern vor Elitedenken

Besonders am Herzen liegt Eltern, dass in Zukunft alle Kinder von der Schule profitieren. Für 87 Prozent sollten gleiche Bildungschancen für alle Kinder eines der wichtigsten Ziele der Bildungspolitik sein. 81 Prozent sind der Meinung, dass vor allem lernschwache Schüler gefördert werden sollten, damit diese nicht abgehängt werden. Für eine besondere Förderung hoch begabter Schüler sprachen sich 52 Prozent aus. Dass der Leistungsgedanke im Vordergrund stehen sollte, ist für lediglich 32 Prozent der Eltern wichtig.

„Vergleicht man diese Ergebnisse mit älteren Elternbefragungen, so fällt auf, dass im Jahre 2010 die Eltern wesentlich entschiedener für mehr Bildungsgerechtigkeit eintreten“, so der Bildungsforscher Professor Dr. Klaus-Jürgen Tillmann von der Universität Bielefeld. Die JAKO-O-Studie zeige „in bisher nicht bekannter Deutlichkeit“, dass die vor allem aus den PISA-Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse zur Bildungsungerechtigkeit nun auch in der Breite der Bevölkerung angekommen sind.

Elternwünsche bisher kaum verwirklicht

Die Probleme werden von den Eltern sehr wohl wahrgenommen – auf die Realität in den Klassenzimmern wirkt sich das bisher aber nicht aus: Am ehesten ist nach Ansicht der Befragten das Leistungsprinzip umgesetzt – 25 Prozent halten es für „sehr stark“ verwirklicht. Gleiche Bildungschancen für alle und eine Förderung lernschwacher Schüler sind dagegen nur für jeweils 7 Prozent „sehr stark“ realisiert.

Eltern als Nachhilfelehrer – Familien unter Druck

Bestätigt hat die Studie das Bild von Eltern als (unfreiwilligen) Nachhilfelehrern. Zwar halten 73 Prozent der Eltern ihr Kind in der Schule gerade für richtig gefordert. Aber für 90 Prozent hängt der Erfolg in der Schule maßgeblich von der Unterstützung der Eltern bei den Schularbeiten ab. 78 Prozent beschäftigen sich nach eigener Aussage sehr oder eher intensiv mit der Schule und den Schularbeiten ihrer Kinder. Und nur 54 Prozent der Befragten sagten, dass ihr Kind den Anforderungen allein gewachsen sei. Dieser Widerspruch zeige deutlich, dass das System nicht funktioniert, so Bettina Peetz, die selbst Mutter von drei schulpflichtigen Kindern ist.

Schule überfordert auch viele Eltern

67 Prozent der Eltern beklagen, sie müssten vieles von dem übernehmen, was eigentlich die Schule leisten sollte. Das hat Folgen für das Familienleben: 55 Prozent der Eltern beschweren sich über Zeitdruck. 20 Prozent gaben an, sich oft überfordert zu fühlen. Die Schule delegiert viel zu viele Aufgaben an die Eltern, weiß JAKO-O Chefin Bettina Peetz aus eigener Erfahrung. Das gehe auf Kosten der „guten Zeit“ mit den Kindern. „Wenn Eltern sich auch noch intensiv um die Schule kümmern müssen, bleiben auf jeden Fall Familienleben und Erziehung auf der Strecke.“ Hier deutet sich die „Schattenseite“ des hohen Bildungsengagements von Eltern an, bestätigt Professor Tillmann: „Nicht alle können diese Erwartungen erfüllen – und gerade die Kinder, die zusätzliche Unterstützung besonders nötig haben, können sie von ihren Eltern oft nicht bekommen.“

Eltern kritisieren das System – nicht die Lehrer

Ein positiv überraschendes Ergebnis der 1. JAKO-O-Bildungsstudie: Eltern gehen zwar mit dem Schulsystem hart ins Gericht. Mit den so oft gescholtenen Lehrern sind sie dagegen überwiegend zufrieden. Aus Sicht von 75 Prozent der Eltern sind Lehrer im Grunde gerecht. 71 Prozent halten Lehrer für engagiert. Neue Unterrichtsformen setzen Lehrer nach der Erfahrung von 60 Prozent der Befragten ein. 56 Prozent der Eltern meinen, dass Lehrer alles tun, damit auch die weniger starken Kinder mitkommen. Und noch ein erfreuliches Ergebnis zum Schluss: Eltern mögen vieles bemängeln – der überwiegenden Mehrheit der Mädchen und Jungen gefällt es in der Schule trotz allem. 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen gehen laut der Umfrage gerne in die Schule.

Alle Ergebnisse der 1. JAKO-O Bildungsstudie stehen zum Download im Internet bereit:
www.jako-o.de/presse_bildungsstudie

Aktuelles Bildmaterial von der Pressekonferenz finden Sie hier:
ftp://jako-o-presse:ja9-Press7@ftp.mastermedia.de

Studiensteckbrief:

Für die repräsentative Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut TNS Emnid im Auftrag von JAKO-O 3.000 Eltern mit Kindern zwischen 3 und 16 Jahren. Befragt wurden Eltern aus dem gesamten Bundesgebiet. Die Interviews erfolgten per Telefon von Mitte Juni bis Anfang Juli 2010.

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