Expertise zur Arbeiterkinder-Benachteiligung an der Hochschule

Tino und Holger Bargel von der Universität Konstanz haben im Auftrag der Hans-Böckler-Stiftung eine fundierte Expertise zur sozialen Benachteiligung von Arbeiterkindern an Hochschulen vorgelegt. Momentan hat die Antidiskriminierungsstelle des Bundes eine Studie zur „Diskriminierung an Hochschulen“ in Auftrag gegeben, die die soziale Herkunft als Diskriminierungsform ursprünglich nicht vorsah, wo die Ergebnisse der HBS-Expertise aber nun dringend einfließen müssen. Die fünfzig Seiten „Ungleichheiten und Benachteiligungen im Hochschulstudium aufgrund der sozialen Herkunft der Studierenden“ sind allen ans Herz gelegt, die eine Diskriminierung von Arbeiterkindern nur im Schul- nicht aber im Hochschulbereich wahrnehmen. Neben die vielen anderen sinnvollen Forderungen der Studie schließe ich mich auch der Forderung nach einem „Social Mainstreaming und Monitoring“ an. Eine der wichtigsten Forderungen allerdings fehlt: die nach der Selbstorganisierung und internationalen Vernetzung von studierenden Arbeiterkindern.


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8 Antworten auf „Expertise zur Arbeiterkinder-Benachteiligung an der Hochschule“


  1. 1 Defi Soz 17. Oktober 2010 um 15:01 Uhr

    In der Arbeit wird einiges gut und differenziert beschrieben. Ich wiederhole:
    Zwang nebenher zu arbeiten
    Geringes Selbstbewusstsein
    Vorliebe für strukturierte Studiengänge
    Ängstlichkeit und daraus resultierend Orientierung an Vorgaben
    Arbeiten/jobben ist oft eine Erfahrung von Vereinzelung
    Fehlende Rhetorik und sicheres Auftreten
    Wenig Unterstützung von Familie für das Studium
    Fehlende Vorbilder in der Familie
    Geschwächte Studienmotivation durch fehlende konkrete Berufsaussichten

    Ich selber habe während meines Studiums an die 20 Jobs gemacht. Einerseits habe ich einiges an sozialer Erfahrung gesammelt, andererseits war ich dabei doch vereinzelt und es war deprimierend auf Hilfsfunktionen reduziert zu werden. Ich konnte die Erfahrungen nicht wirklich auswerten.

    Das Problem dieser Diskrminierungsuntersuchungen ist ihre negativistische Jammerhaltung. Da werden die Defizite – das Anderssein als die Mittelschicht – betont, nicht aber das dadurch ermöglichte produktive Potential, eine andere Kultur und Erfahrung in die Gesellschaft einzubringen:
    - Erfahrung sozialer Diskriminierung als Motivation, das zu verändern
    - Die Erfahrung von Zusammengehörigkeit, Verwurzelung und Verbindung mit einer anderen („niederen“) Kultur
    - Die Bedeutung von praktischer, körperlicher Arbeit
    - Andere Umgangsformen: unmittelbarer, ehrlicher(?)
    - Sensibilität für soziale Notlagen
    - Die Möglichkeit, aus seinen Erfahrungen politische Kritik und Zielsetzungen machen
    - Alternativen in Abgrenzung zur Mittelschicht und ihrem Konkurrenzverhalten zu entwickeln
    - Die eigene Passivität und Zurückhaltung interpretieren können
    - Soziologische Erkenntnis, soziale Erfahrung
    - Zwischen den Schichten als „Dolmetscher“

    Ideal wäre es die speziellen Erfahrungen in einer Art von Selbsterfahrungsgruppe zu besprechen:
    - die Konflikte mit der Herkunftsfamilie, wo man vielleicht einerseits als Star, andererseits als Parasit behandelt wird, –
    - die Schuldgefühle, in die man gerät durch die andere Stellung,
    - die Erfahrung von Demütigungen, ohne diese zu reproduzieren
    - die Fixierung auf Vorbilder der Mittelschicht
    - und mehr

  2. 2 Auch_Soz 17. Oktober 2010 um 18:00 Uhr

    Hallo Defi_Soz,

    du hast anscheinend die Gabe einige Dinge sehr gut in Worte zu fassen. Mir fällt es oft schwer anderen zu erklären, wie ich die Welt sehe und warum.
    Auch ich studiere Soziologie. Je länger ich es studiere, desto verwirrter werde ich, desto weniger klar sehe ich die Dinge und desto weniger traue ich mir zu, später als Akademiker tätig zu sein. Man weiß nicht mehr, was in gesellschaftlichen und politischen Fragen richtig und falsch ist. Vielleicht war ich nur jung und dumm, als ich glaubte es zu wissen. Wie soll ich nutzbringend als Soziologe arbeiten können? Stellst du dir diese Frage manchmal?

    Das Gefühl starke und gesunde Wurzeln zu haben, kenne ich ebenfalls. Wenn mich aber jemand fragen würde, was das ausmacht diese Wurzeln, könnte ich es nicht wirklich beschreiben. Sie sind trotzdem wertvoll. Wir sind jetzt 30 und 31. Die Familiengründung steht an. Geld haben wir nicht. Nach dem Studium einen gut bezahlten Job zu finden wird für mich schwierig sein, aber ich weiß, dass es richtig ist. Endlich mal wieder weiß ich etwas aus ganzem Herzen. Irgendwie werden wir uns schon durchschlagen. Wir haben nicht vor von Sozialhilfe zu leben, irgendwie wird es schon klappen.

    Das akademische Juste Milieu ist nicht schlecht. Es sind gute, anständige Menschen, aber ihre Lebensart will ich nicht. Klingt desillusioniert? Bestimmt! Positiv desillusioniert. Keine dummen Illusionen mehr darüber, dass jemand glücklicher oder wichtiger für die Gesellschaft sei, bloss weil er Bücher schreibt.
    Ich bin frei!

  3. 3 Defi Soz 21. Oktober 2010 um 18:05 Uhr

    Ich habe das gerade jetzt erst gelesen und antworte schnell so:
    Ich selber habe Psychologie/Lehramt studiert. Ein paar Jahre dann damit, auch in Dritter Welt, gearbeitet, gab nur Probleme, und ich konnte nichts von dem, was ich mir vorgestellt habe, durchsetzen. Dann hier mit über 30 wieder mit Nichts angefangen. Aber mit meiner Frau aus dem gleichen „Milieu“, zwei Kindern. Auf und unter Sozialhilfeniveau gelebt, ökonomisch und sparsam, ohne Auto etc., selber kochen, Garten usw., in Arbeiter-, Handwerkerjobs, zuletzt am Band, jetzt (früh) mit 340€ (plus Zinsen, Arbeit meiner Frau) in Rente, aber selber eigenes Haus gebaut. Wir kommen damit irgendwie klar, materiell gut klar. Die Kinder weniger; sie wollen ein Leben wie andere führen und nicht meinen Irrsinn weiterführen.

    Aber es müsste möglich sein.
    Ich habe lange gebraucht, um mich endlich von der linken liberalen Mittelschicht der 70er Jahre abzugrenzen. Zuerst habe ich geglaubt, dort Resonanz zu finden. Aber diese Schicht will nichts wissen von körperlicher Arbeit, Beschränkung, Gleichheit, diesem ganzen Kleineleutekram.
    Meine Frage war immer, ob es wirklich überzeugende Alternativen zur Mittelschicht, also zu Kapitalismus mit seinen individuelle „Freiheit“ und Wohlfahrt gibt. (Der Glaube an dieses System findet sich ja auch in den Gewerkschaft verankert.)
    Ich sehe nur, dass das jetzige Modell auf Grenzen stößt, ökologische, strukturelle – wie in der Finanzkrise – und internationale (im Verteilungskrieg um Ressourcen) und Krisen kommen werden (mit offenem Ausgang).

    Was kann man tun?
    Vielleicht:
    - Jobs annehmen, dabei „teilnehmend beobachtend“ die Situation analysieren, in der die Beteiligten sind. Nicht auf die Leidenstour wie Wallraff, mit den Guten und den Bösen, sondern sich als den Durchgangspunkt, Verkehrsknoten gesellschaftlicher Vorgänge zu studieren, mit den ganzen Ambivalenzen, sei es System erhaltend oder sprengend. Um so die Verantwortung für die gesellschaftlichen Verhältnisse nicht an die Herrschenden und dergleichen abzuschieben, sondern in sich selber den Hebel der Veränderung, bzw. der Systemerhaltung wahrzunehmen.
    - Einen Beruf lernen, mit dem man Geld verdient und zugleich die Gelegenheit hat, was um einen rum vorgeht, als sozialen Prozess zu begreifen, als eine Dynamik, die zu einer anderen Gesellschaft weiterführen kann
    - Seine Erfahrungen, Analysen veröffentlichen
    - „Organisieren“ hieß es mal in meiner Zeit. Ich glaube nicht daran. Auch die Gewerkschaften – abgesehen, dass ein „Studierter“ da ohnehin eine ambivalente Rolle spielt – sind da wohl kein Medium und nicht zu Selbstkritik in der Lage. „Organisation“ erfolgt über Themen, über Ausdruck von Erfahrungen, zur Sprache bringen von Konflikten. (Ich konnte das nicht gut, da mehr oder weniger allein. Aber andere können das sicher besser als ich.)

    Keine leichte Sache, – vielleicht aussichtslos.

  4. 4 Esra 22. Oktober 2010 um 16:28 Uhr

    Die ersten beiden Abschnitte des letzten Kommentars waren sehr überzeugend und nachvollziehbar geschrieben, hat mich wirklich sehr beeindruckt und mit vielen Beschreibungen konnte ich mich sogar identifizieren.

    Der letzte Teil liest sich leider wie ein Ratgeber für mechanisierte Menschen. Einfach mal einen Beruf lernen, Geld verdienen und das alles herum, als einen dynamischen Prozess zu begreifen, wo mensch politisch das bestmögliche darin machen soll. Das klingt sehr nüchtern, trocken, ja ich will sagen so leidenschaftslos, dass der ungerechten Situation damit leider nicht geholfen wird.

  5. 5 Defi Soz 26. Oktober 2010 um 13:42 Uhr

    An Esra
    Ohne Leid, Leiden und Leidenschaft hätte ich es nicht überlebt. Und ohne Verstand wird es keine andere Zukunft geben.
    Check mal, wie viel Leidenschaft Du hast.

  6. 6 Carl 03. November 2010 um 13:02 Uhr

    Man kann auf viele Arten zu einer gerechteren Gesellschaft beitragen. Einen Königsweg gibt es meiner Meinung nach nicht.

    Wenn man, wie Defi Soz, Kinder hat und sie zu anständigen Menschen erzieht, tut man genug.

  7. 7 Defi Soz 09. November 2010 um 16:31 Uhr

    Ich habe lange gezögert, aber in Erinnerung an Himmlers „Anständigkeit“serklärung (http://www.1000dokumente.de/dokumente/audio/0008_pos_001.mp3)
    und den Tag heute (1918,1938)muss ich doch zurechtrücken:
    Mein Erziehungsideal war ein Bewusstsein:
    - eigener Rechte
    - der Rechte anderer und globale Gerechtigkeit
    - der gerechten Verteilung von Arbeit, Einkommen und Ressourcen
    - und dass dies im Widerspruch zu den herrschenden Verhältnissen steht.
    Das ist jenseits von Aufstieg in die Mittelschicht und von unten im Milieu bleiben.

  1. 1 Minister zu Guttenberg ist Teil des Uni-Bluff « Dishwasher Pingback am 17. Februar 2011 um 9:58 Uhr
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