Warum Deutschland wirklich verdummt

Von Andreas

Der Titel ist natürlich reißerisch: denn erstens kann ein Staat nicht „verdummen“, weil er kein Lebenwesen ist. Zweitens bin ich Kosmopolit und mich interessiert die „Dummheit Deutschlands“ nicht mehr als die anderer Staaten. Und drittens sind mir Menschenrechte wichtiger als ökonomische Verwertbarkeiten von „Humankapital“. Dennoch ist eine Studie aus Österreich spannend, wo der Wissenschaftler Max Haller der Uni Graz gefragt hat, warum es in Österreich kaum noch Nobelpreisträger gibt. Die Antwort: aufgrund der sozialen Selektion zugunsten der Privilegierung Akademikerkinder werden potentielle Nobelpreisträger schon im Schulsystem ausgesiebt.

Haller verglich die Lebensläufe von elf österreichischen Nobelpreisträgern mit jenen von elf österreichischen Wissenschaftlern und elf ausländischen Nobelpreisträgern. Das Sciene-Forum des ORF teilte hierzu mit, dass von allen drei untersuchten Gruppen nur die ausländischen Nobelpreisträger zum Teil auch aus Arbeiter- und Bauernfamilien kamen. Die österreichischen Wissenschaftler und Nobelpreisträger stammten dagegen bis auf eine Ausnahme ausschließlich aus Mittel- und Oberschicht. Der ORF hierzu:

Verantwortlich für den Rückfall Österreichs ist laut Haller unter anderem der „Anachronismus der frühen schulischen Differenzierung der Kinder im Alter von zehn bis elf Jahren“. Dadurch werde der Elterneinfluss auf den Bildungsweg deutlich verstärkt, außerdem entwickle sich eine Polarisierung, durch die die Hauptschule im großstädtischen Bereich zu einer „Restschule herabsinkt“. Von einer bloßen Einführung einer Einheitsschule dürfe man sich aber keine Wunderdinge erwarten, betont Haller.

Dass nicht Begabungen, sondern sehr viel stärker Zufälle eine Rolle spielen, darauf sind wir in einem anderen Blogbeitrag eingegangen. Mit der sozialen Selektion werden also nicht sogenannte „Begabungsreserven“ unnötig geblockt, sondern das Potential von Zufallsketten, welches letztlich zu einer nobelpreiswürdigen Arbeit führt, wird unnötig eingeschränkt.
Interessant hieran sind zwei Dinge.

Zum einen wird nocheinmal explizit der derzeitige „Dysgenik“-Hype widerlegt. Dysgenik ist ein Begriff der Eugenik-Ideologie und bedeutet, dass gesellschaftliche Prozesse dazu führen, dass sich Menschen oder bestimmte Gesellschaftsgruppe mit als „schlecht“ bewerteter genetischer Disposition überproportional „vermehren“. Sarrazin und Heinsohn argumentieren in dieser Weise. Tatsächlich ist aber nicht das Problem, das sich Nichtakademiker überproportional vermehren, sondern dass Nichtakademiker-Kinder so stark ausgegrenzt werden, dass die Potenziale für Nobelpreisleistungen geringer werden. Wenn man denn in fehlenden nationalen Nobelpreisträgern überhaupt ein Problem sehen möchte. Mehr noch als dieser mit Privilegiensicherungen einhergehende Verzicht auf nationale Nobelpreisträger ist das Problem, dass das hoch sozialselektive Bildungssystem die individuellen Entwicklungsmöglichkeiten der Arbeiterkinder begrenzt.

Zweitens ist die Frage, warum die Wirtschaft und die Industrie das mit sich machen lässt. Die kaptialistischen Systeme in Deutschland und Österreich müssten doch nicht nur an einer größeren Anzahl von heimischen Nobelpreisträgern interessiert sein, sondern generell an ein intelligenteres „Humankapital“. Hier beißen sich zwei verschiedene Sorten von Klassen. Zum einen gibt es den Klassenbegriff, der zwischen Kaptialeigentümer und denen, die ihre Arbeitskraft verkaufen müssen, unterscheiden. Die Kapitaleigentümer müssen daran interessiert sein, dass der Profit nicht sinkt, hierzu ist es nötig, dass die Ausbildung stetig zunimmt. Wenn man hingegen einen Klassenbegriff nimmt, der von Fragen der Reproduktion der Arbeitskraft ausgeht, dann stehen sich Gruppen gegenüber, wo die potentiellen Bildungskarrieren der Kinder konkurrieren. Im Hamburger Schulstreit spielte der Klassengesatz auf der durch die Produktionsmittel bezogene Antagonismus zwischen Produktionsmitteleigentümern und Nichteigentümern eine geringere Rolle als der auf die Frage der Reproduktion der Arbeitskraft abzielende Klassengegensatz von Privilegierten und Benachteiligten. Seit über 200 Jahren wird in Deutschland versucht, eine weniger sozial selektives Bildungssystem einzuführen. Alle vierzig Jahre gibt es neue Anläufe, die immer wieder scheitern oder nur zu marginalen Teilerfolgen führen. In anderen Staaten ist das Bildungssystem konsequent den Erfordernissen des Kapitalismus angepasst worden. Hier in Deutschland und auch in Österreich spielen klassenspezifische Privilegierungen noch immer größere Rollen als kapitalistische Erfordernisse. Dies hat mit den Ungleichzeitigkeiten zu tun, damit, dass keine bürgerliche Revolution je mit dem Feudalsystem in Deutschland oder in Österreich gründlich aufgeräumt hat. In der neuen Prokla zum Thema „Kulturkämpfe“ entdeckte ich im Artikel von David Salomon „Elemente neuer Bürgerlichkeit“ eine passende Analyse Heinrich Manns:

„‚Die absolutistischen Klassen waren nicht, wie anderswo, als politische Macht beseitigt, bevor neue Mächte sich durchsetzten. Der Adel und das Heer erwiesen sich als lebendig genug, um alles, was vordrängte umzubiegen und sich nutzbar zu machen. Die Demokratie war lebensnotwendig, hier wie überall, un der Bürger, ob er wollte oder nicht, vertrat sie. Hier aber die Demokratie in der Schuld des Absolutismus und ihm untegeben wie einem Gläubiger. Die Demokratie hatte das Reich nur erstrebt, gemacht hatte es der Absolutismus. […] Die Demokratie machte ihre Söhne zu Absolutisten. […] Ein herrschender Typ entstand, der nicht Bürger, nicht Junker, aber beides in einem war, ein Wesen mit Sporen und einem Zahlenhirn, ein wandelndes Paradox, begabt, vor nichts zuzurückzuschrecken, was vergewaltigtes, ungerades Denken je ersinnen könnte‘ (Mann 1960: 399f)“(Salomon 2010, S. 312)

Die Klassenkompromisse zwischen Adel und Bourgeoisie setzen sich noch heute fort im Kompromiss zwischen Kapital- und Bürgerinteresse im Bildungssystem. Aber dieser Kompromiss kann nicht lange halten. Eigentlich hätte in Hamburg die Schulreform durchgesetzt werden müssen. Wenn dieser Kurs beibehalten wird, führt er weg vom parlamentarisch legitimierten sozialstaatlichen Kapitalismus und hin zum biologistisch argumentierenden autoritärem Kapitalismus. Die Vorstöße sind schon da: das reinste Gruselkabinett basierende auf ein neues Herrenmenschtum von „Leistungsträgern“. „Leistungsträger“ sind biologisch wertvoller (Sarrazin, Heinsohn, und etliche andere), ihre Vermehrung muss gestärkt werden (Elterngeld, verschärfte Varianten: Sarrazin, Heinsohn), man müsse in diesem Zusammenhang über Menschenzucht reden (Sloterdijk), „Leistungsträger“ sollen im Wahlrecht bevorteilt werden (RCDS-Vorsitzender), sie sollen keine Steuern mehr zahlen (Sloterdijk), der Sozialstaat muss verfassungsrechtlich abgeschafft werden (Heinsohn), usw. Alles Forderungen aus der sogenannten Mitte, und nicht von marginalisierten Neo-Nazis. So also ließe sich der Klassenkompromiss fortsetzen. Das hatten wir schon in einer sehr viel verschärfteren Variante, dem Nationalsozialismus, der auch als Kompromiss der Ungleichzeitigkeit daherkam.

Die „Verdummung“ in Deutschland geht also auf doppelter Weise damit einher, dass die auf Klassenprivilegierung basierende soziale Selektion nicht abgeschafft oder auch nur vermindert wird. Zum einen führt sie dazu, dass Nicht-Akademikerkinder für dumm verkauft werden und ihnen Bildungszugänge systematisch verwehrt werden. Zum zweiten muss dieser Vorgang legitimiert werden. In Zeiten von PISA und einer Unmenge von Bildungsstudien ist das gar nicht so einfach. Daher wird auf Biologisierung gesetzt, PISA wird in einen rassenspezifischen Intelligenztest umfunktioniert und wissenschaftlich fundierte Kritik als Elaborat der „Gutmenschen-Industrie“ abgewehrt. Denken in biologistischen Determinismen verdummt, da es die Wahrnehmung für Prozesse, für Möglichkeiten, für Veränderung, vernagelt. Hier droht tatsächlich die Verdummung – und das gleich zweifach.


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