Marxismus in Deutschland – Wahrheitsgehalt und Probleme, Bericht von einer Tagung

von Tobias Fabinger

Bericht von einer Tagung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal

Am Samstag, dem 13.11. fand eine Veranstaltung der Marx-Engels-Stiftung in Wuppertal statt, eine Stiftung, die durchaus bedeutende Kongresse organisiert, welche auch von einem breiteren Spektrum der Linken besucht werden. Auch ist die Marx-Engels-Stiftung mit den „Marxistischen Blättern“ verbunden – eine anspruchsvolle, regelmäßig erscheinende Publikationen, deren Lektüre man empfehlen kann. Die Marx-Engels-Stiftung steht in der Tradition der marxistisch orientierten Arbeiterbewegung und bildet somit ein erfreuliches Gegengewicht zu „Antideutschen“, „destruktiven Kritikern“, „Wertkritikern“ und wie die bürgerlichen und einer politischen und sozialen emanzipativen Praxis ablehnend gegenüberstehenden und sich dennoch auf Marx berufenden Gruppen alle heißen.

Die wissenschaftliche Tagung zum 190. Geburtstag von Friedrich Engels wurde im Geburtshaus von Engels abgehalten, in dem sich heute ein Museum und Tagunsräume befinden. Diese historische Atmosphäre gab zusammen mit den politisch und persönlich authentisch auftretenden Referenten der Veranstaltung eine gewisse Aura: Viele bedeutende Marxisten waren auf der Tagung mit Referaten vertreten. Wäre der Marxismus nicht nach wie vor tabuisiert (Adorno: „die neurotische Angst vor Marx“), so wäre diese Tagung der breitesten Berichterstattung würdig gewesen. Mit diesem kurzen Artikel soll ein wenig von diesem Unrecht, welches eine bürgerlich-hegemoniale Presse mit sich bringt, wieder gut gemacht werden.

Die Themen kreisten um Grundlagenprobleme des Marxismus, um Fragen des Verhältnisses von Naturwissenschaft und materialistischer Philosophie und um die Bedeutung des theoretischen Anteils von Friedrich Engels am Marxismus. Die Veranstaltung, auf der unter anderem Prof. Karl Hermann Tjaden und Willi Gerns sprachen, lief auf hohem philosophischen Niveau ab. Von Willi Gerns etwa wurde zurecht die bürgerliche Marx-Engels-Rezeption kritisiert (die den scheinbar nur analytischen Marx von dem vermeintlich nur weltanschaulischen Engels trennen will und Marx so entpolitisiert).
Bedeutend und wertvoll waren auch die Bemerkungen und Diskussionsbeiträge des Marxisten Dr. Robert Steigerwald, der sich an zentralen Stellen der Tagung zu Wort meldete und viele Missverständnisse hinsichtlich des „analytischen Marx“ und des nur „weltanschaulichen Engels“ auflösen konnte. Die Tagung war also insgesamt ermutigend, nicht zuletzt durch das Beispiel auch der älteren Generation der Marxisten, die mit ihrer ganzen Person für das von ihnen Referierte einstehen und in ihrem Leben so manche Nachteile in Kauf nahmen. Einige der alten Kämpfer, die auch das KPD-Verbot und die daraufhin einsetzende politische Verfolgung in der Bundesrepublik erlebten, sind bereits über 80. Sie wirkten allerdings jünger, als so mancher Mittdreißiger und Nachwuchswissenschaftler im gegenwärtigen Hochschulbetrieb und das Interessante an der Tagung war gerade, die Einheit von Wissenschaft und gesellschaftlicher Relevanz zu erfahren: Damit wäre die Veranstaltung auch für interessierte Studierende, die vom „neutralisierten Universitätsbetrieb“ genervt sind, ein Highlight gewesen, doch – es waren so gut wie keine da. Der hohe Altersdurchschnitt der Teilnehmer kennzeichnet zugleich ein strukturelles Problem, welches dem gegenwärtigen politischen Marxismus innewohnt – das Fehlen des Nachwuchses. Der Bericht, der hier gegeben wird, erfolgt nun gleich in Form einer Kritik, in Form einer kritischen Auseinandersetzung mit einigen Aspekten des auf der Tagung referierten. Dies ist eine wohl angemessenere Form als eine einfache Dokumentation der Tagung, die gleichwohl interessant wäre.

Zunächst stellen sich auf der Erscheinungsebene zwei zentrale Fragen:

(1) Warum verliert der Marxismus in Deutschland trotz einer Linkstendenz in der Gesellschaft immer mehr an Einfluß? – Zumindest was die Wahrnehmung der marxistischen Theoriebildung und ihrer praktischen Implikationen sowohl in der wissenschaftlich-politischen Öffentlichkeit, aber auch in der Bevölkerung, betrifft. Dies liegt nicht nur an dem „Totschweigen“ durch die bürgerlich-hegemoniale Presse. Es gibt auch andere Gründe.

(2) Warum ist es bislang keiner sozialistischen bzw. marxistisch orientierten Partei gelungen, einen ernsthaften Einfluß in den arbeiterlichen Milieus und Schichten zu gewinnen? Hiermit hängt zusammen: Warum ist es den marxistischen Intellektuellen und politischen Praktikern nicht gelungen, sich in der nächsten Generation ausreichend zu reproduzieren? Das marxistische Milieu schrumpft und hat kaum noch jüngere Aktive.

Hierzu einige Thesen von mir:

1.) Es besteht eine Unfähigkeit, junge Leute hinzuzuziehen und auf der Ebene des Kernbereichs des politischen Marxismus, welcher sich in der Tradition der Arbeiterbewegung sieht, Nachwuchs zu generieren. Dabei geht es nicht um politische Aktivisten, sondern um theoretisch gebildete Akteure, die eine langfristige Perspektive haben. Gerade diejenigen „Marxismen“, wie etwa die „Antideutschen“, die Marx von der praktisch-politischen Aufgabe einer Überwindung der Klassenverhältnisse trennen, konnten in den letzten Jahren linksorientierte Jugendliche erreichen

Um kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: Es ist völlig unwesentlich, wie alt jemand ist, im Gegenteil, ein „alter Kämpfer“ hat viel Erfahrung und kennt verschiedene geschichtliche Phasen. Auch ist das Theorieniveau der „Älteren“ zumeist besser, weil diese sich über den philosophischen Rahmen des Marxismus eher bewusst sind. Aber: Es ist notwendig auch jungen, interessierten Leuten Raum für ihre Thesen zu geben und in einen echten Dialog mit ihnen zu treten. Wenn sie immer nur als Zuschauer erwünscht sind, wird es niemals eine Ausweitung des politischen Marxismus geben. Es ist kein Wunder, dass es sowohl den wissenschaftlich orientierten aber auch den politischen Kreisen an Nachwuchs fehlt. Der Humboldtsche Gedanke einer dialektischen Einheit von Lehrenden und Lernenden muss für die Akteure der Marx’schen Gesellschaftstheorie oberstes Gebot sein. Ein Gastbeitrag, vielleicht von einer Gruppe des SDS, die sich mit Marx beschäftigt, hätte doch so einer Tagung gutgetan, undzwar auch dann, wenn diese Gruppe nicht das systematische Niveau der „gestandenen“ Referenten erreicht hätte. Vielleicht hätte sie aber Fragen aufgeworfen, die so gar nicht auftraten, weil eben die ganze Sicht schon von allzuvielen marxistischen Selbstverständlichkeiten ausging.
Die Marx’sche Theorie muss an dieser Stelle um pädagogische Konzepte und um das Moment der sozialen Sensibilität erweitert werden. Gerade auch weil etwa den Kapitallesekreisen des SDS und anderer Gruppen der philosophische Rahmen fehlt. Viele junge Leute werden derzeit mit linksorientierten Theoriekonzepten konfrontiert, doch kommt es eben nicht zu der Qualität einer philosophischen Verarbeitung, die erst eine politische Orientierungsfunktion darstellen kann. Diese Impulse zu geben ist aber die Aufgabe der Marxisten, die mit dem „Historischen Materialismus“ – also mit einer politisch-perspektivischen Theorie – vertraut sind.

2.) Es besteht eine Unfähigkeit mit dem real existierenden Proletariat zusammenzuarbeiten.

Marxisten in Deutschland sind von ihrer objetiven sozialen Lage her mehr oder weniger bürgerlich. Auch wenn ihre soziale Herkunft zum Teil im Proletariat liegt, so sind sie doch aus ihm herausgewachsen. Sie haben akademischen Abschlüsse, sind gut abgesichert und reproduzieren einen elitären Diskurs. Der Inhalt dieses Diskurses ist in vielen Punkten wahr, aber es kommt darauf an, Menschen aus arbeiterlichen Milieus wirklich anzuerkennen und überhaupt einmal die sozialen Voraussetzungen zu schaffen, um in ein Gespräch mit Arbeitern und Angestellten einzusteigen. Eigentlich sind die heutigen Marxisten genau das, was sie der Kritischen Theorie immer vorwarfen: Theoretiker ohne soziale Basis im Proletariat.
In diesem Zusammenhang blockieren einige Theoriefehler eine wirksame Praxis:
Die Marx’sche Theorie muss unbedingt erweitert werden. Die Aussage, dass das Proletariat im Sinne der Dialektik die revolutionäre Negation der bürgerlichen Gesellschaft sei, ist sehr abstrakt und allgemein, im Grunde auch eine Idealisierung des Proletariats. Aus Sicht des Arbeiters selbst ist die Infragestellung der kapitalistischen Herrschaftsverhältnisse immer auch ein Prozess der Selbstreflexion. Das heißt, das Erkennen seiner Klassenlage ist niemals nur „objektiv“, sondern geht mit einem Bildungsprozess der erweiterten Identitätsfindung einher. Die Tradition linker Literatur – etwa die Ästhetik des Widerstands von Peter Weiss – zeugt davon. Sie ist erkenntnistheoretisch noch nicht aufgearbeitet und kommt am ehesten bei dem immer noch verfehmten Ernst Bloch zum Ausdruck. Dieser hat das Subjekt als Movens einer veränderten politisch-gesellschaftlichen Praxis wirklich ernst genommen. Mit seiner Philosophie ist in ein kritisches Gespräch einzutreten.
Die „Negation“ der kapitalistischen Herrrschaftsverhältnisse durch den Arbeiter ist also immer auch eine Weiterentwicklung von dessen sozialen und kulturellen Handlungsmöglichkeiten. Die in den unterdrückten Klassen angelegte „Latenz“ muss – vermittelt durch die Subjekte und ihre widerständige Praxis – sich zur Tendenz entwickeln. Klassische Modelle der Parteiorganisation sind dabei völlig unzureichend. Nur eine sozialistische Partei, die einen sozialen Raum für die Erweiterung der Handlungsmöglichkeiten des Arbeiters bietet, ist überhaupt in der Lage, sich in emanzipativer Weise im Proletariat zu verankern.

Marx muss ergänzt und erweitert werden insbesondere durch die Soziologie Bourdieus – denn auch in linken politischen Feldern reproduzieren sich wieder die bürgerlichen Herrschafts- und Anerkennungsverhältnisse. Es geht darum, die wirklichen sozialen Praxisformen des Proletariats zu verstehen. In diesem Zusammengang ist auch eine Reflexion auf Gramsci, dessen Thema das Alltagsbewusstsein des (in der heutigen Zeit sehr heterogenen) Proletariats ist, notwendig. Beide – Bourdieu und Gramsci bilden die Grundlage einer Theorie der Praxis, welche zu der Analyse und dem allgemeinen philosophischen Rahmen der Marx’schen Theorie hinzutreten muss. Eben weil diese Praxis bislang verdunkelt ist und nicht wissenschaftlich erhellt wird, tun sich die Marxisten mit der Konstituierung eines „massenwirksamen“ politischen Zusammenhangs so schwer.

Schließlich muss auch die Kritische Theorie ernst genommen werden und die Analyse des kulturindustriell vergesellschafteten Bewusstseins. Kritisches Bewusstsein überhaupt muss mit einer massenhaften Paralysierung kritischer Urteilsvermögen – in den Mittelschichten, aber auch im Proletariat – rechnen und aktive Gegenstrategien entwicklen. Durch die mediale Überformung des Bewusstseins bis hin zu den „Lernfabriken“ der neu gestalteten Hochschulen ist die kulturelle Integrationskraft des Kapitalismus trotz der relativ offen daliegenden sozialen Probleme enorm. Hier gilt es für kritische Bildung und Politik Brüche und Ansatzpunkte zu bestimmen.

Werden diese Erweiterungen der Marx’schen Theorie weiterhin ignoriert und nicht ihrem praktisch-politischen Gehalt nach ausgewertet, so wird der politische Marxismus weiterin in relativer Bedeutungslosigkeit verharren. Es geht dabei nicht um „Theorien“, die um ihrer selbst Willen diskutiert werden, sondern darum, dass Theoretiker wie Gramsci, Bloch und Bourdieu einen Teil der gesellschaftlichen Wirklichkeit erkannt haben, den Marx noch gar nicht thematisieren konnte. Wer ihre Ansätze ignoriert, schafft es nicht, die gegenwärtige gesellschaftliche Wirklichkeit begrifflich-theoretisch einzuholen.

Besonders problematisch ist in diesem Zusammenhang des „Stehenbleibens bei den Klassikern“ die Leninsche Abbildlehre – das Bewußtsein soll Abbild der objektiven sozialen Verhältnisse sein. Folgt man dieser Lehre, lässt sich kein schöpferisches und vor allem auch kein individuiertes proletarisches Subjekt denken. In der Abbildlehre, aber auch in einer nur objektivistischen materialistischen Dialektik, ist die abermalige Erniedrigung des Proletariats eigentlich schon angelegt – aber auch die Ablehung der schöpferischen ästhetischen Subjektivität – also einer freien Kunst.

3.) Das Verhältnis von Sozialismus und demokratischem Verfassungsstaat, von Marxismus und Politische Freiheit muss genau durchdacht und neu konzipiert werden

Die Aufarbeitung des Stalinismus erfolgt bereits in Ansätzen. Hervorzuheben sind Ansätze für ein Konzept des sozialistischen Verfassungs- und Rechtsstaates und der Gewaltenteilung im sozialistischen Staat. Diese Ansätze müssen noch genauer durchdacht werden, insbesondere der Begriff der politischen Freiheit. Politische Freiheit ist mehr als ein demokratisches Verfahren, sie ist Ausdruck eines Wesenszuges des Menschen als politisches Subjekt, welches aus seiner Freiheit heraus an der Regelgebung für die Gemeinschaft beteiligt sein will. Die marxistische Kritik der bürgerlichen Ökonomie und der Ausblick auf sozialistische Produktionsverhältnisse ist mit einer politischen Freiheitsperspektive zu verbinden. Denker, die an diesem Weg arbeiten, sind nicht „bürgerlich“, sondern treten gerade für die politische Freiheit des Proletariats ein, die unter der Herrschaft Marxistisch-Leninistischer Parteien oft genug negiert wurde. Bei der extremen Unzufriedenheit der Bevölkerung mit den kapitalistischen Verhältnissen – 75% wünschen sich eine andere Wirtschaftsordnung, verbinden aber Sozialismus mit „Totalitarismus“ – würde eine ehrliche Auseinandersetzung mit dem Begriff der Politischen Freiheit aus marxistischer Sicht eine enorme Ausstrahlungskraft entwickeln.

Zusammenfassung: Materialistische Philosophie bedeutet immer auch Praxis. Sie ist immer mit dem politischen und sozialen Handeln verwoben. Wir brauchen eine neue Partei, die den klassischen Marxismus erweitert, einige Lehren von Lenin korrigiert, ein Dialogkonzept beeinhaltet, welches sie mit dem heutigen, realen Proletariat gesprächsfähig macht und die Perspektive auf einen demokratischen sozialistischen Verfassungs- und Rechtsstaat eröffnet. Nur ein solches Konzept wird so attraktiv sein, dass die Menschen nach der jähen Enttäuschung über den ersten Sozialismusversuch ein zweites mal versuchen, den Kapitalismus zu überwinden. Die Wahrheit materialistischer Philosophie erweist sich an der Praxis und ich behaupte, dass eine gramscianische, demokratisch-proletarische Partei alle derzeit existierenden linken Parteien überflügeln kann. Auch deswegen, weil sie, wenn das Konzept funktioniert, die Interessen von mindestens 50% der Bevölkerung zum Ausdruck bringt. Insbesondere die Grundgesetzinterpretation des marxistischen Staatsrechtlers Abendroth ist neu zu durchdenken. In einer Situation, wo sich fast alle im Bundestag vertretenen Parteien vom Sozialstaatsgebot des Grundgesetzes und der Sozialpflicht des Eigentum sehr weit entfernt haben und fast nur noch Kapitalinteressen vorherrschen, ist das Grundgsetz das ideelle, normative Medium auch des sozialen Klassenkampfes – eine entsprechende Erweiterung der bestehenden Verfassung durch eine Mehrheit und die Schaffung nachkapitalistischer sozialökonomischer Verhältnisse auf dieser Basis ist nach Abendroth möglich.

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2 Antworten auf „Marxismus in Deutschland – Wahrheitsgehalt und Probleme, Bericht von einer Tagung“


  1. 1 Tobias 16. November 2010 um 14:43 Uhr

    Zu den in dem Artikel angesprochenen Themen kann ein Seminar gemacht werden. Einzelnen Themenschwerpunkte können weiter entwickelt werden, so dass eine systematische Gesellschaftstheorie daraus entsteht. Projekt: Zeitgemäße emanzipative marxistische Theorie. Wer sich, auch in Form eines Seminars, an einer genaueren Auseinandersetzung beteiligen will, möge sich bei der dishwasher-redaktion melden. Bitte beteiligt Euch an der Diskussion. Auch Beiträge von Lesern ohne marxistische Vorbildung sind erwünscht. Was bedeutet Marxismus für Euch? Ist das noch eine Theorieebene, die uns weiterbringt? Hat der Marxismus einen totalitären Gehalt, den man herausarbeiten und entschärfen muss? Ist die „Vergesellschaftung der Produktionsmittel“ eine Perspektive für die Aufhebung der Klassengesellschaft?

  1. 1 Marxismus in Deutschland – Wahrheitsgehalt und Probleme, Bericht … Pingback am 16. November 2010 um 8:44 Uhr
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