Blockierter Aufstieg

Von Andreas Kemper

Das aktuelle Magazin Böll.Thema 03/2010 der Heinrich-Böll-Stiftung widmet sich dem Thema „Sozialer Aufstieg. Strategien gegen die blockierte Gesellschaft“. Ralf Fücks, Vorstand der Heinrich-Böll-Stiftung erklärt im Vorwort, warum dieses Thema gewählt worden ist:

Weshalb ein Heft mit dem Oberthema sozialer Aufstieg und Chancengerechtigkeit? Eine Studie des Wissenschaftszentrums Berlin, die im Auftrag der Heinrich-Böll-Stiftung erarbeitet wurde, gibt darauf eine plastische Antwort: «Deutschland weist im internationalen Vergleich eine sehr
geringe soziale Mobilität auf, oder anders formuliert: Die Chancen, gesellschaftlich auf- oder abzusteigen, sind in kaum einem anderen industrialisierten Land so ungleich verteilt wie in Deutschland. Wir leisten uns mehr Ungleichheiten als notwendig, und dies insbesondere zum Nachteil derjenigen Kinder, die mit ihrer geringen sozialen Herkunft vergleichsweise wenig Chancen haben, aus diesen nachteiligen Positionen aufzusteigen.»

Uns liegt die Studie, die im Herbst erscheinen soll, noch nicht vor. Allerdings gibt Jutta Allmendinger erste Ergebenisse bekannt.

Jutta Allmendiger, Präsidentin des „Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung“ (WZB), schreibt zur Studie «Kaum Bewegung, viel Ungleichheit»:

Warum bestimmt die Herkunft der Eltern so stark die Lebensperspektive der Kinder?
Die wesentliche Ursache ist die Bildung. Kinder aus bildungsnahen Schichten haben wesentlich bessere Möglichkeiten, selbst eine hohe Bildung zu erreichen als Kinder aus bildungsfernen Schichten. Dies gilt für Noten, Bildungsabschlüsse (Zertifikate) und kognitive Kompetenzen. Auch die Übertragung des sozialen Habitus von Eltern auf Kinder darf nicht unterschätzt werden.
Die Gründe dafür sind vielfältig. Wir setzen im internationalen Vergleich viel zu spät an, Kinder aus bildungsfernen Elternhäusern an Bildung heranzuführen. Nur 15 Prozent der Kinder zwischen drei und fünf Jahren können in Westdeutschland Kindertagesstätten besuchen. Unsere Halbtagsschulen trennen Kinder meist im Alter von 10 Jahren. Wir verzichten auf sozialpädagogisch geschultes Personal und lehren noch immer im Klassenkontext, ohne die individuellen Bedürfnisse der Kinder ernst zu nehmen. Die meisten anderen Länder zeigen uns, dass es auch anders geht. Die Bildungsarmut liegt dort deutlich niedriger, und die Vererbung von Bildung ist weitaus weniger ausgeprägt.
Unsere Analysen belegen weiterhin, dass der stark auf Beruflichkeit ausgerichtete deutsche Arbeitsmarkt diesen Trend unterstützt.

Auch diese Studie scheint also die institutionelle Diskriminierung von Arbeiterkindern vor allem im Bildungsbereich zu bestätigen. Natürlich sind diese Studien wichtig, auch wenn ihre Funktion nur darin bestehen sollte, Altbekanntes zu bestätigen. Interessant wären jedoch auch einmal Studien, die untersuchen, wie sich politisch die institutionelle Diskriminierung von Arbeiterkindern beseitigen ließe, wie eine politische Handlungsmächtigkeit erzeugt werden könnte.

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1 Antwort auf „Blockierter Aufstieg“


  1. 1 Irene 19. Oktober 2010 um 22:55 Uhr

    Ihr Sozialwissenschaftler seid immer so trocken.

    Hier mal zur Auflockerung Class & Gender in der Neuen Volksmusik:

    Göttler, Raith & Kraus: Er ist ein Mann
    http://www.youtube.com/watch?v=AMufdNJTPjE

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