Was ist das Ziel von Bildungspolitik?

von Jens Wernicke

Progressiv-humanistische Kräfte beantworten diese Frage mit: Bildung selbst. Ziel von Bildungspolitik muss es sein, jedem Menschen einen guten, qualifizierten, emanzipativen Schulabschluss zu ermöglichen: Wo es hundert Kinder verschiedener sozialer Herkunft und verschiedener „Leistungen“ (die eben nichts über Biologie und Potential, sondern vielmehr etwas über Exklusionen und Benachteiligungen aussagen) gibt, sollen alle diese Kinder in die Lage versetzt werden, sich als menschliche Wesen in einer ihnen gerechten (Bildungs-)Umwelt zu entfalten, 100 von 100 Kindern sollen mindestens einen Realschulabschluss, besser noch ein Abitur erreichen.

Weniger progressive Kräfte beantworten diese Frage mit: Das Ziel von Bildungspolitik ist Chancengleichheit. Das bedeutet dann: In einer Welt (vermeintlich) stets knapper Ressourcen findet man sich damit ab, dass nicht „Bildung“ oder ein „gutes Leben“ für alle gleichermaßen möglich ist. Wenigstens aber will man, dass alle die gleichen „Chancen“ hierauf haben. Konkret: Es bleibt gesetzt, was strukturell bestehend ist, exemplarisch eben, dass die Gesellschaft auf hundert Kinder nur zehnmal die Möglichkeit, ein Abitur zu erwerben, bereithält. Der Unterschied zum Bestehenden ist nur, dass man meint, Benachteiligungen beseitigen zu müssen und hierüber Gerechtigkeit zu erreichen: Während klar ist, dass die 10 aus 100 Kindern, die aktuell – und in diesem exemplarischen Bild – ein Abitur machen, die Kinder von Bessergestellten sind, wäre es in einem „chancengerechten“ Bildungssystem alsdann so, dass unter gleichen Wettbewerbsbedingungen in der Konkurrenz, bei (fiktivem) Fortfallen also aller Benachteiligungen, die 10 wirklich „leistungsstärksten“ Kinder ein Abitur machten, die anderen 90 aber nicht. „Chancen“ jedoch, die „Chance“ auf Bildung, haben 100 von 100 Kindern gehabt. Und das ist dann eben „gerecht“. Sich den Kapitalismus als derart gestaltbar vorzustellen, dass er armen und reichen Menschen gleiche „Chancen“ bietet, bieten könnte, grenzt dabei an eine intellektuelle Meisterleistung – und negiert nicht nur, aber auch, was bspw. Bourdieu über Distinktion und kulturelles Kapital herausgefunden hat und aber auch über Makro-, Meso- und Mikro-Ebene klassistischer Benachteiligung konstatiert werden muss.

Nicht mehr progressiv zu nennende Kräfte beantworten diese Frage mit: Chancengerechtigkeit ist das Ziel von Bildungspolitik. „Im Begriff der „Gerechtigkeit“ ist unvermeidbar eine höhere Instanz fantasiert, die über „Recht“ oder „Unrecht“ entscheidet. Wo in der Demokratie politisch über Interessen verhandelt und entschieden wird, zwischen Einzelnen und Gruppen – dem Ideal nach in Augenhöhe miteinander –, wird hier nun von oben herab über Interessen und Gerechtigkeit entschieden. Kurz: in diesem emphatischen Begriff der „Gerechtigkeit“ steckt im Unterschied zur nüchternen „Gleichheit“ ein Stück undemokratischer Autorität oder undemokratischer Sehnsucht nach Autorität. Dies gilt umso mehr, wenn es um politische, soziale und ökonomische Interessen geht, die sich gar nicht alle durch obersten Richterspruch regeln lassen. Vor allem dann nicht, wenn sich dieser „Gerechtigkeits“-Begriff zusammentut mit dem Begriff der „Chancen“, und an dieser Stelle wird der Begriff geradezu heimtückisch und verbirgt einen heimtückischen Hinterhalt“ (http://www.weltderarbeit.de/start157.pdf). Der Hinterhalt besteht, kurz gesagt, darin, dass der Begriff davon ausgeht, dass es grundsätzlich „kluge“ und „dumme“ Menschen gibt, dass weniger Umwelt und mehr „Genetik“ das Bestimmende in Bezug auf gesellschaftliche „Leistung“ sind. Darauf zieht man dann die Schlussfolgerung, dass es eben nur recht und billig wäre, Kinder, die offensichtlich „klug“ zur Welt gekommen sind, in der Weiterentwicklung ihrer Genialität zu fördern und gesellschaftliche Ressourcen mehr hierauf als auf den Ausgleich vermeintlicher „Nachteile“, die in diesem Weltbild ja gar keine, sondern mehr „Erblasten“ sind, zu verwenden. Sehr verkürzt: Chancen“gerecht“ ist es, von den 100 zuvor bereits bemühten exemplarischen Kindern eben die 10 zu fördern, die ohne Nachteilsausgleich und also „Chancengleichheit“ ohnehin ihr Abitur zu machen vermochten. „Der Begriff der„Chancengerechtigkeit“ ist insofern nichts anderes als Ausdruck einer abgrundtief zynischen Menschenverachtung, die dem Menschen, der am Boden liegt, auch noch bescheinigt: „Recht so!“. Ausdruck also einer Brutalität, die das Opfer nicht nur ganz real zu Boden getreten hat, sondern danach auch noch moralisch zu Boden tritt“ (ebd.)

Doch das Erschreckendste ist: Viele der eigentlichen (gesellschaftlichen) „Opfern“ glauben auch noch daran, glauben, dass andere mehr und sie nichts bis gar nichts an Lebensqualität und „Chancen“ verdient hätten. Sie selber sind es, die sich als Versager empfinden, sie selber sind es, die sich schämen, die Schuldgefühle verspüren darüber, es nicht geschafft zu haben wie die anderen „da oben“. Pierre Bourdieu in „Wie die Kultur zum Bauern kommt“ schreibt:

„Von unten bis ganz nach oben funktioniert das Schulsystem, als bestünde seine Funktion nicht darin auszubilden, sondern zu eliminieren. Besser: in dem Maß, wie es eliminiert, gelingt es ihm, die Verlierer davon zu überzeugen, dass sie selbst für ihre Eliminierung verantwortlich sind. Indem das Schulsystem alle Schüler, wie ungleich sie auch in Wirklichkeit sein mögen, in ihren Rechten und Pflichten gleich behandelt, sanktioniert es faktisch die ursprüngliche Ungleichheit gegenüber der Kultur. Die formale Gleichheit, die die pädagogische Praxis bestimmt, dient in Wirklichkeit als Verschleierung und Rechtfertigung der Gleichgültigkeit gegenüber der wirklichen Ungleichheit in Bezug auf den Unterricht und der im Unterricht vermittelten oder, genauer gesagt, verlangten Kultur.“

Dies gilt es für uns mehr denn je aufzuzeigen, um den Stigmatisierten, Entrechteten und vermeintlich „Überflüssigen“, kurzum: den immer mehr Armen in dieser, unserer Gesellschaft, zu helfen, ihre vitalen Interessen als legitim und ihren notwendigen Widerstand gegen Unterdrückung als sachlich geboten zu verstehen.

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2 Antworten auf „Was ist das Ziel von Bildungspolitik?“


  1. 1 Tobias 02. Oktober 2010 um 21:21 Uhr

    Der Artikel hat eine gute Intention und man spürt den Willen des Autors zur sozialen Gerechtigkeit bzw. zur stärkeren Bildungsbeteiligung „unterer Schichten“. Auch möchte er die betroffenen Individuen von negativen Selbstzuschreibungen entlasten, was ebenfalls eine sehr humane Intention ist.

    Da er aber aufgrund seiner Wortwahl einen wissenschaftlichen Anspruch erhebt, muss ich leider sagen: Begrifflich nicht exakt. Wie immer bei linken „Bildungsoziologen“ bleiben die Reflexionen über den Bildungsbegriff unzureichend. Was soll ein „emanzipativer Schulabschluss“ sein? Ein Schulabschluss ist immer Ausdruck des Emanzipationsmodells der bürgerlichen Gesellschaft – eine allgemein zuerkannte Statuszuweisung oder, um mit mit Bourdieu zu sprechen „institutionalisiertes“ kulturelles Kapital. Bildung ist auch nicht um ihrer selbst Willen da, sie ist immer „zweckfrei“ und auf gesellschaftliche Gestaltung bezogen. Es tut mir leid, aber als Bildungstheoretiker ist mir diese Überfrachtung des „Emanzipativen“, das überall hineinprojiziert wird, unerträglich. Es ist auch undialektisch, da es eben eine Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Emanzipation gibt. „Schulabschlüsse“ sind nie „an sich“ emanzipativ, können aber der Emanzipation von Arbeiterkindern dienen, die sich dann zunächst einmal – trotz aller Differenzen – durch eine Integration in die bürgerliche Gesellschaft abspielt. Auf der Inhaltsebene und das ist entscheidend, erschöpft sich Bildung niemals in Emanzipation, sondern bedeutet auch geistige Substanz, Identitätsbildung und wird immer in einer Dialektik von Herrschaft und Freiheit generiert. Schule bedeutet auch Herrschaft, die zur Mündigkeit führen soll. An diesem unreflektierten Gebrauch des „Emanzipativen“ krankt die gesamte linke Bildungsdiskussion.

    Ganz gut hingegen ist, dass der Begriff der Chancengerechtigkeit mal einer Kritik unterzogen wird. Sprachlich und wissenschaftlich alles holprig, aber die Message kommt rüber. Man kann die Begriffe auch wie Schlagbohrer verwenden und das ist ja irgendwo auch proletarisch :-) (Philosophisch würde man sagen „nominalistisch“)

    Aus der nicht linksideologisch verbrämten, sondern realen Sicht der Interessen der Arbeiterklasse kann man aber auch sagen, dass schon eine Abschwächung des Zusammenhangs von sozialer Herkunft und Bildungserfolg für viele Arbeiterkinder ganz reale positive Auswirkungen hätte. Die Selektion „im Kapitalismus“ auf einer abstrakten und grundsätzlichen Ebene zu thematisieren scheint ein schönes intellektuelles Spiel, hat aber in der politischen Praxis die Folge fehlender gestalterischer Entwürfe für höhere Bildungsbeteiligung von Arbeiterkindern. Eine solche Argumentation unter scheinbaren Marxisten weit verbreitet hat ein wenig den Betonkopfcharme linker (im Grunde bürgerlicher?) Fundamentalkritik. Ein bißchen so, wie die Anträge der Linken im Landtag NRW auf Verstaatlichung großer Konzerne usw. Ein staatskapitalistischer Konzern würde beispielsweise nicht automatisch zu einer kulturellen Emanzipation der arbeiterlichen Schichten führen, unter Umständen reproduzieren sich Widersprüche zwischen Arbeitern und Akademikern. Naja, der Text spiegelt den Sprach- und Bedeutungsverlust aufgrund einer Sozialisation im sozialwissenschaftlichen Jargon wieder und der Autor macht noch das beste draus.

    Trotzdem: Alles super, wie gesagt, mit der Grundintention kann man durchaus solidarisch sein. Und Leute, die in der politischen Praxis stehen haben oft nicht die Zeit für eine genaue Ausarbeitung der Begriffe.

  2. 2 Carl 04. Oktober 2010 um 17:57 Uhr

    „„Schulabschlüsse“ sind nie „an sich“ emanzipativ, können aber der Emanzipation von Arbeiterkindern dienen, die sich dann zunächst einmal – trotz aller Differenzen – durch eine Integration in die bürgerliche Gesellschaft abspielt. […] Schule bedeutet auch Herrschaft, die zur Mündigkeit führen soll.“

    Dies ist ein sehr interessanter Gedanke.
    Ein Mensch tritt in das Schulsystem ein und durchläuft das Unisystem und wird durch das System verändert. Einige Dinge sind ganz klar nützlich. Es ist gut, wenn man Korrelationen interpretieren kann, R von R-Quadrat zu unterscheiden weiß und sich im Umgang mit Quellen auskennt. Andere Dinge sind von zweifelhafterer Natur. Bildung enthält auch immer Werthaltungen, etwas gilt als gut, etwas anderes gilt als abzulehnen und niemand weiß genau warum das so ist, warum man manche Dinge nicht hinterfragen darf, warum die wissenschaftliche Methodik, die man uns lehrte, in einigen Fällen nicht angewandt werden darf.

    Ein junger Mensch tritt nun in das System ein, er ist vielleicht Arbeiterkind (das verkompliziert die Sache) und möglicherweise gilt er als begabt (das vereinfacht sie wieder). Wenn der junge Mensch nun seine ersten Erfahrungen macht, wird er merken, dass das System gewisse Werthaltungen von ihm verlangt und vielleicht ist er kein Rebell, vielleicht wird versuchen den Erwartungen zu entsprechen. Das vereinfacht die Sache noch weiter. Er würde nun die Belohungen des Systems ernten, gute Noten, eine gute Schule, ein vielversprechende Zukunft. Er hat nun etwas zu verlieren, wenn er nicht nach den Regeln spielt. Das System beginnt ihn zu verändern. Wenn er Arbeiterkind ist, merkt er vielleicht, dass er nun anders redet und sich anders benimmt, als seine Eltern. Vielleicht gefällt ihm das nicht, vielleicht auch doch – je nachdem was für ein Verhältnis er zu seinen Eltern hat. Er macht sein Abitur. Er schließt sein Studium ab. Spätestens jetzt fällt ihm wahrscheinlich auf, dass er dem System viel zu verdanken hat. Seine ganze Existenz, alles was sein Wesen ausmacht wäre undenkbar, ohne das Bildungsystem.

    Er ist jetzt also mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit ein „Getreuer“ geworden… oder genau das Gegenteil: Er lehnt diese Institutionen ab ab… aber diese Ablehnung das System speist sich eigentlich aus dem System selbst. Er kann, auch wenn er die Institutionen hasst, seinen Hass nur in Worte fassen, die er von ihnen gelernt hat.

    Diesen stereotypen Lebenslauf möchte ich einfach mal so in den Raum stellen. Denkt euch bitte für „er“ auch ruhig „sie“. Ich finde es nervig immer er/sie schreiben zu müssen.

    Würdet ihr mir zustimmen, dass es so oder so ähnlich oft kommt, Bildung also immer auch Machtausübung ist? Es geht hier nicht um Macht im Sinne von roher Gewalt, sondern um eine viel größere Macht: Einen anderen Menschen nach seinem Bilde formen zu können. Am Ende dieses Prozesses ist der Mensch, wenn Alles nach Plan verläuft, Akademiker. Er ist jetzt, so der optimistische Gedanke, frei aufgrund seiner Bildung und seines Wissens vernünftige, unvoreingenommene Entscheidungen zu treffen. Wirklich? In gewisser Hinsicht ist er doch auch extrem unfrei. Man hat sein innerstes Selbst verändert und ihn zu Einem Anderen gemacht.
    Bei allen seinen Entscheidungen wird das, was man ihn gelehrt hat, ein wesentliche Rolle spielen.

    Man könnte die Bildung, so gesehen, also auch als „Gefangennahme“ statt als „Emanzipation“ bezeichnen.

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