Gibt es eine Eugenik-Debatte?

Von Andreas Kemper

Mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ wurde von BILD-Zeitung und SPIEGEL erstmals seit langem ein Eugenik-Buch zum Bestseller gepusht.
Sarrazin hatte sich vor seinem Lettre-Interview bereits mit klassistischen Äußerungen hervorgetan. Ab Oktober 2009, mit dem Interview mit dem Magazin „Lettre International“, vertrat er erstmals in aller Deutlichkeit eugenische Thesen. Allerdings nicht explizit. In der ganzen Debatte wurde bisher von den Eugenik-Vertretern der Begriff Eugenik vermieden. Warum? Und ändert sich das gerade? Zunächst gehe ich auf die aktuelle Eugenik-Diskussion ein

Google-Suchaufrufe der Begriffe Rassismus und Eugenik

Um empirisch zu überprüfen, ob häufiger über Eugenik gesprochen wird, seit Sarrazin Buch erschien, habe ich auf Google Insight for Search zurückgegriffen. Mit diesem Werkzeug lässt sich zeigen, wie oft ein Begriff aufgrerufen wird. Als Vergleichswert nahm ich neben dem Begriff „Eugenik“ auch den Begriff „Rassismus“, da Sarrazin oft neben der Propagierung von Eugenik auch Rassismus vorgeworfen wurde. Hier das Ergebnis:


Vergleich Eugenik – Rassismus,
2004 bis heute

Von 2004 bis heute wurde sehr viel häufiger der Begriff ‚Rassismus‘ bei der Google-Suche eingegeben als der Begriff ‚Eugenik‘. ‚Rassismus‘ ist als Suchbegriff leicht rückläufig, ‚Eugenik‘ verharrt auf dem geringen Niveau.

Vergleich Eugenik – Rassismus,
die letzten dreißig Tage

Mit dem 22. August, dem Datum des Bekanntwerdens von „Deutschland schafft sich ab“ explodiert die Google-Sucheingabe „Eugenik“. Am 10. September wurde erstmals dreimal so häufig nach dem Begriff „Eugenik“ gesucht wie nach dem Begriff „Rassismus“.

Die deutschen Vererbungstheoretiker: Weiss, Rindermann, Sloterdijk, Heinsohn

„Klasse statt Masse“ – Der eugenische Startschuss

Mit dem Buch „Deutschland schafft sich ab“ wurde von BILD-Zeitung und SPIEGEL erstmals seit langem ein Eugenik-Buch zum Bestseller gepusht. Sarrazin hatte sich vor seinem Lettre-Interview mit klassistischen Äußerungen hervorgetan. Ab dem Interview „Klasse statt Masse“ im Magazin „Lettre International“ vertrat er erstmals in aller Deutlichkeit eugenische Thesen.
In der Debatte damals wurde kaum die Eugenik benannt. Als erster wies ich in dem Artikel „Sarrazins Sozialeugenik“ auf seine rassenhygienischen Inhalte hin (16.10.2010). Es folgten im Abstand von zehn bzw. zwanzig Tagen ein Beitrag von Professor Reiner Rilling im Blog der Rosa-Luxemburg-Stiftung und ein Beitrag von Christian Staas in der Zeit-Online.
Aufgrund seiner rassistischen Thesen musste sich Thilo Sarrazin einem Parteiausschlussverfahren stellen. Doch trotz Gutachten nahm die Schiedskommission im März 2010 die rassenhygienischen bzw. eugenischen Argumentationsmuster nicht wahr, sondern argumentierte mit einem ethnisch verengten Rassismus-Begriff: Sarrazin greife auch die deutsche „Unterschicht“ an und sei daher nicht rassistisch und könne daher in der SPD bleiben. Eine Debatte um die Eugenik-Thesen Sarrazins blieb aus.

„Transferbabys“ Heinsohns Einsatz

Zeitgleich jedoch machte Heinsohn von sich reden mit Angriffen auf die sogenannte „Unterschicht“, die sich mit ihren „Transferbabys“ ungehemmt vermehre. Vorbereitet wurde der menschenverachtende Artikel in der WELT-Online durch Peter Sloterdijk. Sloterdijk verteidigte Ende 2009 Thilo Sarrazin in seinem „Bürgerlichen Manifest“, einem schlecht geschriebenen Essay im „Cicero“ und rief dazu auf, Gunnar Heinsohn zu lesen, dessen Elaborat der Menschenfeindlichkeit eine Woche später erschien.
Seither hat Heinsohn eine Menge ähnlicher Artikel in Zeitungen wie WELT und FAZ verfasst. Er beruft sich auf die Intelligenz-Vererbungsdebatte um die sogenannte „Bell Curve“ in den Vereinigten Staaten. Die us-amerikanischen Vererbungstheoretiker verloren seinerzeit die Debatte unter anderem deshalb, weil sie viele Mitschreiber aus dem Umfeld der Eugenik-Zeitschrift „Mankind Quarterly“ aufwiesen.

„Mankind Quarterly“ – vom Rassenhygieniker Verschuer zum „Intelligenzforscher“ Volkmar Weiss

„Mankind Quarterly“ wurde vom deutschen Rassenhygieniker Ottmar Freiher von Verschuer mitgegründet. Verschuer war der Doktorvater vom KZ-Arzt Josef Mengele. Verschuer arbeitete mit Mengele zusammen, verwandte die „Proben“ seiner Menschenexperimente in Auschwitz, wurde nach dem Krieg Direktor des Medizin-Instituts in Münster, gründete dort das Zentrum für Humangenetik, sammelte Eugeniker um sich und schrieb munter weiter Bücher über Eugenik.
Derzeitiger deutscher Mitherausgeber des Eugenik-Magazins „Mankind Quarterly“ ist Dr. Dr. Volkmar Weiss.
Ich lernte Volkmar Weiss und seine vielen Undercover-Accounts virtuell kennen in Wikipedia, wo er seine „wissenschaftlichen Arbeiten“ in allen möglichen Artikeln unterzubringen versuchte und auf diese verlinkte. Obwohl ich und andere ihm mehrfachen Missbrauch von Wikipedia-Regeln nachweisen konnten, schützen ihn wahrscheinlich seine Doktortitel vor einem sofortigen und infiniten Rauswurf – ein Verfahren, welches sonst viel schneller bei sehr viel geringeren Vergehen üblich ist. Schließlich überspannte er den Bogen und musste die Wikipedia-Arbeit einstellen.

Die Bedeutung der Vererbung: Heiner Rindermann

Dr. Dr. Volkmar Weiss reagierte mit einem Rachefeldzug gegen meine Person, und das gehört hier insofern hin, als er mir vorwarf, ich hätte versucht, am Institut für Erziehungswissenschaften in Münster eine Stellenbesetzung durch Professor Rindermann zu verhindern. Zuviel der Ehre, ich erfuhr erst später davon, aber so ticken nun mal Verschwörungstheoretiker. Bereits in Wikipedia verwies Weiss auf die Zusammenarbeit mit Rindermann und wollte die PISA-Ergebnisse als Intelligenztests verstanden wissen, die zudem auf gruppenspezifisch vererbare Intelligenzunterschiede hinwiesen. Vor ein paar Jahren gab es eine kleine diplomatische Verwicklung mit der türkischen Regierung, die die These von Volkmar Weiss zurückwies, Türken seien genetisch dümmer. Wenn einem diese „wissenschaftliche Erkenntnis“ bekannt vorkommt, dann liegt dies an Thilo Sarrazin, der bereits vor der Veröffentlichung seines Bestsellers diese These wiederholte und wiederum für Aufsehen sorgte.
Thilo Sarrazins Thesen werden von den Fachwissenschaften zurückgewiesen, so verwahrte sich der „Verband der Biowissenschaftler“ (VBIO) gegen die These der gruppenspezifischen Vererblichkeit von Intelligenz. Beigesprungen ist ihm hingegen der Psychologe Rindermann. Rindermann war aber selber auch in die Kritik geraten für ein Interview mit dem Deutschlandfunk. Hier äußerte er die Thesen:

„zwischen den Rassen, wenn man diesen Begriff wählt, also zwischen Weißen, zwischen Schwarzen und zwischen Asiaten als die drei Großgruppen“

gebe es genetische Unterschiede und

„Menschen mit bestimmter genetischer Ausstattung suchen sich eine andere Umwelt aus und beeinflussen auch ihre Umwelt in einer bestimmten Form, wie es ihren Genen eher entspricht und wie sie sich auch dann besser entwickeln können. Also, zum Beispiel Intelligentere gehen eher länger in die Schule, auf Universitäten, und die weniger Intelligenten, die meiden eher solche Umwelten.“

Eugenik verschweigend thematisieren

Mit Rindermann, Weiss, Heinsohn und Sloterdijk haben wir die deutschsprachige Grundlage der eugenischen Vorstellungen des Thilo Sarrazin. In der taz wies Ulrike Herrmann ebenso wie Frank Schirrmacher in der FAZ darauf hin, dass Sarrazin den Begriff „Eugenik“ meide, obwohl er sich positiv auf den Begründer der Eugenik, Galton, beziehe, und davon spreche, dass man „dysgenetische Effekte“ vermeiden müsse.
Auf den Begriff „Dysgenik“ stieß ich das erstemal in einer Wikipedia-Auseinandersetzung mit Volkmar Weiss – wer den Begriff „Dysgenik“ kennt, der muss sich auch explizit mit Eugenik auseinandergesetzt haben. Wir können hier also Thilo Sarrazin fragen, ob er eine Strategie damit verfolgt, den Begriff Eugenik zu vermeiden. Und nicht nur Sarrazin ist in seinem „verschweigendem Thematisieren“ der Eugenik zu hinterfragen, sondern auch die anderen Herren, die von gruppenspezifischer Vererbung von Intelligenz (und Sozialverhalten), von gruppenspezifischer Fruchtbarkeit und vom Untergang des Abendlandes schwadronieren.

Eugenisches Denken im Elterngeld- und Schulkampf-Diskurs

Nicht nur die oben genannten Akademiker propagieren eine Vererbungsideologie, sondern der Eugenik-Diskurs durchzieht seit langem unterschwellig die Familien-, Sozial- und Bildungspolitik.
Das Elterngeld ist von diesen eugenischen Denkmustern ebenso durchzogen wie der Schulkampf in Hamburg. 2004 wurde bereits von Daniel Bahr darauf verwiesen, dass „in Deutschland die Falschen die Kinder kriegen“. Im Zuge dieser Debatte um qualitative Demographie wurde das Elterngeld eingeführt. Der Hamburger Schulkampf spitzte die Argumente der Begabungsideologie soweit zu, dass die NPD ihre Zeit gekommen sah und ihre eugenischen Vorstellungen in die Schulpolitik einbrachte. Beim Hamburger Schulkampf muss man sich zudem fragen, ob man nicht die falschen Freunde hatte, wenn Klaus von Dohnanyi (SPD) an der Front für die Schulreform sprach und er nun die Vererbungsthesen von Sarrazin verteidigt und sogar noch weitergeht und von „Sozialen Rassen“ spricht.

Rassismus der Intelligenz
oder
„Schon Hitler lehnte Intelligenztests ab“

Der Hinweis auf die Eugenik und wohin die Eugenik in Deutschland führte, wird als „Auschwitz-Keule“ bezeichnet. Das hindert die Eugeniker nicht daran, ihrerseits ihre Gegner in die Nähe Adolf Hitlers zu rücken. Schließlich lehnte dieser die Intelligenztests als „jüdisch“ ab.
Das Problem jedoch sind zunächst nicht Intelligenztests. Das Problem besteht darin, dass einerseits Intelligenz zum Kritierium für gesellschaftliche Teilhabe und Bildungsaufstieg gemacht wird, andererseits aber Intelligenz gar nicht mehr als individuelle Eigenschaft, sondern als eine weitgehend unveränderbare Volks- und Schichtseigenschaft betrachtet wird. Man braucht überhaupt keine individuellen Intelligenztests, wenn man – wie die Eugeniker – ein für allemal grob nachweist, dass die deutsche Unterschicht und die Einwanderer aus der Türkei und dem arabischen Raum generell dümmer sind.
Tatsächlich verweigern ja die Befürworter einer frühen sozialen Selektion die individuelle Messung von Intelligenz. Sie erwarten, dass ihre Kinder qua vererbter schichtspezifischer Intelligenz Privilegien erhält, qua Geburt, die die höhere Intelligenz automatisch garantiere. Wir wissen, dass die Selektion nach der vierten Klasse nicht nach Leistung und Intelligenz erfolgt, sondern aufgrund der sozialen Herkunft. Ebenso sprechen sich ausgerechnet die Befürworter dieser Selektion am Stärksten gegen eine Lehrerempfehlung für die weiterführende Schule nach der vierten Klasse aus. Es sollen eben keine objektiven Leistungskriterien herhalten. Man möchte respektiert wissen, dass die Kinder in die Fußstapfen ihrer Eltern treten dürfen und möchte alle störenden Elemente eliminieren.

Eugenik: Wohlgeborene gegen Falschgeborene

Dies ist der Grund für die Eugenik-Theorien Sarrazins. Sie sind die ideologische Unterfütterung eines Rassismus der Intelligenz, der Intelligenz nicht mehr als individuelle Eigenschaft sieht. Und hier trifft man sich durchaus mit Hitler, um dieses Bumerangargument zuende zu führen: man will sich und seine Kinder nicht immer mit den Falschgeborenen messen, es muss doch mal reichen, wohlgeboren zu sein, zur richtigen ethnischen oder sozialen „Rasse“ zu gehören.
Insofern ist die vom SPD-Vorstand getroffene Entscheidung, Thilo Sarrazin aufgrund seiner Eugenik-Propaganda aus der SPD zu werfen, nur zu unterstützen. Aber die Sozialdemokratie sollte konsequent sein und auch die Begabungsideologie, wie sie sich im schleichenden Umbenennungen von Chancengleichheit in Chancengerechtigkeit zeigt, in der Vergabe von Stipendien, im selektierenden Schulsystem und gerade auch im Elterngeld, auf eugenische Denkmuster untersuchen.

Dies ist der Kern der aktuellen Eugenik-Debatte, die noch nie vorbei war.


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