Viel Ungleichheit, kaum Bewegung

Die den GRÜNEN nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung hat eine Studie zu sozialem Auf- und Abstieg in Deutschland vorgelegt, die ein weiteres Puzzlestück in einer Vielzahl von aktuellen Studien zur Widerlegung der Leistungsideologie darstellt. Reinhard Pollak, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung konstatierte in der Studie „Kaum Bewegung, viel Ungleichheit“,

  • dass der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition bei den Jahrgängen 1960-1969 und 1970-1979 wieder stärker wird (S. 29ff.),
  • „dass der Einfluss des Elternhauses auf eigene Mobilitätschancen in kaum einem anderen Land so stark ausgeprägt ist wie in Deutschland“ (S. 38),
  • dass vielen „Bürgerinnen und Bürgern“ nicht bewusst sei, „dass wir uns deutlich mehr Chancenungleichheiten leisten als andere Länder und dass diese Ungleichheit nicht notwendig ist, um den Lebensstandard zu halten“ (S. 53).

Absolute Mobilitätsraten bzw. der „Fahrstuhl-Effekt“

Zunächst untersuchte Pollak die „absoluten Mobilitätsraten“ anhand von fünf Jahrgängen (1920-29, 30-39, … 1970-79) und der sieben Klassenpositionen nach Erikson / Goldthorpe (Ungelernte Arbeiter, Facharbeiter, Landwirte, Selbstständige, Mittlere Angestellte, (Hoch) qualifizierte Angestellte, Leitende Angestellte). Hier ließ sich ein Anstieg der sozialen Mobilität feststellen. Allerdings sagt eine Zunahme der absoluten sozialen Mobilität nicht viel aus über die soziale Ungleichheit. Wenn es beispielsweise insgesamt weniger Landwirte, aber mehr hoch qualifizierte Angestellte gibt, dann kann es einen gesamtgesellschaftlichen Aufstieg geben ohne dass sich die Abstände zwischen den aufgrund der sozialen Herkunft erreichten Klassenpositionen ändern. Alle steigen quasi eine Stufe auf. Dieses Phänomen wird „Fahrstuhl-Effekt“ genannt, weil wie beim Fahrstuhl alle eine Etage nach oben steigen. Besser wäre der Ausdruck „Paternoster-Effekt“, weil dieses Bild exakter das Oben und Unten darstellt. Pollak kann in seiner Untersuchung zeigen, dass dieser Effekt vorliegt.

Entwicklung des Zusammenhangs zwischen Herkunft und Klassenposition

Hierzu differenziert Pollak jeweils die Entwicklungen in Ost- und Westdeutschland und zwischen Frauen und Männern. In Westdeutschland sinkt der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und erreichter Position, also die Abhängigkeit des Aufstiegs von der Herkunft, bei den Männern vom Jahrgang 1920-29 zum Jahrgang 1950-59 um 12 Prozent, steigt aber seither wieder an und liegt beim Jahrgang 1970-78 kaum noch unter dem Wert des Jahrgangs 1920-29. Mit anderen Worten: Die gesellschaftlichen Aufstiegschancen sind für Männer in Westdeutschland heute bereits wieder so gering wie für die Generation der in den 1920er Jahren Geborenen. Sollte sich der Trend fortsetzen, so werden die gesellschaftlichen Aufstiegschancen demnächst noch verbarrikadierter sein, d.h. Kinder von ungelernten Arbeitern werden überhaupt keine Aufstiegschancen mehr haben.
Für Frauen in Westdeutschland spielte die soziale Herkunft insgesamt bereits bei den in den 1920er Jahren Geborenen eine um 12 Prozent geringere Rolle für die Erreichung der Klassenposition. Dieser Zusammenhang sank um weitere 20 Prozent bis zu den in den 1960ern Geborenen, um dann dramatisch beim Jahrgang 1970-78 um 12 Prozent wieder anzusteigen. Auch hier zeigt sich also der Trend, dass die soziale Schließung der Gesellschaft in Deutschland wieder zunimmt.
In Ostdeutschland war der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition bis zum Jahrgang der zwischen 1950 und 1959 Geborenen sehr viel geringer als in Westdeutschland und hier gab es auch diesbezüglich kaum Unterschiede zwischen Männern und Frauen. Dieser sehr viel geringere Zusammenhang ist der „realsozialistischen“ Politik der DDR geschuldet. Beim Jahrgang 1960-69 nahm jedoch der Zusammenhang um 10 Prozentpunkte bei den Frauen und 20 Prozentpunkte bei den Männern zu, und um je weitere 20 Prozentpunkte beim Jahrgang der zwischen 1970 und 1978 geborenen Personen. In Ostdeutschland ist heute der Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Klassenposition leicht stärker als in Westdeutschland.

Wirkung des Migrantenstatus auf den Einfluss der Bildungsherkunft

Ein Migrationshintergrund wirkt sich nachteilig aus, eine höhere Klassenposition zu erreichen. Migrantenkinder mit Vätern ohne Schulabschluss haben eine erwartete Wahrscheinlichkeit von 76 Prozent, dass sie eine ungelernte Arbeiterposition einnehmen – eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit als bei Einheimischen mit selben Bildungshintergrund, bei denen nur zu 19 Prozent vorhergesagt wird, dass sie diese Position einnehmen werden. Dieser Einfluss gilt auch für das Erreichen höherer Positionen und scheint über die Jahrgänge stabil zu bleiben. Reinhard Pollak hierzu:

„Die vertiefenden Analysen zeigen, dass das Bildungsniveau des Vaters tatsächlich für Migranten und Einheimische signifikant unterschiedlich auf das Erreichen von Klassenpositionen wirkt. Migranten schneiden auch bei Kontrolle weiterer Einflussfaktoren durchgehend schlechter ab als Einheimische.“ (S. 35)

In Deutschland ist die soziale Mobilität geringer als in anderen Staaten

Pollak verweist auf zwei ältere Studien, die bereits eine geringe soziale Mobilität in Deutschland feststellten. So konnten Erikson und Goldthorpe in ihrer Untersuchung „The Constant Flux. A Study of Class Mobility in Industrial Societies“ von 1992 zeigen, dass Ende der 1970er Jahre in Deutschland „vergleichsweise gering ausgeprägte Aufstiegschancen von ungelernten Arbeitern in Deutschland“ bestünden. Insbesondere zwischen dem manuellen und dem nicht-manuellen Bereich gäbe es wenige Auf- bzw. Abstiege.
Mit akutelleren Daten kamen Breen und Luijkx in ihrer Studie „Social mobility in Europe between 1970 and 2000″ von 2004 zu ähnlichen Schlüssen:

„Ein Vergleich der absoluten Raten zeigt, dass (West-) Deutschland von allen elf untersuchten europäischen Ländern das Land mit den geringsten Gesamtmobilitätsraten ist. In keinem anderen untersuchten Land verharren die Menschen so stark in ihrer Herkunftsposition wie in Deutschland. […]
Bei der Betrachtung von relativen Mobilitätsraten ist das Bild recht ähnlich: (West-) Deutschland ist von acht untersuchten europäischen Ländern das Land mit der geringsten Durchlässigkeit. Kein anderes untersuchtes Land weist einen stärkeren Zusammenhang zwischen sozialer Herkunft und eigener Position aus als Deutschland. Allenfalls Frankreich und Irland haben eine ähnlich geringe Durchlässigkeit der Gesellschaft.“ (Pollak, S.36f.)

Der American Dream in Deutschland

Pollak untersuchte auch, ob in Deutschland in ähnlicher Weise an die Meritokratie geglaubt werde, wie in den Vereinigten Staaten. Eine aktuelle Untersuchung zeigt, dass insbesondere bei den US-AmerikanerInnen aus der Arbeiterklasse nur noch eine Minderheit glaubt, dass ihre Kinder eine höhere Position erreichen können, was zeigt, dass dieser „American Dream“ in den Vereinigten Staaten selber inzwischen nicht mehr naiv geträumt wird. Auch in Deutschland ist dieser Traum, dieser Glaube an die Meritokratie gebrochen. Dennoch gelten „Merkmale wie Bildung, Fleiß, Leistung, Initiative und Durchsetzungsvermögen“ als bedeutend. Pollak:

„Die Bürgerinnen und Bürger in Deutschland sehen, dass dies alleine nicht ausreicht und andere Einflussfaktoren ebenfalls eine Rolle spielen. Gleichzeitig jedoch nimmt dies nichts von der Bedeutung der individuellen Merkmale. Sie sind grundlegende Faktoren für einen Aufstieg. Es deutet somit einiges darauf hin, dass diese individuellen Merkmale als notwendige, nicht jedoch als hinreichende Einflussfaktoren wahrgenommen werden. An diesem Versprechen, dass man sich selbst mit eigener Anstrengung sehr gute Chancen für einen Aufstieg verschaffen kann, hat sich in den vergangenen Jahrzehnten in Deutschlands nichts geändert.“ (S. 52)

Was tun?

Aufgrund dieser Unterschätzung der sozialen Herkunft für den Aufstiegserfolg sieht Reinhard Pollak vor allem auch bei der Aufklärung Möglichkeiten dafür, „damit auch in Deutschland mehr Chancengleichheit in der Generationenfolge möglich wird“ (S.53):

„Die mangelnde Chancengleichheit sollte in der politischen und gesellschaftlichen Debatte einen viel breiteren Raum einnehmen, und alle Mitglieder und Entscheidungsträger in der Gesellschaft sollten eine ‚herkunftsspezifische Flogenabschätzung‘ ihres Handels vornehmen. Dies betrifft insbesondere die ‚gatekeeper‘ im Prozess der sozialen (Im-)Mobilität: Wie bei der Diskussion der Ursachen für einen starken Zusammenhang zwischen Herkunft und eigener Position gezeigt wurde, ist die Bildung bzw. der erreichte Bildungsabschluss von großer Bedeutung für die eigene Platzierung. Daher sollten diejenigen, die die Kinder zu einem Abschluss führen, ihr Handeln und Entscheiden vor dem Hintegrund der hohen Chancenungleichheit abwägen.“ (S. 53)

Fazit

Statt dass ich jetzt abschließend ein Fazit schreibe, wünsche ich mir stattdessen eine spannende Diskussion über diese Studie. Sie unterstreicht implizit die Notwendigkeit von Projekten wie den Dishwasher („Aufklärung über die nicht vorhandene Chancengleichheit“) und nimmt die Entscheidungsträger in die Verantwortung.

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